Modi des Denkens – Formen des Sprechens

Modi des Denkens – Formen des Sprechens

Interkultureller Begriffsvergleich ohne tertium comparationis

Bedeutungswandel wird in der Regel im Rahmen begriffsgeschichtlicher Forschungen untersucht. Ergebnisse solcher Forschungen sind beschreibbar, überprüfbar und nachvollziehbar. Ihr Gegenstand sind Grundbegriffe und Grundbestände unserer alltäglichen und wissenschaftlichen Lebenswelt. Begriffsgeschichtliche Forschungen erfassen den Bedeutungswandel nur für solche Begriffe, die und insofern ihre Namen in einem historisch belegbaren Kontakt stehen. Die wissenschaftliche Disziplin der Begriffsgeschichte, wie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten insbesondere im Umfeld des Historischen Wörterbuchs der Philosophie (Ritter), aber auch der Geschichtlichen Grund­begriffe (Koselleck) entwickelt hat, ist denn auch auf Begriffe der europäischen Tradition (in einem weiten Sinn dieses Wortes) beschränkt. Übertragungen in fremde Kulturen bleiben notgedrungen weitgehend intuitiv. Trotzdem ist das Problem einer interkulturellen Komparatistik von Grundbegriffen, die Vergleichs­studien auch jenseits historischer Kontinuitäten betreibt, unabweislich. Zum Gegenstands­bereich einer solchen Komparatistik gehören alle philosophischen Grundbegriffe, u. a. auch der Begriff der Philosophie selbst, den ich für eine erste exemplarische Fallstudie auswählen möchte.

Gibt bzw. gab es „Philosophie“ außerhalb des europäischen Kulturkreises? Auf den ersten Blick scheint es so zu sein, dass die Philosophie eine griechische An­gelegenheit ist. Sie entstand im Griechenland der vorklassischen Zeit. Die Sache der Philosophie entstand früher als das Wort, wie das häufig zu beobachten ist. Doch der Ursprung erklärt die Sache nicht. Denn die Sache selbst wandelt sich mit den Wandlungen im Gebrauch ihres Namens. So erweist sich der Begriff der Philosophie als ein besonders geeignetes Beispiel für die Selbstreflexion von Begriffen über­haupt, seine nähere Bestimmung war von Anfang an umstritten und ist bis heute kontrovers geblieben. Im Unterschied zu vielen anderen Grundbegriffen aber ist im Fall des Begriffs der Philo­sophie nicht nur die Methode des Zugangs und der Dar­stellung, sondern auch das Gegenstandsfeld selbst in unabsehbarer Weise offen. In der Philosophie geht es um alles, was das menschliche Denken und Handeln betrifft. Ihr Gegenstand ist damit etwas, das von Hause aus allgemeine Geltung beansprucht und Bedeutung für alle Menschen besitzt und sich daher nicht leicht auf seinen Gebrauch zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort einschränken lässt.

Grob eingeteilt, kann man drei Modelle unterscheiden, die dem Begriff der Philosophie ei­nen Ort im Denken zuweisen und damit Grundlage und Rahmen für einen Vergleich unterschiedlicher Philosophiebegriffe bereitstellen können. Soweit ich sehen kann, sind dies die drei prominentesten Modelle, die in unserer Tradition entwickelt wurden. Alle drei erscheinen mir für einen interkulturellen Vergleich als unzureichend. Am Ende stellt sich vielmehr die Frage, ob man den dreien aus heutiger ‚interkultureller’ Perspektive ein viertes Modell hinzufügen sollte, wie das in der sog. Interkulturellen Philosophie (oder engl.: comparative philosophy) gerne versucht wird, mit dessen Hilfe der empfundene Mangel zu beheben wäre, oder ob ein modellfreier Umgang mit Grundbegriffen als möglich gedacht und praktiziert werden kann. Ich fasse die drei Modelle unter folgende Titel:

  1. das eurozentrisch-asymmetrische Modell der Philosophie.
    Dieses Modell geht davon aus, dass es Ansätze zu philosophischem Denken auch außerhalb Europas geben mag, doch dass es sich dabei nur um mit Mängeln behaftete Vorstufen zur wahren Philosophie der Gegen­wart handeln könne (Kant, Hegel).
  2. das Leistungsvergleichsmodell der Philosophie.
    Das Modell des Leistungsvergleichs setzt voraus, dass klar ist, ‚ob etwas philo­sophisch ist oder nicht’. Denn man muss das Maß und den Maßstab kennen, um Leistungen vergleichen zu können. Der Leistungsvergleich verschiedener Philo­sophien ist in der europäischen Tradition dem Geist eines rationalistischen Humanismus (Leibniz) verpflichtet, d.h. dem Bemühen, die Stärken beider Seiten zu fördern im Interesse des Fortschritts der Menschheit in Richtung auf wachsenden Wohlstand und dauerhaften Frieden.
  3. das Modell wissenschaftlicher Philosophie vs. Mythos, Religion, Poesie.
    Insbesondere in Abgrenzung gegen das durch Fr. Schlegel vermittelte einseitig romantische Bild des indischen Denkens hat sich in der akademischen Philosophie das Vorurteil festgesetzt, dass Indien wohl eine be­wundernswerte Poesie sowie einen reichen Schatz an Mythen und Literatur hervorgebracht habe, mit der Philosophie aber ‚in den Kinderschuhen’ stecken geblieben sei.

Nun kann es keinem Zweifel unterliegen, dass auch außerhalb Europas vor den Zeiten der Kolonialismus und der Globalisierung gedacht und über das Denken nachgedacht wurde. Das mag sich unter anderen Namen und in anderen Netzen von Unterscheidungen vollzogen, durch andere Verbindungen und Abgrenzungen gebildet und umgebildet haben. Doch gedachte und in Worten erschlossene Welten lassen sich vergleichen, auch wenn ihre einzelnen Elemente, die Begriffe, sich ohne wechselseitigen Kontakt jeder in seiner Welt entwickelt haben.

Daraus ergibt sich eine Fülle von Fragen und entsprechenden Forschungsfeldern. Wie wird das, was bei uns unter dem Namen der Philosophie eine in sich äußerst vielgestaltige Tradition angestoßen und durch zahllose Gegensätze hindurch fortgebildet hat, in einer anderen Kultur artikuliert und entwickelt? Unter wel­chem Namen geschieht das? Wie setzt sich die jeweils eigene nicht-europäische Tradition mit dem europäischen Denken auseinander, was wird wahrgenommen, was ausgeblendet, wie wird das Wahrgenommene eingeordnet, bestimmt, benannt? Ein erstes konkretes Forschungsfeld soll, wie gesagt, die wechselseitige Wahrnehmung von „Philosophie“ sein – vorläufig und so offen wie möglich verstanden als die Selbstreflexion des menschlichen Fühlens und Denkens, Wollens und Handelns in Worten. Die Forschung steht unter den leitenden Fragen: (Wie) Kann, wird und sollte sich unser Begriff von Philosophie ändern im Kontakt mit indischem, chinesischem bzw. japanischem Denken? Gibt es andere Modi des ‚philosophischen’ Denkens, andere Formen des philosophischen Sprechens in den kanonischen Texten der jeweils untersuchten Kultur und Sprache? Ein viel versprechender Forschungsansatz liegt in der Frage, welche Formen des Denkens und Sprechens sind zugelassen in der untersuchten ‚philosophischen’ Kultur/Tra­dition/Sprache und wie reagiert diese auf die Andersartigkeit von Denk- und Sprachformen der anderen Kultur/Tradition/Sprache?

Eigene Vorarbeiten

  1. Die Frage nach der Bedeutung und den Konsequenzen unterschiedlicher Denk- und Sprachformen in verschiedenen Epochen des europäischen Denkens ist Grundthema meiner Habilitationsschrift unter dem Titel

    • „Was etwas ist. Fragen nach der Wahrheit der Bedeutung bei Platon, Augustin, Nikolaus von Kues und Nietzsche.“ (München 1990/1992).

  2. Begriffsgeschichtliche Forschungsarbeiten im Umfeld des historischen Wörterbuchs der Philosophie ziehen sich durch die Jahrzehnte meines akademischen Lebens von 1976 bis heute, u. a. zu folgenden Begriffen

    • Individuum, Individualität
    • Metaphysik
    • Moment
    • Name
    • Sprache
    • Vernunft/Verstand

  3. Studien zum Sprachvergleich beginnen mit einem Aufsatz

    • „Die Säkularisierung des tertium comparationis. Eine philo­sophi­sche Erörterung der Ursprünge des vergleichenden Sprach­studiums bei Leibniz und Humboldt”, in: T. De Mauro/L. Formiga­ri (Hg.): Leibniz, Humboldt, and the Origins of Comparativism, Amster­dam: Benjamins 1990, 103-118

  4. Neuere Aufsätze zu (interkulturellen) Denk- und Sprachformen

    • „Wahrheit und Bedeutung. Rahmenbedingungen des philosophischen Denkens“, in: G. Figal (Hg.): Interpretationen der Wahrheit, Tübingen: Attempto-Verl. 2002, 37-59
    • „Reden unter Brüdern. Diskurstheoretische Bedingungen der Konkordanz bei Nikolaus von Kues“, in: I. Bocken (Hg.): Conflict and reconciliation: perspectives on Nicolaus of Cusa. Leiden u.a.: Brill 2004, 9-27
    • „Wie und wozu erfinden wir unsere Welt? Zum Problem von Referenz und Bedeutung im interkulturellen Dialog“, in: G. Abel (Hg.): Kreativität. XX. Deutscher Kongreß für Philosophie, 26.-30. September 2005 an der Technischen Universität Berlin. Hamburg: Meiner 2006, 234-249
    • „Inseln der Gemeinsamkeit im Ozean des Fremden. Über Anschlussfähigkeit und -bereitschaft als Bedingungen des Dialogs zwischen Individuen, Gruppen und Kulturen“, in: C. Bickmann/H.-J. Scheidgen/T. Voßhenrich/M. Wirtz (Hg.): Tradition und Traditionsbruch zwischen Skepsis und Dogmatik. Interkulturelle philosophische Perspektiven. Studien zur Interkulturellen Philosophie 16. Amsterdam/New York: Rodopi 2006, 49-58
    • „Epochaler Bedeutungswandel in Grundbegriffen. Thesen und exemplarische Fallstudien“. Jahrestagung des SFB 644, Transformationen der Antike, 1.-3. Dez. 2005 (im Druck)

Kooperationspartner für das Forschungsprojekt:

Feste auswärtige Kooperationspartner:

  • Interkulturelle Philosophie, Japanologie und Sinologie: PD Dr. Rolf Elberfeld, Universität Wuppertal/Hildesheim
  • für die von ihm etablierte kontrastive Kulturkomparatistik:

Prof. Dr. Teruaki Takahashi, Rikkyo-Universität, Tokyo/Hildesheim (Alexander von Humboldt Stiftung)

  • für die Indologie und Indogermanistik: Prof. Dr. Ana Agud, Salamanca

Feste Kooperationspartner im Haus:

  • Sprachphilosophie: Prof. Dr. Georg W. Bertram
  • Interkulturalität und Ästhetik: Prof. Dr. H.-O. Hügel

Weitere mögliche Kooperationspartner im Haus:

  • für den linguistischen Hintergrund: Prof. Dr. A. Sabban, Prof. Dr. St. Schlickau
  • für den soziologisch-ethnologischen Hintergrund: Prof. Dr. St. Wolff
  • für den interkulturell-politikwissenschaftlichen Hintergrund: Prof. Dr. Cl. Derichs

Mögliche Promotionsthemen

Ausschreibung für Doktoranden mit doppelten Studienabschlüssen in Philosophie und einer für die Philosophie interessanten außer-europäischen Sprache (vorzugs­weise Japanisch und/oder Chinesisch)

  • Alternativen und Parallelen zu Themen, Ort und Grenzen des „philosophischen“ Denkens und seiner begrifflichen Bestimmung in [China, Japan … [Zeit]]
  • Selektion und Ausblendung; Aneignung und Kritik in der wechselseitigen Wahrnehmung philosophischer Positionen zwischen [Europa] und [China/Japan] … [Zeit]
  • Rezeption, Übersetzung und Umgestaltung des aus Europa importierten Begriffs der Philosophie in [China/Japan] im Kulturkontakt mit Europa