Forschung für Freiheit? Alexander von Humboldts Schweigen zur Verfassung von Cadiz 1812

Forschung für Freiheit? Alexander von Humboldts Schweigen zur Verfassung von Cádiz (1812)

Dr. Felix Hinz (www.uni-hildesheim.de) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Stiftung Universität Hildesheim. Während sein fachdidaktischer Forschungsschwerpunkt im Bereich des interkulturellen Lernens liegt, arbeitet er fachlich vornehmlich zu Kulturvergleichen und zu Transkulturationsprozessen der Frühen Neuzeit, wobei er neben der europäischen Geschichte einen geografischen Schwerpunkt in der Iberischen und Lateinamerikanischen Geschichte verfolgt.

 

 

Alexander von Humboldt, beginnt Hinz seinen Vortrag, ist ein besonders illustres Beispiel für einen Wissenschaftler, der seine Forschung in den Dienst einer gesellschaftlichen Mission stellte. Es ist nicht genug, ihn nur als großen Europäer zu präsentieren. Er war mehr als das. Die Mission, der Alexander von Humboldt sein Leben widmete, war die Beförderung des Großen und Guten, der Humanität, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die keinerlei Grenzen anerkennen dürfen.

Im Grunde folgte Alexander – im Gegensatz zu seinem ähnlich bedeutenden Bruder Wilhelm – dem Ansatz, sozusagen als „Wissenschaftler der Herzen“ auf seinen Reisen zu wirken, die keineswegs nur wissenschaftliche und schon gar nicht rein naturwissenschaftliche Ziele verfolgten. Hinz legt Wert auf die Feststellung, dass Alexander von Humboldt auch ein bedeutender Historiker war. Er war es, der den christlich-teleologischen Blick auf Amerika überwand und sich erstmals klar und offen für den Kontinent und seine Menschen um ihrer selbst willen interessierte und sie nicht als bloße Projektionsfläche europäischer Selbstbespiegelungen sah.

 

Der zweite im vorliegenden Vortrag aufgegriffene Aspekt betrifft die 1812 verabschiedete Verfassung von Cádiz. Das Facsimile ist einsehbar unter:

http://www.cervantesvirtual.com/servlet/SirveObras/13560541190812942643380/index.htm

Sie wird gemeinhin als erster wichtiger Schritt hin zu einem liberalen spanischen Verfassungsstaat diesseits und jenseits des Atlantiks gewertet. Noch heute wird in Spanien betont, dass sie vielen anderen europäischen und lateinamerikanischen Verfassungen ein Vorbild gewesen sei. Doch obwohl die Constitución de Cádiz viele Missstände behob, die der für seine liberale politische Haltung bekannte Alexander von Humboldt in seinen Schriften und insbesondere in seinen Notizen anprangerte, wird sie von ihm an keiner Stelle erwähnt. Hieraus ergibt sich für den Redner die Leitfrage, wie dieser Umstand zu erklären sei.

 

Zur Beantwortung, so Hinz, sei zunächst ein Blick auf die politische Prägung Alexander von Humboldts vonnöten. Wie viele seiner Zeitgenossen ließ er sich 1790 von den ursprünglichen Ideen der Französischen Revolution begeistern und war stolz darauf, während seines Aufenthalts in Paris zusammen mit seinem damaligen Lehrer Georg Forster eigenhändig Sand zum Freiheitstempel auf dem Marsfeld gekarrt zu haben. Doch die eheren Ideale wurden durch Terror und Krieg korrumpiert. In den deutschen Staaten konnten sich die freiheitlichen Ideen politisch nicht durchsetzen, was auf literarischem Gebiet um Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller zu dem Phänomen der Weimarer Klassik führte: zu einer Abwendung vom politischen Tagesgeschehen hin zu einer idealischen Welt. Zu dem engeren Kreis um Schiller und Goethe gehörte auch Alexander von Humboldt. Er teilte dieselben Ideale, die Schiller und Goethe in der Ankündigung der Monatsschrift Die Horen 1794 formulierten: wahre Humanität zu befördern, Wohlanständigkeit und Ordnung, Gerechtigkeit und Frieden. Auch er wandte sich – im Gegensatz zu seinem Bruder Wilhelm, der sich als Staatsphilosoph und Reformer einen Namen machte – vom unmittelbaren politischen Tagesgeschehen ab. Statt allerdings in das Reich der Kunst zu entfliehen, führte ihn sein Weg mental in wissenschaftliche und, so Hinz, physisch in bislang noch weitgehend unbekannte Welten. Damit zielte er auf mittel- und langfristige Wirkungen seines Tuns. Doch dies entpuppte sich schnell als wesentlich problematischer als die Flucht in die Literatur. Erstens benötigte Humboldt eine beträchtliche Summe Geldes und zweitens die Zustimmung und sogar Unterstützung der politischen Machthaber. Obwohl ihn ein reiches Erbe zunächst der ersten Sorge enthob und er finanziell einigermaßen unabhängig wurde, musste er schnell lernen, dass die europäische Tagespolitik weit in die Welt ausgriff und durchaus auch jene Räume tangierte, die Humboldt für seine Forschungen vorgesehen hatte. Seine Pläne zu einer Ägyptenreise scheiterten 1798 am Feldzug des damaligen Revolutionsgenerals Napoleon Bonaparte.

Hier sollte der spätere Kaiser der Franzosen zum ersten Mal bestimmenden Einfluss auf Humboldts Forschungen nehmen. Er entschied sich daher nun für Las Indias, d.h. Spanisch-Amerika. Damit sich wenigstens dies verwirklichen ließ, nutzte er seinen Adelstitel als Trojanisches Pferd und arrangierte sich mit dem absolutistisch geführten spanischen Königshof. Hinz zeigt sich noch aus der heutigen Perspektive erstaunt darüber, dass Humboldt trotz seiner hinreichend bekannten liberalen Einstellung (und noch dazu als Fremder) die umfassenden Empfehlungsschreiben von der spanischen Krone erhielt. Er musste während seiner Amerikanischen Reise von 1799-1804 also Kompromisse schließen. Während dieser Reise kam er mit allen Bevölkerungsschichten in Berührung und verkehrte in den Oberschichten zwischen allen politischen Lagern: Er sprach ebenso mit Gelehrten wie auch mit lokalen Politikern und Geistlichen, mit Angehörigen der kreolischen Aristokratie wie auch mit Spaniern aus dem Mutterland. Dabei interessierte er sich immer auch für die Lebensbedingungen gerade des Vierten Standes, die bäuerliche Bevölkerung bestehend aus Indios, Schwarzen, Mestizen und Mulatten. Nur durch ihr Entgegenkommen und ihr Vertrauen konnte er an die Datenmenge gelangen, die er schließlich zusammentrug. Dabei hielt er sich stets diplomatisch bedeckt und vertraute seine Gefühle und Meinungen am ehesten seinem Tagebuch an.

Hinz glaubt allerdings auch aus dem, was er nicht tat, schließen zu dürfen, welche politische Einstellung ihn bewegte: Er fuhr von Kuba aus nach Abschluss seiner Reise eben nicht nach Spanien, nach Cádiz, zurück. Wissen ist Macht, und Humboldt hatte während seiner fünfjährigen Reise ein ganz beachtliches geographisches, demographisches und ökonomisches Wissen über Spanisch-Amerika zusammengetragen, das in dieser reflektierten, akribisch genauen und aktuellen Form auch die spanische Krone nicht besaß. Damit verfügte Humboldt über einen wichtigen Schlüssel für die kommende Entwicklung der spanischen Überseeterritorien, an dem jeder, der dort und hinsichtlich des europäischen Machtgefüges etwas bewegen wollte, interessiert sein musste. Dass Humboldt nun nicht sein Wissen exklusiv dem spanischen König übergab, der ein juristisches und moralisches Recht darauf haben mochte, zeigt, so Hinz, dass Humboldts Sympathien keineswegs bei Karl IV. lagen. Er bedauerte es letztlich nicht, dass ihn die Wetterlage auf dem Atlantik dazu zwang, zunächst in die Vereinigten Staaten zu reisen.

 

Das erste Staatsoberhaupt, dem Humboldt all seine – wenn auch noch weitestgehend unausgewerteten – Ergebnisse vorlegte, war der US-amerikanische Präsident Thomas Jefferson. Obwohl die United States damals politisch noch unbedeutend waren und gerade erst begannen, eine territoriale Macht zu werden, nachdem ihnen 1803 Napoleon die gewaltige Landmasse des damaligen Louisiana verkauft hatte, verkörperten sie mit ihrer demokratischen und rechtsstaatlichen Verfassung für Humboldt doch bereits am ehesten die freiheitliche Welt gemäß den ursprünglichen Idealen der Französischen Revolution. Jefferson erkannte sofort die Gunst der Stunde, bewirtete Humboldt aufs Zuvorkommendste und ließ währenddessen eifrig und mit dessen Einwilligung seine Karten und sonstigen Unterlagen kopieren. Natürlich galt das Augenmerk der aufstrebenden Republik vor allem den Nordgebieten Nueva Españas (also Mexikos) und den politischen Verhältnissen in dieser damals noch unbestritten mächtigsten politischen Größe auf dem amerikanischen Kontinent. Jefferson wollte zudem auch wissen, ob die Umwälzungen dazu führen könnten, dass in lateinamerikanischen Regionen den USA ähnliche autonome Republiken entstehen.

(Vgl. hierzu Alexander von Humboldt in Washington (1804). Encounters, Exchanges, and the Lewis and Clark Connectionhttp://www2.ku.edu/~maxkade/humboldt/contents.htm )

Die Tatsache, so Hinz, dass Humboldt den Umweg über Washington und Philadelphia auf sich nahm und die herzlichen Briefe an Jefferson, dem er immer wieder seine aufrichtige Verehrung aussprach, machen deutlich, wie er politisch dachte.

 

Dauerhaft in den USA zu bleiben, war andererseits keine Option für Humboldt, meint Hinz, da für die optimale Auswertung und Publikation seiner Reise, und auf die kam es an, wenn sie erst richtig fruchtbar werden sollte, nur ein Ort in Frage kam: Paris, ohne den geringsten Zweifel die damalige Kulturhauptstadt der europäisch dominierten Welt. Humboldt brauchte das Gespräch mit Ebenbürtigen, er brauchte die Salons. Er fuhr also auch jetzt nicht nach Cádiz, sondern nach Bordeaux.

Er wollte nicht Agent der absolutistischen spanischen Krone sein, sondern die Ergebnisse hinsichtlich eines noch immer von Ausbeutung und Unfreiheit geprägten Kontinents der ganzen europäischen Völkerfamilie vorlegen – und vorhalten. Ohne Spanien den Besitzanspruch auf Las Indias direkt abzusprechen, machte er doch deutlich, dass die Verhältnisse dort genauso wenig eine spanische Nationalangelegenheit waren wie es die französische Revolution eine französische war. Die Sprache der freiheitlichen Verfassung von 1791, die weltweit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit propagierte, war die französische, ebenso wie Französisch die lingua franca der Aristokratie und der damaligen Geisteswissenschaften und Philosophie war. Humboldt ging es um die Verwirklichung der fraternité in Gestalt eines weltweiten Dialogs der Wissenschaftler. Daher sollte die Publikation seiner Reise nicht auf Spanisch (oder gar auf Deutsch), sondern auf Französisch erfolgen. – Und dies trotz des immer offener zu Tage tretenden Verrats der ehernen Revolutionsideale durch den nunmehrigen Ersten Konsul Napoleon, der just in den Tagen der Ankunft Humboldts in Paris sich dort zum Kaiser krönte.

Hinzu kam, dass Humboldts finanzielle Mittel durch die fünfjährige Reise und die anstehenden horrenden Publikationskosten seiner Ergebnisse nahezu völlig verbraucht waren und er dringend einen solventen Geldgeber brauchte, um sein Reisewerk möglichst umfassend veröffentlichen zu können. Es sprang der preußische König ein, der ebenfalls kein Freund einer liberalen Verfassung war, durch seine Großzügigkeit aber an den Patriotismus des preußischen Barons appellieren zu können hoffte. Damit hatte Alexander, der sich von seinem Bruder Wilhelm ohnehin mangelnde Vaterlandsliebe vorwerfen lassen musste, in ein weiteres Abhängigkeitsverhältnis zu einem absolutistischen Monarchen zu treten. Dies missfiel ihm sehr. Bald klagte er, dass er Friedrich Wilhelm III. doch eher und vor allem als Gelegenheitsdiplomat und „trikolorer Lappen“ diente.

Währenddessen besiegte Napoleon 1806 Preußen, eroberte 1807/8 Spanien und setzte dort seinen Bruder Joseph ein, was unmittelbar zum Volksaufstand und mittelbar zur Verfassung von Cádiz führte.

Die Hafenstadt Cádiz an der südspanischen Atlantikküste liegt auf einer vorgelagerten Halbinsel und war zur Landseite hin optimal zu verteidigen. Die englische Flotte schützte sie von See her. Die französische Armee belagerte und beschoss sie von 1810 bis 1812, so dass die Cortes de Cádiz ständig innerhalb der Reichweite der französischen Kanonen tagten. Gleichwohl war dies der einzige Ort des spanischen Mutterlandes, der nicht französisch besetzt war und von dem aus man Kontakt zu den überseeischen Provinzen halten konnte.

 

Die Constitución de Cadíz kann vor diesem Hintergrund auch als Ausdruck des Widerstands einer gedemütigten Nation gegen einen militärisch wie auch staatsphilosophisch übermächtigen Gegner verstanden werden. Die Fremdherrschaft war erniedrigend, doch sie brachte auch neue Bürgerrechte und freiheitliche Ideale nach Spanien, gibt Hinz zu bedenken. Hierin lag ein Argument, dem spanische Patrioten und Reformer durch einen eigenen Verfassungsentwurf den Wind aus den Segeln zu nehmen hoffte.

Humboldt konnte schwerlich ohne sein Lebenswerk zu riskieren in Jubel über diese spanische Verfassung ausbrechen, die eindeutig gegen Napoleon gerichtet war. Wenn man seine Meinung erraten will, muss man kurz überschlagen, inwiefern die Constitución de Cádiz, die im Folgenden liberalen europäischen und lateinamerikanischen Verfassungen als Vorbild diente, sich an bestehenden Vorbildern messen lassen musste: Hinz weist darauf hin, dass sie sich an den drei französischen Verfassungen orientierte, die inzwischen erlassen worden waren. In ihren Abweichungen war sie naturgemäß bestrebt, vermeintlichen oder tatsächlichen französischen Elementen genuin spanische Charakteristika entgegenzusetzen. So bejahte sie die Freiheit, definierte Gleichheit als Rechtsgleichheit, ersetzte die Brüderlichkeit aber durch das Recht auf Eigentum. Während die erste französische Verfassung revolutionär davon ausging, dass alle Menschen frei und gleich geboren werden, heißt es in der Constitución de Cádiz: „Spanier sind: […] alle frei geborenen Männer, die in spanischen Territorien wohnen“, d.h. Frauen waren keine freie Bürger, und es werde auch weiterhin unfrei Geborene in Spanien geben, also Sklaven. Hinzu kam, dass der christlichen Religion anders als in den französischen Modellen wieder eine bestimmende Rolle eingeräumt wird. Eine völlig säkulare Verfassung wie die französische musste im von einer tief verwurzelten Volksfrömmigkeit geprägten Spanien notwendigerweise als fremd und unpassend erscheinen.

 

Doch bereits diese beiden Beispiele zeigen, so Hinz, dass Humboldt hier der Constitución de Cádiz innerlich nicht hätte zustimmen können. Es war bekannt, dass er die Sklaverei leidenschaftlich ablehnte und der Kirche gegenüber eine sehr reservierte Haltung bekundete.

Die Sklaverei sollte in Spanien wohl v.a. deswegen nicht abgeschafft werden, weil die Cortes de Cádiz unbedingt Gelder benötigten, um überhaupt handlungsfähig zu werden. Außerdem fürchtete man, dass eine Abschaffung der Sklaverei wie ehemals die Neuen Gesetze von 1542 die akuten Aufstandsbewegungen in Las Indias verstärken würden. Humboldt notierte hierzu im Herbst 1800  in seinem Tagebuch: „Man glaubt in Europa, die Kultur des Zuckerrohrs, Kaffees und mit ihr der die Verfeinerung des Menschengeschlechts befördernde Handel mit diesen Produkten müsse aufhören, wenn die Sklaverei aufhöre, Amerika werde dann ganz unkultiviert sein. Nein, der Gewinn der haciendados ist so ungeheuer, dass man ihm Zucker bauen wird, nur dass der Besitzer einen mäßigeren Gewinn haben wird.“ Trotz der weit verbreiteten Missstände in den abgelegenen Missionen wurde in der Verfassung von Cádiz auch an der Indianerbekehrung als Ziel festgehalten.

 

Einiges dürfte aber nach Meinung des Vortragenden auch durchaus in Humboldts Sinne gewesen sein: Gewaltenteilung, Grundrechte, eine Bildungsoffensive, Freihandel, Meinungs- und Pressefreiheit waren im Gegensatz zu den Verhältnissen zu jener Zeit, als Humboldt seine Reise begann, eine deutliche Verbesserung.

 

Trotz der aufgezeigten Diskrepanzen zu seinen politischen Idealen stützten sich auch die Cortes de Cádiz auf Humboldts bisher veröffentlichte Daten. Seine politische Meinung jedoch war in Cádiz in Zeiten der Abhängigkeit von der englischen Flotte und der Bedrohung von französischer Okkupation als die eines Fremden nicht gefragt. Aber es bleibt natürlich zu bedenken, inwieweit sich Humboldts Meinung und Ideale nicht ohnehin in seinen Daten widerspiegeln. Hinz weist darauf hin, dass jede Fragestellung, jede Auswahl bereits eine Interpretation in sich trägt.

 

Die Constitución de Cádiz war auch einer der letzten Rettungsversuche für die Einheit des spanischen Reiches „beider Hemisphären“ diesseits und jenseits des Atlantiks. Hinz stellt nun die Frage, was Humboldt in dieser Hinsicht dachte. Eine kritische Tatsache war die, dass die überseeischen Provinzen auf den Cortes extrem unterrepräsentiert waren und nur Kreolen Stimmberechtigung besaßen. Humboldt war nicht rassistisch eingestellt wie Buffon, de Pauw, Raynal und Robertson, aus deren Federn die zu seiner Zeit jüngsten Geschichten Spanisch-Amerikas stammten. Aufgrund seiner Reise und Bekanntschaften fühlte er sich wohl eher den überseeischen Territorien als dem spanischen Mutterland verbunden und wird die Unterrepräsentation daher im besonderen Maße als ungerechtfertigt empfunden haben, was den Redener zu einer weiteren Frage führt:

 

War Humboldt insgeheim sogar ein Sympathiesant der lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegungen? Zwar geht aus Humboldts Äußerungen klar hervor, dass er gegen Unterdrückung und Ausbeutung eingestellt war. Die Idee der Kolonie nennt er eine an sich unmoralische. Obwohl die tatsächlichen Verhältnisse dies oft Lügen straften, war es im Fall der spanischen Überseegebiete ohnehin immer so gewesen, dass es sich um theoretisch den mutterländischen gleichgestellte Provinzen handelte. Wäre dieses System auf einer Autonomien einräumenden Basis umgesetzt worden, wäre es wohl nicht gegen Humboldts Willen gewesen. Im Zusammenhang mit dem Verweis auf seine Bekanntschaft und seinen angeblichen persönlichen Einfluss auf Simón Bolívar und andere spätere Unabhängigkeitskämpfer wird Humboldt aus lateinamerikanischer Perspektive oftmals geradezu zum Vater dieser Bewegung stilisiert. Dies hält Hinz für überbewertet, da Humboldt schon seine ernüchternden Revolutionserfahrungen gemacht hatte und in puncto politische Umstürze deutlich abgekühlt war. Hinzu kommt, dass er sich für Krieg nie begeistern konnte und am Beispiel Napoleons schon hatte studieren können, wie siegreiche Revolutionsgeneräle ihre Ideale im Vollbesitz der Macht zu verraten versucht waren. Auch zeigten die Entwicklungen in Preußen, dass Reformen durchaus Erfolg haben konnten.

Verglichen mit dem status quo ante war die Verfassung von Cádiz in den Augen Humboldts wohl zwar gut – aber verglichen mit der französischen Verfassung von 1791 nicht gut genug, vermutet Hinz. Außerdem trat sie weniger aus einem inneren Bedürfnis heraus in Erscheinung, als vielmehr als Reflex auf den gewaltsamen napoleonischen Stimulans. Und letztlich kam sie für die amerikanischen Provinzen zu spät.

 

Die folgenden Ereignisse der Unabhängigkeitskriege in Amerika wie auch dem Lavieren des zurückkehrenden spanischen Königs Ferdinand VII. zwischen Anerkennung und Missachtung der Verfassung ließen deren Wirksamkeit nicht weniger zweifelhaft erscheinen. Humboldt schrieb viel, auch viele Briefe. Er wird eine Meinung gehabt haben, und man kann diese bei ihm zwischen den Zeilen lesen: Wenn er in seinen Briefen gegenüber Jefferson die Bemühungen in Cádiz mit keinem Wort würdigt, dann ist dies ein Schweigen, das in sich laut Hinz eine klare Aussage beinhaltet: nicht gut genug, um aus der Deckung herauszukommen und etwas dafür zu riskieren.

Als sich die Verfassung dann tatsächlich als Papiertiger entpuppte, weil sie für das damalige Spanien doch zu liberal war und König Ferdinand VII. sie innerlich nicht befürwortete, hatte sich die Angelegenheit ohnehin erledigt. Eine Verfassung muss den Nerv der Zeit treffen, in der sie entsteht, und das Staatsvolk, für das sie entworfen wird, muss sich in ihr repräsentiert fühlen. Das war bei der Verfasung von Cádiz nicht der Fall. Einerseits war sie für Spanien (ähnlich wie für die meisten Länder des Kontinents) noch zu modern – aber andererseits für die europäische Avantgarde nur eine Weichspülung dessen, was in einem Moment, 1789-91 nachweislich schon möglich gewesen war.

 

In der sich dem Vortrag anschließenden regen Diskussion hob Hinz hervor, dass es Alexander von Humboldt bei seiner Reise und insgesamt bei seinen Bemühungen keineswegs nur um Amerika und Spanien ging, sondern dass er die gesamte europäisch beherrschte Welt im Blick hatte. Zu seiner Zeit waren in Europa Leibeigenschaft und Bevormundung ebenso verbreitet wie in Amerika – selbst wenn die Ausformungen lokal unterschiedlich gewesen sein mögen. Auch in konstitutioneller Hinsicht bleibt zu bedenken, dass 1812 die wenigsten europäischen Staaten überhaupt eine Verfassung besaßen.

Insgesamt wurde deutlich, wie sehr Europa auch Anfang des 19. Jahrhundert durch die geistige Auseinandersetzung mit Amerika geprägt wurde – und umgekehrt natürlich.

 

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