Neuropsychologin über Freude beim Problemlösen im Studium

Montag, 05. Februar 2018  / Alter: 192 Tage

Wie lernen wir beim Problemlösen? Jasmin Kizilirmak forscht im Neurolabor der Universität Hildesheim. Die Psychologin befasst sich mit der Frage, was eigentlich im Gehirn passiert, wenn Menschen lernen. Die promovierte Wissenschaftlerin arbeitet derzeit an ihrer Habilitation in der Arbeitsgruppe „Neurodidaktik“ von Professor Kristian Folta-Schoofs. Im Februar hielt sie einen akademischen Festvortrag an der Universität.

Jasmin Kizilirmak spricht im Rahmen der Feierstunde der Universitätsgesellschaft Hildesheim. Die promovierte Wissenschaftlerin forscht im Neurolabor am Institut für Psychologie der Universität Hildesheim. Sie befasst sich mit der Frage, was eigentlich im Gehirn passiert, wenn Menschen lernen. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Die Universitätsgesellschaft zeichnete während einer Feierstunde den wissenschaftlichen Nachwuchs für herausragende akademische Leistungen aus. 14 Bachelor- und 14 Masterarbeiten sowie 5 Dissertationen wurden nominiert. Wer die drei Preisträger sind, wurde im Februar während einer Feierstunde bekannt gegeben. Unter den Nominierten sind junge Forscherinnen und Forscher aus allen Fachbereichen. Den Festvortrag hielt Dr. Jasmin Kizilirmak zum Thema „Kein Studium ohne Probleme – Freude und Lernerfolg beim Problemlösen“.

Die Universitätsgesellschaft ehrt für hervorragende akademische Leistungen folgende drei Preisträgerinnen und Preisträger:

  • Bachelorarbeit: Maximilian Theisen, Institut für Psychologie der Universität Hildesheim

  • Masterarbeit: Annette Leyendecker, Institut für Kulturpolitk der Universität Hildesheim

  • Dissertation: Dr. Anna Kaitinnis, Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim

Hier finden Sie ausführliche Informationen zu den Preisträgerinnen und Preisträgern

Interview mit der Neurowissenschaftlerin Dr. Jasmin Kizilirmak über Freude und Lernerfolg beim Problemlösen

Dr. Jasmin Kizilirmak forscht und lehrt im Neurolabor am Institut für Psychologie der Universität Hildesheim. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitet derzeit an ihrer Habilitation in der Arbeitsgruppe „Neurodidaktik“ von Professor Kristian Folta-Schoofs. Die Psychologin hat über den Abruf von Informationen im Langzeitgedächtnis promoviert. Sie befasst sich mit der Frage, was eigentlich im Gehirn passiert, wenn Menschen lernen, wie das Denken funktioniert, welche Regionen im Gehirn daran beteiligt sind und wie diese unter welchen zeitlichen Abläufen miteinander interagieren. Mithilfe von Elektroenzephalografie (EEG) und Kernspintomographie sucht sie nach Antworten. Derzeit beschäftigt sie sich besonders mit dem Problemlösen und wie man durch das Lösen von besonders schwierigen Problemen lernen kann.

Sie sprechen von Freude beim Problemlösen, was steckt hinter diesem Begriff?

Der Begriff der Freude beim Problemlösen hängt mit dem „Aha-Erlebnis“ zusammen. Man kann Probleme auf ganz unterschiedliche Art und Weise lösen. Wir empfinden besonders viel Freude beim „Aha-Erlebnis“, wenn wir in eine Sackgasse beim Problemlösen geraten sind und irgendwann, wenn wir uns vielleicht schon mit etwas anderem beschäftigen, plötzlich alles verstehen und das Problem lösen können.

Lernen und sich in einer wissenschaftlichen Arbeit mit Problemen auseinandersetzen kann große Freude machen, oder?

Das Auseinandersetzen mit Problemen an sich bereitet wahrscheinlich eher Frust, solange wir keine Lösung finden. Doch das plötzliche Verstehen einer Lösung – das ist es, was einem Freude bereitet. Lernen tun wir aber sowohl aus dem Auseinandersetzen mit einem Problem als auch dem Lösen.

Geht es beim Lernen immer um das Lösen von Problemen?

Das würde ich nicht sagen. Man lernt auch ganz viel, ohne Probleme zu lösen. Aber wenn wir Probleme lösen, dann lernen wir eigentlich fast immer. Man unterscheidet zwischen Problemen und Aufgaben. Aufgaben können wir mit unseren vorhandenen Fähigkeiten bewältigen. Bei Problemen besitzen wir nicht alle Fähigkeiten, um sie zu lösen; vielleicht schon, aber wir müssen die Problemlösung erst entwickeln. Wir können nicht einfach auf Abruf eine bestimmte Formel, die wir im Mathematikunterricht gelernt haben anwenden, sondern wir müssen erst darauf kommen, was wir dort brauchen um das Problem lösen zu können.

Frau Dr. Kizilirmak, dieses Interview lesen Studentinnen und Studenten, die vielleicht gerade mitten in der Prüfungsphase sind, in der Bibliothek eine Hausarbeit schreiben oder sich auf eine mündliche Prüfung vorbereiten. Warum fällt es einigen Studierenden leichter, anderen schwerer, zu lernen?

Das hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Manche Menschen lernen generell schwieriger, weil sie beispielsweise Aufmerksamkeitsdefizitstörungen haben, das kommt auch im Erwachsenenalter vor und wurde lange Zeit vernachlässigt. Aber das größte Problem ist, dass wir vielleicht nicht optimale Lernstrategien verwenden, beispielsweise reine Wiederholungsstrategien, wo wir den Stoff einfach immer wieder durchlesen ohne irgendeine weitere Verarbeitung. Besser ist es, sich zu dem Thema Fragen zu stellen, sich zu überlegen: Was weiß ich noch über das Thema? Dann kommt es außerdem auf das Interesse an – wir können leichter lernen bei Themen, die uns emotional berühren, die wir interessant finden.

Was verändert sich im Gehirn, wenn wir Informationen aufnehmen und verarbeiten? Was passiert – grob erklärt – in unserem Kopf, wenn wir lernen und Probleme lösen?

Wenn wir uns mit dem Problem beschäftigen, versuchen wir, Informationen abzurufen, die wir zu den Bestandteilen des Problems schon vorliegen haben. Dann werden Problemlösestrategien abgerufen, die normalerweise funktionieren. Aber man trifft immer wieder auf Probleme, bei denen die gängigen Lösungsstrategien nicht funktionieren – dann muss man kreativ werden. Aber was dann genau im Gehirn passiert, ist relativ schwer zu beantworten. Es sind verschiedene Netzwerke aktiv, wie die Hirnregionen genau kommunizieren, können wir noch nicht erklären.

Sie führen im Hildesheimer Neurolabor eine Studie zum Problemlösen durch.

Ich analysiere in einer Eye-Tracking-Studie die Augenbewegungen von Probanden, während sie Probleme lösen. Es handelt sich um Worträtsel – drei Nomen werden präsentiert, die auf Anhieb scheinbar nichts miteinander zu tun haben, etwa: „Wäsche“, „Hälfte“ und „Erschütterung“. Der Proband muss ein viertes Wort finden, das man als Verbundwort mit all den anderen nutzen kann, vielleicht denkt man an „Wäschekorb“, oder bei „Erschütterung“ an ein Erdbeben. Viele dieser Probleme sind relativ schwer lösbar und frustrierend, weil alle naheliegenden Assoziationen, die uns auf Anhieb einfallen nicht als Lösungswort passen. Es ist eher eine weiter wegliegende Assoziation, da greifen die semantischen Netzwerktheorien: Man geht davon aus, dass unser Wissen in Netzwerken organisiert ist und Dinge, die wir gleichzeitig abrufen, stärker miteinander verknüpft sind. Wir schauen uns an, was passiert, wenn die Probanden graduell zur Lösung kommen oder mit einem plötzlichen „Aha-Erlebnis“ die Lösung schlagartig finden. Das Lösungswort ist übrigens: „Gehirn“ – „Gehirnwäsche“, „Gehirnhälfte“, „Gehirnerschütterung“.

Welche Rolle spielt der Hippocampus beim erfolgreichen Lernen und Erinnern und hat das etwas mit dem Problemlösen zu tun?

Das Problemlösen funktioniert nicht ohne das Gedächtnis. Wir nutzen das deklarative, bewusste Gedächtnis. In einem gewissen Grade ist der Hippocampus immer mit dabei, der Hippocampus ist eine Art Vermittlungszentrale, ein Archivar, der weiß, wo die Informationen gespeichert sind oder eingespeichert werden sollen. Wenn wir beim Problemlösen auf eine neue Lösung kommen, dann spielt der Hippocampus eine Rolle, da er beim Lernen immer mitwirkt und die neue Information mit abspeichert. Interessanterweise scheint dieser „normale“ Einspeicherungsweg via Hippocampus übergangen zu werden, wenn wir Problemlösungen durch eine plötzliche Erkenntnis, also ein „Aha!-Erlebnis“, lösen.

Für manche Menschen ist die Prüfungszeit eine Qual, Sorgen und Ängste begleiten das Lernen. Welche Rolle spielt Freude beim Lernen? Wie kann es gelingen, Probleme beim Lernen mit Freude zu bewältigen? Haben Sie da einen Tipp für Studentinnen und Studenten?

Ich weiß nicht, ob ich die Frage beantworten kann. Denn Freude beim Lernen hängt sehr stark von der Persönlichkeit ab. Bei manchen Menschen ist das Bedürfnis, Nachdenken und Rätseln zu wollen, stärker ausgeprägt und sie beschäftigen sich gerne mit schwierigen Problemen („need for cognition“). Generell ist die Freude beim Lernen wichtig. Wenn wir uns freuen, wird der Botenstoff Dopamin im Gehirn ausgeschüttet, der uns dabei hilft, Informationen im Langzeitgedächtnis abzuspeichern. Auch wenn der Problemlöseprozess noch so frustrierend ist: Wenn wir es schaffen, auf die Lösung zu kommen oder wenn wir nach einem schwierigen Problemlöseprozess die Lösung gezeigt bekommen und sie dann nachvollziehen können, dann ist das Lernen sehr viel effektiver, als wenn wir die Lösung von vorherein einfach nachgeschaut hätten.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Von: Pressestelle/Isa Lange [erstveröffentlicht 05.02.2018, aktualisiiert 12.02.2018]

Jasmin Kizilirmak spricht im Rahmen der Feierstunde der Universitätsgesellschaft Hildesheim. Die promovierte Wissenschaftlerin forscht im Neurolabor am Institut für Psychologie der Universität Hildesheim. Sie befasst sich mit der Frage, was eigentlich im Gehirn passiert, wenn Menschen lernen. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim