„Literatur findet mitten im Leben statt“

Montag, 28. August 2017  / Alter: 51 Tage

Aus der Forschung: Wie verhält sich ein literarischer Text zu seiner zeitlichen Umgebung – reaktiviert er Wissen aus der Vergangenheit, speichert er Gegenwart, grenzt er sich ab? Im Interview spricht die Literaturwissenschaftlerin Jennifer Clare über ihre Doktorarbeit, die Beziehung zwischen Politik und Literatur und die Recherche in Archiven. Außerdem gibt sie Einblicke in ihre Habilitation, in der sie das gemeinsame autobiographische Schreiben im 19. Jahrhundert untersucht.

Die Literaturwissenschaftlerin Jennifer Clare, hier während eines Seminars mit Studierenden am Bühler-Campus, hat ihre Doktorarbeit bei Professor Toni Tholen abgeschlossen. Derzeit arbeitet sie an ihrer Habilitation. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim

Jennifer Clare lehrt und forscht am Institut für deutsche Sprache und Literatur. An der Universität in Hildesheim hat die Literaturwissenschaftlerin bei Professor Toni Tholen promoviert und arbeitet derzeit an ihrer Habilitation.

Im Moment schaut sich die 31-Jährige deutsch- und englischsprachige Texte aus dem 19. Jahrhundert an und untersucht, wie hier literarische Zusammenarbeit funktioniert, also die Arbeit von mehr als einer schreibenden Person an einem Text. Jennifer Clare hat sich für die Wissenschaft entschieden und schätzt dabei besonders die Diskussionen mit Studentinnen und Studenten in Lehrveranstaltungen.

Interview mit der Literaturwissenschaftlerin Jennifer Clare

Wie heißt Ihre Doktorarbeit?

Meine Doktorarbeit trägt den Titel „Protexte. Interaktionen von literarischen Schreibprozessen und politischer Opposition um 1968“.

Was untersuchen Sie in der Forschung?

Ich habe in der Doktorarbeit literarisches Schreiben um 1968 untersucht: Welche Vorstellungen gibt es in dieser Zeit vom Schreiben und von sich selbst als schreibender Person? Wie werden Schreibende gesehen, mit welchen Erwartungen, Zuschreibungen, aber auch Vorwürfen werden sie konfrontiert? Wie sieht die oft benannte „Politisierung der Literatur“ genau aus, das heißt wie greifen Politik und Literatur ineinander, was bezieht die Literatur aus der Politik, aber auch die politische Oppositionskultur aus neuen Schreibverfahren? Wie mischt sich das Schreiben in diesem Zusammenhang mit anderen medialen und sprachlichen Formaten – mit dem, was zeitgleich zum Beispiel in Popmusik, Film oder Flugblättern passiert? Und, nicht zuletzt: Was macht all das mit den entstehenden literarischen Texten, ihrer Form, ihrer Ästhetik?

Wie sieht denn die „Politisierung der Literatur“ aus, wie greifen Politik und Literatur ineinander? Was haben Sie in Ihrer Doktorarbeit herausgefunden?

Wenn man „Politisierung der Literatur“ hört, denkt man vielleicht zuerst an das Naheliegende: Ein Text handelt entweder von politischen Themen oder er fungiert als politisches Instrument – zum Beispiel, indem er zum Widerstand aufruft, über einen gesellschaftlichen Missstand aufklärt oder einer unterdrückten Personengruppe eine öffentliche Stimme verleiht. Solche Texte gibt es um 1968 recht viele, aber die „Politisierung der Literatur“ beschränkt sich nicht darauf. Zum Beispiel konnte ich an Texten von Rolf Dieter Brinkmann zeigen, dass er, obwohl er die politische Instrumentalisierung von Literatur strikt ablehnt und Politik auch wenig explizit thematisiert, trotzdem „politisiert“ im Sinne der „68er“ schreibt: In seinen Texten geht es vor allem darum, sprachlich radikal zu sein, sich gegen literarische Autoritäten zu positionieren, formale und stilistische Hierarchien zu überwinden, als bürgerlich empfundene Räume zu verlassen (in seinem Fall zum Beispiel den Schreibtisch), auf sprachlicher Ebene Macht und sogar Gewalt auszuüben, Auslöschung zu betreiben. Alle diese Elemente und Ideen haben ihre Pendants in der politischen Szene um 1968 –  ohne dass diese Bezüge geplant oder auch nur zeitgenössisch hergestellt wurden. Das ist ein sehr schönes Beispiel dafür, dass Literatur und soziale Umgebung immer wechselseitig und nicht immer berechenbar interagieren.

Eine Erkenntnis, zu der Sie jüngst kamen?

Es ist ungeheuer interessant und wichtig, diesen Zeitraum mit zeitlichem Abstand und mit aktueller fachwissenschaftlicher Methodik neu anzuschauen. Seine kulturellen Produkte haben Vieles und teilweise sehr Differenziertes zu sagen über eine leider oft einseitig und klischeehaft interpretierte Zeit und ihr sehr spezielles literarisches Schreiben.

Warum ist Ihre Forschung keine Zeitverschwendung – warum ist Ihre Forschung wichtig?

1968 gilt bis heute als wichtige Schaltstelle der jüngeren deutschen Geschichte; Personen und Institutionen der medialen Öffentlichkeit berufen sich – positiv wie negativ – darauf. Meine Arbeit über literarische Texte aus dieser Zeit sagt viel über zeitspezifische Lebenssituationen, Konflikte, Faszinationen und Ängste. Denn ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin ist immer auch zugleich ein schreibender Mensch in einer bestimmten Lebens- und Denkumgebung. Seine oder ihre Texte sind unschätzbare Dokumente nicht nur von Fakten und Aussagen, sondern, viel wichtiger, von Konfliktsituation und Konfliktkonstellation, von Prozessen der Einsicht, des Ausprobierens, des Scheiterns, des Reflektierens. All das ist retrospektiv nur schwer greifbar, aber es ermöglicht den Ansatz eines Verständnisses, warum sich zum Beispiel bestimmte literarische Formen und Formate oder auch bestimmte politische Kommunikationsmuster genau in dieser Zeit genau so entwickelt haben.

Meine Perspektive steht dabei nicht in Konkurrenz zu der der zahlreichen noch lebenden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen (denen ich viele Informationen und Materialien verdanke), sondern versucht, eine spezielle literarisch-kulturelle Konstellation aus der Gegenwart und den Texten heraus aufzurollen und reflektierbar zu machen.

Und wie lange dauert Ihre Forschung?

Die allerersten Ideen zu der Arbeit hatte ich im Frühjahr 2010, verteidigt habe ich sie dann im Frühjahr 2015. Mein Arbeitsalltag sah in den fünf Jahren sehr unterschiedlich aus: Am Anfang habe ich sehr viel Zeit in Bibliotheken verbracht, recherchiert, gelesen und notiert. Bei meinem Thema lagen die relevanten Forschungstexte nicht sofort auf der Hand, sodass ich anfangs wirklich alles aus der Zeit, das mir in die Hände kam, angeschaut habe: Ich habe Flugblattsammlungen durchgesehen, Filme geschaut, Musik gehört, mich mit Fotobänden und wichtigen literarischen Institutionen wie zum Beispiel dem „Kursbuch“ beschäftigt. Daraus hat sich allmählich ein Textkorpus herausgeschält.

Die letzten zwei Jahre habe ich hauptsächlich geschrieben. Was ich an der Forschungstätigkeit wirklich mag, ist, dass sie immer wieder produktiv mit anderen Dingen interagiert, die ich tue: Oft habe ich durch den Besuch einer Konferenz oder eine studentische Rückfrage in einer meiner Lehrveranstaltungen – manchmal in völlig anderen thematischen Zusammenhängen! – eine gute Idee für die Arbeit bekommen.

Welche Verantwortung tragen Sie als Wissenschaftlerin?

Als Literaturwissenschaftlerin mache ich in meiner Arbeit Deutungs- und Verständigungsangebote. Oft geht es um nichts Geringeres als das Leben selbst: Wie wir uns selbst verstehen, wie wir in bestimmten Zusammenhängen zusammenleben, wie wir uns zu unserer Vergangenheit, unserer Kultur, unserer Gesellschaft stellen, warum bestimmte Dinge in Alltag, Medien und Kommunikation so sind, wie sie sind – ich glaube, das ist der große Horizont, in dem Literatur etwas zu sagen hat und über Macht verfügt. Meine ganz persönliche Verantwortung ist es, diesen Zusammenhängen nachzuspüren und sie gesellschaftlich zur Diskussion zu bringen. Literatur findet mitten im Leben statt und ist unmittelbar verknüpft mit der sozialen Umgebung, aus der sie hervorgeht. Als Literaturwissenschaftlerin muss ich diese Verknüpfung ernst nehmen und eine Kommunikation darüber herstellen.

Ganz konkret bedeutet das, dass ich mich zum Beispiel bewusst um einen verständlichen, der interessierten Öffentlichkeit zugänglichen Schreibstil bemühe und dass ich mir bei jedem Thema, das ich auswähle – für ein Forschungsprojekt, einen Aufsatz, eine Lehrveranstaltung – genau überlege, worin seine gesellschaftliche Relevanz besteht.

Nun sind Sie fertig mit Ihrer Promotion an der Universität in Hildesheim und tragen den „Doktortitel“ – haben Sie Sorge, wie es nun beruflich weitergeht?

Ich habe mich dafür entschieden, die akademische Karriere weiter zu verfolgen und möchte Professorin werden. Natürlich verfolge ich den Stellenmarkt und weiß um seine Herausforderungen und Schwierigkeiten, aber ich weiß auch, dass ich gute Arbeit mache und werde in diesem Sinne versuchen, meinen Weg zu gehen.

Sie sind seit 2010 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Hildesheim im Bereich Literaturwissenschaft. Seit 2016 arbeiten Sie an Ihrem Habilitationsprojekt „Zusammen leben, zusammen schreiben. Kollaboration, Geschlechtlichkeit und autobiographisches Schreiben im 19. Jahrhundert".

Ich habe mich gefragt, wie literarische Zusammenarbeit funktioniert – also die Arbeit von mehr als einer schreibenden Person an einem Text. Wer entscheidet da was, wie wird die Schreibarbeit organisiert und aufgeteilt, wovon hängt sie ab? Und was passiert, wenn wir es auch noch mit einem im weiteren Sinne autobiographischen Format (wie einem gemeinsamen Tagebuch, Briefwechsel, Notizbuch) zu tun haben? Wer biographiert dann eigentlich wen?  Und sind es marginale, atypische Einzelfälle oder sind viel mehr Schreibprozesse in Zusammenarbeit abgelaufen als wir es gemeinhin annehmen? Müssen wir auf Basis solcher Fälle Konzepte wie „autobiographisch“ und „Autorschaft“ erweitern? Im Moment schaue ich mir exemplarische deutsch- und englischsprachige Texte im 19. Jahrhundert an. Der Aspekt der Geschlechtlichkeit ist dabei besonders wichtig, weil Männer und Frauen in ihrem Schreiben und ihrer schreibenden Selbstinszenierung stark geschlechtlichen Normen ihrer Zeit unterliegen (oder auch gerade versuchen, diese in der Zusammenarbeit mit dem anderen Geschlecht zu überwinden).

Sie haben in Gastseminaren an der Sun Yat-Sen University, Guangzhou, der Universität Zürich und der Universität Warschau unterrichtet, waren zum dreimonatigen Forschungsaufenthalt als „Junior Visiting Fellow“ an der University of London. Was lernen Sie in solchen internationalen Begegnungen, wie profitiert die Forschung aus solchen internationalen Kontakten?

Meine Lehrveranstaltungen im Ausland waren sehr unterschiedlich, was zum Beispiel das literaturwissenschaftliche Vorwissen, die Sprachkenntnisse, die Gruppengröße, die thematischen Interessen und die Bildungssozialisation der Studierenden betrifft. Es macht unglaublich Spaß, sich darauf einzustellen, sich auf andere Institutionen und Lernkulturen einzulassen und darin auch die eigene Lehrpraxis in Deutschland immer wieder neu zu denken. Das Fellowship in London war wiederum eine wichtige Erfahrung dahingehend, wie anders Forschung und akademische Zusammenarbeit an einer sehr großen Universität organisiert sind. Außerdem habe ich hier Zugang zu sehr großen Literaturbeständen bekommen, zum Beispiel der British Library und der Senate House Library. Am wichtigsten war und ist mir aber in allen Fällen die persönliche Vernetzung. Mit einigen Kolleginnen und Kollegen arbeite ich immer noch intensiv zusammen.

In Ihrer Forschung befassen Sie sich auch mit dem Thema „Literatur und Gedächtnis“. Worum geht es da, welche Frage ist noch offen?

Dieses Thema ist mir sehr früh begegnet, als ich mich in meiner Diplomarbeit mit der Darstellung der Roten Armee Fraktion in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur beschäftigt habe. Ich habe damals gezeigt, wie die verschiedenen Texte in ganz unterschiedlicher Weise vom Umgang mit Erinnerungen geprägt sind: Wird die Vergangenheit als gegenwärtig oder in Retrospektive aufgerufen? Welche Elemente werden in der Literatur wieder aufgerufen und stark gemacht, welche werden vergessen? Wie gehen Autorinnen und Autoren mit einem Thema um, das in der kollektiven Erinnerung sehr stark von einem sehr limitierten Haushalt von Bildern – Fahndungsplakate, Brandstiftungsprozesse, Verhaftungsfotos, Entführungsopfer – und medialen Erzählfragmenten geprägt ist? Kann man eigentlich noch auf „die RAF“ zugreifen oder nur auf eine bereits recht lange und intensive Geschichte der Erinnerung in Medien, öffentlichen Debatten und früheren literarischen Texten?

Offen ist eigentlich bei jedem neuen literarischen Text die Frage, wie er sich zu seiner zeitlichen Umgebung verhält – reaktiviert er Wissensbestände aus der Vergangenheit, speichert er Gegenwart, grenzt er sich ab, nimmt er eine bestimmte Perspektive des Vergangenheitsbezugs ein? Das sind Fragen, die mich auch in den Folgeprojekten begleitet haben.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Zur Person

Dr. Jennifer Clare, 31, geboren in Bochum, Titel der Dissertation „Protexte. Interaktionen von literarischen Schreibprozessen und politischer Opposition um 1968“, betreut durch Prof. Dr. Toni Tholen vom Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Hildesheim. Die Literaturwissenschaftlerin arbeitet an der Universität in Hildesheim an ihrem Habilitationsprojekt zum Thema „Zusammen leben, zusammen schreiben. Kollaboration, Geschlechtlichkeit und autobiographisches Schreiben im 19. Jahrhundert“ (Arbeitstitel).

Einblicke in Forschung

Das Interview mit Dr. Jennifer Clare ist Teil einer fortlaufenden Serie über Doktorandinnen und Doktoranden an der Universität Hildesheim. Wer Einblicke in seine Arbeit, Forschungsmethoden und wissenschaftliche Erkenntnisse geben möchte, kann sich gerne in der Pressestelle bei Isa Lange melden (presse(at)uni-hildesheim.de).

So gibt zum Beispiel die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Wiebke Hiemesch Einblicke in ihre Dissertation. Im Interview spricht der Zahlentheoretiker Jan-Hendrik de Wiljes über seine Forschung.

Dr. Wiebke Hiemesch: Das Erinnern wachhalten

Dr. Jan-Hendrik de Wiljes: Über maximale Mengen

Von: Pressestelle, Isa Lange [erstveröffentlicht 28.08.2017, aktualisiert 12.09.2017]

Die Literaturwissenschaftlerin Jennifer Clare, hier während eines Seminars mit Studierenden am Bühler-Campus, hat ihre Doktorarbeit bei Professor Toni Tholen abgeschlossen. Derzeit arbeitet sie an ihrer Habilitation. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim