Eindrücke einer Deutschlandstipendiatin aus Padua

Mein Name ist Helena Lurz, ich bin einundzwanzig Jahre alt und seit dem Wintersemester 2019/2020 Deutschlandstipendiatin.

Für mich war das vergangene Wintersemester einer der bisher prägendsten Abschnitte meines Studiums der Philosophie – Künste – Medien, da ich es nicht an der Universität Hildesheim, sondern an der Università degli Studi di Padova in Italien verbracht habe. Ich durfte in dieser Zeit so viel kennenlernen – eine Kultur, die mich mit ihrem Reichtum an Kunst, gutem Essen und erfrischender Lebenseinstellung sofort in ihren Bann gezogen hat, wunderbare Menschen aus Italien und der ganzen Welt, eine Sprache, die mir einen neuen Zugang zur Philosophie ermöglicht hat sowie fantastische Städte von Venedig über Trieste und Florenz bis nach Neapel, um nur ein paar zu nennen.

Schnell stand für mich fest, dass ein Semester nicht ausreichen würde, um das Land ausreichend zu erkunden, Italienisch fließend sprechen zu können, die zum Teil doch recht unterschiedliche Art des Lehrens und Forschens an der Universität mit der mir aus Deutschland bekannten zu vergleichen und dabei noch sämtliche Eisdielen Paduas auszutesten. Dank meines Deutschlandstipendiums stand der Verlängerung meines Auslandsaufenthaltes nichts im Wege. So kam es, dass ich Ende Februar, nachdem alle Prüfungen und Theateraufführungen erfolgreich absolviert waren, auf einer Reise nach Cinque Terre von den ersten durch Covid-19 bedingten Todesfällen unter Europäern erfuhr. Seit meiner Rückkehr nach Padua ein paar Tage später habe ich die Stadt nicht mehr verlassen. Die Monate März und April, die das Land mit dem Kampf gegen das Virus verbrachte, waren für mich Monate des Ausharrens. Unter dem Hashtag #iorestoacasa hatte der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte die Einwohner Italiens dazu angehalten, ihre Wohnungen nicht zu verlassen, woran sich die Bevölkerung hielt – Padua, eine Stadt, die sich für mich immer durch ihre Lebendigkeit ausgezeichnet hatte, war wie leergefegt. Die Menschen, die sich sonst auf den Piazze und vor den Bars getummelt hatten, blieben zuhause, an den Balkonen und Fenstern wurden selbstgemalte Plakate mit der Aufschrift tutto andrà bene („Alles wird gut“) angebracht. Wenn ich das Haus zum Einkaufen verließ, führte ich einen polizeilichen Vordruck einer Erklärung über die Notwendigkeit meines Ausganges mit. Neben Handy, Schlüssel und Geld gehörten nun auch Maske und Handschuhe zu den Dingen, die man unter keinen Umständen vergessen durfte.

Meine Erwartungen an das Sommersemester hatten sich um 180 Grad gedreht. Statt in den Hörsälen und zahlreichen Bibliotheken Paduas gemeinsam mit italienischen Studierenden zu philosophieren, fand ich mich alleine in meinem WG-Zimmer vor meinem Laptop wieder. Meine Hoffnung, dass sich das tutto andrà bene auf den Plakaten irgendwann bewahrheiten würde, blieb allerdings bestehen, sodass ich beschloss, meinen Auslandsaufenthalt nicht abzubrechen. Ich belege weiterhin italienischsprachige Philosophie- und Theaterkurse der Uni Padua, um meine Sprachkenntnisse beizubehalten. „Un linguaggio diverso è una diversa visione della vita“, (Eine andere Sprache ist eine andere Lebensauffassung) sagte Federico Fellini. In meinen Augen trifft das sowohl auf das alltägliche Leben, als auch auf das Studium zu.

Der Erwerb neuer Sprachen und somit Einsicht in fremde Kulturen, sei es durch den Austausch mit Einheimischen oder die Lehre in der Universität, hilft, seine eigenen Perspektiven zu erweitern, manchmal auch zu erschüttern. Dies geschieht auch im Laufe der Corona-Krise. Ich lese Nachrichten aus italienischen und deutschen Medien, bekomme die Stimmung in Padua mit, spreche sowohl mit meinen italienischen Kommilitoninnen und Kommilitonen, als auch mit meinen Studienfreundinnen und -freunden aus Hildesheim über unsere Wahrnehmung der Situation. Meine Perspektive ist automatisch globaler geworden und trotz vieler verschiedener Ansichten, verbindet uns alle ein Ziel: Haltet die Kurve flach.

Dass ich mir in einer Zeit, in der die meisten Studierendenjobs nicht mehr gefahrlos angetreten werden können und auch die Unterstützung durch die Familie nicht immer gewährleistet werden kann, keine finanziellen Sorgen machen muss, verdanke ich vor allem meiner Förderung durch das Deutschlandstipendium, für die ich gerade jetzt sehr dankbar bin.

Mir ist durchaus bewusst, dass es für einige der aktuellen Fördernden nicht mehr möglich sein wird, die Förderung im nächsten Semester aufrecht zu halten, deshalb hoffe ich, dass sich neue Förderinnen und Förderer finden werden, um ein Programm aufrecht zu erhalten, welches so viele Chancen bietet. Für mich persönlich bedeutet das Deutschlandstipendium im Moment Sicherheit. Sicherheit, mein Semester in Padua erfolgreich zu Ende zu bringen und im Wintersemester für mein Bachelor-Abschlussjahr mit interkulturellen Perspektiven nach Hildesheim zurückzukehren, den Universitätsalltag kritisch hinterfragen und vergleichen zu können und somit meinen persönlichen Weg darin zu finden.

 

Text und Fotos: Helena Lurz