„Nach der Schule endet Lernen nicht“

Mittwoch, 10. Juni 2015 um 18:41 Uhr

Neu an der Universität: Die Professorinnen Bettina Amrhein und Carola Iller befassen sich an der Universität Hildesheim mit Teilhabe an Bildung und Weiterbildung im Lebensverlauf. Anlässlich der Eröffnung des Centrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung im Beisein der Niedersächsischen Kultusministerin berichten die Wissenschaftlerinnen aus ihrer Forschung.

„Der Bereich der Weiterbildung umfasst alle Lerngelegenheiten nach dem Abschluss der Schule, der Erstausbildung“, sagt Carola Iller, Professorin für Fort- und Weiterbildung an der Universität Hildesheim. Wenn man von einer durchschnittlichen Lebenserwartung von etwa 80 Jahren ausgeht, dann verbringen wir ein Viertel dieser Lebenszeit in Kindergarten und Schule, die anderen drei Viertel Lebenszeit haben wir für Bildung im nachschulischen Bereich, so Iller.

Nach der Schule endet Lernen nicht, sagt Carola Iller. „Vor, neben und nach der Schule gibt es Bildungsprozesse, die wichtig sind, um Herausforderungen im Beruf und Alltag zu bewältigen.“ Neben der Schule finden beispielsweise wichtige Lernprozesse im Sportverein statt. „Vereine sind nicht systematisch als Bildungsorte erschlossen. Wenn man Aufgaben als Jugendtrainer übernimmt, dann ist man dafür fachlich ausgebildet. Aber man gibt Heranwachsenden auch Orientierung.“ Diese Menschen sind wichtige Identifikationsfiguren, das zeigen Untersuchungen der Professorin. Biografische Interviews zeigen, wie wichtig diese Schlüsselpersonen in der Jugend sind, sie kommen teilweise aus der Familie, ältere Geschwister und Verwandte werden zu Vorbildern, aber auch Personen aus der Nachbarschaft und aus Sportvereinen. Iller spricht von dem „signifikanten Anderen“, also Personen, die „bedeutungsvoll sind für die eigene Entwicklung, von denen man sich etwas abschaut, an denen man sich orientiert“. In der Schule finden auch außerhalb des Unterrichts wichtige Lernprozesse statt, zum Beispiel in den Pausen im Umgang mit älteren und jüngeren Kindern.

Die Weiterbildung nach der Schule ist dann ein bunter Strauß mit formalen Angeboten im staatlich anerkannten Bildungssystem (etwa an Universitäten), mit non-formalen Angeboten (etwa Kurse an Volkshochschulen und Trainings der Krankenkasse und betriebliche Bildungsangebote). „Unternehmen sind die größten Weiterbildungsanbieter, obwohl sie nicht als Bildungsanbieter anerkannt sind. Vielen Unternehmen ist es auch nicht bewusst, dass interne Weiterbildungen eine wichtige Rolle für die berufliche Weiterentwicklung spielen“, so Professorin Iller. „Es gibt für alle diese vielen Angebote keinen Masterplan, wie in der Schule, wo wir festlegen, was unterrichtet wird. Wir sind darauf angewiesen, dass Erwachsene die Weiterbildung für sich als so relevant einschätzen, dass sie Zeit und Geld investieren. Deshalb muss jemand, der ein Weiterbildungsangebot für eine 40-jährige berufstätige Mutter entwickelt antizipieren: Was wollen die Erwachsenen? Warum könnte das Bildungsprogramm für diese Frau relevant sein?“

Lernen endet nicht nach der Schule: Anwälte, Ärzte und Lehrkräfte müssen sich fortbilden

In einigen Berufen gebe es eine Fortbildungspflicht, etwa für Anwälte, Ärzte und Lehrkräfte. „In diesen Berufen ist so eine Entwicklung über die gesamte Berufslaufbahn hinweg, da muss man Fortbildungen verpflichten. Ein Studium in der Medizin oder im Lehramt reicht nicht aus, um bis zur Rente eine gute Ärztin, ein guter Lehrer zu sein. Das spüren wir gerade auch an Schulen, mit der Reform zur inklusiven Schule“, sagt Carola Iller.

Durch die Schaffung neuer Professuren sitzen in der Universität unterschiedliche Perspektiven an einem Tisch, von der Lehrerausbildung bis zur Weiterbildung, das war für Bettina Amrhein ausschlaggebend, um von Köln nach Hildesheim zu wechseln. Die Professorin für Inklusion und Bildung lehrt an der Hildesheimer Uni nun in den Bereichen Inklusion, Individuelle Förderung, Diagnostik und Umgang mit Heterogenität in der Grundschule. Sie war selbst fast 10 Jahre Lehrerin an Grund- und Hauptschulen im integrativen bzw. inklusiven Unterricht und beobachtet schon lange die Entwicklung hin zu inklusiven Schulen. „Ich habe selber als Lehrerin viel Skepsis erfahren für meinen Weg zurück in die Wissenschaft.“

Dass die Professur mit dem Schwerpunkt „Inklusion und Bildung“ ausgeschrieben wurde, sei besonders, so Amrhein. „Ich wollte mich zunächst eigentlich gar nicht aus Köln weg bewerben, aber die Ausschreibung der Professur hat mich in ihrer Offenheit für das Thema derart angesprochen. Dies bestätigt sich nun auch in den ersten Kooperationen an der Stiftung Universität Hildesheim. Ich treffe hier auf viele Kolleginnen und Kollegen, die Inklusion bereits interdisziplinär denken. Wir denken Inklusion weit, beziehen das, was wir über Migration und Diversity wissen, mit ein und haben die Nachhaltigkeit dieser Bildungsinnovation fest im Blick.“

Mit der Reform des Lehramtsstudiums in Niedersachsen (GHR 300) – das Masterstudium umfasst nun vier statt wie bisher zwei Semester – wurde ein Modul „Inklusion“ verpflichtend eingeführt. „Die Mathematikdidaktikerin, die Sprachwissenschaftlerin, der Sportwissenschaftler befasst sich mit dem Thema. In den Fachdidaktiken passiert derzeit viel“, sagt Professorin Bettina Amrhein. Weiterbildungen seien in der Hochschullehre sehr wichtig. „Wenn sich Lehrende auch als permanent Lernende begreifen, dann gehen sie auf das neue Thema der Inklusion mutiger zu. Sie schauen, wie sie Barrieren für Lernen und Teilhabe abbauen können.“

Es gebe aber auch Lehrende, die solchen Neuerungen mit Zurückhaltung begegnen. „Oft wird das fälschlicherweise als Widerstand bezeichnet. Das ist wenig hilfreich, denn eine eher abwartende Haltung einer großen Neuerung gegenüber dient vielleicht auch zunächst dem verständlichen Schutz der eigenen Ressourcen. Die Weiterbildung des Hochschulpersonals sollte auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden, dazu gehöre auch die Forschung in den Fachdidaktiken, ergänzt Carola Iller. „Universitäten können Inklusion zum Thema der Hochschuldidaktik machen, sie leben das vor, auch die Verwaltung.“

„Inklusive Fachdidaktik“: Umgang mit Vielfalt in Mathematik-, Sprach-, Sportunterricht

Derzeit lehrt Bettina Amrhein in den Seminaren „Schul-Forschungswerkstatt (Pädagogik). Fallstudien zur Entwicklung inklusiver Schulen" und „Inklusion im regionalen Kontext". Studierende seien nicht selten erheblich irritiert, beobachtet sie. „Durch ihre Erfahrungen in der Praxisphase – und in Hildesheim verbringen die Lehramtsstudierenden sehr viel Zeit in der Praxis im Vergleich zu anderen Standorten –, erleben sie häufig, dass der Umgang mit Vielfalt im Klassenzimmer nicht gut gelingt. Gerade aktuell machen sie aufgrund der großen Probleme bei der Umsetzung inklusiver Bildung in der Schule häufig die Erfahrung, dass Lehrkräfte der Bildungsreform sehr skeptisch gegenüberstehen. Lehrkräfte berichten, dass sie häufig allein sind, dass sie Ressourcen nicht erhalten.“ Das erleben Lehramtsstudierende an Schulen und sie wissen, das wird später Alltag sein. Der Einfluss der Mentoren im Praktikum wirke stärker als der der Dozenten in den Begleitveranstaltungen. Im Projektband „Fallstudien zur Entwicklung und Gestaltung inklusiver Schulen“ wolle sie Studierende dabei unterstützen, „einen forschenden Blick zu entwickeln und die Praxiserfahrung immer vor dem Hintergrund der im Rahmen des Studiums kennengelernten Theorien zu reflektieren“. Im Wintersemester 2015/16 folgt eine Ringvorlesung „Inklusion“ mit dem Schwerpunkt „Inklusive Fachdidaktik“. „Die Studierenden haben einen hohen Bedarf, ihre Vorstellungen auszureifen, wie Inklusion in ‚ihrem‘ Fach funktionieren kann“, so Bettina Amrhein. Langfristig wolle sie die Kooperation mit den Praxisschulen ausbauen und in einen gemeinsamen Lernprozess einsteigen, was die Entwicklung hin zu inklusiven Schulen betrifft.

An der Universität in Hildesheim gibt es einen Studiengang, in dem Lehrerinnen und Lehrer, die mitten im Beruf stehen, über einen längeren Zeitraum auf dem Weg zur inklusiven Schule begleitet werden. „Es geht nicht allein darum, wie man Arbeitsblätter größer kopiert, sondern darum, pädagogische Grundhaltungen zu reflektieren“, so Amrhein. „Der Weg zur Inklusion ist ein Paradigmenwechsel im pädagogischen Handeln, viele Lehrkräfte haben sich in der Erstausbildung nicht damit befasst, es ist nicht ausreichend, kurzfristig zu intervenieren. Das gilt für viele Innovationen, die Menschen müssen dahinter stehen“, ergänzt Professorin Carola Iller.

Barrieren aufspüren: Unterricht so gestalten, dass alle teilhaben können

Was bedeutet inklusive Bildung? „Im Kern geht es darum, Barrieren für Teilhabe in einem System, zum Beispiel der Schule oder der Universität, aufzuspüren, sagt Bettina Amrhein. In vielen anderen Bundesländern gehe der Aufbau einer an Inklusion orientierten Lehrerbildung derzeit jedoch in eine etwas andere Richtung. Häufig sollen sich Studierende „sonderpädagogische Kompetenzen“ und Spezialwissen über den Umgang mit Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf aneignen.

„Umgang mit Inklusion bedeutet jedoch, den Blick immer auf alle Schülerinnen und Schüler zu richten. Es liegt in der Verantwortung der allgemeinen Schulpädagogik in Kooperation mit anderen Professionen, den Unterricht so zu gestalten, dass alle teilhaben können. Dass dies funktioniert, wird auch in Deutschland seit fast 40 Jahren immer wieder bewiesen und mit Forschungsergebnissen hinterlegt.“ Dabei sei dies nicht einfach, da das Schulsystem darauf ausgerichtet sei, möglichst homogene Lerngruppen zu bilden. Mit Lehramtsstudierenden und Promovierenden befasst sie sich zurzeit mit dem Schulalltag in anderen Ländern: wie funktioniert das Schulsystem und Teilhabe an Bildung etwa in Canada? „Viele Länder haben schon vor Jahrzehnten umgesteuert, um mit Vielfalt positiv umzugehen“, so Amrhein.

„Das Problem, das ich derzeit sehe, wenn ich Lehrerfortbildungen gebe, ist: Wir erwarten von den Lehrern eine inklusive Haltung. Wir mahnen sie an. Andererseits belässt man sie aber in der Logik eines Schulsystems, das noch sehr wenig inklusiv ausgerichtet ist, das erlebe ich vor allem an Gymnasien“, so die Professorin. „Ich befasse mich daher stark mit dem Handeln von Schulleitungen. Schulleitungen können diesen Prozess mitsteuern, wir sollten sie stärker fortbilden. Viele Bundesländer haben ein Tages-Modul Inklusion an ihre üblichen Fortbildungen drangesetzt, das reicht bei weitem nicht aus", sagt Bettina Amrhein.

Bildung im Erwachsenenalter: Man kann auch noch Bildung nachholen

Eine wichtige Aufgabe der Erwachsenbildung sei, so Carola Iller, die Tür weiter offen zu halten, Abschlüsse nachzuholen. „Man kann auch noch Bildung nachholen im Erwachsenenalter. Aber wir sehen, dass die Schere auseinanderklafft. Diejenigen, die an der Universität Studiengänge im Erwachsenenalter besuchen, das sind die bildungsaffinen. Diejenigen, die früh in eine andere Richtung gebracht wurden und kein positives Verhältnis zu Bildung haben, die nutzen auch Weiterbildungsmöglichkeiten nicht.“ Naja, dann eben nicht – diese Einstellung sei fatal. „Wir wissen aus bildungsökonomischen und soziologischen Untersuchungen, dass Bildung ganz viele positive Effekte hat, das geht einher mit einer besseren Gesundheit und Berufsposition, mit einem höheren Einkommen, einer stärkeren politischen Partizipation und gesellschaftlichem Engagement.“

Die Teilhabe an Bildung, so Carola Iller, habe eine so große, steuernde Wirkung, so dass man nicht einfach sagen kann: Dann bildest du dich halt nicht weiter. „Weiterbildung ist freiwillig, aber wer sich dagegen entscheidet hat erhebliche Nachteile.“

Etwa die Hälfte der Bevölkerung nimmt keine Weiterbildung wahr. So nimmt etwa „fast jeder zweite Niedersachse an Weiterbildung teil“, wie aus einer Studie (2015) im Auftrag des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur hervorgeht. Demnach haben in Niedersachsen 2014 rund 2,3 Millionen Bürgerinnen und Bürger im Alter von 18 bis 64 Jahren (47 Prozent) an einer Weiterbildungsmaßnahme teilgenommen. Erwerbstätige und Auszubildende profitierten dabei am häufigsten von Weiterbildung. Arbeitslose und sonstige Nicht-Erwerbstätige würden zu 40 bzw. 23 Prozent erreicht. „Der Landesregierung ist es ein besonderes Anliegen, jedem die Chance auf Weiterbildung zu ermöglichen, mehr Menschen für Weiterbildung zu begeistern, das Angebot entsprechend attraktiv zu gestalten und so die Ausbildung von Fachkräften zu sichern“, so die Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajić.

Die Studie wurde parallel zur bundesweiten Studie „Weiterbildungsverhalten in Deutschland 2014“ des Bundesbildungsministeriums durchgeführt. „Es gibt Menschen, die sehr aktiv regelmäßig an Weiterbildungen teilnehmen“, sagt Professorin Iller. „Aber die nie Teilnehmenden, etwa 20 bis 25 Prozent, die nach ihrem meistens sehr niedrigen Berufsabschluss aus dem Bildungssystem ausgeschieden sind, die haben große Probleme, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Das macht für mich als Weiterbildungsforscherin das Thema Inklusion so bedeutsam. Damit die Teilhabe an Bildung im Lebensentwurf vorkommt, sollte es eine stärkere Koordination und Steuerung geben. Es gibt keinen Masterplan in der Weiterbildung, welche Angebote für welche Gruppen gemacht werden sollen. Es gibt Angebote, aber es gibt Menschen, die diese Angebote gar nicht finden,  Weiterbildung kommt gar nicht vor in ihrem Lebenskontext.“

In die Uni mit 71: Seniorinnen und Senioren müssen nicht mehr lernen, aber viele wollen es

Anders bei manchen älteren Menschen: Seniorinnen und Senioren etwa müssen gar nicht mehr lernen. „Sie müssen nichts mehr nachweisen und davon einen Nutzen haben. Sie gehen in die Universität, weil sie es gesellig finden mit jungen Studierenden, weil sie Vorlesungen spannend finden“, sagt Carola Iller und weist auf das Gasthörerstudium an der Uni in Hildesheim hin. Rund 80 Prozent sind über 60 Jahre, die älteste der etwa 100 Gasthörenden ist Jahrgang 1930, sie wird dieses Jahr 85 Jahre alt. „Sie würden niemals einer Studentin den Platz wegnehmen wollen, das hat für die Gasthörer oberste Priorität. Aber wenn es einen Platz gibt in der Geschichtsvorlesung oder dem Theologieseminar, dann möchten sie teilhaben, es gehört zu ihrer Freizeitgestaltung, zu ihrem täglichen Leben“, so Iller.

Das bestätigt Hans-Joachim Holz, der 71-Jährige besucht seit sechs Jahren nicht nur Vorlesungen, sondern auch viele Seminare an der Universität Hildesheim. Er fährt zwei bis drei Mal in der Woche von Bad Gandersheim etwa 40 Kilometer mit dem Auto nach Hildesheim. „Nach 30 Jahren als Grundschullehrer gehe ich wieder zur Universität. Das Lernen hört nicht auf. Ich muss aber keine Pädagogik-Seminare mehr besuchen", lächelt er. Hans-Joachim Holz wählt, wie viele der Gasthörenden, die Fächer Geschichte, Soziologie, Philosophie. Beliebt ist zum Beispiel die Vorlesungsreihe „Europagespräche" des Historikers Professor Michael Gehler.

Das Studium biete eine Möglichkeit, nicht von 100 auf 0 zu fallen, nachdem man im Berufsleben ausscheidet. „Ich gehe noch lieber in Seminare. Es ist ein Geben und Nehmen und schön, mit den jungen Leuten gemeinsam zu arbeiten, eigentlich nehme ich alles mit, was zum Studium gehört, Referate, Gruppenarbeiten – nur Klausuren schreibe ich nicht mehr.“ Er habe schon viele Beziehungen zu den Studierenden geknüpft und sieht bekannte Gesichter wieder. Schließlich sei die Uni überschaubar, mit insgesamt 7100 Studierenden. In diesem Sommersemester besucht Hans-Joachim Holz zum Beispiel Lehrveranstaltungen zu den Themenfeldern Religion, Migration und Integration und Politische Kultur, etwa eine Vorlesung von Politikwissenschaftlern über „Demokratie und Islam".

Biographien erforschen: Nicht von 100 auf 0 fallen – Pläne machen für die Phase nach dem Beruf

In der Forschung arbeitet Carola Iller mit Studien, deren Daten (Tonbänder und Transkripte) über Biographien sie weiter auswertet. So untersucht sie anhand von biografischen Interviews aus der „interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters“ (ILSE), welche Bedeutung Bildung für das gesunde und zufriedene Altern hat. Dabei wurden Menschen, die um 1930 und um 1950 geboren wurden, über einen Zeitraum von 20 Jahren mehrfach befragt.

Aus ihren Untersuchungen geht hervor, wie sich die Menschen Pläne für die Phase nach dem Beruf machen, welche Rolle Bildung für diese Menschen spielt und welche Erwartungen sie an Weiterbildungen haben. „Mit zunehmendem Alter werden formale Bildungseinrichtungen unbedeutender, weil man die Abschlüsse nicht mehr braucht und man eher gezielt nach einzelnen Veranstaltungen sucht.“ Soziale Beziehungen, Personen, von denen man etwas lernen kann, sind sehr wichtig für den Lernprozess, das ist ein wichtiges Ergebnis der Untersuchungen der Professorin. „Es ist wichtig, dass man Personen im Umfeld, in der Familie, im Freundeskreis hat, die einen unterstützen und sagen, das ist gut, was du machst. Sie können Anregungen geben, Informationen austauschen, das funktioniert auch gut intergenerativ, von den Kindern zu den Eltern, von den Enkelkindern zu den Großeltern und umgekehrt“, so Iller.

Was machen ältere Menschen? „Es gibt eine Reihe von Weiterbildungsanbietern, die gezielt Senioren ansprechen, wobei sie das eigentlich gar nicht so wollen. Es gibt viele Kirchen, die für Senioren kulturelle Angebote machen, etwa ein Theaterbesuch mit einem Gespräch davor. Manche bieten Seminare mit Selbsthilfecharakter an, um in einer besonderen Lebenssituation Austausch mit anderen zu ermöglichen, etwa bei Trauer.“ Es gibt  Seminare für ältere Männer, etwa das Projekt „Baustellen beim Älter werden“ in Bremen. Über zwei Halbtage kommen die Männer zusammen und tauschen sich über das Älter werden aus, was sie mit der Zeit anfangen und wie sie den neuen Lebensabschnitt und den Alltag planen. „Menschen, die Pläne haben, aktiv sind, sich engagieren, die bleiben auch länger gesund und zufriedener. Und sie lernen so auch andere Leute kennen, wenn die beruflichen Kontakte nicht mehr relevant sind“, sagt Iller.

In Hildesheim kommen zum Beispiel in einem wöchentlichen Seniorentreff bei der AWO ältere Migrantinnen zusammen, die sich beim Kaffee über das komplexe Pflegesystem austauschen. Fragen wie, „Was ist eine Pflegestufe?“ werden in türkische Sprache übersetzt, sie befassen sich mit Depression im Alter, mit Sportangeboten. „Es ist wichtig, dass die Fachkräfte im Gesundheitswesen und in der Sozialen Arbeit hier Grundkenntnisse im Bereich der Weiterbildung haben, damit sie nicht allein intuitiv arbeiten“, sagt Carola Iller. „Es sollte noch stärker Multiplikatoren geben, die sich mit hauptberuflich Verantwortlichen in der Weiterbildung vernetzen, die wissen, welche Angebote es gibt. Sie können nicht alles, aber sie können im Vorfeld arbeiten und Menschen erreichen. Diese Brückenpersonen machen Bildungsberatung. Sie können dazu beitragen, dass sich eine Person dazu entscheidet, sich weiterzubilden.“ Über niedrigschwellige Angebote, zeitlich überschaubar, kann man jene erreichen, die bisher nicht im Boot sind. „Wer ganz bildungsungewohnt ist, verpflichtet sich nicht gleich für ein halbes Jahr, einen Kurs zu besuchen. Man sollte auch vertraute Orte wählen, um über Weiterbildung zu informieren, und nicht auch noch räumlich Hürden aufbauen“, sagt Iller. Einige Kirchen arbeiten zum Beispiel mit einem Rollwagen, da ist alles drin für ein Seminar. Auch Betriebe fahren nicht in ferne Schulungszentren, sondern bilden am Arbeitsplatz fort.

Die Professorinnen Bettina Amrhein und Carola Iller sprechen in einer gemeinsamen Antrittsvorlesung über „Inklusive Bildung – ein Leben lang“. Die öffentliche Vorlesung beginnt am Mittwoch, 20. Mai 2015, um 17:00 Uhr im neuen Forum am Hauptcampus und ist Teil der Eröffnung des Centrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung. Diese Eröffnung beginnt mit einem Grußwort der Niedersächsischen Kultusministerin Frauke Heiligenstadt um 16:15 Uhr.

Informationen zur Eröffnung des Centrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung (CeLeB)

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, 05121.883-90100, presse@uni-hildesheim.de)

Erstellt von Pressestelle, Isa Lange [erstveröffentlicht am 18.05.2015]