Inklusives Theater

Theaterübertitelung für hörgeschädigte, gehörlose und hörende Menschen 

Ein Projekt der Universität Hildesheim unter Leitung von Prof. Dr. Nathalie Mälzer

***Das Projekt wurde für den Preis des Innovationsnetzwerks Niedersachsen nominiert und am 24.4.2017 auf der Hannover Messe vorgestellt.***

In Deutschland gibt es zwar einige Theater und Opern, die interlinguale Übertitel anbieten, doch findet man wenig Übertitel für Hörgeschädigte oder Gehörlose. Induktionsschleifen, wie sie an einzelnen Theatern eingesetzt werden, bieten leider nur Schwerhörigen die Möglichkeit, an Theateraufführungen teilzuhaben. Mit dem 2015 am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation der Universität Hildesheim ins Leben gerufenen Projekt wurde die konzeptionelle Entwicklung und künstlerische Umsetzung von Theaterübertiteln für Gehörlose, Hörgeschädigte und Hörende in zwei Kooperationen erarbeitet (Pilotprojekt 2015: Kooperation mit dem Theaterensemble Club Kirschrot und dem Stück „Club der Dickköpfe und Besserwisser“, Projekt 2016: Kooperation mit dem Theaterensemble BwieZack mit dem Stück "von außen zu nah").

 

Unsere aktuelle Kooperation für die Spielzeit 2017/18: Schauspiel Hannover

Die Dramaturgin und Theaterpädagogin Barbara Kantel, designierte Leiterin des Jungen Schauspiels Hannover, und die Regisseurin Wera Mahne möchten in der Spielzeit 17/18 ein Theaterstück mit und für Hörende und Gehörlose inszenieren. Das von uns entwickelte Übertitelungskonzept soll in die künstlerische Umsetzung der Übertitel durch einen Videokünstler einfließen. Neben Übertitelung wird auch Gebärdensprache eingesetzt werden. Die gemeinsame Produktion wird von einem Team der Universität Hildesheim wissenschaftlich begleitet. Inszeniert wird das Jugendtheaterstück "Mädchen wie die" ("Girls like that") von Evan Placey (dt. von Frank Weigand).  

Das Team: Prof. Dr. Nathalie Mälzer, Hanna Bock (MA, Doktorandin), Hannah Schwarz (Organisation), Saskia Schulz (Videographie der Proben) und Loraine Keller (Empirische Studie mit Zuschauer_innen) sowie Studierende des Masterstudiengangs Medientext und Medienübersetzung

Kooperationspartner: Barbara Kantel, Dramaturgin und designierte künstlerische Leiterin: Junges Schauspiel Hannover.

Schauspiel Hannover, Ballhofplatz 5, 30159 Hannover

www.schauspielhannover.de

Förderer des Projekts: Calenberg-Grubenhagensche Landschaft und Stiftung Niedersachsen

Vorgängerprojekte

Die vergangenen Projekte sind im Rahmen der Nachwuchsförderung „deBühne_barrierefrei“ im Theaterhaus Hildesheim entstanden und richteten sich an schwerhörige, gehörlose und hörende Menschen ab 10 Jahren. Gemeinsam mit dem Seminar "Theaterübertitelung" unter der Leitung von Prof. Dr. Nathalie Mälzer wurde eine partizipative Inszenierung durch den Einsatz von Übertiteln, Lautsprache und Gebärdensprache entwickelt. Ein weiterer Kooperationspartner war das Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte e.V. Hildesheim. Beim dem Stück "von außen zu nah" unterstützte Marion Jansen, Lehrerin am LBZH, die Theatergruppe und erarbeitete mit ihnen im Probenprozess Gebärden für einzelne Szenen. Außerdem fand eine Zusammenarbeit mit der Theater-AG der St. Ansgar Kinder- und Jugendhilfe statt. Mit dem Anspruch, die Phantasie und Kreativität der Jugendlichen zu wecken und ihre Ideen direkt in die inszenatorische Arbeit einfließen zu lassen, wurden in wöchentlichen Treffen Standbilder und Szenen erarbeitet, die Freundschaft, Ausgrenzung und Alleinsein verkörpern. Hier geht es zu den Trailern der beiden inklusiven Stücke: Club der Dickköpfe und Besserwisser und von außen zu nah Der Weg zur Übertitelung / Inszenierung von "von außen zu nah"

Die Übertitel für Gehörlose, Schwerhörige und Hörende wurden im Rahmen eines Projektseminars an der Universität Hildesheim erarbeitet und unter der Leitung von Prof. Dr. Nathalie Mälzer von den Studierenden  Laura Leske, Saskia Schulz und Anna Pristouschek erstellt. Die Übertitel sind integrativer Bestandteil der Aufführung. Lautsprache und Gebärdensprache werden in Schriftsprache übersetzt (und umgekehrt) und als Übertitel im gesamten Bühnenraum live eingeblendet. Die Übertitel werden sowohl als kommunikativ-übersetzerisches Element verwendet, als auch als eigenständiges theatrales Ausdruckselement, das einen ästhetischen Mehrwert für die Inszenierung bietet. Die Inszenierung hatte partizipativen Charakter, was besondere Herausforderungen für die Übertitel darstellte. So konnten die Zuschauer_innen eine Szene mitgestalten, indem sie an einer Abstimmung teilnahmen. Oder sie bekamen Gruppenaufgaben gestellt, ohne ganz Verwendung gesprochener Sprache. Damit verbunden war die Bewegung des Publikums im Raum, die Grenze zwischen Bühne und Publikum wurde immer wieder aufgehoben. Aus diesem Grund musste die Projektion der Übertitel flexibel bleiben und durfte sich nicht auf eine Fläche beschränken. So gab es zu Beginn zum Beispiel eine Projektion an der Decke des Raumes. Die Bewegung der Übertitel gab nach dieser Szene den Impuls zur Änderung der Blickrichtung. In einzelnen Szenen wurden die Übertitel vollständig live erstellt.

Die Premiere und weitere Aufführungen haben am 2., 3. und 4. Juni 2016 am Theaterhaus Hildesheim, sowie am 12. Januar 2017 in der Kulturfabrik Lösecke stattgefunden.

 

Rezeptionsstudie und Nachbereitung

Im Anschluss an die einzelnen Aufführungen wurde beim Publikum eine Rezeptionsstudie durchgeführt. Hörende, Schwerhörige wie Gehörlose wurden per Fragebogen um detailliertes Feedback gebeten. Die Nachbereitung einiger Aufführungen fand ebenfalls im inklusiven Rahmen ohne gesprochene Sprache statt. An einzelnen Stationen waren die Zuschauer_innen nach der Aufführung eingeladen, ihre Meinung sowie Ideen und Wünsche – für alle sichtbar oder auch ungesehen – mitzuteilen.

Publikationen zum Projekt

Mälzer, Nathalie (mit Maria Wünsche) (2017): Die Ausweitung der Spielzone. Inklusion im Theater. Berlin: Frank & Timme (in Vorbereitung)

Mälzer. Nathalie (2017): "Inklusion im Theater". In: Gerald, Juliane (Hg.): Kultur.Inklusion.Forschung. Weinheim: Beltz Juventa (im Erscheinen)

Mälzer, Nathalie (Hg.) (2016): Barrierefreie Kommunikation – Perspektiven aus Theorie und Praxis. Berlin: Frank & Timme.

Wünsche, Maria (2016): "Das Spannungsfeld zwischen Barrierefreiheit und Inklusion am Beispiel der Theaterübertitelung." In: Mälzer, Nathalie (Hg.): Barrierefreie Kommunikation – Perspektiven aus Theorie und Praxis. Berlin: Frank & Timme,193-208.

Ansprechpartnerinnen

Universität Hildesheim: Prof. Dr. Nathalie Mälzer (maelzers[at]uni-hildesheim.de) Theaterhaus Hildesheim: Anika Kind (a.kind[at]theaterhaus-hildesheim.de) BwieZack: Petra Jeroma, Larissa Probst, Theresa Frey sowie Johanna Kraft, Malte Andritter, Inga Schwörer (bwiezack[at]googlemail.com)   

Das Pilotprojekt

Bei dem Ende Oktober 2014 gestarteten Pilotprojekt waren das Theaterhaus Hildesheim, die freie Theatergruppe Theater Kirschrot und das Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte e.V. Hildesheim die Kooperationspartner der Universität Hildesheim. Das Projekt wurde teilgefördert durch die Stiftung Niedersachsen. Das Stück „Club der Dickköpfe und Besserwisser“ richtete sich an Kinder/Jugendliche zwischen ca. 10 bis 13 Jahren und wurde unter Einbeziehung hörender und gehörloser Kinder erstellt. 

Übertitelung

Die Übertitel wurden unter der Leitung von Nathalie Mälzer erstellt von: Michèle Brand, Hanna Bock, Jelena Gayk, Isabella Kammerer, Alexander Kurch, Swenja Schum, Yvonne Quasdorf, Maria Wünsche. Es wurde sowohl Lautsprache als auch Gebärdensprache in Schriftsprache übersetzt und eigenständige erzählende Übertitel eingesetzt. Neben live gefahrenen Übertiteln wurden auch untertitelte Videos projiziert.

Die Premiere und weitere Aufführungen haben am 20. und 21. Februar 2015 am Theaterhaus Hildesheim stattgefunden.

 

Rezeptionsstudie

Im Anschluss an die einzelnen Aufführungen wurde beim Publikum eine Rezeptionsstudie durchgeführt. Hörende wie Nichthörende wurden per Fragebogen um detailliertes Feedback gebeten. Eine Auswertung der Fragebögen findet derzeit statt. Erste Ergebnisse wurden am 21. Februar 2015 bei einem Runden Tisch den anwesenden Experten und der Öffentlichkeit präsentiert. Runder Tisch Bei diesem Runden Tisch haben sich Schauspieler_innen, Fachleute aus Wissenschaft und Praxis, Vertreter_innen des Landesbildungszentrums für Hörgeschädigte und das interessierte Publikum ausgetauscht, um die Arbeitsprozesse bei der Erstellung der Übertitel sowie deren Qualität gemeinsam zu reflektieren und die Vor- und Nachteile der Übertitelung gegenüber anderen Formen der barrierefreien Gestaltung von Theateraufführungen zu vergleichen (etwa Gebärdendolmetschen, Induktionsschleifen etc.).

Ansprechpartnerinnen

Universität Hildesheim: Prof. Dr. Nathalie Mälzer, (maelzers[at]uni-hildesheim.de) Theater Kirschrot: Kristin Grün, Marietheres Jesse (post[at]theaterkirschrot.de)