Sprache im Schulalltag: „Die Professionalität von Lehrern ist extrem kostbar“

Donnerstag, 02. Februar 2017  / Alter: 290 Tage

Ob Mathematik, Sport oder Chemie – Sprache ist in jedem Schulfach relevant. Die Hildesheimer Professorinnen Elke Montanari und Barbara Schmidt-Thieme setzen in der Lehrerausbildung an. Im Projekt „Umbrüche gestalten“ arbeiten neun Hochschulen in Niedersachsen zusammen. In dieser Woche stellen sie Ergebnisse in Hannover vor. „Schulen können sich jetzt weiterentwickeln – das ist nötig. Die hohe und individuelle Diversität ist ein Ausgangspunkt für zukünftiges Unterrichten. Wir brauchen neue Methoden und Strategien in der Lehramtsausbildung“, sagt Elke Montanari.

Die Professorinnen Elke Montanari (links) und Barbara Schmidt-Thieme bilden an der Universität Lehrerinnen und Lehrer aus. Mit Sprache im Schulalltag befasst sich etwa die Studentin Stefanie Jordan. „In jedem Fach wird Sprache benötigt. Damit die Schule ein Ort des Lernens und auch ein Ort der Geborgenheit sein kann, müssen Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, sich selbst auszudrücken. Dafür ist die Sprache unerlässlich“, sagt die Studentin. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim

Hildesheim ist einer der Projektpartner in dem gemeinsamen Verbundprojekt, für das sich neun niedersächsische Hochschulen zusammengetan haben: „Umbrüche gestalten – Sprachenförderung und -bildung als integrale Bestandteile innovativer Lehramtsausbildung in Niedersachsen“. Das Niedersächsische Kultusministerium und das Wissenschaftsministerium unterstützen das Vorhaben nachhaltig. Das Projekt wird gefördert durch das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. Ziel dabei ist, die Sprachenförderung in ihrer mehrsprachigen Dimension wie auch mit Blick auf Bildungssprache in die Lehrerausbildung aller Fächer – ob Mathematik, Sport, Sachunterricht oder Musik – aufzunehmen.

„Die große Diversität in der Schülerschaft als Ausgangspunkt des pädagogischen Handelns zu nehmen und sie auf Sprachenbildung zu beziehen, ist eines der Zukunftsthemen im Land“, sagt Professorin Elke Montanari. Sie ist Professorin für  Deutsch als Zweitsprache an der Universität Hildesheim und forscht in den Bereichen Mehrsprachigkeit, Sprachaneignung in unterschiedlichen Lebensphasen und sie befasst sich mit der Entwicklung des mentalen Lexikons am Zentrum für Bildungsintegration und am Institut für deutsche Sprache und Literatur.

„Kinder haben den ersten Spracherwerb schon in den frühen Lebensjahren durchlaufen. In der Schule steht bei Sprachenbildung im Mittelpunkt, diese sprachlichen Fähigkeiten zu einer ausgereiften Bildungssprache auszubauen. Bei Schülerinnen und Schülern, die mitten in ihrer Schulbiografie nach Deutschland kommen, bedeutet das, ihnen Gelegenheit zu geben, ihre mehrsprachigen Ressourcen weiterzuentwickeln, gleichzeitig die neue Sprache Deutsch in Wort und Schrift zu lernen“, so Montanari.

Die Wissenschaftlerinnen setzen sich zum Beispiel mit dem Umgang mit Sprache im Mathematikunterricht auseinander. Wie können Lehrerinnen und Lehrer sprachlich dazu beitragen, das mathematische Lernen zu unterstützen? „Unterricht, ob Deutsch oder Chemie, hat immer mit Sprache zu tun. In der Mathematik gibt es eine Besonderheit: Unsere Gegenstände sind Gegenstände des Denkens. Wir arbeiten mit Fachbegriffen und Formeln“, sagt Professorin Barbara Schmidt-Thieme, die in Hildesheim Seminare zum Thema „Wie viel Sprache steckt im Fach Mathematik?“ anbietet. „‘Eine Kugel rollt‘ – das ist Alltagssprache. Dann geht man in die Fachsprache hinein. ‚Eine Kugel hat überall den gleichen Durchmesser. Sie ist die Menge aller Punkte des dreidimensionalen Raumes, die von einem Punkt M (Mittelpunkt) den gleichen Abstand hat.‘ Diesen Übergang zu gestalten, ist Aufgabe der Lehrkräfte, dazu benötigen sie Sprache“, sagt die Mathematikdidaktikerin Schmidt-Thieme. Ein weiteres Beispiel sind die „Päckchen“. „Man denkt an den Paketboten, an Weihnachten (‚Ich packe ein Päckchen für meine Freunde.‘). Aber in der Mathematik rechnen wir Päckchen – das finden Sie in jedem Mathebuch. ‚Rechne Päckchen‘. Hier ist es gut, sich mit Studierenden genau zu überlegen, was dort eigentlich steht und ob das noch einmal erklärt werden soll. Die fachspezifische Lexik ist sehr spannend“, sagt Elke Montanari.

Im Projekt „Umbrüche gestalten“ haben die Wissenschaftlerinnen Lehr-Lern-Konzepte entwickelt und erprobt, so haben sich Studierende etwa in der Vorlesung „Einführung in die Mathematikdidaktik“ oder in einem dreisemestrigen Projektband im Masterstudium in Schulen mit dem Thema Sprachenbildung befasst. Die Lehrveranstaltungen wurden dokumentiert, damit sie übertragbar sind, sie sind künftig in einer Datenbank online abrufbar. Zudem haben die Hildesheimer Wissenschaftlerinnen national und international auf Tagungen die Frage diskutiert, was Lehrerinnen und Lehrer kennen und wissen müssen, um mit den Schülerinnen und Schülern der Zukunft zu lernen.

„Schulen können sich jetzt weiterentwickeln – das ist nötig. Die hohe und individuelle Diversität ist ein Ausgangspunkt für zukünftiges Unterrichten. Das bedeutet: Wir brauchen neue Methoden, Strategien und Veränderungen in der Lehramtsausbildung“, sagt Elke Montanari. Die Professorin startet nun ein Nachfolgeprojekt, „Umbrüche II“: In einer internationalen Ringvorlesung „Multilingualism and Diversity“ sprechen die Professoren Ofelia Garcia, Jan ten Thije und Harald Clahsen über Mehrsprachigkeit, Lernen und Vielfalt. „Wir sollten Diversität nicht als Hindernis sehen. Wenn Schülerinnen und Schüler mit zwölf Jahren als Seiteneinsteiger in unserem Bildungssystem anfangen, können wir sie nicht fünf Jahren parken und abwarten. Schülerschaft ist heterogen – welche Konzepte haben wir, hier erfolgreich zu unterrichten, um Hochbegabte, Schüler mit sozialem Förderbedarf und Schüler, die vor einem Jahren nach Deutschland gekommen sind auf ihren Wegen zu begleiten?“, so Montanari.

Zur Rolle der Lehrerinnen und Lehrer sagt Professorin Montanari: „Alle Untersuchungen zeigen, dass man die Bedeutung der Lehrpersonen nicht überschätzen kann. Sie sind enorm wichtig darin, wie sie Schülerinnen und Schüler begegnen. Ich spreche hier in Hildesheim mit Studierenden, die mit acht oder zehn Jahren nach Deutschland gekommen sind und sich erinnern: ‚Da war eine Lehrerin, die hat mich abgeholt und sie hat mich verstanden und bestärkt – dann ging das für mich richtig los.‘ Heute studieren sie Deutsch – man sieht, wie erfolgreich Bildungswege verlaufen können, wenn Lehrerinnen und Lehrer Kinder bestärken. Die Professionalität von Lehrern ist extrem kostbar. Und die gute Nachricht ist: Einer reicht. Wenn eine Schülerin eine Lehrperson findet, die sie annimmt und ihre Ressourcen wahrnimmt und stärkt, dann bringt das einen enormen Schub mit sich.“

Kurz erklärt: „Umbrüche gestalten“

Das Projekt „Umbrüche gestalten“ wird seit 2014 gefördert durch das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. Das Mercator-Institut ist ein von der Stiftung Mercator initiiertes und gefördertes Institut der Universität zu Köln.. Im niedersächsischen Verbundprojekt haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von neun Hochschulen ein strukturiertes Qualifizierungsangebot zu Sprachenbildung und Sprachenförderung sowie Deutsch als Zweitsprache entwickelt. Ziel ist es, die Themen in die niedersächsische Lehramtsausbildung aller Fächer, Schulformen und Schulstufen zu integrieren. Das Projektteam der Universität Hildesheim arbeitet gemeinsam mit den Teams in Braunschweig, Osnabrück und Vechta im Bereich Grund-, Haupt- und Realschulen.

Eine Abschlusstagung findet in dieser Woche in Hannover statt (Februar 2017). Auf der von der VolkswagenStiftung geförderten internationalen Tagung werden die Projektergebnisse vorgestellt. Unter anderem sprechen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Harvard Graduate School of Education, USA, und der Freien Universität Bozen, Italien.

Kurz erklärt: Studium – Deutsch als Zweitsprache

Die Universität Hildesheim bietet den Studiengang „Deutsch als Zweitsprache/Deutsch als Fremdsprache“ an. Der Masterstudiengang macht sichtbar, dass Mehrsprachigkeit zu unserem Alltag gehört. Absolventinnen und Absolventen können an Schulen und Hochschulen im Ausland arbeiten oder in international vernetzten Betrieben die deutsche Sprache und Kultur vermitteln. Sie können sich für die Sprachförderung in Schulen spezialisieren, in der Bildungsplanung in Behörden oder in der Schulbuchherstellung arbeiten und Erwachsene in Integrationskursen unterrichten. Der Studiengang kann auch berufsbegleitend und in Teilzeit studiert werden, zum Beispiel begleitend zu einer Lehrtätigkeit.

Medienkontakt: Kontakt zu den Wissenschaftlerinnen über die Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, 05121.883-90100, presse@uni-hildesheim.de)

Von: Pressestelle, Isa Lange

Die Professorinnen Elke Montanari (links) und Barbara Schmidt-Thieme bilden an der Universität Lehrerinnen und Lehrer aus. Mit Sprache im Schulalltag befasst sich etwa die Studentin Stefanie Jordan. „In jedem Fach wird Sprache benötigt. Damit die Schule ein Ort des Lernens und auch ein Ort der Geborgenheit sein kann, müssen Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, sich selbst auszudrücken. Dafür ist die Sprache unerlässlich“, sagt die Studentin. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim