HerMes: Herkunftssprache und mehrsprachige Identitäten

Sprechen Sie Nichtdeutsch? titelte Der Tagesspiegel 2014 einen Artikel zur Datenerhebung und zum Umgang mit Schülerinnen und Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache an Berliner Schulen. Durch eine (aus politischer, gesellschaftlicher und institutioneller Sicht durchaus nachvollziehbare) Konzentration auf den Umgang mit und die Förderung von Deutsch als Umgebungs- oder hegemonialer Sprache gerät die Bedeutung der Herkunftssprachen für unterschiedlichste Bildungs- und Spracherwerbsprozesse aus dem Blick. Das HerMes Projekt verschränkt die Frage der Rolle von Mehrsprachigkeit in Bildungskontexten und den Folgen von Mehrsprachigkeit in unterschiedlichen Lebensstadien und -situationen und widmet sich dabei insbesondere dem Russischen, das mit rund drei Millionen Sprecher_innen in Deutschland eine der am stärksten verbreiteten Herkunftssprachen ist (vgl. Anstatt 2008).

Mit sprachwissenschaftlichen Methoden wird die Rolle der Herkunftssprache für Sprachlernprozesse aus einer kontrastiven Perspektive betrachtet, um so Aufschluss über eine mögliche Variable in der Frage nach Bildungsverlauf und Schulerfolg aus einer qualitativen Perspektive zu erhalten. Ebenfalls für bildungsbiografische Entwicklungen relevant scheint auch der Blick auf die Bedeutung von Herkunftssprachen aus einer identitären Perspektive, um zu verstehen, wie Übergänge in den tertiären Bildungsbereich gestaltet werden und gelingen. 

Gefördert durch: Niedersächsisches Vorab der VW Stiftung

Ansprechpartnerin: Prof. Dr. Beatrix Kreß

Promotionsprojekte

Kommunikative Strukturen der Wissensvermittlung im russischen herkunftssprachlichen Unterricht

Katsiaryna Roeder

Lehr-/Lernprozesse sind gekennzeichnet durch die Kommunikation von Wissen. Die unterschiedlichen Formen der Wissensvermittlung, -abfrage und -verarbeitung, die im Unterrichtsdiskurs stattfinden, werden im Zusammenhang mit bestimmten Sprechhandlungen vollzogen, „um das Zusammenwirken der Aktanten zu ermöglichen, Wissen zu transferieren und ihre Zwecke zu realisieren“ (Brünner 1987: 24). Diese Sprechhandlungen, die sich zu Mustern verdichten, sind in unterschiedlichster Weise sowohl institutionell als auch kulturell verankert und überformt (vgl u. a. Redder/Rehbein 1987, Ehlich/Rehbein 1994).  Es ist also davon auszugehen, dass sich die sprachlichen Handlungen, die von den Beteiligten in einer Lehr-/Lernkonstellation vollzogen werden, in unterschiedlichen Institutionen und unterschiedlichen Kulturen auch unterschiedlich gestalten. Das Ziel des Promotionsprojektes ist daher die Analyse kommunikativer Strukturen und Konstellationen, die in einer außerschulischen Einrichtung zur Förderung der Herkunftssprache bei Kindern mit russischsprachigem Migrationshintergrund verwendet werden, um Wissen zu vermitteln und sprachliche Handlungsfähigkeit bei Schülerinnen und Schülern zu entwickeln. Dazu wird näher betrachtet und analysiert, welche sprachlichen Handlungsmuster (HM) zum Wissens- und Handlungserwerb im Unterricht zu finden sind und zu welchem Zweck sie von Lehrpersonen und Schüler_innen eingesetzt werden (vgl. Kalaitzi 2016: 18). Diese Handlungsmuster werden vor dem Hintergrund bereits herausgearbeiteter Muster in Unterrichtsdiskursen an deutschen Regelschulen  als kulturell und institutionell spezifisch gelesen. Die vor dieser Folie emergenten diskursiven Strukturen sollen dazu dienen, die Spezifik der vorliegenden Lehr-Lernkonstellation zu zeigen. Als Gegenstand der Untersuchung dienen Aufzeichnungen authentischer Unterrichtsstunden der russischen Sprache und Literatur einer sog. „Samstagsschule“, die funktional-pragmatisch  mit dem Fokus auf sprachliche Handlungsmuster ausgewertet werden.

 

Mehrsprachige Identität? Zur Bedeutung von Mehrsprachigkeit für die Identitätsbildung von Studierenden mit Zuwanderungsgeschichte

Ksenija Vozmiller

Das Promotionsprojekt beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Sprachen eine distinguierende Funktion hinsichtlich der individuellen Identitätskonstruktion der Studierenden mit Zuwanderungsgeschichte haben. Unter der Voraussetzung einer möglichen Diskrepanz zwischen der gesellschaftlichen Bewertung der Herkunftssprache der Studierenden und ihrer eigenen Einstellung zu ihrer Mehrsprachigkeit, werden ihre bildungsbiographischen Entscheidungen in Interviews retrospektiv erhoben und in Bezug auf die individuellen Realisierungsformen des sprachlichen Handelns bzw. spezifischen Handlungsmuster dahingehend untersucht, welche Faktoren es den mehrsprachigen Studierenden erlauben, sich der Herkunftssprache Russisch als dem integralen Bestandteil ihrer Identitätsbildung (vgl. Kreß 2014) im tertiären deutschsprachigen Bildungsbereich verbunden zu fühlen bzw. wie sie ihre Herkunftssprache kommunikativ in ihren Identitätsentwurf einbinden und zur Grundlage und Argumentation von biografischen und bildungsbiografischen Entscheidungen machen.