Lust auf Verschwenden

Samstag, 10. Mai 2014 um 14:30 Uhr

Künstlerisch-praktisches Projektsemester gestartet: In den nächsten drei Monaten arbeiten 350 Studierende und 35 Lehrende der kulturwissenschaftlichen Studiengänge der Universität Hildesheim zu dem Thema „Verschwendung“. Ergebnisse stellen sie beim Finale im Juli öffentlich vor.

Auf dem mittelalterlichen Burggelände, dem Kulturcampus Domäne Marienburg der Hildesheimer Universität, tickt die Zeit anders. Statt in der üblichen 90-Minuten-Taktung laufen die Projekttage in den nächsten drei Monaten auch einmal zehn Stunden bis in die Nacht. 350 Studierende und 35 Lehrende der kulturwissenschaftlichen Studiengänge verlassen ihre Hörsäle und Seminarräume, um ein Semester lang Kunstprojekte in den Bereichen Theater, Literatur, Medien und Film, Philosophie, Musik und bildende Kunst an neuen Orten zu produzieren, zu managen und zu vermitteln. Dabei dreht sich alles um Verschwendung.

„Unsere Studierenden sollen künstlerische Prozesse aus eigener Erfahrung kennen und beurteilen können. Wissenschaftliche Fragen können auch ästhetisch ausgelotet werden“, sagt Birgit Mandel, Professorin für Kulturvermittlung und Kulturmanagement. „Immer wieder zeigen Gespräche mit Arbeitgebern ebenso wie Rückmeldungen von Absolventen, dass es vor allem bestimmte Fähigkeiten sind, die beruflichen Erfolg ausmachen, etwa Verantwortung zu übernehmen, Risikofreude, Teamfähigkeit. Diese Kompetenzen werden nicht in normalen Seminaren herausgebildet, sondern erfordern Projekte mit Ernstfallcharakter“, sagt Mandel.

Ein „Archiv der verschwendeten Dinge“ soll entstehen, Studierende suchen nach Menschen, die Hildesheim lieben oder hier ihr Herz verloren haben („Verschwende dein Herz“). In anderen Vorhaben – „Verschwende dich selbst“ – bringen Studierende Autobiographisches auf die Bühne oder befassen sich mit der Bilderflut im digitalen Zeitalter. Im Projekt „Hans im Glück oder von der Lust das Geld zum Fenster raus zu werfen“ entwickeln sie in Zusammenarbeit mit Kindern und Theaterkomponisten Theaterinszenierungen für Kinder und Jugendliche, in denen Geräusche, Klänge und Musik eine besondere Rolle spielen. Den Ausgangspunkt bilden Märchen, Fabeln oder Kinderbücher. „Es ist völlig offen, was genau in den nächsten Wochen hier passiert, das ist reizvoll“, sagt Christin Zocher, die an der Uni Hildesheim Kulturvermittlung studiert und erstmals im Projektsemester mitwirkt. Derzeit stünden „alle am Anfang“. Das Projektsemester sei Arbeit, Krisensituation und Verantwortungsübernahme. Verschwendung – der Begriff tauche ja oft im negativen Sinne auf, sagt Christin Zocher. „Zeit verschwenden, Jugend verschwenden, Geld verschwenden. Aber man kann ihn auch positiv verwenden. Wir fragen Menschen, was sie damit verbinden. Verschwenden Rentner ihre Zeit? Wie sieht ein richtig gut verschwendeter Tag aus?“

Projektsemester: Finale im Juli

Ausstellungen, Inszenierungen, Musik, Filme, Lesungen und Konzerte – zwanzig Projektgruppen präsentieren ab 11. Juli 2014 die Arbeitsergebnisse der dreimonatigen Projektarbeit. Details und das Programm werden auf www.projektverschwendung.de [Internetseite ab 17. Mai online] bekanntgegeben.

Info: Studieren mit Spielraum

Studiengänge wie Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis, Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, Szenische Künste und Philosophie-Künste-Medien zeichnen sich durch die Verbindung von künstlerischer Praxis und wissenschaftlicher Auseinandersetzung aus. Alle zwei Jahre findet an der Universität Hildesheim seit 1992 ein fachübergreifendes Projektsemester mit thematischem Schwerpunkt statt. Alle künstlerischen Fächer – Theater, Medien, Literatur, Kunst, Musik, Philosophie, Kulturpolitik – sind beteiligt. Die Studierenden arbeiten in interdisziplinären Projektgruppen zusammen und befassten sich bisher mit Themenfeldern wie Arbeit und Glauben.

Neben dem Projektsemester produzieren die Hildesheimer Studiengänge zudem das europäische Theater- und Performancefestival „transeuropa“ sowie das größte Festival junger Literatur in Deutschland „Prosanova“, das ebenfalls im Rahmen des Projektsemesters vom 29. Mai bis 1. Juni in Hildesheim, maßgeblich von Studierenden konzipiert und organisiert wird.

Der Studiengang „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“ ist der älteste Studiengang in Deutschland, der seit 1978 für kulturwissenschaftliche, künstlerische und kulturvermittelnde Berufe qualifiziert. Mehr als 1000 Studierende aus dem deutschsprachigen Raum studieren auf einem mittelalterlichen Burggelände, dem Kulturcampus Domäne Marienburg. Absolventen sind bundesweit in Theaterhäusern und Verlagen, in Schulen, in Funk- und Fernsehanstalten, in der Kulturverwaltung und Kulturellen Bildung tätig.

Erstellt von Pressestelle, Isa Lange