Prof. Meike Baader: "Wissenschaft muss sich ihrer ethischen Verantwortung bewusst sein"

Freitag, 20. November 2020 um 08:54 Uhr

Die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen gewinnt in der Wissenschaft ein immer größeres Gewicht. Der Tag der Forschung nimmt das Thema in den Blick - und soll den fachlichen Austausch über Forschungsthemen fördern.

Prof. Dr. Meike Baader hat in ihrem Forschungsalltag viel mit ethischen Fragestellungen zu tun.

Was ist die Idee des Tags der Forschung?

Der Tag der Forschung mit der Überschrift „Forschungsethik – ohne sie keine gute wissenschaftliche Praxis“ soll den Auftakt bilden zu einer regelmäßigen Veranstaltungsreihe, die künftig einmal im Jahr oder vielleicht sogar einmal im Semester laufen kann. Die Idee ist es, Forschung über die Fachbereiche hinweg sichtbar zu machen. Die Initiative für das Thema Forschungsethik kam von der Senatskommission für Ethik, der Prof. Dr. Peter Cloos vorsitzt. 

An wen richtet sich die Veranstaltung?

Wir freuen uns natürlich auch über eine interessierte Öffentlichkeit, aber vor allem wollen wir eine Uni-interne Zielgruppe ansprechen. Gerade jetzt in der Corona-Zeit haben wir uns viel darüber ausgetauscht, wie Lehre unter diesen Bedingungen organisiert werden kann und was alles beachtet werden muss. Aber die Forschung läuft ja auch weiter – unter deutlich erschwerten Bedingungen. Mit dem Tag der Forschung wollen wir wieder vermehrt den Fokus darauf richten, und die Kommunikation und den gemeinsamen Austausch über Forschung wieder intensivieren. 

Gab es einen bestimmten Anlass, diesmal das Thema „Forschungsethik – ohne sie keine gute wissenschaftliche Praxis“ in den Vordergrund zu stellen?

Ethische Fragen geraten in der Forschung immer stärker in den Blick. Unlängst erst hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihren Ethik-Kodex, den die Universitäten jetzt umsetzen müssen, überarbeitet – und dabei deutlich ausgeweitet. Das Thema wird in der Wissenschaft immer bedeutsamer. Es gibt eine gewachsene Sensibilität gegenüber dem Schutz vulnerabler Gruppen, beispielsweise von Kindern. Auch im Forschungsdatenmanagement geht man heute viel bewusster und nachhaltiger mit Daten um. Noch bis vor kurzem war es die vorherrschende Einstellung, dass Daten der Person gehören, die sie erhoben hat. Inzwischen werden Wissenschaftler*innen angehalten, ihre Daten – deren Erhebung ja in der Regel mit öffentlichen Geldern finanziert wird – nach einer gewissen Wartezeit auch anderen in der wissenschaftlichen Community zu Verfügung zu stellen. Das ist sinnvoll und nachhaltig, aber es wirft auch neue Fragen auf, was die Aufbewahrung, Sicherung und Pflege der Daten betrifft. Fragen des Datenschutzes, ethische Fragen sowie solche des Datenmanagements werden auf dem Tag der Forschung diskutiert.

Bei Ethik in der Forschung denkt man schnell an medizinische Themen – ganz aktuell zum Beispiel die Triage-Debatte oder die Frage, wie Impfstoffe verteilt werden sollen, wenn sie nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Wie kann Wissenschaft da helfen?

Zu allererst kann Wissenschaft aufzeigen, welche Probleme durch solche Fragen überhaupt hervorgerufen werden. Was bedeutet beispielsweise die Triage-Entscheidung für diejenigen, die sie treffen müssen, also für die Ärzte und Ärztinnen? Auch darüber wird meines Wissens an der Universität Hildesheim, in der Psychologie, geforscht. Eine Befragung nach wissenschaftlichen Kriterien kann beispielsweise die psychische Belastung ermitteln. Ethische Aspekte kommen aber bei weitem nicht nur im medizinischen Umfeld vor, sondern in allen wissenschaftlichen Bereichen, von der Pandemie bis zum Klimawandel.

Sie selbst sind Erziehungswissenschaftlerin – in welchen Bereichen haben Sie mit ethischen Fragestellungen zu tun?  

Wir haben zum Beispiel gemeinsam mit einem Team aus dem Institut für Sozial- und Organisationspädagogik Forschungen zu sexualisierter Gewalt durchgeführt. Befragungen zu diesem Thema können eine Belastung für die Betroffenen darstellen, die auch das Risiko von Retraumatisierungen mit sich bringen kann. Das, was eine solche Befragung auslösen kann, können wir als Wissenschaftler*innen im Zweifelsfall gar nicht auffangen, wir können dann nur zum Beispiel an Beratungsstellen verweisen. Deshalb ist es sehr wichtig, sich der Verantwortung für die eigene Forschung bewusst zu sein und mögliche Folgen zu reflektieren – und dies auch bereits im Forschungsantrag mit zu berücksichtigen. Solche Forschungsanträge müssen dann auch durch die Ethikkommissionen der Universität genehmigt werden.   

Aktuell gibt es den Fall einer Auftragsforschung zur sexualisierten Gewalt, die eigentlich abgeschlossen ist. Das Projekt ist beendet, die Finanzierung ausgelaufen. Aber uns erreichen immer weiter Anfragen und Hinweise. Die können wir ja jetzt nicht einfach ignorieren. Die beantworten wir jetzt also, so gut es geht, obwohl dafür eigentlich gar kein Geld mehr vorgesehen ist. Dass wir nicht einfach aufhören, hat auch mit forschungsethischen Überlegungen und Haltungen zu tun.  

Haben Sie noch andere Beispiele, wo an der Uni Hildesheim Forschungsethik eine besondere Rolle spielt?

Mir fallen natürlich zuerst Beispiele aus meiner eigenen Disziplin ein: Eine Mitarbeiterin aus meinem Arbeitsbereich hat für Ihre Forschungen Holocaust-Überlebende befragt. Auch das erfordert eine sensible Interviewführung und eine Reflexion darüber, was die Befragung möglicherweise beim Gegenüber auslöst.

Noch einen Schritt weitergedacht, macht solche Forschung aber auch etwas mit den Wissenschaftler*innen: Sie müssen sich über einen langen Zeitraum mit einem belastenden Thema auseinandersetzen. Auch dafür vorauszudenken und beispielsweise eine Möglichkeit der Supervision und damit entsprechende Ressourcen einzuplanen, ist ein Aspekt einer ethisch verantwortungsbewussten Forschung.

Forschung kann auch selbst neue ethische Dilemmata hervorbringen. Ich hatte vor einiger Zeit ein Gespräch mit Sebastian Thrun, in dem es auch um die Frage ging, wie selbstfahrende Autos für Situationen programmiert werden sollen, in denen ein Unfall unvermeidlich ist. Nehmen wir an, ein Kind läuft vor das Auto. Es wäre ein Ausweichmanöver möglich, aber dann würde das Auto eine Seniorin auf dem Bürgersteig überfahren. Von dieser Problemstellung kann man sich natürlich noch diverse Variante überlegen. Ich will jetzt gar keine Lösung von Ihnen präsentiert bekommen, aber vielleicht können Sie mal erklären, wie man sich so einem Thema aus forschungsethischer Sicht nähern kann?

Das ist ein Beispiel für die sogenannte Technikfolgenabschätzung. Auch da gilt, dass sich die beteiligten Wissenschaftler*innen erstmal darüber bewusst sein müssen, dass ihre Forschung nicht nur das gewünschte Ergebnis hervorbringt, sondern auch nicht-intendierte Nebenwirkungen erzeugt. Das sind vermutlich Fragen, die in multi-perspektivisch ausgerichteten Teams erörtert werden müssen.

Was wäre aus Ihrer Sicht eine wichtige Erkenntnis, die ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin am Tag der Forschung abends mit nach Hause nehmen sollte?

Die Auseinandersetzung mit forschungsethischen Fragen kann schon in einer Bachelor- oder Masterarbeit wichtig sein. Wenn zum Beispiel mit anonymisierten Daten gearbeitet wird, muss ein Verständnis dafür gegeben sein, warum das wichtig ist, und wie man das am besten macht. Deshalb muss die Sensibilisierung für solche Fragen früh ansetzen, am besten schon im Studium. Bei diesem Thema gibt es also auch eine Verbindung zwischen Forschung und Lehre. Außerdem sollten Fragen von Datenmanagement, Datenschutz und Forschungsethik, die sich unterscheiden, aber auch zusammenhängen, früh in die Qualifikation des wissenschaftlichen Nachwuchses einbezogen werden. Das wäre eine Botschaft, von der ich mir wünschen würde, dass sie bei den Teilnehmer*innen ankommt.

 

Interview: Sara Reinke

---------------------------

Prof. Dr. Meike Baader ist Vizepräsidentin für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs und Mit-Initiatorin des  Tags der Forschung. Die Veranstaltung mit dem Thema „Forschungsethik ohne sie keine gute wissenschaftliche Praxis“ ist entstanden in Kooperation mit dem Vorsitzenden der Senatskommission für Ethik, Prof. Dr. Cloos sowie  Prof. Dr. Gunther Graßhoff (Vorsitzender der Ethikkommission des FB1), dem Graduiertenzentrum (Svea Korff), dem Datenschutzbeauftragten der Universität, Prof. Dr. Mandl, dem Forschungsdatenmanagement (Annette Strauch), dem Ombudsmann für gute wissenschaftliche Praxis, Prof. Dr. Martin Sauerwein, sowie der Stabsstelle Forschungsförderung und Forschungsmanagement (Markus Weißhaupt) .

 

Die Veranstaltung beginnt am Mittwoch 25. November 2020 um 14.15 Uhr und wird über das Webkonferenzsystem Zoom übertragen.

Weitere Informationen zum Programm und den Referent*innen gibt es hier.