IT-Speed Dating: Wie Studenten und Unternehmen sich finden

Freitag, 24. Januar 2014 um 17:13 Uhr

Der Gong ertönt. Zainab Al-Hourani verpackt ihre Botschaft im ersten Satz: „Es ist ein tolles Erfolgserlebnis, wenn man etwas programmiert und es läuft. Ich sehe das Ergebnis." Um den geeigneten Platz für ein Wirtschaftspraktikum zu finden, treffen IT-Studierende in der Universität auf Personalentscheider und IT-Fachleute. Sie setzen auf das persönliche Gespräch.

Nach drei Stunden und 30 Gesprächen ist sich Andy Walla, EDV-Leiter der Ärztekammer Niedersachsen, sicher: „Das war eine faszinierende Erfahrung. Die Gespräche waren sehr individuell und spannend zugleich, die vielen Facetten hatte ich nicht erwartet. Ich fahre mit hochinteressanten Kontakten zurück nach Hannover. Das persönliche Gespräch vermittelt einen intensiveren Eindruck von einem Bewerber als die Bewerbungsmappe. Viele IT-Studierende haben sehr konkrete Vorstellungen mitgebracht. Darauf aufbauend kann ich nun die Inhalte für die Praktika konkreter ausgestalten.“

Den Gesprächsmarathon absolvierte der Fachmann mit Studierenden der IT-Studiengänge „Informationsmanagement und Informationstechnologie“ und „Wirtschaftsinformatik“ der Universität Hildesheim.

IT-Nachwuchs wird gesucht, das spürt auch Andy Walla. „Wir möchten die Ausbildung von Fachkräften in Niedersachsen unterstützen, denn der Bedarf an IT-Experten wächst auch in der Gesundheitsversorgung immens. Wir möchten dazu beitragen, künftige Fach- und Führungskräfte praxisnah auszubilden. IT-Studierende lernen bei uns Teilbereiche des Software-Engineerings kennen. Sie lernen, Anforderungen analytisch zu erfassen und kritisch zu bewerten, um daraus eine lauffähige Anwendung zu erstellen. Wir erwarten solides Basiswissen, eine hohe Motivation und Neugier“, sagt der EDV-Experte. Seit Beginn des Jahres ist die Ärztekammer Mitglied des „Arbeitskreis IT“. Diese 1999 ins Leben gerufene Initiative der Universität Hildesheim und der IHK hat das Ziel, die Zusammenarbeit zwischen der Uni und der regionalen Wirtschaft auf dem Gebiet der Informationstechnologie zu fördern.

Keine Massenveranstaltung, sondern Raum für Begegnung

Und deshalb sitzt Walla an diesem Nachmittag nicht im Büro, sondern im Hörsaal der Universität Hildesheim. Jeder IT-Student absolviert, meist nach eineinhalb Jahren, ein zehnwöchiges Wirtschaftspraktikum. Um Studierende und Partnerunternehmen beim Kennenlernen zu unterstützen und den geeigneten Platz zu finden, bietet die Uni das IT-Speed Dating an. 12 Unternehmen und Organisationen aus der Region und 30 Studierende nahmen in dieser Woche teil. Keine Massenveranstaltung, sondern Raum für Begegnung. „Die Unternehmen sind sehr unterschiedlich – vom Entwickler von Lernsoftware bis zum Großhändler für Elektronikbauteile, vom Energieversorger bis zum Informationssystemhersteller. Für kleinere Unternehmen mit etwa zehn Mitarbeitern ist das eine ausgezeichnete Gelegenheit, auch ohne bekannten Firmennamen bei den Studenten aufzufallen“, sagt Dr. Felix Hahne vom Institut für Betriebswirtschaft und  Wirtschaftsinformatik, der das Zusammentreffen organisiert.

Zainab Al-Hourani ist eine der Studentinnen, die reihum mit den Unternehmen in Kontakt treten – wie beim Speed Dating üblich, läuft die Zeit und wechseln die Gesprächspartner. Mit im Gepäck hat sie eine standardisierte Kurzbewerbung, die sie den Unternehmensvertretern aus Personal- und Fachabteilungen erläutert. Der Gong ertönt. Sagen Sie doch erst mal zwei Sätze zur Person, sagt ihr Gegenüber. Zainab Al-Hourani legt los.

Vor ihm sitzen die Experten von morgen

Auf der anderen Seite des Tisches sitzt Janis Härtel, Assistent der Vertriebsleitung beim Autohaus Wolfsburg. Für ihn ist das Zusammenkommen mit den IT-Studierenden zwar „ehrlich gesagt ziemlich anstrengend“. Denn in fünf Minuten müsse er „so viele Informationen wie möglich bündeln und gleichzeitig viel über die Teilnehmer erfahren“, sagt Härtel. Doch vor ihm sitzen „die Experten von morgen“.

Das persönliche Gespräch sei aussagekräftig. „Eine Bewerbung ist immer nur ein begrenztes Stück Papier, auf dem bei weitem nicht alle wichtigen Informationen stehen. Ein Student berichtete mir gerade von der Programmierung von Apps im iOS Betriebssystem. Das ist für uns sehr interessant.“ Bereits im Vorjahr nahm das Autohaus an dem IT-Speed Dating teil – erfolgreich, eine Studentin entschied sich für ein Praktikum im Unternehmen. „Gemeinsam mit der Studentin haben wir überlegt, wie man am effektiv einen Fahrzeugpool von 400 Fahrzeugen verwalten kann. Als Ergebnis programmierte die Studentin eine Parkplatz-verwaltungsapplikation, die bei uns zum Einsatz kommen soll“, sagt Härtel. An den 26 Standorten in der Region arbeiten etwa 1700 Mitarbeiter, auch in Hildesheim. „Für ein Unternehmen in dieser Größe sind fortschrittliche IT Lösungen unabdingbar. Wir geben gerne engagierten jungen Leuten Praxiseinblicke. Die Kooperation mit der Uni Hildesheim ist eine win-win Situation.“

Interessen und Anforderungen abgleichen

Der Gong ertönt. Zainab Al-Hourani, die Studentin der Wirtschaftsinformatik, zieht weiter. Eine Stunde später sitzt ihr EDV-Leiter Andy Walla gegenüber. Im ersten Satz verpackt sie ihre Botschaft: „Es ist ein tolles Erfolgserlebnis, wenn man etwas programmiert und es läuft. Ich sehe das Ergebnis. Zu Hause habe ich an Computerproblemen getüftelt, mich für das Studium der Wirtschaftsinformatik entschieden und dann programmieren gelernt, kleine Taschenrechner, Primzahlen aussortieren, eine Benutzeroberfläche erstellen.“

Walla scannt den Lebenslauf – und entdeckt einen Fachbegriff: UML-Modellierung. „Sie sind die erste, die diese Kompetenz aufführt.“ Die Studentin entgegnet, das habe sie im Studium gelernt. Sie möchte im späteren Beruf zwischen Anwender und Programmierer als Schnittstelle fungieren und vermitteln – und dennoch auch programmieren. Nun will sie „Praxiserfahrung sammeln, denn die fehlt mir noch“. Dann folgt der Gong.

Halbzeit. Die Studenten Kivanc Yilmaz und Maximilian Koch nehmen ein Stück „Klarheit“ mit nach Hause: „Im direkten Austausch lernt man, auch auszuschließen, wohin es nicht gehen soll.“

Warum er am IT-Speed Dating teilnimmt? „Ich bin jetzt im dritten Semester, in einem halben Jahr steht mein Praktikum an. Ich möchte erfahren, welche Praktikumsmöglichkeiten die Unternehmen bieten und lerne auch Unternehmen kennen, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte. Gerade habe ich etwas über die technische Ebene im Bereich Finanzinformatik erfahren, das ist bisher mein Favorit“, sagt Kivanc Yilmaz. Für Natascha Breitenstein gibt es mehrere Beweggründe, vor Ort zu sein: „Ich möchte erste Kontakte knüpfen, der direkte Austausch bietet die Möglichkeit, nachzufragen. Interessen und Anforderungen werden so schneller deutlich.“ Das sei aussagekräftiger, als nur eine Unternehmenswebsite runterzuscrollen.

Info: Informationstechnologie in Hildesheim

Die Universität Hildesheim arbeitet in den Studiengängen „Wirtschaftsinformatik“ und „Informationsmanagement und Informationstechnologie“ mit über 30 Partnerunternehmen aus der Region zusammen. Fast 400 Studierende haben in den letzten Jahren ihr Praktikum im Rahmen des Studiums bei den Unternehmen absolviert. Weiterhin entstanden Projekt- und Abschlussarbeiten oder, begleitend zum Studium, flexible Arbeitsverhältnisse. Das IT-Speed Dating wurde aufgrund der positiven Erfahrungen aus 2013 wiederholt. Vor einem Jahr wurden 17 Praktika an diesem einen Abend angebahnt.

Im „Arbeitskreis Informationstechnologie“ tauschen sich die IT-Wissenschaftler und IT-Studierende mit den regionalen Unternehmen aus. Der Arbeitskreis ist eine gemeinsame Einrichtung der IHK (Geschäftsstelle Hildesheim) und des IT-Bereichs der Universität Hildesheim. Die Zahl der Partnerunternehmen ist von 16 im Jahr 2000 auf 36 im Jahr 2013 angestiegen. Maßgeblich für das Wachstum im IT-Bereich waren die IT-Stiftungsprofessur der Stadtsparkasse Hildesheim, der Kreissparkasse Hildesheim und der Volksbank Hildesheim im Jahr 2003 und die durch den Hildesheimer Unternehmer Arwed Löseke im Jahr 2005 gestiftete Professur Wirtschaftsinformatik.


IT-Experten von morgen treffen auf Fachleute von heute: Natascha Breitenstein und Janis Härtel, Zainab Al-Hourani und Thomas Hottendorf sowie Kivanc Yilmaz und Dennis Allerkamp. Fotos: Felix Hahne