Krisha Kops (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Moderne Interpretationen der Bhagavadgītā. Kontextualisierung und Dekontextualisierung eines Textes im interkulturellen Zusammenhang

Die Bhagavadgītā wurde seit jeher unterschiedlich gedeutet. Insbesondere die modernen Interpretationen scheinen sich teils gar diametral entgegenzustehen. Ein Teil dieser Arbeit analysiert vier solcher Interpretationen. Die da wären: Sarvepalli Radhakrishnan, der in der Gītā die Bestätigung für seine Philosophie der evolutionären Annäherung zwischen Osten und Westen mit dem Ziel einer spirituell vereinten Welt findet; Albert Schweitzer, der den Auszug aus dem Epos als „das meist idealisierte Buch der Weltliteratur“ wahrnimmt, ein Buch, das für ihn Weltverneinung und Unethisches beinhaltet; Mohandas Karamchand Gandhi, der daraus seine Philosophie des Ahiṃsā (Gewaltlosigkeit) und Satyāgraha (Festhalten der Wahrheit) ableitet oder darin bekräftigt sieht; und zuletzt Heinrich Himmler (sowie die Denker Franz Haiser und Jakob Wilhelm Hauer, dessen Gītā-Interpretationen Himmler heranzieht), welcher die heilige Schrift als eine Legitimierung für den Holocaust und die faschistische Weltanschauung versteht. Bei der Analyse dieser Auslegung wird im Sinne der Hermeneutik der Versuch unternommen, die Horizonte der Interpreten und somit, um weiter mit Gadamer zu sprechen, ihre Vorurteile herauszuarbeiten.

Um aber nun, nach der Exemplifizierung, die Frage zu beantworten, warum gerade dieser Text solch multivalente Auslegungen hervorruft, muss auch auf den Horizont des Ausgangstextes eingegangen und die Gegebenheiten seiner Kontextualisierung in Betracht gezogen werden. Das heißt, es muss erörtert werden, auf welche Fragen der Text eine Antwort sucht. Die Einflüsse des frühen Buddhismus, des Sāṃkhya, des Yoga, der Upaniṣaden und des rituellen Gedankengutes sind hierbei ausschlaggebend. Allerdings ist dies nicht das Hauptanliegen der Arbeit, wenngleich diese Herausarbeitung unumgänglich ist. Das Hauptaugenmerkt liegt nicht auf dem Inhalt, vielmehr der Form. Denn die Gītā ist keine einfache, prosaisch-philosophische Abhandlung, sondern auch formal ein äußerst hybrider Text. Dieses philosophische, religiöse, literarische Werk ist ein in einem Epos eingebundener und in Versen geschriebener dogmatischer Dialog. Folglich wird beabsichtigt zu erarbeiten, wie sich (dogmatischer) Dialog, Symbol, Metapher, gar Allegorie und andere formale Aspekte auf den hermeneutischen Charakter dieses Textes und folglich auch auf das Verständnis des Inhalts auswirken. Da es sich hierbei aber nicht allein um indische Interpretationen handelt, muss auch die interkulturelle Ebene beachtet werden, ob im Sinne der Hermeneutik der Übersetzung oder interkulturellen Hermeneutik an sich. Denker wie (der bereits erwähnte) Hans-Georg Gadamer, Hans Robert Jauß, Paul Ricœur und andere werden in der formalen Analyse eine tragende Rolle spielen.

Abschließend soll anhand des Erarbeitenden beantwortet werden, inwieweit eine solche Art des Philosophierens Möglichkeiten aber auch Schwierigkeiten birgt. Und ob dieses Philosophieren vielleicht gerade zu der Philosophie der Bhagavadgītā und ihrer Lehre passt, wenn nicht gar zur „indischen“ Philosophie per se – sollte es denn so etwas geben.

Leon Krings (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Theorien der Leiblichkeit sowie des embodiment und das Kata-System der japanischen "Weg-Künste" (Arbeitstitel)

Das Promotionsprojekt beschäftigt sich mit den leiblichen Praktiken der japanischen „Weg-Künste“ (道 ), welche vor allem von buddhistischen Konzeptionen geprägt sind und heute auf der ganzen Welt praktiziert werden. Die Weg-Künste bzw. umfassen verschiedene Traditionen der leiblichen Übung, etwa den „Tee-Weg“ (茶道 sadō/chadō), den „Blumen-Weg“ (華道 kadō), den „Weg der Kalligraphie“ (書道 shodō) oder die verschiedenen „Wege des Kriegers“ (武道 budō), wie z. B. Jūdō (柔道), Aikidō (合気道) oder Kyūdō (弓道 „Weg des Bogenschießens“).

Gemeinsam ist all diesen Künsten, dass sie durch die wiederholte Aneignung bestimmter leiblicher „Formen“ namens Kata (型/形) sowie deren Aneinanderreihung ein- bzw. ausgeübt werden. Diese Kata stellen idealisierte Abstraktionen von Körperhaltungen und Bewegungsabläufen dar, die als konkrete Inhalte der Kunst vom jeweiligen Meister an seine Schüler weitergegeben werden. Im Promotionsprojekt wird davon ausgegangen, dass die verschiedenen Kata in ihrer Gesamtheit einen Horizont der Übung darstellen, der in einen komplexen Kontext ethischer, ästhetischer, sozialer und leiblicher Dimensionen eingebettet ist. Als ein wichtiges Ziel wird dabei das Einleben des Übenden in bestimmte sinnliche und leibliche Strukturen angesetzt. Die Kata dienen hierbei als konkrete körperliche und zugleich leibliche Formen, die dem jeweiligen Möglichkeiten zur Objektivierung subjektiver bzw. prä-objektiver Gehalte auf einer synästhetisch-propriozeptiven Ebene bieten, um die im Verlauf der Übung ins alltägliche Leben zu integrierende leibliche Habitualität mit konkreten körperlicher Bewegungsabläufen zu verbinden. Die Aneignung der Kata benötigt eine intensive Praxis der leiblichen Abstraktion, Einübung und Wiederholung, die aufgrund des ideellen Charakters der Kata und der prinzipiell unendlich vertiefbaren Erfahrungen im Bereich der prä-objektiven Strukturen niemals abgeschlossen werden kann und daher ein Leben lang andauert bzw. über viele Generationen hinweg von Übendem zu Übendem weitergegeben und dabei transformiert wird.

Die Praktiken der Weg-Künste, der sie betreffende theoretische bzw. sprachliche Rahmen, sowie die Frage nach der philosophischen Relevanz des Übens insgesamt wird im Promotionsprojekt vor allem aus der Perspektive philosophischer Theorien der Leiblichkeit und des embodiment, wie sie derzeit in der Phänomenologie sowie der analytischen Philosophie diskutiert werden, betrachtet. Dabei spielen die phänomenologischen Ansätze von Edmund Husserl, Maurice Merleau-Ponty, Hermann Schmitz und Bernhard Waldenfels eine zentrale Rolle. Weiterhin werden neben den Analysen antiker philosophischer Praktiken von Michel Foucault und Pierre Hadot auch japanische Ansätze herangezogen, etwa die Theorien von Nishida Kitarō, Yuasa Yasuo und Ichikawa Hiroshi.

Lucas dos Reis Martins (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Interkulturelle Analyse der grammatischen Form des Mediums als Grundform des Denkens bei Martin Heidegger und Nishida Kitarō (Arbeitstitel)

Das Forschungsprojekt beabsichtigt das Medium – eine weitgehend in Vergessenheit geratene grammatische Form der Sprache – philosophisch zu thematisieren.  Ausgehend von dieser grammatischen Form soll das Denken von Martin Heidegger und Nishida Kitarō erforscht werden. Diese grammatische Form bringt Vollzugsformen zum Ausdruck, die jenseits von aktiv und passiv angesiedelt sind. Das Medium spielt eine zentrale Rolle im Denken von Martin Heidegger. Die Berufung von Heidegger auf mediale Verbformen in „Sein und Zeit“, um seinen phänomenologischen Methode zu radikalisieren, ist nur ein erster Hinweis auf die zentrale Bedeutung des Mediums in seiner Philosophie. In der japanischen Sprache ist die Verwendung und Bedeutung des Mediums noch sehr lebendig (obwohl sie in der Grammatikschreibung nicht immer explizit ist), so dass die Philosophie von Nishida Kitarō als eine denkerische Entfaltung des Mediums gelesen werden kann. Durch die philosophische Frage nach dem Medium sollen auf diese Weise Verwandtschaften zwischen dem Denken von Heidegger und Nishida aufgezeigt werden, um so einen Beitrag zum Dialog zwischen Asien und Europa zu liefern.

Diana Aman (Prof. Dr. Rolf Elberfeld / Prof. Dr. Jürgen Manemann)

Philosophie der Lebensarbeit: Zu einer Neujustierung des Arbeitsethos auf Grundlage von Axel Honneths moralischem Ökonomismus

Thematischer Ausgangspunkt meiner Arbeit bildet das aktuelle Arbeitsethos und seine Konsequenzen auf dem Arbeitsmarkt und im Sozialsystem. Das gegenwärtige Verständnis von Arbeit äußert sich in einer Verengung des Arbeitsbegriffs auf Erwerbsarbeit und begründet ihren Wert hauptsächlich darin, eine monetäre Gegenleistung einzubringen. Doch der Anspruch, von seiner Arbeit leben zu können, wird nicht mehr flächendeckend eingelöst. Gleichzeitig wird Erwerbsarbeit aber wichtigstes Kriterium für gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung. Axel Honneth setzt sich mit diesem Anerkennungsverhältnis auseinander und kommt zu dem Schluss, dass es als ideologisch zu bezeichnen ist, da die evozierten Vorteile faktisch nicht eingelöst werden. Besonders Günther Anders hat dargelegt, wie sehr die Technik, die unsere Welt immer stärker  durchdringt, den Menschen in seiner Mangelhaftigkeit erscheinen lässt. Das aktuelle Arbeitsethos, welches verlangt, dauerhaft zuverlässig zu funktionieren, Emotionen möglichst auszublenden und leistungsfähig zu sein, hat ein Ideal zum Leitstern erhoben, welches nur von einer Maschine vollständig erfüllt werden kann. Durch die Durchdringung unserer Arbeitswelt mit Technik, erscheint der Mensch in seiner Lebendigkeit mangelhaft und minderwertig. Es soll normativ ein Arbeitsethos vorgeschlagen werden, welches sich gerade durch seine Lebensförderlichkeit auszeichnet, und  es soll die „Lebensarbeit“ als neuer Begriff in die philosophische Debatte eingeführt werden. Um eine Philosophie der Lebensarbeit zu legitimieren, soll an Axel Honneths moralischen Ökonomismus angeknüpft werden. Selbst die Ökonomie sei kein Ort reiner Kämpfe um Selbsterhaltung und Nutzenkalkulationen, sondern in erster Linie ein Ort sozialer Kämpfe um Anerkennung. Es soll argumentiert werden, dass der Glaube an eine Wertneutralität der Markthandlungen seinerseits selbst eine eigene Moral bestimmt: So kann die Vorstellung, dass die Verfolgung der eigenen Interessen keiner weiteren Legitimation bedürfe nämlich selbst als moralische Annahme interpretiert werden. Um die Lebensarbeit zu konkretisieren und in den Forschungsdialog einzubeziehen soll sie von alternativen Arbeitstheorien abgegrenzt werden bzw. in diesen verortet werden, wobei sich das bedingungslose Grundeinkommen als notwendiger Teil der Philosophie der Lebensarbeit erweist.

Anna Berres (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Entschiedenheit und Entzug – Überlegungen zum Paradoxen der Freiheit im Anschluss an Kierkegaard

Kierkegaards Freiheitsverständnis entsteht aus der Auseinandersetzung mit und in Gegenbewegung zu einem neuzeitlichen Konzept vollständiger Selbstbestimmung und ‑begründung, welches darauf verzichtet, ein dem Subjekt Unverfügbares in Rechnung zu stellen.

Ausgangspunkt für diese Überlegungen ist Kierkegaards Konzeption des Selbst („das Selbst ist Freiheit“), welches sich in seiner Konstitution sowohl zu sich selbst als auch unabweisbar zu einem „Anderen“ seiner selbst verhält. Auf Grundlage dieses doppelten Verhältnisses kann Kierkegaard in einem Schlüsselsatz über die „Abhängigkeit des ganzen Verhältnisses“ schreiben, „daß das Selbst nicht durch sich selbst in Gleichgewicht und Ruhe kommen kann“ (KT 128). Freiheit lässt sich diesem Ansatz zufolge nicht im Alleingang verwirklichen, sie steht dem Menschen nicht vollends kontrollierbar zur Verfügung. Was hier zum Ausdruck kommt, ist, dass Freiheitsgewinn (und das bedeutet für Kierkegaard immer Selbstwerdung, Menschwerdung) ein Loslassen von einem Erzwingen-Wollen, welches das Entzugsmoment in dieser Verwirklichung ausschließt, erforderlich macht. Die Autonomiekonzepte, welche dies auflösen und das „Andere“ ganz in die Verfügung des Handelnden stellen, erweisen sich in Kierkegaards Augen gerade als Selbsttäuschung, als Verzweiflung. Das bedeutet aber keineswegs, dass der Mensch nicht dazu aufgerufen ist, ganz er selbst zu sein, und dafür auch radikal verantwortlich ist. Dies begegnet ihm unausweichlich als Forderung, der nachzukommen es eine Entschiedenheit braucht, die Kierkegaard in verschiedener Weise einerseits in seinen teils literarischen Texten beschreibt; sie manifestiert sich auf mehreren Stufen der Selbstwerdung, die andererseits in seinen philosophischen Schriften, insbesondere in der „Krankheit zum Tode“, ausbuchstabiert und analysiert werden.

Es zeigt sich, dass Freiheit in diesem Sinne nur mithilfe einer paradoxen Struktur gedacht werden kann. Das Spezifische des Kierkegaardschen Ansatzes ist es, die Entschiedenheit sowohl als auch den Entzug mit in die Erfahrung der Freiheit „hineinzunehmen“. Das Paradox ist dabei für Kierkegaard von entscheidender Bedeutung und nicht bloß eine linguistische Doppeldeutigkeit, die sich bei näherem Hinsehen auflöst. Dass es auch für die Freiheitsthematik fruchtbar gemacht werden kann ist dann möglich, begreift man diese nicht mehr nur als Wahl- bzw. Willensfreiheit, nicht als einen präjudizierten Besitz, sondern als etwas, das immer wieder verwirklicht werden muss. Versucht Kierkegaard diesen Vollzug mithilfe der „Grundkategorie“ des Paradoxes zu fassen, lässt sich näher zeigen, wie das „und“ zwischen der Entschiedenheit und dem Entzug gedacht werden könnte. Es soll herausgearbeitet werden, was Kierkegaard zufolge an dieser „Kippstelle“ (in seinen Worten, dem „Sprung“) geschieht und worin sie gründet. Hierzu ist eine phänomenologische Untersuchung vonnöten, welche der Erfahrung der Freiheit nachgeht und sich zugleich auf die Analyse des „Selbst“ stützt, welches Kierkegaard selbst als widersprüchliches ausweist.

Im Laufe dieser Arbeit wird sich zeigen, dass für das Freiheitsthema verschiedene Paradoxa von Bedeutung sind. So steigert sich beispielsweise für den Verstand, welcher sich nur an den gesicherten, rational einholbaren Beweis hält, das Paradox zum Absurden, christlich gesehen zum Ärgernis. Es geht Kierkegaard auch immer um Grenzbereiche zwischen dem theoretisch begreifbaren und der Erfahrung, die sich erst im Vollzug selbst einstellen mag. Ich möchte anhand der Kierkegaardschen Überlegungen zeigen, dass Freiheit nur dann adäquat verstanden werden kann, wenn die Spannung zwischen Entschiedenheit und Entzug nicht zugunsten eines der beiden aufgelöst wird. Dieses „Paradox“ soll in seinen verschiedenen Stufen und Zusammenhängen entfaltet und nachvollzogen werden, um das Phänomen der Freiheitsverwirklichung in Anlehnung an Kierkegaard neu fassen zu können und der Tendenz zu widersprechen, für die sich Freiheit in bloßer „autonomer“ Willensausübung erschöpft.

Ilona Schweitzer (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Prozessdenken bei Alfred North Whitehead und Gilles Deleuze

In meiner Dissertation wird die Kompatibilität von Figuren des Prozessdenkens bei Alfred North Whitehead und Gilles Deleuze untersucht. Ausgehend von den Resonanzen im Denken beider Philosophen, die die Whitehead- und Deleuze-Forschung bisher gesehen hat, werde ich mich auch auf die Differenzen in den Grundannahmen Whiteheads und Deleuzes beziehen und fragen, ob sie einander ausschließen oder sich produktiv ergänzen. Das betrifft das Konjunktionspostulat bei Whitehead und das Disjunktionspostulat bei Deleuze hinsichtlich des basalen Prozessgeschehens ebenso wie die Architektur der Selbstorganisationsebenen 'God' bei Whitehead und 'le plan d'immanence' bei Deleuze. Des Weiteren werde ich die Anschlussfähigkeit beider Prozessphilosophien in zwei Richtungen diskutieren: a) im Hinblick auf Konzeptualisierungen der Virtualität in der Philosophie der Quantenphysik b) im Hinblick auf Konzeptualisierungen des Werdens in ausgewählten asiatischen Philosophien.

Hiroyuki Akatsuka (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Vom Problem der Geschichte in Heideggers Denken

In meiner Dissertation geht es um das Problem der Geschichte in Heideggers Philosophie. Insbesondere betrachtet ich, wie die Beziehung des Seins des Menschen zur Geschichte in seinem Denken begriffen wird. Demzufolge, wie Heidegger die Geschichtlichkeit der menschliche Existenz aus der „Wiederholung“ der Existenz vom gewesenen Menschen als Möglichkeit in „Sein und Zeit“ aufweist, enthält die Geschichte in seinem Denken immer das Charakteristikum des ontologischen Zusammenhangs zwischen dem gegenwärtigem Menschen und dem gewesenen Menschen. Durch dieses Charakteristikum kann Heidegger einen Zugang zum Sein bahnen und zugleich seine philosophische Methode der Seinsfrage als das ‚geschichtliche Denken‘ ausarbeiten.

Sein Einblick in diesen Zusammenhang kann schon in der Problematik der Hermeneutik der Faktizität in seinem frühen Denken gesehen werden. Meines Erachtens wird dieser Einblick insbesondere in der Frage nach dem ‚Historischen‘ deutlich. Die Betrachtung dieses Zusammenhangs wird konkret anhand einer Interpretation zu den „Briefen des Paulus“ in der zweiten Hälfte der Vorlesung „Einleitung in die Phänomenologie der Religion“ durchgeführt.

Meiner Meinung nach greift dieser Zusammenhang vor allem in die Problematik des späten Denkens über, insbesondere in die Methode des geschichtlichen Denkens in dem Werk „Beiträge zur Philosophie“. Beispielsweise gründet das sogenannte ‚Zuspiel‘ zwischen dem ersten und dem anderen Anfang, der sich hier als die Methode des ‚seins-geschichtlichen Denkens‘ in dieser Schrift bestimmt, auf diesem geschichtlichen Zusammenhang zwischen dem gewesenen und dem gegenwärtigen Denker. Doch dies bedeutet nicht, dass der Einblick in die Geschichte noch im Gedankenkreis von „Sein und Zeit“ verbleibt. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen der Geschichtlichkeit in „Sein und Zeit“ und der sogenannten ‚Geschichtlichkeit‘ als Geschick im späten Denken. In Bezug auf den Unterschied gehört die Geschichtlichkeit als das ursprüngliche Wesen der Geschichte in „Sein und Zeit“ zur Existenz des Menschen und bestimmt den geschichtlichen Zusammenhang zwischen den Menschen. Dem gegenüber geschieht die ‚Geschichtlichkeit‘ im späten Denken als der ‚Ort‘ der Geschichte, an dem die Geschichte unmittelbar in den geschichtlichen Zusammenhang zwischen die Menschen kommt, und zugleich diesen Zusammenhang als diesen geschichtlichen Zusammenhang begründet. Deswegen kann der Denker ‚seins-geschichtliches Denken‘ erst durch die Auseinandersetzung mit den gewesenen Denker vollziehen und nach der Geschichte selbst fragen. Ich möchte diesen Punkt dadurch erklären, dass ich den Zusammenhang zwischen dem Begriff „Geschichte“ und dem „seinsgeschichtlichen Denken“ in „Beiträge zur Philosophie“ betrachte.

Hinsichtlich dieses Vorhabens soll es um die Interpretation von Hölderlin und Nietzsche durch Heidegger gehen, bevor hauptsächlich die „Beiträge zur Philosophie“ behandelt werden. Denn wie Heidegger selbst betont, spielt die Interpretation der beiden eine sehr wichtige Rolle für sein spätes Denken. Deswegen will ich den Zusammenhang zwischen der Frage nach der Geschichte im späten Denken und dieser Interpretation beschreiben, indem ich diese Interpretation von Hölderlin und Nietzsche im Hinblick auf die Geschichte betrachte.

In meiner Arbeit soll es zuletzt um Heideggers Denken über die Kunst als das Problem der Anderen und der Geschichte gehen. Denn ich bin der Meinung, dass es sich in seinem Denken über die Kunst um die Bestimmung der Geschichte anhand konkreter Sachen, das heißt, anhand von Kunstwerken handelt. Der Zusammenhang zwischen Bewahrenden und Schaffenden und dem Kunstwerk kann als der geschichtliche Zusammenhang begriffen werden und die Kunst kann meiner Ansicht nach auch als der Ort der Entstehung dieses Zusammenhangs beschrieben werden.

Von diesen viere Studien ausgehend will ich die Geschichtlichkeit der Geschichte bei Heidegger, insbesondere in seinem Denken der späten 1930er Jahren nicht nur als den Sinn vom Seinsverstehen und dem methodischen Grund des geschichtlichen Denkens erarbeiten, sondern auch sie zugleich als die Eröffnung des Geschehnisses des ontologischen Zusammenhangs zwischen dem gegenwärtigen und dem gewesenen Menschen deutlich charakterisieren.

Susann Kabisch (Prof. Dr. Tilman Borsche, Dr. Inigo Bocken, Nijmegen, Niederlande)

Gott und die Welt in Szene gesetzt.
Inszenierung als Erkenntnisweg bei Nikolaus von Kues

Die vielen methodischen Bemerkungen, mit denen Nikolaus von Kues (1401–1464) innerhalb seiner Schriften deren Vorgehensweise reflektiert, offenbaren seine Aufmerksamkeit für die Prozesshaftigkeit und Situationsgebundenheit des menschlichen Denkens. Cusanus begreift Erkennen als eine Praxis. In Entsprechung dazu setzen seine Texte den individuellen Mitvollzug der Adressaten voraus und regen dazu an. Die verschiedenen Aspekte der cusanischen Schreibpraxis laufen zusammen im Begriff der Inszenierung. Dieser findet sich nicht bei Cusanus selbst, er kann aber einen neuen Blick auf die Besonderheit wie den inneren Zusammenhang seines Werkes eröffnen und zudem dessen Aktualität hervortreten lassen. Anhand einer Cusanus-Lektüre unter dem Blickwinkel eines neuen Begriffs der Inszenierung erweist sich darüber hinaus dessen Potential als ein Schlüsselbegriff philosophischer Lektürepraxis.

Katrin Felgenhauer (Prof. Dr. Andreas Hetzel)

Zwischen Uns – Integration im Aspekt einer performativen Sozialphilosophie

Die zentrale Frage jeder Sozialphilosophie ist die nach den Bedingungen der Möglichkeit von sozialer Integration. Nach wie vor wird diese Frage vom Mainstream der Integrationsforschung hauptsächlich ausgehend von den Konzepten abendländischer Subjektphilosophie beantwortet. Insofern wird stets von der Vorstellung einer bestimmten Ordnung des Sozialen ausgegangen. Hieraus folgen Ansätze, die entweder egozentrisch eine assimilative, logozentrisch eine multikulturalistische oder eurozentrisch eine neo-assimilative Integrationspolitik begründen. Die zunehmende Kritik an der Integrationspolitik hierzulande lässt allerdings fraglich werden, inwiefern der Begriff der sozialen Integration überhaupt an einer vernünftigen Idee ausgerichtet ist: Schon im Ausgang von einer bestimmten Ordnung des Sozialen wird die eigentlich interessante Frage, nämlich wie soziale Ordnung überhaupt möglich ist, zumeist übergangen.

Das Promotionsvorhaben will eine Sozialontologie erarbeiten, in deren Horizont die Frage nach sozialer Integration sinnvoll gestellt werden kann. Hierfür erscheint es allererst notwendig, dass eine soziale Relation, bspw. die Dyade Ego-Alter, auch als eine solche im Rahmen einer Sozialphilosophie begriffen werden kann. D.h., dass weder Ego noch Alter noch die Relation den Primat in der Theorie behauptet. Denn andernfalls wird die soziale Relation von einem ihrer Elemente abgeleitet und kann folglich nicht mehr als genuin soziale vorgestellt werden.

Es ist also zuallererst zu klären, wie das Eigene (Ego), das Fremde (Alter) und das Verhältnis zwischen ihnen je begriffen und theoretisch eingeholt werden kann, so dass alle drei Aspekte einer sozialen Relation als systematisch gleichursprünglich gedacht werden können, ohne hierbei gleichgesetzt zu werden. Hieran anschließend stellt sich mir die Frage nach der Konstitution sozialer Ordnung zwischen Ego und Alter als performativer Vollzug sozialer Integration. Das Verhältnis zwischen Ego und Alter als einen performativen Vollzug zu begreifen, hängt hierbei primär damit zusammen, dass es mir um das Erfassen des Phänomens einer wirklichen körper-leiblichen Interaktion geht. Sozialität ist insofern als lebendiger Vollzug ernst zu nehmen.

Antje Géra (Prof. Dr. Andreas Hetzel)

Die Melancholie des Widerstands  

Die Dissertation nimmt zeitdiagnostische Analysen eines sich gegenwärtig vollziehenden Wandels von Erscheinungsweisen und Konzeptualisierungsformen politischen Widerstandes zum Ausgangspunkt, um aus einer philosophischen Perspektive den Begriff »Widerstand« auf seine Präsuppositionen hin zu befragen. Es geht darum, in einer Analyse unseres Gebrauchs des Ausdrucks »Widerstand« nachzuzeichnen, was für ein Bild von Widerstand wir in unserer Rede, in unserem Nachdenken über Widerstand investieren – mit besonderem Augenmerk darauf, wo und inwiefern dieses Bild den Begriff »Widerstand« um bestimmte Dimensionen verkürzt. Dazu setzen die Überlegungen an einem vermeintlichen Gegenbild zu Widerstand an: dem Topos der Melancholie. Gegen eine sich in politischen Bewegungen artikulierende antimelancholische Haltung dienen in der Tradition kritischer Theorie sowie auch in feministischen Auseinandersetzungen analytische und ästhetische Bezugnahmen auf Melancholie einer Kritik an verkürzenden Konzeptionen von Widerstand und dem Aufweisen von Problemen intentionalistischer und handlungstheoretischer Modellierungen. Ziel der Dissertation ist, gegen die Verkürzungen solcher Modellierungen mithilfe einer systematischen Erörterung des von Walter Benjamin unter dem Titel »dialektisches Bild« diskutierten Zusammenhangs von Widerstand und Bildlichkeit eine vollzugsorientierte Auffassung von Widerstand zu plausibilisieren und damit darzulegen, was es heißt, Widerstand auf radikale Weise als Praxis zu begreifen. 

Francesca Greco (Prof. Dr. Rolf Elberfeld, Privatdozentin Dr. Katrin Wille)

Negativität und Räumlichkeit. Eine interkulturelle Umdeutung (Arbeitstitel)

Das Anliegen meiner Dissertation besteht darin, das Verständnis der Negativität durch eine Dekonstruktion der Entgegensetzungslogik von einem dualistischen Interpretationsansatz zu befreien und der Negativität durch die Einbeziehung der Räumlichkeit und durch eine entsprechende Formulierung einer Logik des Zwischen ein weiteres Spektrum zu verleihen.

Unter dem Begriff ‚Negativität‘ sammeln sich verschiedene philosophischen Theorien, die eine gewisse dichotomische Entgegensetzungslogik voraussetzen. Diese Logik verstärkt den Eindruck, „daß alle […] Anfänge irgendwie als Gegensätze ansetzten“ (Aristoteles, Phys. I, 5, 188a). Sie geht von Dualismen aus und bildet sich ausschließende Gegensatzpaare, die voneinander scharf getrennt bleiben sollen. Dazwischen soll es keine weitere dritte Möglichkeit (Satz vom ausgeschlossen Dritten) geben können.

In diesem Kontext ist die Wirkung der Negativität mit der logischen Operation der Verneinung gleichgesetzt, deren Hauptkategorien in der Negation und dem Nichts gesehen werden. Darüber hinaus wurde in der Geschichte der Philosophie die Frage nach der Negation durch Rekurs auf das Positive (Hegel) und die Frage nach dem Nichts durch Verweis auf das Sein (Heidegger) beantwortet. In der Analyse dieser Ansätze soll einerseits deutlich werden, wie die Negativität in die Form einer Positivität gezwungen wurde und andererseits wie sich in jedem Dualismus implizit eine einseitige Einordnung versteckt. Die effektive Wirkkraft der Negativität erschöpft sich nicht in der Verneinung und kann mit dieser nicht begriffen werden.

Das Unerschöpfliche und den Überschuss der Negativität werde ich mittels einer Radikalisierung der Verneinung im Begriff des Nichts aufweisen. Mithilfe der italienischen Sprache werde ich die wesentliche Unterscheidung zwischen einem oppositiven (Niente) und einem kreativen Nichts (Nulla) erarbeiten. Eine derartige Unterscheidung erlaubt dem Denken, nicht in der Hypostasierung einer substantiellen und substantivierten Leere verhaftet zu bleiben und es als Bewegung des Entleerens nachzuvollziehen.

Diese Beweglichkeit der Negativität wird anhand räumlicher Figuren aufgezeigt, die auf die platonische chōra (χώρα) und den Begriff des basho (場所) bei Nishida Kitarō verweisen. Um eine solche Negativität aufzufassen, soll die vereinfachte Logik der Entgegensetzung erweitert werden, und zwar durch meinen Vorschlag einer sogenannten Logik des Zwischen.

Diese Logik findet ihr natürliches Habitat und Modus in der Grenze, deren Natur anhand der Begriffe des orismos (ορισμός) und des soku (即) analysiert wird. Die Formulierung einer Logik des Zwischen zielt letztendlich darauf ab, neue Horizonte von der Philosophie zur Welt hin zu öffnen.

Hauptsächlich durch die Einbeziehung des Denkens Martin Heideggers und Kitarō Nishidas Philosophie in ihrer gegenseitigen Ergänzung, aber auch in Anspielung auf Platon, Aristoteles, Derrida und Severino werde ich einerseits die Frage nach einer räumlichen Umdeutung der Negativität entfalten und anderseits versuchen, diese Frage in interkultureller sowie phänomenologischer Sicht zu beantworten und somit ihre Konsequenzen zu ziehen.

Lorenz Heimbrecht (Prof. Dr. Rolf Elberfeld, PD Dr. Christian Grüny)

Eine phänomenologische Untersuchung zum sinnvollen Sprechen über musikalische Ereignisse und die Konsequenzen für ein entsprechendes Üben (Arbeitstitel)

Das Problem über musikalische Ereignisse zu sprechen – ganz gleich, ob professionell deformiert oder unverstellt ohne Vorwissen – erfährt jeder, der sich versucht dazu zu äußern. Mag dieses Bedürfnis sich äußern zu wollen nach einem Konzert, am Anfang einer Probe, im Musikunterricht oder durch einen wissenschaftlichen Text sein, immer stellt sich eine gewisse Sprachlosigkeit ein.

Das Bedürfnis sich zu äußern aber erwächst in den meisten zuvor aufgeführten Situationen aus der Notwendigkeit, sich verständigen zu müssen.

Dass sich Musik so gegen Sprache sperrt, folgt aus der anthropologischen Weise ihrer Entstehung. Musik ist in vieler (z.B. linguistischer, sprachphilosophischer) Hinsicht keine Sprache und entsprechend nicht übersetzbar. Hier wird die These vertreten, dass während des musikalischen Ereignisses in einer gewissen Hinsicht Wittgensteins Schweigen herrschen muss. Ein der Sinne volles Sprechen kann dann nur vor oder nach dem Ereignis stattfinden in einem unterhalb der Sprache suchenden Prozess und ist damit mit Blumenberg notwendig metaphorisch. Diese Metaphern müssen ihrem Charakter nach leiblich sein. Lackoff und Johnson sehen das basal Leibliche als einen wesentlichen Bestandteil der Metapher. 

Bei dem Üben zu einer ersten Sprache über Musik könnte es deshalb sehr hilfreich sein, sich grammatikalisch auf eine einfache Sprache zu konzentrieren, die systematisch und konsequent leibliche Metaphern in den Mittelpunkt stellt. Wie sich ein strukturierter Angang an eine solches Üben gestalten lässt, ist Anliegen der Arbeit.      

Sool Park (Prof. Rolf Elberfeld, Prof. Martin Lehnert)

Übersetzung als Wahrheitstechnik 

Philosophie muss sich der Sprache bedienen, um sich mitzuteilen. Sonst hätte sie keine Wirkung in der Welt, keine Geschichte. Als besonders allgemeinheitsfähige Kommunikation wurden philosophische Sprachzeugnisse schon seit den ersten tieferen Kulturkontakten übersetzt und haben über die Sprachbarriere hinweg ihre transformierenden Wirkungen entfaltet. Doch die vorerst unreflektierte Einstellung gegenüber der sprachlichen Darstellung bzw. Darstellbarkeit der Philosophie erleidet im Prozess der Übersetzung notwendig eine Fokussierung auf das Medium der Sprache. Denn die Frage über die Übersetzbarkeit zwischen verschiedenen Sprachen muss im zweiten Schritt zurückgeführt werden auf die Übersetzbarkeit der philosophischen Erkenntnis, hier kursorisch Wahrheit genannt, in die Sprache überhaupt. 

Die Sprache bzw. Textualität der Philosophie ermöglicht die Vermittlung von spezifisch philosophischer Erkenntnisse, die dezidiert nichtempirischen Charakter tragen (“nichtpropositionale Erkenntnisse”) und deren performative Seite oft betont wird (“Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit”). Die Sprachnot, die für dieses Unternehmen typisch zu sein scheint, deutet auf die ursprünglich nicht-referentielle (nicht-semantische) Rolle der Sprache in Sache der Philosophie. Philosophie muss sich eines uneigentlichen Spachmodi bemächtigen (“Als-ob”), um ihre Aufgabe angemessen umsetzen zu können. Die daraus resultierende Textualität subsumiere ich unter dem Begriff der Obskurität, und fasse sie auf als eine Technik zur Aufstellung von fingierten Verständnishindernissen, die eine andere Art von Erkenntnis induzieren sollen. In diesem Punkt teilt Philosophie einen gemeinsamen Grund mit dem dichterischen, künstlerischen und schließlich religiösen Sprechen. 

Bei näherem Hinschauen lässt sich eine Reihe technischer Mitteln ausmachen, die beim Vorgang der Übersetzung philosophischer eingesetzt werden, um der spezifischen Situation philosophischen Sprachgebrauchs gerecht zu werden: Äußerste Wörtlichkeit, phonetische Übersetzung, interlineare Übersetzung, Hybride Textualität, materielle Übersetzung und nicht zuletzt Übersetzungsverbot. Diese Übersetzungsstrategien, die in mehreren Übersetzungssituationen verschiedener Epochen und Kulturen wiederholt vorkommen, weisen auf dieselbe Schwierigkeit hin, das Ausdrucksproblem der Philosophie performativ zu bewältigen. 

In der geplanten Arbeit wird dreierlei versucht: 1) Bestimmung des Übersetzungsbegriffs im Kontext des globalen Philosophierens. 2) Analyse der typischen Übersetzungsstrategien sowie ausgewählten Übersetzungssituationen bzgl. philosophischer Texte. 3) Übersetzung und Kommentierung des mittelalterlichen koreanischen Textes “Spiegel des Zen”.  

Alidoust Abdullah (Prof. Dr. Andreas Hetzel)

Gerechtigkeit und soziale Integrität. Wechselseitige Anerkennung als Leitmotiv zum Verständnis von Gerechtigkeitsforderungen

 Die zeitgenössischen Theorien der Gerechtigkeit verstehen sich in erster Linie als Theorien einer distributiven Gerechtigkeit. Sie reduzieren den Eigensinn des Ethischen auf ein Verteilungskalkül zwischen bereits fertig konstituierten Gemeinschaften bzw. Subjekten. Damit bekommen sie die normativ gehaltvollen Prozesse einer Subjekt- und Gemeinschaftsbildung nicht in den Blick, die im Zentrum der aktuellen sozialphilosophischen Debatten um Anerkennung stehen. Ausgehend von einer Ethik der Anerkennung versucht die Arbeit, diesem Desiderat der Gerechtigkeitstheorien zu begegnen; folglich geht sie im Anschluss an Hegel und Honneth davon aus, dass moderne Gesellschaften durch drei klar umrissene soziale Sphären strukturiert sind, und untersucht die jeweils sphärenspezifisch immanent-normativen Ideen der Gerechtigkeit. Auf der Ebene der persönlichen Beziehungen (Freundschaft, romantische Liebe und Familie) ist darauf zu schauen, wie es fern von struktureller Gewalt, Missachtung und Demütigung gelingen kann, Subjekte mit dem notwendigen Maß an Selbstvertrauen (psychische Integrität) auszustatten. Die zweite Ebene, die der demokratischen Sittlichkeit, ist normativ daran zu beurteilen, inwiefern sie über ihren institutionalisierten Rahmen hinaus über das notwendige Sensorium verfügt, soziale und politische Empörung jederart (auch die, welche sich im vorpolitischen Stadium abspielt) ernst zu nehmen. Eine wohlgeordnete Gesellschaft hat ihre normative Folie um Verfahren des Zugangs zu der Gesellschaft selbst sowie zu den Entscheidungsstrukturen in dieser Gesellschaft zu ergänzen: das Recht, Rechte zu haben, darf sich nicht lediglich an etablierten Strukturen und Verteilungsverfahren orientieren und messen. Vielmehr sollen Gesellschaften ihre Mitglieder mit sozialen, politischen sowie wirtschaftlichen Partizipationsaussichten in dem Maße ausstatten, dass sie sich als vollwertige Mitglieder (Inklusion, soziale Anerkennung, Einbezogenheit) auffassen. Im ökonomischen Bereich schließlich soll statt von abstrakten gesamtgesellschaftlichen Verteilungsverfahren auf die Rolle von Korporationen (Interessengemeinschaft) für eine gelebte Gerechtigkeit ausgegangen werden. In der ökonomischen Theorie wird nur noch selten von Korporation (Solidarität) gesprochen. Stattdessen ist der Grundsatz von Adam Smith, wonach im Liberalismus die unsichtbare Hand für alle sorgen würde, weitgehend akzeptiert und anerkannt. Dabei wird nur sporadisch darauf eingegangen, dass die Ressourcen und das Reichtum einer jeden Gesellschaft nur im Zuge von Korporationsgefügen und Gemeinschaftsbemühungen entstehen bzw. produziert werden. Mit anderen Worten, die grundsätzlichen Strukturen der Produktion finden kaum Beachtung. Statt das Übel der gesellschaftlichen Ungleichverteilung direkt anzugehen, werden Korrekturen vorgeschlagen, welche die herrschende Elite nicht allzu sehr beeinträchtigen und die bestehenden Strukturen nicht prinzipiell in Frage stellen. Demgegenüber soll in der Arbeit die Semantik der Korporation neu belebt und in gerechtigkeitstheoretischer Hinsicht erschlossen werden.             

Yukiko Kuwayama (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Phänomenologie des Gefühls – im Horizont des ostasiatischen Ki-Begriffs

Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich damit, verschiedene sprachliche Ausdrucksweisen im Umkreis des japanischen Ki-Begriffs (chin. Qi) für eine Phänomenologie des Gefühls fruchtbar zu machen. Neben der Verwendung des Ki-Begriffs in ursprünglich ostasiatischen Übungspraktiken wie z.B. Taichi, Qigong oder Aikido ist dieses Wort-Zeichen im alltäglichen japanischen Sprachgebrauch äußerst häufig zu finden. Sein Bedeutungsspektrum umfasst die örtliche, aber auch persönliche und akut sich aufdrängende, aber auch nur vage zu empfindende Stimmung, die klimatische Situation, eine leiblich-geistige Qualität / Intension (fokussierte Aufmerksamkeit, energetische oder kraftvolle Schwere, ziehende Tiefe, etc.) oder Ausdehnung (defokussierte, zerstreute Aufmerksamkeit, Erleichterung, Eins-Sein mit der Atmosphäre, etc.).

In der Dissertation beschränke ich mich nach einer Einführung in den historischen Hintergrund der Entstehung des Ki(Qi) - Begriffs und deren Interpretationsentwicklungen darauf, drei auf einander bezogene Thesen zur Phänomenologie des Gefühls im Zusammenhang mit dem Ki-Begriff in Ostasien zu entwickeln. darzustellen, die durch eine Betrachtung der verschiedenen japanischen Ausdrücke im Zusammenhang mit Ki, sowie eine phänomenologische Betrachtung des Fühlens herausgestellt werden können: 

1.           Gefühle zeigen sich immer in unserem Leib-sein. Dieses Leib-sein ist zugleich direkt verbunden mit seiner Umgebung bzw. steht in Wechselwirkung mit anderen leiblich situierten Menschen. (Merleau-Ponty, Thomas Fuchs)

2.           Gefühle sind in radikaler Weise als intersubjektive, zwischenleibliche und somit stark situationsabhängige, inter-energetische Phänomene anzusehen. (Merleau-Ponty, Fuchs, Kimura Bin)

3.           Bei einer von Gefühlen betroffenen Person ist eine mediale (im Sinne des grammatischen Mediums) bzw. spontane Entstehungsweise der Gefühle zu erkennen, die durch die Terminologie des Ki näher beschrieben werden kann.

Das Zentrum der Arbeit besteht in der Zusammenführung phänomenologischer Gefühlsbeschreibungen mit den Beschreibungsmöglichkeiten der Ki-Terminologie in der japanischen Sprache.

Dirk Köppen (Prof. Dr. Andreas Hetzel, Prof. Dr. Gerhard Gamm)

Akkumulation & Überschreitung – aktuelle Reflexionen zur allgemeinen Ökonomie von Georges Bataille

Grundidee des Forschungsprojekts ist eine Auseinandersetzung mit einer Aktualisierung der Allgemeinen Ökonomie von Georges Bataille. Im Zeitalter eines aggressiven Kapitalismus, gezeichnet besonders durch Phänomene wie Share Economy, findet dessen subversive Seite wenig Beachtung. Aus der kapitalistischen Logik wird ein dogmatischer Fokus auf das Nützlichkeitsprinzip extrahiert, welches fortan unter falschem Deckmantel auf alle Bereiche des Lebens angewendet wird (Solutionismus). Die subversive Seite zeigt sich in erodierten sozialen Beziehungen und in der Infiltration in Gesellschaftsentwürfen, welche kapitalistischen Praktiken eigentlich entgegenstehen wie beispielsweise Sozialismus und Kommunitarismus. Die Erodierung der Abgrenzung nicht-ökonomischer Lebensbereiche wird zur Änderung der Handlungsmaßstäbe genutzt. Verschwendung gilt es fortan ausnahmslos zu vermeiden. Die soziale Lebenswelt wird ökonomisiert, indem sie der Frage des Nutzens unterworfen wird. Um der Gefahr der zweckrationalen Vereinnahmung zu entgehen, kann eine Kritik eines subversiven Kapitalismus nur als ein kompromissloses anti-ökonomisches Denken erfolgen.

Der bataillesche Versuch einer allgemeinen Ökonomie impliziert einen Verschwendungsimperativ, welcher sich einer allumfassenden Zweckrationalität entgegenstellt. Abgeleitet aus der Metapher einer Energiebilanz der Erde kann überschüssige Energie zunächst zum Wachstum genutzt werden. Sobald die Wachstumsgrenzen erreicht sind, muss Energie verschwendet werden: entweder freiwillig auf „gloriose Weise“ oder gezwungenermaßen auf „katastrophische Weise“. Batailles kopernikanische Wende der Ökonomie verschiebt das Grundproblem vom Mangel zum Überfluss. Die ursprünglich „beschränkte“ Ökonomie wird nun zur allgemeinen Ökonomie mit dem Grundprinzip der Verschwendung bzw. der „Verausgabung“ ihrer Überschüsse. Die ökonomische Akkumulation ist nur ein Aufschieben bis zu dem Zeitpunkt „in dem der Reichtum seinen Wert nur noch im Augenblick hat“. Der Fokus der gesellschaftlichen Untersuchungen muss verändert werden: nicht die Produktionsverhältnisse müssen untersucht werden, sondern die gesellschaftlichen Praktiken der Verschwendung. Überschüsse und ihre Akkumulation sind das zentrale Problem der Gesellschaft. Die Praxis der Verschwendung stellt die unproduktive Verausgabung dar, die einzig allein ihren Zweck in sich selbst trägt. Als „gloriose“ Praktiken zählt Bataille Luxus, Kriege, Trauerzeremonie, Künste und perverse Formen der Sexualität auf. In Ausübung dessen erhält der Mensch die Würde einer Souveränität.

In der Aktualisierung der allgemeinen Ökonomie unter Berücksichtigung der geschichts-philosophischen Arbeit von Georges Bataille wird die Frage untersucht, inwiefern die aufgezählten Praktiken noch als unproduktive Verausgabung gelten können? Wie können sich insbesondere perverse Formen der Sexualität, Gewalt und Luxus der Aneignung eines subversiven Kapitalismus entziehen? Im Rückgriff auf Autoren wie Pierre Klossowski, Roger Callois, Jean Baudrillard und anderer wird eine Untersuchung über Abgrenzung zum Imperativ der Nützlichkeit unternommen werden. Bietet der individualistische Eskapismus mit seinen Auslebungen des Festes und der Erotik Möglichkeiten diese als reine Zwecke einer kompromisslosen Überschreitung zu praktizieren? Wie könnte heutzutage eine „souveräne Existenz“ ermöglicht werden? Kurz gefragt: Ist im Zeitalter der allgegenwärtigen Zweckrationalität wirkliche Verschwendung möglich, ohne ebenfalls kommodifiziert zu werden?

Anna Zschauer (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Japanizität aus Ästhetik. Identitätsbildung des modernen Japan in interkultureller Perspektive. (Arbeitstitel)

Nach wie vor ist der Stereotyp einer „ästhetischen Nation“ Japans weit verbreitet. Hier seien Weltbilder und Kommunikationsformen eher intuitiv-assoziativ statt rational geprägt, hier herrsche eine kollektive Geschmacksharmonie. Den Anstoß zu dieser Promotion gibt die Frage nach der Genese dieses Images und seiner Bedeutung für das Verstehen Japans: Wie entstand das moderne Japanbild in seiner internen und externen Dimension? Wie ist das Verhältnis von verfremdender Ästhetisierung und der Ästhetik als Zugang zur fremden Kultur zu bewerten?

Der Ursprung des modernen Japanbildes liegt in der meijizeitlichen Rezeption abendländischer Wissenschaft und Nationalrepräsentation. Dazu gehörte auch der Versuch, ein japanisches Pendant zu den philosophischen Denksystemen Europas zu präsentieren. Dass die Ästhetik dabei eine Sonderstellung einnimmt, wird landläufig mit der exotisierten Erwartungshaltung des „Westens“ erklärt, die Japans Außenpräsentation in ein Korsett aus Topoi zwang: Japan sei fremd, aber höflich; kultiviert, aber unverständlich; einzigartig anders, aber schön.

Für die Japaner selbst ergibt sich so das hermeneutisches Paradox, sich in einem fremden Ästhetikdiskurs verorten zu müssen, um darin das Eigene wieder anzueignen und zu einem modernen Selbstverständnis zu gelangen. Für den nicht-japanischen Betrachter ergibt sich die Schwierigkeit, dass sogar die Selbstaussage des Japaners auf nicht-japanische Vorurteile zurückverweist und das „authentisch Japanische“ unerreichbar bleibt.

Bedeutet dieses Dilemma, dass ein interkulturelles Verstehen verunmöglicht wurde? Oder ist die Ästhetisierung vielleicht mehr als eine hermeneutische Einbahnstraße?
Die Arbeit möchte durch eine historische und systematische Diskussion der verschiedenen Dimensionen ästhetischen Austausches am Beispiel Japans dazu beitragen, die hermeneutische Qualität der Ästhetisierung differenzierter zu bewerten.

Jane Töllner (Prof. Dr. Andreas Hetzel)

Menschenwürde. Rehabilitierung eines ethischen Grundprinzips durch eine Phänomenologie der Scham

In der Dissertation geht es um das Thema „Menschenwürde und Scham“; genauer darum, jene Würde des Menschen, die im ersten Artikel unseres Grundgesetzes verankert ist, fühlbarer und somit zugänglicher zu machen. Der Begriff bleibt jedoch in gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen oft vage. Um den Begriff der Menschenwürde zu verdeutlichen, werde ich mich auf Beobachtungen zum Schamgefühl des Menschen und dessen Bedeutung für die Würde des Menschen stützen. Es wird sich insgesamt um eine phänomenologische Rekonstruktion der Menschenwürde handeln, deren Bedeutung und Eigensinn ex negativo, über eine Interpretation von entwürdigenden Situationen der Beschämung, nachvollzogen werden soll. Durch meine aktuelle Tätigkeit als Schulbegleiterin von autistischen und anders benachteiligten oder beeinträchtigten Kindern erlange ich seit über einem Jahr authentische Eindrücke von alltäglichen Umgangsformen an deutschen Schulen. Die Lektüre von Staphan Marksʼ „Die Würde des Menschen oder Der blinde Fleck in unserer Gesellschaft“ (2010) und „Scham – die tabuisierte Emotion“ (2016) hat mir dabei geholfen, Defizite des zwischenmenschlichen Umgangs an deutschen Schulen besser zu verstehen und kritisch zu reflektieren. Durch meine eigenen Erfahrungen aus der Praxis lässt sich vor allem bestätigen, dass - unbewusst oder bewusst - durch regelmäßiges Beschämen und Bloßstellen die persönlichen Grenzen der Schüler/innen überschritten werden. An dieser Stelle sehe ich sowohl die Möglichkeit wie die Notwendigkeit, eine Phänomenologie und Sozialphilosophie der Scham mit einer ethischen Theorie der Menschenwürde ins Gespräch zu bringen. Einen Menschen der Scham auszusetzen (bspw. durch Hohn) oder ihn mit seiner eigenen Scham zu konfrontieren, löst starke sichtbare (körperliche) und spürbare (emotionale) Reaktionen bei betroffenen oder bloß beteiligten Menschen aus. Die Annahme, dass die Scham eines Menschen unmittelbar mit seinem jeweiligen Würdeverständnis verbunden sei und dies unter anderem im Schulalltag täglich auf die Probe gestellt werde (bis hin zum Missbrauch von Schamempfindungen zu erzieherischen Zwecken), kann ich durch meine eigenen Beobachtungen von Unterrichtssituationen verifizieren.

Darüber hinaus soll ein humanistisches Menschenbild verteidigt werden, indem aufgezeigt wird, dass alle Menschen unabhängig von ihren Fähigkeiten und Leistungen gleichermaßen einen würdevollen Umgang verdienen und die Scham sich hierbei als ein wichtiger Indikator für Grenzüberschreitungen wahrnehmen lässt. Sie ist ein Affekt, welcher jedem Menschen vertraut ist und sich besonders in unserer Fähigkeit zur Empathie zeigt. Bei der Pflege eines menschenwürdigen Umganges kommt es notwendig darauf an, die emotionale Situation des jeweiligen Gegenübers zu erfassen. Auf würdevolle Weise mit dem Anderen umzugehen, bedeutet folglich, auf die jeweiligen Umstände, Bedürfnisse, Empfindungen angemessen zu reagieren. Dies wiederum gelingt nur mittels Einfühlung und das Empfinden von Empathie für den anderen und seine Situation. Die Empathie, die uns Menschen hilft, Gefühlslagen zu erkennen, zu verstehen und auf sie angemessen (zwar lediglich aus subjektiven Blickwinkel) zu reagieren, nehme ich hierbei als dem Menschen charakteristische Fähigkeit, um die Würde von Menschen aus einem natürlichen Selbstverständnis heraus zu schützen. Dieses natürliche Verständnis für die Wahrung menschlicher Würde begegnet mir, obwohl die Menschenwürde im ersten Paragraphen des deutschen Grundgesetzes verankert ist, weder im gesellschaftlichen, noch im politischen, noch im wirtschaftlichen Lebenskontext unserer heutigen Zeit. Meiner Vermutung nach liegt dies nicht zuletzt in einer Ungewissheit oder Unsicherheit gegenüber der Bedeutung von „Menschenwürde“ begründet. Ein weiteres Ziel dieser Arbeit besteht darin, jenes ambivalente Verhältnis zum Wert menschlicher Existenz zu verdeutlichen und aufzubrechen. Die Würde des Menschen sollte kein leerer und zugänglicher Begriff sein.

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