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Tiermumie erwacht: Museumsmagazin von Jugendlichen für Jugendliche

Dienstag, 17. Juli 2012 um 16:55 Uhr

Wenn die Tiermumie aus der Glasvitrine ausbricht: Beim Kooperationsprojekt „Schreiben im Museum“ begeistern Schülerinnen und Schüler Jugendliche für Museumsbesuche und machen Lust aufs Schreiben. Das Lese- und Schreibzentrum der Universität Hildesheim und Lehramtsstudierende wollen damit die Schreibentwicklung fördern.

Die Tiermumie ist uralt und stammt aus der Ptolemäerzeit, 332 bis 30 vor Christus. Luis Busch steht vor einer Vitrine im Roemer- und Pelizaeus-Museum (RPM) und blickt auf die Mumie des Krokodils. „Das heilige Tier ist das ‚Markenzeichen‘ des Gottes Sobek. Und irgendwie jetzt auch mein Markenzeichen“, erklärt er stolz. Denn für das erste Museumsmagazin von Jugendlichen für Jugendliche hat der Zwölfjährige eine Erzählung über die Tiermumie verfasst. „Um meine Geschichte zu schreiben, habe ich mir vor der Vitrine Stichpunkte notiert und mir zum Beispiel vorgestellt, dass das Krokodil aus der Vitrine ausbricht, den Fahrstuhl nutzt.“ Luis kombinierte die Gegenwart mit recherchierten historischen Hintergründen. „Verehrt wurde die Riesenechse vor allem in Kom Ombo, einem Ort am Ufer des Nils“, fährt er fort. „Weil das Tier in einen göttlichen Status erhoben wurde, wurde gleichzeitig die Gefahr gebannt, die von ihm ausgeht.“

Luis Busch besucht die 6. Klasse der Oskar-Schindler-Gesamtschule. Gemeinsam mit Berufsfachschülern der Walter-Gropius-Schule (Druck- und Medientechnik) hat er das Museumsmagazin erstellt. Die Sechstklässler haben seit Februar 2012 die Ägyptenausstellung des RPM schreibend erkundet, begleitet wurden sie von Lehramtsstudierenden der Universität Hildesheim. Die Texte wurden von den Berufsfachschülern in Form gebracht – vom Grundlayout über das Setzen bis zum Druck. Entstanden ist ein Magazin mit zahlreichen Geschichten, Interviews und Gedichten, welches künftig einer breiteren Öffentlichkeit, u.a. im Museumsshop, angeboten wird.

„Mit den Lehramtsstudierenden der Uni Hildesheim haben die Museumsbesuche Spaß gemacht. Sie sind selber noch jung und können sich ganz gut in unsere Lage versetzen. Wir sollten öfter raus aus der Schule", so das Resümee des Zwölfjährigen. Jil Janhoff ist durch das Schreibprojekt erstmals zur Museumsbesucherin geworden. „Vorher war ich noch nie im RPM“, sagt die elfjährige Hildesheimerin. „Ich möchte jetzt öfters ins Museum.“ Nicht alleine, sondern mit Freunden. „Es ist spannend, darüber zu sprechen, was man sieht, zum Beispiel die Spielfiguren aus Knochen. Manchmal sind wir auch still. Vor einem Armreif blieben wir alle stehen und fragten uns: Wer hat diesen Armreif wohl früher getragen?“ Diese Frage bot den Anlass für Jils Erzählung über eine junge Frau.

„Ihr habt den Exponaten Geschichten gegeben“, zeigt sich Prof. Dr. Irene Pieper, Leiterin des Lese- und Schreibzentrums der Universität Hildesheim, während der Präsentation des Museumsführers vor rund 100 Gästen, darunter der Direktorin des RPM, begeistert. „Die Ägyptenausstellung zeigt eine Welt, die auch für uns Erwachsene oft noch ziemlich fremd ist. Ihr aber habt euch von den Exponaten inspirieren lassen und sie ‚zum Sprechen‘ gebracht. Besonders schön daran ist, dass wir daran teilhaben können“, sagt Johannes Reinert. Er hat an der Universität Hildesheim über die Praxis des Umgangs mit Inhaltsangaben im Deutschunterricht promoviert und das Schreibprojekt koordiniert. „Wir konnten Theorie und Praxis verbinden“, sagt Studentin Karolin Schröder. „Das Besondere unseres Projekts lag gerade auch in der Kooperation zwischen Schule und Universität. Unsere Lehramtsstudierenden konnten ihr neu erworbenes Wissen über Schreibentwicklungsprozesse sowie aktuelle Ansätze kreativen Schreibens gleich anwenden und Erfahrungen in ihrem zukünftigen Beruf sammeln“, unterstreicht Reinert, der im August 2012 den Vorbereitungsdienst für Lehrämter an der St.-Augustinus-Schule beginnt.

Der Museumsverein Hildesheim finanziert das Projekt „Schreiben im Museum“. Eine Fortführung und Weiterentwicklung mit weiteren Schülergruppen und Klassen ist geplant.

Kooperation mit Schulen in der Lehrerausbildung

Die Stiftung Universität Hildesheim und die Oskar-Schindler-Gesamtschule intensivieren die Zusammenarbeit in der Lehrerausbildung. Studierenden wird die Gelegenheit zu mehr Praxiserfahrung geboten, die Schülerinnen und Schüler erhalten die Chance auf zusätzliche Lese- und Schreibförderung. In der Gesamtschule hat in Zusammenarbeit mit der Universität ein Lese- und Schreibzentrum seine Arbeit aufgenommen. Schülerinnen und Schüler können sich mit Büchern und Texten befassen; Studierende schaffen Lese- und Schreibanlässe, betreuen Schreibprozesse. Künftig sollen weitere Projekte im Bereich Entwicklung der Schreib- und Lesemotivation, Förderung der Schreib- und Lesekompetenz und Vermittlung von Informations- und Medienkompetenz durchgeführt werden.

Praxisbezug vom ersten Semester an: In Kooperation mit 250 Schulen aus der Region ist die Schulpraxis traditioneller Teil der Lehrerbildung („Hildesheimer Modell“) an der Stiftung Universität Hildesheim. Lehramtsstudierende lernen ab dem ersten Semester den Schulalltag aus einer neuen Perspektive kennen. In Kleingruppen beobachten und analysieren sie jeden Freitagvormittag Unterricht. Dabei werden sie von Wissenschaftlern und Lehrern begleitet, die Praxisphasen werden intensiv vor- und nachbereitet.