Sprachlernwege von Kindern

Sunday, 08. September 2013 um 12:10 Uhr

„Wir fördern den Austausch zwischen Erziehern, Lehrern und Wissenschaftlern aus der Region Hildesheim und beziehen Forschungsergebnisse auf den Alltag in Bildungseinrichtungen", sagt Prof. Dr. Irene Pieper. Weiterbildungen der Universität, die eine Brücke in die Praxis schlagen, kommen gut an. Allein der Fachtag „Sprachlernwege" vom Forum Bildung U10 lockte 150 Teilnehmer an und bot Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse.

Der Andrang ist groß – 150 Fachkräfte aus Kitas und Schulen besuchten in dieser Woche den Fachtag „Sprachlernwege". Darunter Christine Krawinkel-Oehlschlägel von der Grundschule Hohnsen und Birgit Backwinkel von der Städtischen Kita Villa Weinhagen. „Die Wissenschaftler geben ihr Wissen an uns weiter. Statt zu trennen, wendet sich die Uni Hildesheim an Erzieher und Lehrer in einer gemeinsamen Veranstaltung", sagt die Grundschullehrerin.

Die Anfragen von Fachkräften, die Rat benötigen sind gestiegen, seitdem ein Erlass zur Sprachförderung im letzten Kindergartenjahr gilt. „Wir treffen uns wöchentlich mit den Lehrern der anliegenden Grundschule und geben unser Wissen über die Kinder und die Zusammenarbeit mit Eltern an die nächste Einrichtung weiter. Dieser Austausch ist wichtig", ergänzt Backwinkel. Beide sind in der Fachberatung „Übergang Kita und Grundschule" vom Kultusministerium tätig und zuständig für Stadt und Landkreis Hildesheim. Zukünftig wollen sie Wissenschaftler einladen und „weiterhin Rat holen, es ist toll, dass die Uni vor Ort ist, die Wege sind kurz".

Rund 20 Psychologen, Erziehungs- und Sprachwissenschaftler, Fachdidaktiker aus den Bereichen Deutsch, Englisch und Kunst sowie zahlreiche Studierende wollen mit dem Fachtag eine Brücke in die Praxis schlagen. „Wir fördern den Austausch zwischen Erziehern, Lehrern und Wissenschaftlern aus der Region Hildesheim und beziehen Forschungsergebnisse auf den Alltag in Bildungseinrichtungen. Wir stellen neue Erkenntnisse vor, wie man Sprachfähigkeiten von Kindern erkennen, Sprachwissen erkunden und Sprache in Interaktion fördern kann", skizziert Prof. Dr. Irene Pieper die Grundidee der Initiative. Dabei spiele reicher Input eine Schlüsselrolle.

Wie würdest du handeln? – Über Bilder und Geschichten sprechen

Die Literaturwissenschaftlerin forscht zum Umgang mit Literatur in der Schule. Mit ihren Masterstudierenden hat sie aktuelle Bilderbücher untersucht und solche ausgesucht, die für Vorlesegespräche geeignet sind: Das richtige Medium soll sich mit dem richtigen Format treffen. Im Vorlesegespräch können Kinder in eine Geschichte hineingeholt werden und entwickeln fast beiläufig ihre sprachlichen und literarischen Fähigkeiten weiter. „Kita und Schule können Kinder unterstützen, sich in die Welt der Geschichten hineinzubegeben", so Pieper. Auch im Elternhaus finden Gespräche über Gelesenes statt. Durch Gespräche – Stellt euch mal vor, was dann passiert? Wie würdest du handeln? – kann ein intensiver Kontakt zum behandelten Thema entstehen. Zum Beispiel über Gewalt in der Schule. Der Autor Bart Moeyaert hat eine kleine Geschichte dazu geschrieben, Mona und das Biest: Drei Erstklässler werden täglich von einer Zehnjährigen auf dem Schulhof getreten und geschlagen – ohne jeden Grund. Die gepeinigten Kinder trauen sich nicht, zu den Lehrern zu rennen. Dabei bleibt die Erzählung durchgängig bei ihrer Erzählerin, einem Mädchen, das eine Lösung finden muss. „Liest eine Schulklasse eine Geschichte über das aggressive Mädchen Mona, das friedlich sein soll, und spricht darüber, ist dies eine völlig andere Form, als wenn ein Lehrer vor der Klasse steht und über Konfliktlösung referiert", sagt Irene Pieper.

Daran knüpft Prof. Dr. Bettina Uhlig an: „Bilderbücher bieten Gesprächsanlässe. Man sieht ein Bild. Alles ist unmittelbar präsent und dennoch ist nicht alles sofort sichtbar. Ein Bild wirklich zu betrachten braucht Zeit und Ausdauer." Im Bilddidaktischen Forschungsstudio auf der Domäne Marienburg entwickelt sie in Zusammenarbeit mit Hildesheimer Kindergärten und Grundschulen Formate für Bild-Gespräche. „Erzieher und Lehrer sollten Kindern die Möglichkeit geben, sich in Bilder hineinzusehen, über Bilder nachzudenken und darüber gemeinsam ins Gespräch zu kommen", sagt Uhlig.

Lehrer wollen sich weiterhin Rat holen, die Wege zur Uni sind kurz

Erzieher und Grundschullehrer tragen viel Verantwortung. „Man muss wissen, was man tut und kompetent sein im Bereich Spracherwerb, gerade weil in der Grundschule teils fachfremd unterrichtet wird und wir zunehmend mit Kindern umgehen müssen, die Deutsch als zweite Sprache lernen. Wir legen doch die Grundlagen", meint die Grundschullehrerin Ortrun Werner, bevor sie in den Seminarraum geht.

Dort warten schon Studierende. Sie tragen knallblaue Brillen und zeigen gemeinsam mit Prof. Dr. Ursula Bredel, was Kleinkinder über Laute, Wörter und Grammatik wissen. „Wir Erwachsenen schauen aus der Schrift heraus auf den Spracherwerb und nicht wie ein Kind, das von den Lauten her kommt. Wir sollten die Brille der Schrift abnehmen. Dann versteht man, warum ein Kind statt 'Maler' 'Mala' schreibt und wie man dem Kind beim Schreiben lernen helfen kann", sagt Hubertus von Hoeren. Sophie Stiller ergänzt: „Es ist eine Herausforderung, Wissen aufzubereiten, Theorie nicht runterzurattern, sondern den Bezug zur Praxis herzustellen. Die Erzieher und Grundschullehrer in unserem Workshop bringen viel Alltagserfahrung mit, an der wir anknüpfen."

Zum Auftakt des Fachtags gab Prof. Dr. Rosemarie Tracy von der Universität Mannheim einen Einblick in linguistische Grundlagen zur Förderung sprachlicher Kompetenzen; am Abend folgte ein Konzert von Dota Kehr. Mehrere Forschungszentren der Uni Hildesheim veranstalteten den Fachtag im Rahmen der Initiative Forum Bildung U10 gemeinsam: das Centrum für Bildungs- und Unterrichtsforschung, das Kompetenzzentrum Frühe Kindheit Niedersachsen, das Forum Fachdidaktische Forschung sowie das Kompetenzzentrum für regionale Lehrerfortbildung.