Informationskompetenz ist eine Schlüsselqualifikation der digitalen Gesellschaft

Freitag, 11. Oktober 2019 um 09:39 Uhr

Ein Forschungsteam der Universität Hildesheim informiert Bürger während einer öffentlichen kostenfreien Tagung über Informationskompetenz und Demokratie. Sie wollen über Suchverfahren und Analyse-Algorithmen in der politischen Meinungsbildung diskutieren. Die öffentliche Tagung „Informationskompetenz und Demokratie“ findet am 18. und 19. Oktober 2019 statt. Eine Teilnahme ist noch möglich!

Ein Forschungsteam der Universität Hildesheim wendet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studierende sowie Bürgerinnen und Bürger in der Region, um mit ihnen über den Umgang mit Informationen zu sprechen und sich mit ihnen über die Bedeutung von Informationskompetenz im digitalen Zeitalter auszutauschen.

Die Welt wird informativ verbundener und dichter – Professor Joachim Griesbaum erforscht an der Universität Hildesheim unser Informationsverhalten in der vernetzten Welt. Professor Thomas Mandl erforscht die Algorithmen der Suchmaschinen. Wie glaubwürdig und zuverlässig sind die gefunden Informationen im Netz? Von der Sprachwissenschaft ist Professorin Elke Montanari dabei. Daphné Cetta ist neu im Forschungsteam, sie hat gerade ihr Masterstudium „Internationales Informationsmanagement“ mit dem Schwerpunkt Informationswissenschaft an der Universität Hildesheim abgeschlossen und arbeitet nun als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Hildesheim.

Im Gespräch erläutert das Forschungsteam, warum Informationskompetenz für die Demokratie bedeutsam ist.

Nehmen Sie Teil an der Debatte:
Informationskompetenz und Demokratie

Interview mit Informationswissenschaftlerin Daphné Cetta, Professor Joachim Griesbaum, Professorin Elke Montanari und Professor Thomas Mandl

Informationen zu suchen und Informationen zu finden fällt heute sehr leicht. Sie stoßen an der Universität Hildesheim eine Debatte über Informationskompetenz und Demokratie an (Programm). Warum machen Sie das?

Griesbaum: Unsere Informationswelt wird komplexer. Die meisten Nutzerinnen und Nutzer stellen sich die Informationsversorgung einfacher vor als sie ist. Da sind wir auch naiv. In der Auseinandersetzung mit Informationen geht es um zutiefst relevante Kernbereiche des Lebens, zum Beispiel um medizinische Informationssuche, um wirtschaftliche Entscheidungen, die Unternehmen aufgrund von Informationen treffen, um politische Positionen.

Mandl: Die Vielfalt der Systeme, die eine Person nutzt, nimmt zu, sowohl privat als auch im Beruf. In dieser individuellen Informationsumgebung gibt es Plattformen mit sehr unterschiedlicher Qualität. Dies sollte den Nutzern immer bewusst sein.

Wie kann ich denn prüfen, ob eine Information stimmt? Wie kann ich mir sicher sein, ob das so ist, was ich da gerade im Netz lese?

Griesbaum: Man kann überlegen, wie glaubwürdig eine Aussage, eine Quelle ist. Hierzu wäre zu fragen. Wie ist das Wissen entstanden, wer sind die Akteure, die die Information veröffentlichen? Man muss differenzieren. Bei einfachen Informationsbedarfen etwa, wenn ich Google nach der Länge der Donau frage, ist es in der Regel sinnvoll den Aufwand der Suche und Überprüfung gering zu halten. Wenn ich aber nach komplexeren Fragestellungen, etwa aktuellen Therapien im Bereich Demenz oder Früherkennung suche, dann sollte ich sorgsam suchen und die Ergebnisse prüfen: Wer stellt die Information bereit – ein Gesundheitsamt, eine Person in einem Forum, eine Krankenkasse? Man sollte in solchen Fällen, in denen der Sucherfolg schwer zu beurteilen ist auch nicht beim ersten Eintrag der Suchmaschine aufhören, sondern schauen, was es noch gibt.

Mandl: Ein Qualitätskriterium wäre, ob eine Information mehrfach von unterschiedlichen Quellen bestätigt werden kann. Und man sollte erkennen, dass unterschiedliche Meinungen diskutiert werden.

Cetta: Die Welt ist komplex. Es gibt nicht immer eine einfache Antwort auf jede Frage.

Griesbaum: Man muss sich bewusst sein, dass Wissen nicht etwas Absolutes ist, Wissen ändert sich. Wissen hat eine Begründbarkeit und der kann man auf den Grund gehen.

Wie ist das bei Informationen, die gesellschaftliche, politische Fragen betreffen?

Griesbaum: Im politischen Bereich geht es oft um normative Sichtweisen.

Mandl: Auch hier gilt es, nach dem Absender der Information zu suchen. Man sollte beispielsweise erkennen, ob eine Information zum Klimawandel von der Kohleindustrie stammt. Man sollte erkennen, welche Interessen hinter den Informationen stehen und die Quellen kritisch hinterfragen.

Griesbaum: Man muss aber auch vertrauen – ich sehe ja keinen Klimawandel, ich kann die wissenschaftlichen Informationen als Laie nicht nachprüfen. Da muss ich entscheiden – wem vertraue ich? Dass es den Klimawandel gibt, ist wenig zweifelhaft und von Studien belegt. Aber unklar ist: Was ist dann die Lösung? Die meisten politischen Parteien sagen, wir müssen etwas tun, aber sie arbeiten mit unterschiedlichen Gewichtungen, berücksichtigen etwa soziale Dimensionen unterschiedlich. Wenn ich mich für eine Position entscheide, dann muss ich erkennen: Auch andere Positionen sind begründbar. Wir sollten weg von der Polarisierung und unsere Argumente in der Gesellschaft austauschen.

Sie verbinden die Debatte über mangelnde Informationskompetenz mit der Demokratie. Was beobachten Sie?

Griesbaum: Die gesellschaftlichen Diskurse scheinen sich zu polarisieren. Unser Anliegen ist es, das Bewusstsein dafür zu stärken, den Diskursraum nicht zu verengen und als Nutzer bereit zu sein anzuerkennen, dass es begründbare Gegenpositionen gibt. Wir möchten mit unserem Projekt eine Plattform schaffen, einen Wissensraum, der zum Nachdenken anregt. Wissen ist nicht etwas Absolutes, es gibt eine multidimensionale Sicht auf die Dinge.

Cetta: Im Oktober organisieren wir in Hildesheim die erste Tagung im Rahmen des Projekts und regen Bürger dazu an, sich anschließend auch an Online-Diskussionen zu beteiligen. Wir möchten den Diskurs vorantreiben, ein Bewusstsein für Probleme schaffen und Lösungsansätze entwickeln. Unsere Debatte betrifft unmittelbar die Lebenswelt jedes Netznutzers.

Montanari: Demokratie ist direkt bedroht, wenn die freie Information nicht mehr funktioniert. Und das passiert ganz schnell, wenn zum Beispiel fast nur noch eine Suchmaschine von allen genutzt wird, und dann nur die ersten Treffer gelesen werden. Es gibt dann zwar eigentlich viele Informationen, aber wenn vor allem nur wenige davon immer wieder geteilt werden, ist die Gefahr von Fehlinformation doch wieder groß.

Das Niedersächsische Wissenschaftsministerium fördert Ihren „Zukunftsdiskurs“. In der Projektbeschreibung verdeutlichen Sie, dass das Thema „Informationskompetenz und Demokratie“, der immer müheloser werdende Informationszugriff und der kritische Umgang mit Wissen zu den kritischen Fragestellungen des 21. Jahrhunderts gehören.

Mandl: Der Wissensraum wird komplexer, wir sehen die Gefahr von Vereinfachungen. In der Vielfalt von Informationszugängen und Informationsquellen muss man es schaffen, sich zu orientieren. Wir können in einer Welt, in der Künstliche Intelligenz ein Teil des Ganzen ist, nicht mehr unterscheiden, ob ein Text von einer Maschine oder einem Menschen geschrieben wurde. Es gibt gefälschte Videos, mit deren Hilfe man Personen beliebigen Text in den Mund legen kann. Auch Laien auf dem Gebiet der KI sollten sich klar darüber sein, was möglich ist. Wichtig ist es also, kritisch mit der Information umzugehen. Die von Algorithmen gesteuerte Bereitstellung von Informationen ist für Nutzerinnen und Nutzer heute schwer zu durchschauen, weder auf Akteursebene, noch hinsichtlich technischer Wirkungsmechanismen. Untersuchungen zur Informationskompetenz weisen auf erhebliche Defizite hin.

Montanari: Das ist gerade für Studierende und für Schülerinnen und Schüler wichtig zu reflektieren! Damit nicht alles geglaubt wird, was sich im Internet befindet.

Sie plädieren dafür, den Zweifel zu pflegen, nicht gutgläubig einer Information blind zu vertrauen?

Mandl: Man muss sich fragen: Kann das so stimmen? Finde ich andere Quellen, die das bestätigen? In Ländern mit restriktiv reguliertem Internetzugang etwa in der Türkei und in China ist dies noch schwieriger. Die politischen Eingriffe in die Informationsgesellschaft sind dort stärker und sehr tiefgreifend.

Sie beziehen in dem Projekt und in der Tagung im Oktober auch die internationale Perspektive ein, etwa Forschungsarbeiten aus Venezuela und der Türkei sowie USA und China. Was sind hier bedeutsame Erkenntnisse, die Sie teilen möchten?

Mandl: In vielen Ländern sind derzeit Diskussionen über die Steuerung des Informationsangebots auf der Basis politischer Interessen entbrannt, seien es die Übernahmen Saudi-Arabiens im britischen Zeitungsmarkt, die Einflussnahme Russlands über Facebook-Werbung im US Wahlkampf oder die Anstrengungen Venezuelas, in der aktuellen Krise die Diskussionen online zu unterdrücken. Diese internationale Dimension möchte das Projekt in der zweiten Phase auch in den Blick nehmen.

Was ist Ihr Appell an die Nutzerinnen und Nutzer?

Griesbaum: Es ist wichtig, sich zu überlegen, wann und wie weit man dem jeweiligen Informationssystem vertrauen kann. Man muss die Informationswelt ansatzweise verstehen. Vor allem in Bezug darauf wie Wissen entsteht, sich verbreitet und wahrgenommen wird. Von wem und auf welche Weise werden etwa Nachrichtenmeldungen generiert? Werden diese geprüft? Wo werden diese platziert? Was liegt dem Prozess zugrunde, welche Ziele verfolgen die Erschaffer und Verbreiter?  Es ist nicht einfach, diese Strukturen zu verstehen und das nimmt uns Macht weg als Individuen. Wenn ich ein System nicht durchschaue, kann ich darin auch nicht souverän agieren. Das Fatale ist, wenn die Nutzerinnen und Nutzer für dieses Problem kein Bewusstsein haben.

Mandl: Viele Nutzer im Internet können gar nicht zwischen Information und Werbung unterscheiden. Das war im Fernsehen noch anders, wo deutlich gekennzeichnet wird: jetzt kommt der Werbeblock.

Cetta: Es ist wichtig, dass man sensibel wird und erkennt, von wo Informationen kommen. Ich habe heute mühelosen Zugang zu Informationen aber muss auch die Kehrseite kennen und Informationen einschätzen können. Gerade junge Leute wachsen in die digitale Welt hinein. Unsere Aufgabe als Gesellschaft besteht darin ihnen bewusst zu machen, dass man nicht allem blauäugig vertrauen kann.  Dies ist einer der Gründe warum wir Bürger einladen, mit uns über Informationskompetenz zu diskutieren.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Kurz erklärt: Was bedeutet Informationskompetenz?

Kurz erklärt:

Zukunftsdiskurs an Universität Hildesheim: „Informationskompetenz und Demokratie“

Bürger, Suchverfahren und Analyse-Algorithmen in der politischen Meinungsbildung / Wissenschaftsministerium fördert Debatte an Uni Hildesheim

Das Institut für Informationsmanagement und Sprachwissenschaft und das Institut für Sprache und Literatur der Universität Hildesheim laden zur Tagung „Informationskompetenz und Demokratie“ ein. Die öffentliche Veranstaltung findet am Freitag, 18. Oktober 2019, ab 12:00 Uhr, und Samstag, 19. Oktober 2019, ab 09:00 Uhr statt am Hauptcampus der Universität Hildesheim (Forum am Universitätsplatz 1, 31141 Hildesheim).

Informationen zu suchen und zu finden fällt heute sehr leicht, aber ein müheloser Informationszugriff ist nicht gleichzusetzen mit einem selbstbestimmten und fundierten Umgang mit Wissen. Algorithmengesteuerte Informationsbeschaffung und -bereitstellung ist für Nutzerinnen und Nutzer heute schwer zu durchschauen, weder auf Akteursebene, noch hinsichtlich technischer Wirkungsmechanismen. Untersuchungen zur Informationskompetenz weisen auf erhebliche Defizite hin.

Das Projekt „Informationskompetenz und Demokratie“ will das Problem für Niedersachsen stärker bewusst machen. Es soll in der Öffentlichkeit diskutiert und nach Lösungsansätzen gesucht werden. Es gilt, das Thema in der Fachwelt und der Öffentlichkeit als kritische Fragestellung des 21. Jahrhunderts zu positionieren. Hierzu bringt das Forschungsteam unterschiedliche Akteursgruppen zusammen, um ein möglichst umfassendes Bild zum Themenbereich, den wahrgenommenen Problemfeldern und Lösungsperspektiven, insbesondere für den Bildungsbereich, zu erschließen.

Während der zweitägigen Veranstaltung beantworten unter anderem Lisa Merten (Leibniz-Institut für Medienforschung Hans-Bredow-Institut), Prof. Dr. Joachim Griesbaum (Universität Hildesheim), Prof. Dr. Thomas Mandl (Universität Hildesheim) und Prof. Dr. Elke Montanari (Universität Hildesheim) Fragen zum Thema Informationskompetenz. Es gibt zum Beispiel Vorträge zu den Themen „Informationsraum Internet: komplex, interessengesteuert, intransparent“, „Alles anders durch Google und Facebook? Praktiken, Prinzipien und Paradoxien der informationsorientierten Mediennutzung online“ und „Nachrichtenbezogenes und medienbezogenes Informationsverhalten und Informationskompetenz“.

Das Projekt wird durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen der Ausschreibung „Zukunftsdiskurse“ gefördert aus Mitteln des Niedersächsischen Vorab.

Das Thema „Informationskompetenz“ ist für jeden interessant, gerade auch für die Bürger sowohl auf privater, professioneller Ebene als auch im öffentlichen Bereich, etwa wenn es um die Steuerung und Gestaltung der Informationsnutzung und -versorgung zu politischen Themen geht.

Das Projekt bringt Akteure aus Wissenschaft, Bibliothekare, Politik, Wirtschaft, Bürger, Lehrende und Lernende zusammen und bezieht deren Problemwahrnehmung und auch Sichtweisen zu Lösungsansätzen ein. Eine Anmeldung ist erforderlich, wer teilnehmen möchte, kann sich via E-Mail (infodem@uni-hildesheim.de) anmelden.

SAVE THE DATE:

Außerdem wird das Forschungsteam die Ringvorlesung „Digitale Lebenswelten“ unter dem Motto „(Des)Informieren? Informationsverhalten zwischen externer Beeinflussung, individueller Aufwandsvermeidung und gelebter Informationskompetenz“ die Ringvorlesung im Wintersemester 2019/20 fortsetzen. Die erste Vorlesung findet am 19.11.2019 zum Thema „Die Bewertung von Quellen bei der Suche nach Gesundheitsinformation im Web“ (Dr. Yvonne Kammerer, Leibniz-Institut für Wissensmedien Tübingen) statt.


Sie laden zur Debatte über Informationskompetenz und Demokratie an die Universität Hildesheim ein: Professor Thomas Mandl, Informationswissenschaftlerin Daphné Cetta, Professorin Elke Montanari und Professor Joachim Griesbaum. Fotos: Daniel Kunzfeld (2), Martina Hanschke (1), pixabay/FirmBee