IT: Jugendliche analysieren Geschäftsprozesse

Samstag, 18. Juni 2016 um 20:20 Uhr

Seit zwei Jahren arbeitet ein Team um Professor Ralf Knackstedt mit Schulen in der Region zusammen. Die Jugendlichen erlernen an der Universität Visualisierungstechniken und analysieren, ob Prozesse in Unternehmen nachhaltig ablaufen. Einblicke in das „Denkwerk“-Projekt in Hildesheim.

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5000 Teile Geschirr pro Tag, die Spülmaschine läuft von 11 bis 14 Uhr ohne Unterbrechung. Mittags ist in der Mensa der Hildesheimer Universität – die mittlerweile etwa 7500 Studierende und 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählt – der Bär los. In diesem Trubel sitzen sechs Hildesheimer Schülerinnen und Schüler der 10. und 11. Jahrgangsstufe. Statt Tablett, Besteck und Teller sind sie ausgerüstet mit Stift, Aufnahmegerät und einem zweiseitigen Fragenkatalog. Ihr Sitznachbar: Mario Dobberkau. Er leitet die Hochschulgastronomie des Studentenwerks in Hildesheim und stellt sich an diesem Tag den Fragen der Jugendlichen. „Es steht und fällt mit dem Personal, wenn alle gesund sind, ist es ruhiger“, so Dobberkau.

„Wir haben zu 99 Prozent Geschirr. Einzig die Pappbecher für den Coffee-to-go nehmen Studenten mit. Alles, was in der Küche war, darf nach 72 Stunden nicht mehr verkauft werden“, erklärt der Mensaleiter das Hygienemanagement. Wer reinigt die Mensa, wann wird das erste Mal gereinigt und wie oft am Tag?

„Es gibt so viele Prozesse hier, die wiederum eigene Prozesse haben. Die Hälfte der Mitarbeiter ist um halb sieben am Arbeitsplatz, andere kommen später, Hilfsköche arbeiten zu“, sagt eine Schülerin. Sie ist erstaunt, wie viele komplexe Prozesse durch die Analyse sichtbar werden. Die 18-jährige Berufsschülerin fragt sich aber auch, wie man all diese denn nun kurz und knapp erklären soll.

Seit September 2014 arbeiten Wirtschaftsinformatikerinnen und Wirtschaftsinformatiker der Universität Hildesheim mit Unternehmen und Betrieben in der Region zusammen. In Kleingruppen lernen Schülerinnen und Schüler vor Ort Arbeitsabläufe kennen, und erfahren von Mitarbeitern, wie diese Prozesse aufeinander abgestimmt werden. Ziel des Projekts ist es, sich gemeinsam darüber auszutauschen, wie Geschäftsprozesse ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltiger gestaltet werden können. Die Jugendlichen erhalten außerdem erste Einblicke in das wissenschaftliche Arbeiten. „Die Anwendungsnähe hilft für das Verständnis ungemein“, sagt Professor Ralf Knackstedt.

„In unserer Forschung haben wir eine These erarbeitet: Eine Prozessorientierte Betrachtung von Unternehmen und Betrieben führt zu besseren Ergebnissen hinsichtlich der Identifizierung von Nachhaltigkeitspotenzialen. Um Abläufe nachhaltig zu gestalten sind Informationen über beispielsweise Aktivitäten, Ressourcen und Akteure sehr hilfreich“, so Knackstedt. Nachhaltigkeit bedeute, sowohl ökonomische und ökologische, aber auch soziale Faktoren zu berücksichtigen.

Ein Schüler möchte von dem Koch zum Beispiel wissen, wie die Stimmung im Betrieb ist und ob Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Möglichkeit haben, Probleme anzusprechen. Können Mitarbeiter auf Grundlage ihrer Arbeitserfahrungen Verbesserungsvorschläge einbringen, werden sie gehört? Eine andere Schülerin möchte wissen, ob beim Reinigen Chemikalien verwendet werden.

An diesem Nachmittag geht es also um Arbeitsabläufe in der Gastronomie und in Großküchen wie Kantinen oder Mensen. Sechs weitere Kleingruppen, insgesamt 40 Schülerinnen und Schüler, nehmen Geschäftsprozesse auf. Jede Kleingruppe konzentriert sich am Ort des Geschehens auf bestimmte Arbeitsfelder: Die einen befassen sich mit dem Kassenwesen, wie Preise und Produkte im System hinterlegt werden oder Bargeld verwahrt wird. Nebenan drehen sich die Interviews um Menüplanung, eine Mitarbeiterin erklärt, wie die Mensa des Studentenwerks saisonal und regionale Produkte einkauft, vegetarische und Fleischangebote mit einplant und wie die Mensa vermeidet, Menüangebote zu wiederholen. Ein Mitarbeiter gibt Einblicke in die Warenannahme – stimmt die Qualität der Produkte, wer prüft dies, wie werden Bestellung und Lieferung abgeglichen? Die Interviews sind die Grundlage, um die Prozesse des Großbetriebs darzustellen. Die Jugendlichen visualisieren die Prozesse zunächst mit Hilfe einer Prozessmodellierungssprache – der „Ereignisgesteuerten Prozesskette“. Dann analysieren sie die Prozesse hinsichtlich der Nachhaltigkeit. Die Resultate werden schließlich in halbjährigen Symposien in einer größeren Runde präsentiert.

Im Prozessmanagement sei dies eine schwierige Phase, so Knackstedt. „Die Schüler haben in ihren Interviews kluge Fragen gestellt und allerhand Details herausgefunden. Nun müssen sie den Überblick über das Ganze gewinnen. Die Herausforderung besteht darin, diese reichhaltigen Fakten zu strukturieren.“ Wie ein Puzzle. Teil für Teil wird sichtbar, wie Prozesse aufeinander abgestimmt und aufgebaut sind.

Die Arbeitsgruppe um Professor Ralf Knackstedt hat sich darauf spezialisiert, den Überblick im komplexen Arbeitsalltag zu behalten. Die Fachleute setzen IT-Technologien ein, um Geschäftsprozesse zu modellieren. An der Universität Hildesheim bauen sie den Lehr- und Forschungsschwerpunkt im Bereich „Informationssysteme und Unternehmensmodellierung“ auf. Bei der Vielzahl an Daten und, teils länderübergreifenden, Kooperationen zu anderen Unternehmen, können es sich Unternehmen kaum leisten, ohne IT im Hintergrund zu operieren, um beispielsweise Informationen in der Zusammenarbeit auszutauschen. Damit werden Geschäftsprozesse aber auch komplexer – um den Überblick zu behalten, seien Visualisierungen sinnvoll, so Knackstedt.

Ihr Wissen geben die Wirtschaftsinformatikerinnen und Wirtschaftsinformatiker an Lehrkräfte und Jugendliche weiter. Dabei arbeiten sie mit dem Projekt „Frauen in den MINT-Fächern“ des Gleichstellungsbüros der Universität Hildesheim zusammen: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen in Schulen, um anhand von praktischen Übungen die Aufgabengebiete der Wirtschaftsinformatik vorzustellen. Die Themen sind nah an der Lebenswelt der Jugendlichen, zum Beispiel erprobt eine Master-Studentin mit ihnen, wie man eine Party plant und was dies mit Unternehmensabläufen zu tun haben kann. Ob solche anwendungsnahen Projekte auch Einfluss auf die Berufsorientierung der Jugendlichen hat, wird in einer wissenschaftlichen Begleitforschung analysiert.

Die Jugendlichen erkunden an solchen Nachmittagen auch die Universität und sprechen mit Studierenden aus dem Anker-Peer-Programm der Studienberatung. Unter ihnen ist der 19-jährige Berufsschüler Nils, er möchte nach seinem Fachabitur an der Universität Informationsmanagement und Informationstechnologie studieren. Wo es genau hingeht, weiß er noch nicht, aber die Richtung stimmt und solche Praxisangebote nehme er gerne an. „Beim IT-Info-Tag habe ich mit Absolventen gesprochen. Und im Schnupperstudium kann ich an Vorlesungen teilnehmen. Ich nutze die Angebote, um zu schauen, wie das hier abläuft in der Universität. Die Gespräche in der Mensa über Geschäftsprozesse waren sehr direkt, persönlich, ich lese dann nicht nur etwas sondern kann mir mehr darunter vorstellen. Das ist enorm, so ein großes Unternehmen, so viele Prozesse täglich, die funktionieren müssen, damit das Essen schmeckt.“

Was bisher geschah: Jugendliche wenden Techniken aus der Prozessmodellierung an

Im ersten Jahr des „Denkwerk“-Projekts haben die Jugendlichen Prozesse vor Ort in Unternehmen aufgenommen und eine Modellierungssprache erlernt, um Prozesse zu visualisieren. Darüber hinaus haben sie die Abläufe auf Nachhaltigkeit überprüft. In regelmäßigen Treffen erarbeiten die Schülerinnen und Schüler in schulübergreifenden Gruppen, welche Aspekte bei einer nachhaltigen Prozessanalyse relevant sind und wie diese durch eine Modellierung unterstützt werden können. Dieser kreative Vorgang verlangt vor allem die Kombination des bestehenden Wissens mit guten Ideen, da die Jugendlichen eigene Maßnahmen grafisch umsetzen. Gleichzeitig erhalten die Schülerinnen und Schüler Praxiseinblicke bei regionalen Partnerunternehmen wie zum Beispiel der Bosch Car Multimedia GmbH oder der Schlote GmbH.

Im zweiten Jahr des Projektes haben die Jugendlichen den Fokus auf Geschäftsmodelle gelegt. Im dritten Jahr stehen detaillierte Analysen der Geschäftsprozesse an.

Auf einem bundesweiten Symposium der Robert-Bosch-Stiftung haben Schülerinnen und Schüler aus Hildesheim im Frühjahr 2016 ihre Ergebnisse und Erfahrungen aus den ersten Jahren der Projektdurchführung vorgestellt und mit Schulen aus anderen Bundesländern geteilt. Aus Hildesheim waren Jugendliche von der Michelsenschule, der Lehrer Christof Husmann sowie Universitätsprofessor Ralf Knackstedt dabei.

Die Robert-Bosch-Stiftung fördert das Projekt „Denkwerk – Schüler-Uni: Nachhaltige Geschäftsprozesse gestalten“ mit 30.000 Euro. Zu den schulischen Partnern zählen die Michelsenschule, die Buhmann Schule, das Josephinum und die Marienschule.


„Die Anwendungsnähe hilft für das Verständnis ungemein“, sagt Professor Ralf Knackstedt. Der Wirtschaftsinformatiker der Uni Hildesheim analysiert mit Jugendlichen, hier in der Uni-Mensa, wie Unternehmen Informationsmengen managen und Geschäftsprozesse verbessern können. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim