Im NDR Kultur-Beitrag „Nostalgie in Krisenzeiten“ und in einem Radio-Gespräch hat Vera Klocke die aktuelle Konjunktur der 90er-Nostalgie als kulturelles Krisenphänomen eingeordnet: In Zeiten multipler gesellschaftlicher Verwerfungen fungiert die Erinnerung an das letzte vordigitale Jahrzehnt weniger als historischer Spiegel denn als eskapistische Projektionsfläche für den Wunsch nach Kontrolle und Überschaubarkeit.
Für die Konsumkulturforschung besonders aufschlussreich ist der strukturelle Wandel von gemeinschaftsstiftenden zu fragmentierenden Medienpraktiken: Während Konsum in den 90er-Jahren im analogen, öffentlichen Raum soziale Bindung erzeugte, vollzieht er sich heute zunehmend isoliert und algorithmisch vermittelt. Die Nostalgie nach einer vermeintlich kohärenten Konsumwelt ist damit auch ein Reflex auf die Entbettung des Konsums aus sozialen Kontexten; ein Befund, der die Forschungsschwerpunkte der Hildesheimer Forschungsstelle Konsumkultur unmittelbar berührt.