Bildungsforschung: Inklusion in der frühen Kindheit

Mittwoch, 22. Februar 2017  / Alter: 217 Tage

Land Niedersachsen fördert Forschungsverbund an der Universität Hildesheim: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bauen die Grundlagenforschung zur frühkindlichen Bildung aus. Sie dokumentieren in empirischen Studien das Geschehen in Kitas und den Übergang in die Grundschule. Erkenntnisse sollen schnell in die Praxis gelangen.

Arbeiten im Forschungsverbund zusammen: Kristian Folta-Schoofs (Neurodidaktik), Barbara Schmidt-Thieme (Mathematik und ihre Didaktik), Meike Baader (Allgemeine Erziehungswissenschaft), Peter Cloos (Pädagogik der frühen Kindheit), Claudia Mähler (Pädagogische Psychologie und Diagnostik) und Kristin Kersten (Didaktik des Englischen und Spracherwerb) sowie Florian Eßer und Wolfgang Schröer (Sozialpädagogik, nicht im Bild). Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Bereits 2009 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet und sich damit verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem umzusetzen. Seitdem verändert sich das gesamte Bildungssystem und die Kinder- und Jugendhilfe, einschließlich der Kindertagesstätten. Pädagoginnen und Pädagogen lernen, konstruktiv mit den unterschiedlichen sozialen, sozio-kulturellen, körperlichen und biografischen Voraussetzungen von Kindern und Jugendlichen umzugehen und die Teilhabechancen für alle zu verbessern. Wie das aber im Alltag passiert, etwa in Kindertagesstätten, wird bisher kaum untersucht. Hier setzt der Hildesheimer Forschungsverbund an. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tauchen ein in den Alltag und dokumentieren in empirischen Studien das Geschehen in Kitas und den Übergang in die Grundschule.

„Wir vertiefen die Bildungs- und Teilhabeforschung in der frühen Kindheit“, sagt Peter Cloos, Professor für Pädagogik der frühen Kindheit an der Universität Hildesheim und Sprecher des Kompetenzzentrums Frühe Kindheit Niedersachsen. Gerade im Bereich der Bildung und der sozialen Teilhabe der bis sechsjährigen Kinder gibt es noch erhebliche Forschungslücken in Bezug auf die Inklusion. „Im gesamten Bildungssystem und in der Kinder- und Jugendhilfe geschehen aktuell große Umwälzungen. Inklusion ist eine breit diskutierte Herausforderung. Wir wollen dazu beitragen, das noch geringe empirische Wissen auszubauen und die unterschiedlichen Forschungstraditionen zu verbinden“, so Cloos.

Das Land Niedersachsen fördert am Kompetenzzentrum Frühe Kindheit Niedersachsen der Universität Hildesheim den Forschungsverbund „Inklusive Bildungsforschung der frühen Kindheit als multidisziplinäre Herausforderung" bis 2020 mit insgesamt 1,3 Millionen Euro. Neben Hildesheim werden Verbundprojekte in Göttingen und Hannover aus dem „Niedersächsischen Vorab“ gefördert.

Der Hildesheimer Forschungsverbund bearbeitet sechs Forschungsprojekte. Beteiligt sind insgesamt acht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Erziehungswissenschaft, Entwicklungspsychologie, dem Fremdsprachenerwerb und der Mathematikdidaktik, der Neurodidaktik sowie Sozial- und Organisationspädagogik. „Ich freue mich auf die weitere Vertiefung unserer Zusammenarbeit im Kompetenzzentrum, wir wollen gemeinsam neue Perspektiven für eine inklusive Bildungsforschung der frühen Kindheit entwickeln", sagt Professor Cloos.

Neue Erkenntnisse sollen schnell in die Praxis gelangen – in die Wissenschaft, die Politik, die Kinder- und Jugendhilfe und in die Bildungseinrichtungen. Der Forschungsverbund arbeitet eng mit Partnern aus der Praxis zusammen und entwickelt gemeinsam mit den Praxispartnern Konzepte für den Transfer, unter anderem mit Kindertagesstätten und Grundschulen, der Landesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen Niedersachsen/Bremen e.V. (lagE), dem Kinder- und Jugendbereich der Diakonie Himmelsthür, dem Verein für Frühe Mehrsprachigkeit an Kitas und Schulen (FMKS). Geplant sind ebenso Kooperationen mit Jugendämtern, Fachschulen und Einrichtungen der Fort- und Weiterbildung. In allen Forschungsprojekten werden konkrete Transfermaßnahmen für die pädagogische Praxis entwickelt und umgesetzt. Die Forschungsprojekte laufen bis 2020. Ergebnisse werden auf Tagungen vorgestellt.

Im Forschungsverbund unterstützt die Universität Hildesheim zehn Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler in der Phase  während und nach der Promotion. Sie promovieren in den Projekten, werden vom Uni-Methodenbüro in der Wahl der Forschungsmethoden unterstützt und können sich mit laufenden Vorhaben aus den Graduiertenkollegs „Multiprofessionalität in der Bildungsinfrastruktur und in Sozialen Diensten“, „Gender und Bildung“ und den Promotionskollegs „Bildungsintegration“ und „Unterrichtsforschung" vernetzen. Die im Verbund beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können auch im Promotionsstudiengang Sozial- und Organisationspädagogik, dem bundesweit ersten akkreditierten Studiengang dieser Art, promovieren.

Wer Interesse an dem Forschungsverbund hat, kann sich an Prof. Dr. Peter Cloos wenden (E-Mail cloosp@uni-hildesheim.de).

Folgende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Hildesheim leiten die sechs Forschungsprojekte:

  • Prof. Dr. Meike S. Baader (Allgemeine Erziehungswissenschaft)
  • Prof. Dr. Peter Cloos (Pädagogik der frühen Kindheit) (Sprecher)
  • Dr. Florian Eßer (Sozialpädagogik)
  • Prof. Dr. Kristian Folta-Schoofs (Neurodidaktik)
  • Prof. Dr. Kristin Kersten (Didaktik des Englischen und Spracherwerb)
  • Prof. Dr. Claudia Mähler (Pädagogische Psychologie und Diagnostik)
  • Prof. Dr. Barbara Schmidt-Thieme (Mathematik und ihre Didaktik)
  • Prof. Dr. Wolfgang Schröer (Sozialpädagogik)

 

Die sechs Forschungsprojekte im Überblick:

Wie Kinder sich entwickeln – Kognitive Entwicklung und Förderung in inklusiven Settings

Studie „Frühe Inklusion beim Schriftspracherwerb“ (FRISCH)

Schon lange vor der Einschulung bringen Kinder ganz unterschiedliche Voraussetzungen für die Schriftsprache mit. Ein Team aus der Pädagogischen Psychologie und Diagnostik um Professorin Claudia Mähler untersucht, wie Kindern der Einstieg in den Schriftspracherwerb gelingt. Welche Kinder profitieren in welcher Weise von einer Förderung zu welchem Zeitpunkt?

Claudia Mähler arbeitet mit Kitas und Grundschulen in der Region Hildesheim zusammen. Die Interventionsstudie beginnt im letzten Kindergartenjahr und begleitet 160 Kinder beim Übergang in die Grundschule und in den ersten beiden Schuljahren. Zunächst werden verschiedene Vorläuferkompetenzen erfasst, die für das Erlernen der Schriftsprache wichtig sind, etwa die Leistung des Arbeitsgedächtnisses, der Sprachentwicklungsstand und vor allem die „phonologische Bewusstheit“. Die Wissenschaftlerinnen untersuchen, wie sich ein Training der phonologischen Bewusstheit im letzten Kindergartenjahr und wie sich eine Umstellung des Eingangsunterrichts im Fach Deutsch auf das Erlernen der Schriftsprache auswirken.

„Ich freue mich, das Thema Inklusion nun auch in die frühe Bildung hineinzutragen und den Übergang vom Vorschulalter in die Schule begleiten zu können“, sagt Claudia Mähler. Die Professorin befasst sich in der Forschung seit vielen Jahren mit der Frage, welche frühkindlichen kognitiven Fähigkeiten es genau sind, die am Ende einen Einfluss darauf haben, ob ein Kind in der Schule gut zurechtkommt und erfolgreich ist. Bisherige Hildesheimer Langzeitstudien zeigen, dass die Unterschiede, die zwischen den Kindern in diesen Kompetenzen bestehen, bereits im Alter von vier Jahren sehr groß sind.

Studie „Soziales Training von Raumwahrnehmung und Raumkognition (zur vorschulischen Förderung des mathematischen Grundverständnisses)“ (STARK)

Wie kann das mathematische Grundverständnis in der frühen Kindheit gefördert werden? Professor Kristian Folta-Schoofs und Professorin Barbara Schmidt-Thieme untersuchen, in welcher Weise Kinder im letzten Kindergartenjahr von einem Training der Raumwahrnehmung profitieren können.

„Die vorschulische mathematische Förderung beinhaltet immer noch bevorzugt das Lernen von arabischen Zahlen und rechnerischem Faktenwissen. Wir wollen alternative Zugänge zur Förderung des mathematischen Grundverständnisses in den Blick nehmen, die weniger an Sprache und stärker auf die unmittelbare Lebens- und Erfahrungswelt der Kinder bezogen sind“, sagt Professor Kristian Folta-Schoofs. „Dazu gehört auch die Berücksichtigung der körperlich-sinnlichen Erfassung von Raummerkmalen – auch im Verhältnis zum eigenen Körper – sowie von handlungs- und bewegungsorientierten Lernmöglichkeiten, die im Rahmen der vorschulischen Vorbereitung auf den Mathematikunterricht bislang noch wenig berücksichtigt werden und noch unzureichend wissenschaftlich untersucht sind.“

Barbara Schmidt-Thieme verfügt über Expertise auf dem Gebiet der mathematischen Frühförderung, vor allem zur Didaktik der Geometrie. Kristian Folta-Schoofs forscht im Neurolabor der Universität Hildesheim im Bereich der neuronalen Grundlagen von Wahrnehmungs-, Aufmerksamkeits- und Zeitverarbeitungsprozessen und zu den Ansätzen einer barrierefreien Gestaltung von Lernumgebungen.

Studie „Fremdsprachenlernen in inklusiven Kontexten: Sprachliche und kognitive Entwicklung in zweisprachigen Einrichtungen“ (FLINK)

Wie die sprachliche Entwicklung in ein- und zweisprachigen Kindertagesstätten und im Übergang in die Grundschule verläuft, untersucht Professorin Kristin Kersten in Kooperation mit Professor Werner Greve vom Institut für Psychologie. In der Studie erfassen die Wissenschaftler bis 2019, wie sich Kinder sprachlich und kognitiv entwickeln.

Dabei vergleichen sie die Entwicklungsverläufe von Kindern in einsprachigen und zweisprachigen Kitas und Grundschulen. In den bilingualen Kitas verwenden muttersprachliche Erzieherinnen und Erzieher im gesamten Tagesablauf Englisch im Umgang mit den Kindern, in bilingualen Schulen unterrichten Lehrerinnen und Lehrer zum Beispiel Mathe, Sport, Musik oder Sachkunde auf Englisch. Bislang wenig untersucht ist die Frage, inwieweit die sprachliche Entwicklung mit dem Selbstkonzept von Kindern zusammenhängt. Auch hierzu soll die Studie Erkenntnisse liefern. Durch teilnehmende Beobachtung werden außerdem die Strategien aller pädagogischen Fachkräfte und Lehrkräfte dokumentiert: Wie begleiten sie die Lernprozesse? Wie gestalten sie den sprachlichen Input für inklusiv ausgerichtete Lernergruppen?

„Forschungsergebnisse aus früheren Studien weisen darauf hin, dass die Intensität, Dauer des Kontakts sowie das handlungsbegleitende Erlernen der Fremdsprache an Objekten, Bildern und der Umwelt entscheidend sind. Wir wissen außerdem, dass intensives bilinguales Lernen zu kognitiven Vorteilen führen kann. Ob die Fremdsprache mehrere Stunden pro Tag oder nur zwei Stunden pro Woche angeboten wird und wie sie von der Lehrkraft umgesetzt wird – das macht für die Entwicklung der Kinder viel aus. Dazu kommt, dass jedes Kind individuelle Voraussetzungen zum Lernen mitbringt, die sich nicht nur in den kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten, sondern auch im sozialen Umfeld unterscheiden. Und schließlich ist jedes Schulprogramm ein komplexes Gefüge, in dem auch jede Lehrkraft ihre eigenen Kenntnisse, Einstellungen und Motivation mitbringt“, so Kersten. Die Sprachwissenschaftlerin hat zuvor ein EU-Projekt geleitet und in niedersächsischen Grundschulen den bilingualen Unterricht analysiert.

Der Alltag in Kitas – „Doing inclusion“ – Inklusion als alltägliche Herstellungsleistung

Studie „Inklusive Elterninitiativen“ (IKE)

10 Prozent aller 4500 Kindertageseinrichtungen in Niedersachsen sind Elterninitiativen. Elterninitiativen sind bislang kaum erforscht, dabei sind sie heute ein fester Bestandteil in der Kita-Landschaft. Eltern bauen somit einen Teil der Strukturen auf, die Bildungsteilhabe befördern oder verhindern können.

Einen Gesamtüberblick, welche Inklusionskonzepte Elterninitiativen im Bundesland Niedersachsen verfolgen, soll die Studie von Professorin Meike Baader liefern. Wer sind die Akteure und Akteurinnen, welches sind ihre Motive, Erfahrungen, Ressourcen aber auch Hindernisse? Wie gehen Eltern und Professionelle in diesen Einrichtungen mit Inklusion um? Die Erziehungswissenschaftlerin führt in den kommenden Monaten Interviews mit 45 Einrichtungsleitungen und analysiert, wie private Elterninitiativen in Niedersachsen handeln. Während sie in den 1970er Jahren anfänglich als Alternative für fehlende Plätze gegründet wurden, hat sich schon in den siebziger Jahren gezeigt, dass Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Migrationserfahrungen aufgrund des Betreuungsschlüssels besonders gut versorgt wurden, wie eine DFG-geförderte Studie von Meike Baader zeigt.

Studie „Multiprofessionelle Teams in inklusiven Settings“ (MUPRO)

Zusammen statt allein: Professor Peter Cloos nimmt die Arbeit von multiprofessionell zusammengesetzten Teams in Kindertageseinrichtungen unter die Lupe. Der Erziehungswissenschaftler analysiert in 10 Einrichtungen 20 Teamgespräche.

„Wir tauchen ein in den Alltag“, sagt Cloos. Bisher wurde kaum empirisch untersucht, wie unterschiedliche Berufsgruppen in Organisationen wie Kitas zusammenarbeiten. Wie verständigen sie sich in Teamgesprächen über Zuständigkeiten und Aufgabenbereiche? Teilen sie Aufgaben auf und grenzen sich voneinander ab („Das ist nicht mein Gebiet!“) oder entstehen Räume, um gemeinsam unter Einbeziehung vieler Perspektiven die individuelle Entwicklung von Kindern zu erfassen? Die Forschungsergebnisse sollen in die Beratung von multiprofessionellen Teams fließen.

Studie „Kinder als Inklusionsakteure“ (INKA)

Nicht nur Eltern und pädagogische Fachkräfte, auch Kinder leisten einen Beitrag zu Inklusion: wie sie anderen Kindern begegnen, wie sie selbst handeln. Bisher liegen kaum Studien vor, die Kinder als Handelnde in „inklusiven Settings“ betrachten oder Kinder in den Forschungsprozess einbeziehen. Florian Eßer und Professor Wolfgang Schröer bauen derzeit eine Forschungsgruppe mit acht Kindern auf. Sie stimmen Forschungsfragen, die Erhebung und Präsentation von wissenschaftlichen Erkenntnissen mit den Kindern ab: Wie erleben Kinder Zugehörigkeit und Ausgrenzung, wie nehmen sie den Alltag in Kitas wahr?

Vorurteile, dass man mit Kindern keine partizipative Forschung durchführen kann, gelten mittlerweile als widerlegt. Sie bringen junge Perspektiven in die Forschung ein, die sonst aus dem Blick geraten. Die Kinder ersetzen dabei nicht die Forscher, vielmehr eröffnen sie neue Sichtweisen.

„Differenzdilemma“

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diskutieren im Forschungsverbund außerdem, inwieweit Wissenschaft selbst Differenzen erzeugt. Die Wissenschaft spricht von „Differenzdilemma“: Jede Thematisierung von Differenz behebt diese nicht nur, sondern kann Differenz durch ihre Betonung erst hervorheben oder verstärken.

Medienkontakt: Pressestelle der Universität Hildesheim (Isa Lange, 05121.883-90100, presse@uni-hildesheim.de)

Von: Pressestelle, Isa Lange

Arbeiten im Forschungsverbund zusammen: Kristian Folta-Schoofs (Neurodidaktik), Barbara Schmidt-Thieme (Mathematik und ihre Didaktik), Meike Baader (Allgemeine Erziehungswissenschaft), Peter Cloos (Pädagogik der frühen Kindheit), Claudia Mähler (Pädagogische Psychologie und Diagnostik) und Kristin Kersten (Didaktik des Englischen und Spracherwerb) sowie Florian Eßer und Wolfgang Schröer (Sozialpädagogik, nicht im Bild). Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim