Die Ästhetik der Interkulturalität

Die Ästhetik der Interkulturalität

Interkulturelle Kommunikation geschieht im persönlichen Gespräch zwischen verschieden beheimateten Personen, in institutionell vermittelten Prozessen, wenn sich verschiedene Kulturen in bestimmten Medien begegnen und nicht zuletzt in intertextuellen Transkriptionsprozessen, wenn eine Kultur in eine andere hinein wirkt bzw. sie interagieren. Diese letzte Form interkultureller Kommunikation ist wesentlich ästhetisch bestimmt, denn sie teilt sich nur dem mit, der sich auf die Ästhetik der interkulturellen Texte ( Text im weiten Sinn ) einlässt.

Unsere Gegenwartskultur ist zunehmend geprägt von solchen Phänomenen. Hierbei lassen sich verschiedene Begegnungsformen und Begegnungsarten unterscheiden. Der klassische (erste) Fall: Eine ethnische Theaterform wirkt mit einer anderen ethnischen Theaterform zusammen und schafft einen neuen interkulturellen – durchaus konfliktreichen – Theatertext. Ein anderes Beispiel stellt Bollywood dar, wenn indische und US-amerikanische Filmkunst miteinander spannungsgeladen den vielfach beschworenen Kampf um die Bedeutung der Zeichen durchfechten. Interkulturalität ist aber nicht nur zu beobachten, wenn gleichartige Institutionen aus verschiedenen Kulturen miteinander interagieren, sondern auch wenn differente Institutionen aufeinander treffen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Wirkung von Bollywood-Filmen auf nigerianische Groschenhefte. Institutionell differente Interkulturalität gibt es drittens aber auch innerhalb einer Kultur, wenn etwa verschiedene Institutionen / gesellschaftliche Systeme miteinander in Beziehung treten, z.B. Wirtschaft und Kunst, Politik und Wissenschaft, Kunst und Unterhaltung, Massenmedien und Kritik – auch dann entsteht kultureller Austausch, der Neues produziert: ein ‚Inter’.

Diese Art von Interkulturalität hat sich in allen modernen, das heißt in mobilen Gesellschaften, verstärkt in allen postmodernen Gesellschaften beschleunigt. Mischungen aller Art bestimmen unsere Kultur, nicht das Beibehalten von Traditionen, von traditionellen Lösungen. Und in solchen Mischungen entsteht das für uns Charakteristische. Hybrides aller Art macht heute unsere Kultur aus. Am bekanntesten ist vielleicht das Infotainment; und daher das am meisten Mißverstandene. Von Mischungen und weniger von reinen Traditionen leben nahezu alle großen Institutionen: Sport vermischt sich mit Show, Werbung mit Politik, Theater mit Sport, Dokumentation mit Narration, Kollektives mit Individuellem. Es gibt also Interkulturalität als zwischenethnisches wie als binnenethnisches Phänomen; dabei wissend, dass es keine ethnisch homogenen Kulturen mehr gibt.

Bei solchen Austausch- und Transformationsprozessen stellt sich die Frage: Sind sie als interkulturell oder als intermedial anzusprechen. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob die miteinander agierenden Institutionen beim Beginn des Interaktionsprozesses schon (relativ) eng verbunden sind oder nicht (= als so oder so gedacht werden); denn ‚Intermedialität’ signalisiert eine (immer schon vorhandene) gewisse Nähe, ‚Interkulturalität’ eine (zumindest zunächst bestehende) Ferne zwischen den Beteiligten. Die Perspektive, die mit dem einen oder anderen Begriff auf ein Phänomen eingenommen wird, lenkt daher durchaus den Blick der Forschung. Wenn z. B. das Miteinander von Audiovisuellem und Bühnentheatralem als intermedial gedacht wird, wird eher die (historische und systematische) Verwandtschaft betont werden; wenn die Interaktion hingegen als interkulturell aufgefasst wird, wird (sofort) die Fremdheit der zusammen kommenden Formensprachen sichtbar. Damit wird dann auch nicht nur die ästhetische Bestimmtheit des untersuchten Prozesses erkannt werden, sondern auch die außerästhetische.

 

`Interkulturalität und Ästhetik’ zielt also auf sehr verschiedenartige Prozesse und Phänomene. Diese haben durchaus unterschiedliche Forschungstraditionen und sind ebenfalls unterschiedlich intensiv bearbeitet worden. So kann im Rahmen von ‚Interkulturalität und Ästhetik’ ästhetischen Transformations- und Residualeffekten nachgegangen werden; die Entstehung und Popularisierung von durch Interkulturalität angestoßenen/ erzeugten Innovationen beobachtet werden und – selbstverständlich – die Ästhetik interkultureller Texte beschrieben und analysiert werden und damit ihr kommunikatives Potential erfasst werden kann. Methodisch ist dabei insbesondere zu fragen, wieweit das Ästhetische als dominant konstituierender Faktor auftritt bzw. wieweit gerade im Interkulturellen, die (stets gegebene) Doppelheit des Ästhetischen und des Sozialen wirksam ist; so dass das Projekt auch offen ist für ein Miteinander der Disziplinen.

 

Von Seiten der beteiligten Institute, die im FB 2 sind, gibt es in allen drei hier grundsätzlich gefassten Modellen von Interkulturalität Forschungsvorhaben, die zu Promotionen führen sollen. Die Arbeiten von Matthias Müller zu Heimatvorstellungen im Schlager und von Natalie Meissner zu ‚Interkulturelle Rezeption – Über den Import und Export von Gegenwartsliteratur zwischen Frankreich und Deutschland’ beziehen sich auf die hier klassisch genannte Form der Interkulturalität. Ulf Ottos Projekt zur Transformation von Darstellungsvorgängen beim Aufeinandertreffen von lokalen nigerianischen Wandertheatergruppen mit internationaler Filmindustrie bezieht sich auf institutionell differente Interkulturalität. Das Vorhaben von Miriam Tscholl, das ausgehend von einer interkulturellen theatralen Aufführung die ebenso interkulturelle ästhetische Kommunikation untersucht, fragt nach dem ästhetischen „Inter“, wenn sich auf der Bühne Teilkulturen begegnen ( z.B. Jugendliche aus Schützenvereinen und jugendliche Hip-Hopper ) und bezieht sich daher auf die zuletzt aufgeführte Form von Interkulturalität. Während Karen Heinrichs Vorhaben ‚Ästhetische Deutung und Identitätsarbeit mit dem japanischen Cosplay in Deutschland und Europa’ allen drei Modellen zuzuordnen ist.

Beteiligte Professoren

 

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