Interkulturelle und (mehr)sprachliche Kompetenz in Schule und Unterricht

Interkulturelle und (mehr)sprachliche Kompetenz in Schule und Unterricht

Die Adaptation des Unterrichts an die Lernvoraussetzungen von Schülern ist ein geradezu „klassisches“ Thema sowohl der Allgemeinen Didaktik als auch der Fachdidaktiken. Durch die systembezogene Struktur der klassenstufen- und schulformbezogen formulierten Lehrpläne wird ein erhebliches, nicht jedoch ein hinreichendes Maß an Adaptivität des Unterrichts erreicht. Weitergehende Anpassung soll durch eine adaptive Unterrichtsplanung und -durchführung der Lehrkräfte ermöglicht werden. Alle Bereichsdidaktiken bieten dazu Ausformulierungen des Konzepts der Binnendifferenzierung an. Eine noch weiter gehende Planungsperspektive besteht darin, individualisierte Lernsituationen zu planen und zu realisieren, so dass Unterricht als Gruppenangebot zeitweise überführt wird in individuelles, selbstreguliertes Lernen bzw. Einzelinstruktion.

Schülerbezogene Adaptivität wird häufig mit dem Hinweis auf die sog. Heterogenität der Lernvorausetzungen der Schüler in einem altersgruppierenden Schulsystem gefordert. In den „alten“ Ländern der Bundesrepublik Deutschland wird seit einigen Jahren eine generelle Lernvoraussetzung stark beachtet: die Fähigkeit, Deutsch als die Unterrichtssprache hinreichend zu verstehen und aktiv zu nutzen. Für mehr als 25 Prozent der Schüler ist anzunehmen, dass sie einen sog. Migrationshintergrund aufweisen und deshalb entweder Deutsch als eine von zumindest zwei Sprachen beherrschen (Mehrsprachigkeit) oder dass sie Lernende der Deutschen Sprache sind und eine andere Primärsprache haben.

Die Adaptation des Unterrichts an die unterrichtssprachlichen Fähigkeiten der Schüler stellt eine sehr komplexe Bildungsaufgabe dar, die nicht hinreichend mit einem kompensatorischen Bildungsangebot als DaZ (Deutsch als Zweitsprache) erfüllt werden kann. Da sich der systematische, unterrichtsbegleitende Spracherwerb über mehrere Jahre erstrecken muss und ergänzend in erheblichem Maße informeller Erwerb der deutschen Sprache sowohl im Unterricht, in den außerunterrichtlichen Interaktionsbereichen der Schule (Pause, AGs u.a.) und im Freizeitbereich stattfindet, muss auf die mit dem Erwerb der Unterrichtssprache verknüpfte Orientierung in der Kultur der Unterrichtssprache eingegangen werden. Andernfalls kann das erworbene sprachliche Vermögen nicht hinreichend sinn- und kommunikationsorientiert genutzt werden. Interkulturalität in dieser eingeschränkten Sichtweise bedeutet, dass mit der Deutschen Sprache verknüpftes kulturelles Wissen und kulturelle Praxis an die Schüler vermittelt wird.

Dieser einseitige Prozess der Akkulturation muss jedoch ergänzt und erweitert werden. Bildungsprozesse können nur dann erfolgreich verlaufen, wenn eine Integration neuen Wissens und eine Auseinandersetzung mit neuen kulturellen Werten und Praktiken in die bereits erworbene kulturelle Fähigkeit möglich ist. Zudem kann die Interaktion von Schülern unterschiedlicher kultureller Herkunft nur dann gelingen, wenn hinreichendes wechselseitiges Verständnis besteht. Interkulturelle Bildung wird deshalb als grundlegende pädagogische Aufgabe für alle Schüler ausformuliert.

Wie auch für andere fächerübergreifende Bildungs- und Erziehungsaufgaben (z.B. Gesundheitserziehung, Sexualerziehung, informationstechnische Grundbildung) kann interkulturelle Bildung kaum als Fachunterricht realisiert worden. Vielmehr sind alle Fächer aufgefordert, interkulturelle Aspekte des Unterrichts darzustellen und somit zur interkulturellen Bildung beizutragen. Der allgemeine Erziehungsauftrag der Schule und damit die allgemein- und schulpädagogische Begründung des unterrichtlichen Lehrens und Erziehens schaffen eine Grundstruktur für diesen immer auch fachspezifisch einzulösenden Bildungsauftrag.

Für das geplante Promotionskolleg können somit die „Wissenschaften vom Unterricht“ in einer koordinierten Kooperation das Forschungsfeld der interkulturellen Bildung analysieren und ergänzend erforschen. Dazu liegen diverse Ansatzpunkte aus den an der Lehrerbildung beteiligten Instituten vor. Gemeinsam ist den Forschungsansätzen die problemorientierte Ausrichtung unter dem Konzept des „adaptiven Unterrichtens“.

1 Interkulturelle Aspekte der schulpädagogischen Forschung

1. Themenfeld

Sozialerzieherische Wirkungen in multilingualen und multikulturellen Klassen

 

Verantwortlicher Hochschullehrer

Prof. Dr. Karl-Heinz Arnold

 

Forschungsaktivitäten

Längsschnittstudie zur Entwicklung sozialer, sprachlicher und schulfachlicher Kompetenzen in multilingualen Schulklassen (DFG-Projekt KEIMS-plus)

2. Themenfeld

Internationale und interkulturelle Aspekte der Lehrerbildung

 

Verantwortlicher Hochschullehrer

Prof. Dr. Olga Graumann

 

Forschungsaktivitäten

Konzepte der individuellen Lernförderung von Schülern mit Migrationshintergrund in internationaler Perspektive (Mercator-Projekt)

 

2 Interkulturelle Aspekte der Forschung in der Fachdidaktik Deutsch

Themenfeld

Entwicklung von Sprachbewusstheit in mehrsprachigen Klassen

 

Verantwortlicher Hochschullehrer

Prof. Dr. Hildegard Gornik

 

Forschungsaktivitäten

Empirische Studien zum Zusammenhang von Sprachkönnen und Sprachthematisie-rungskompetenz

 

3 Interkulturelle Aspekte der Forschung in der Fachdidaktik Englisch

Themenfeld

Intercultural awareness als Lernziel im Englischunterricht

 

Verantwortlicher Hochschullehrer

Prof. Dr. Friedrich Lenz

 

Forschungsaktivitäten

Konzepte interkultureller Kommunikations­kompetenz

 

4 Interkulturelle Aspekte der Forschung in der Fachdidaktik Mathematik

Themenfeld

Interkulturelle Zugänge zu zentralen Begriffen und Techniken der Mathematik

 

Verantwortlicher Hochschullehrer

Prof. Dr. Barbara Schmidt-Thieme

 

Forschungsaktivitäten

Empirische Studien zum Erwerb mathematischen Wissens mittels bewusster Mehrsprachigkeit im Lehr-Lern-Prozess

 

5 Interkulturelle Aspekte der Forschung in der Fachdidaktik des Sachunterrichts

Themenfeld

Transkulturelle Orientierungen von Schülerinnen und Schülern

 

Verantwortlicher Hochschullehrer

PD Dr. phil. Katrin Hauenschild

 

Forschungsaktivitäten

Konzepte inter- und transkultureller Bildung in der Grundschule

 

6 Interkulturelle Aspekte der Forschung in der Fachdidaktik des Technikunterrichts

Themenfeld

Interkultureller Vergleich naturwissenschaftlich-technischer Bildung

 

Verantwortlicher Hochschullehrer

Prof. Dr. Jürgen Böhmer

 

Forschungsaktivitäten

Gegenüberstellung der Fachgebundenheit und Ausprägung technikorientierter Lehrinhalte in den Schulcurricula ausgewählter Länder

 

7 Interkulturelle Aspekte der Forschung in der Religionspädagogik

Themenfeld

Interkulturelle Aspekte der Kindertheologie

 

Verantwortliche Hochschullehrer

Prof. Dr. Martin Schreiner

Prof. Dr. Guido Bausenhart

 

Forschungsaktivitäten

Mikrostudien im Rahmen des Fachpraktikums

 

8 Interkulturelle Aspekte der Forschung in der Musikpädagogik

Themenfeld

Musiklernen und Interkulturalität

 

Verantwortliche Hochschullehrer

Prof. Dr. Matthias Kruse

 

Forschungsaktivitäten

Entwicklung von Unterrichtsmaterialien zur Interkulturalität im Musikunterricht

 

Dieser Text ist auch als pdf zum Download verfügbar!