Wörterbücher: Lesen im Smartphone

Dienstag, 14. Juli 2015  / Alter: 2 Jahre

„Schüler lesen nicht immer zwei Seiten im Wörterbuch, bevor sie schlafen gehen. Aber sie lesen im Smartphone“, sagt Rufus Gouws. Der Professor aus Südafrika entwickelt gemeinsam mit Computerlinguisten der Uni Hildesheim elektronische Wörterbücher. Sie wollen Wörterbücher für die Sprachen Zulu und Sepedi als App anbieten. Matthias Friedrich und Paula Rathjen traf das Forscherteam.

Entwickeln elektronische Wörterbücher: Rufus Gouws aus dem südafrikanischen Stellenbosch ist zum Forschungsaustausch bei den Hildesheimer Computerlinguisten Gertrud Faaß und Ulrich Heid zu Gast. Fotos: Paula Rathjen/Uni Hildesheim

Ein Forscherteam aus Hildesheim entwickelt zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Namibia und Südafrika ein Online-Wörterbuch für Zulu und ein Werkzeug für die Konstruktion von Relativsätzen in Sepedi. Die Untersuchungen sollen eine größere Anzahl theoretischer Wörterbuchforschungen praktisch veranschaulichen. Allein Südafrika hat elf Amtssprachen, ein ideales Forschungsgebiet für die Computerlinguisten.

In diesem Sommersemester hat sich prominenter Besuch aus Stellenbosch in Hildesheim eingefunden: Professor Rufus Gouws hat sich auf Lexikographie, also die Erstellung von Wörterbüchern, spezialisiert und unterstützt die Computerlinguisten Professor Ulrich Heid und Gertrud Faaß bei ihrer Arbeit. Heid und Gouws haben sich 1986 auf einer Konferenz für Wörterbuchforscher kennengelernt und seitdem immer wieder kooperiert. Schon zwischen 2006 und 2008, als Gertrud Faaß in Pretoria promovierte, gab es Vorüberlegungen zum derzeit laufenden SELA-Projekt („Scientific e-Lexicography for Africa“). Seit 2012 läuft die Zusammenarbeit zwischen Hildesheim, Pretoria und Stellenbosch, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und Deutschen Akademischen Austauschdienst gefördert wird: Wie lassen sich die südafrikanischen Sprachen systematisieren und in systematischen Wörterbüchern zusammenfassen, zumal Erkenntnisse auf diesem Gebiet noch sehr lückenhaft sind?

Die Forscher haben überlegt, wie sie das Wissen über den Wortschatz in der Sprache Zulu oder grammatikalische Konstruktionen der Sprache Sepedi darstellen können. Denn das Ergebnis soll auf den Nutzer abgestimmt sein. Die Wörterbuchkultur in Südafrika sei bislang wenig verbreitet, erläutert Rufus Gouws. Das Land ist zwar flächendeckend mit Internet versorgt, allerdings hat längst nicht jeder Haushalt einen Computer. Smartphones nutzen aber vor allem Jugendliche deutlich häufiger. Deshalb möchte das Forscherteam Wörterbücher als App anbieten. „Wir wissen: Schüler lesen nicht immer zwei Seiten im Wörterbuch, bevor sie schlafen gehen. Aber sie lesen im Smartphone“, sagt Rufus Gouws. Diese Form der Online-Lexikographie ist die Zukunft; sie bietet zudem die Möglichkeit, auf buchexterne Quellen wie Videos und Bilder zu verweisen.

Das Projekt ist damit darauf angelegt, eine Wörterbuchkultur zu etablieren, nicht nur das Wissen über eine Sprache. „Der Computer hat kein Weltwissen“, sagt Gertrud Faaß. Ein avanciertes Programm alleine ist also nicht genug. Im Projekt versuchen die Forscher, sich mit einer optimalen Gestaltung am Benutzer zu orientieren, beschreibt Ulrich Heid. „Wir möchten keine weitere verlorene Generation in der Wörterbuchnutzung haben“, sagt Gouws. Aus diesem Grund bemühen sich die Forscher, exemplarisch Einzelgebiete der jeweiligen Sprachen abzudecken. Sie bedienen sich am bisherigen Wortschatz aus den Lehrbüchern, der auf Anfänger und Fortgeschrittene zugeschnitten werden soll, aber auch sprachliche Eigenheiten berücksichtigt. Denn Wörterbücher sind nicht nur Informations-, sondern auch Kulturquelle. Heid erzählt, wie er einmal in Pretoria eine Studentin nach dem Weg fragte. Sie antwortete: „Gehen Sie zum nächsten robot, dann rechts und geradeaus.“ Im südafrikanischen Englisch steht „robot“ für „traffic light“, ein Ausdruck, den Touristen in der Regel nicht kennen. Auf solche Verschiebungen von Bedeutung müssen sich Lexikographen gefasst machen: Sie vertiefen sich sowohl in die Kultur als auch in die Sprache. So vereint das derzeitige Projekt Lexikographen, Computerlinguisten und Experten für interkulturelle Kommunikation. Die Hildesheimer Forscher entwickeln ein Programm, das die wissenschaftlichen Erkenntnisse vermitteln soll. Zwar sind sie mit den Strukturen der Sprachen vertraut, Teil des Teams sind aber auch Südafrikaner, die beispielsweise Zulu beherrschen. „Wir wollen ja keine Fehler machen“, sagt Faaß.

Das Projekt soll auch dazu dienen, die Softwaretechnologie und die Nutzerorientierung von Online-Wörterbüchern auszubauen. „Wir führen ein multidisziplinäres Projekt durch“, erklärt Heid. Die wissenschaftliche Tätigkeit wird auch nach dem offiziellen Projektschluss Ende 2015 nicht beendet sein. „Lexikographie ist eine Lebensweise“, sagt Gouws. Denn die Forscher beschäftigen sich mit einer ganzen Kultur und versuchen, diese an andere zu vermitteln; dabei lernen sie, wie sie die Erstellung von Wörterbüchern optimieren können.

Alexandria Sanasi hat in Hildesheim „Internationales Informationsmanagement“ studiert und ihre Bachelorarbeit bei den Computerlinguisten geschrieben. Zum Forschungsaufenthalt war sie in Südafrika. Ein Kurzporträt.

Von: Pressestelle, Text: Matthias Friedrich, Fotos: Paula Rathjen

Entwickeln elektronische Wörterbücher: Rufus Gouws aus dem südafrikanischen Stellenbosch ist zum Forschungsaustausch bei den Hildesheimer Computerlinguisten Gertrud Faaß und Ulrich Heid zu Gast. Fotos: Paula Rathjen/Uni Hildesheim