Laufende Promotionsprojekte

Anna Zschauer (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Japanizität aus Ästhetik. Identitätsbildung des modernen Japan in interkultureller Perspektive. (Arbeitstitel)

Nach wie vor ist der Stereotyp einer „ästhetischen Nation“ Japans weit verbreitet. Hier seien Weltbilder und Kommunikationsformen eher intuitiv-assoziativ statt rational geprägt, hier herrsche eine kollektive Geschmacksharmonie. Den Anstoß zu dieser Promotion gibt die Frage nach der Entstehung solcher Stereotypik: Wie können die Genese des modernen Japanbildes nachgezeichnet, ihre Faktoren bestimmt und ihre erstaunliche Stabilität erklärt werden? Fragen dieser Art führen zu einer Diskussion der Wirkweise des Ästhetischen im Interkulturellen auf einer materiellen, hermeneutischen und philosophischen Ebene.

Der Ursprung des modernen Japanbildes findet sich in der meijizeitlichen Rezeption abendländischer Wissenschaft und Nationalrepräsentation. Dazu gehört auch die Aneignung philosophischer Denksysteme und der Versuch, ein japanisches Pendant zu präsentieren.

Pioniere der akademischen Lehre der Ästhetik in Japan wie Ônishi Hajime, Ôtsuka Yasuji und Fukada Yasukazu haben aus der Rezeption und Kritik einer v.a. deutschen ästhetischen Theorie Antworten auf die Spezifik Japans gewonnen. Ihre kreative Diskursarbeit stellte epistemologische Differenzen heraus und entwickelte eine formulierbare Idee japanischer Ästhetik.

Eine Untersuchung ihrer Werke soll aufzeigen, wie Ästhetik als kultureller Mittler funktioniert, wie aus dem individuellen akademischen Austausch eine interkulturelle Ressource entsteht, mit der es möglich wird, kulturelle Identität zu kommunizieren, und welchen besonderen Wert die ästhetische Wahrnehmung für die Weiterentwicklung des interkulturellen Dialogs hatte und auch zukünftig haben kann.

Krisha Kops (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Moderne Interpretationen der Bhagavadgītā. Kontextualisierung und Dekontextualisierung eines Textes im interkulturellen Zusammenhang

Die Bhagavadgītā wurde seit jeher unterschiedlich gedeutet. Insbesondere die modernen Interpretationen scheinen sich teils gar diametral entgegenzustehen. Ein Teil dieser Arbeit analysiert vier solcher Interpretationen. Die da wären: Sarvepalli Radhakrishnan, der in der Gītā die Bestätigung für seine Philosophie der evolutionären Annäherung zwischen Osten und Westen mit dem Ziel einer spirituell vereinten Welt findet; Albert Schweitzer, der den Auszug aus dem Epos als „das meist idealisierte Buch der Weltliteratur“ wahrnimmt, ein Buch, das für ihn Weltverneinung und Unethisches beinhaltet; Mohandas Karamchand Gandhi, der daraus seine Philosophie des Ahiṃsā (Gewaltlosigkeit) und Satyāgraha (Festhalten der Wahrheit) ableitet oder darin bekräftigt sieht; und zuletzt Heinrich Himmler (sowie die Denker Franz Haiser und Jakob Wilhelm Hauer, dessen Gītā-Interpretationen Himmler heranzieht), welcher die heilige Schrift als eine Legitimierung für den Holocaust und die faschistische Weltanschauung versteht. Bei der Analyse dieser Auslegung wird im Sinne der Hermeneutik der Versuch unternommen, die Horizonte der Interpreten und somit, um weiter mit Gadamer zu sprechen, ihre Vorurteile herauszuarbeiten.

Um aber nun, nach der Exemplifizierung, die Frage zu beantworten, warum gerade dieser Text solch multivalente Auslegungen hervorruft, muss auch auf den Horizont des Ausgangstextes eingegangen und die Gegebenheiten seiner Kontextualisierung in Betracht gezogen werden. Das heißt, es muss erörtert werden, auf welche Fragen der Text eine Antwort sucht. Die Einflüsse des frühen Buddhismus, des Sāṃkhya, des Yoga, der Upaniṣaden und des rituellen Gedankengutes sind hierbei ausschlaggebend. Allerdings ist dies nicht das Hauptanliegen der Arbeit, wenngleich diese Herausarbeitung unumgänglich ist. Das Hauptaugenmerkt liegt nicht auf dem Inhalt, vielmehr der Form. Denn die Gītā ist keine einfache, prosaisch-philosophische Abhandlung, sondern auch formal ein äußerst hybrider Text. Dieses philosophische, religiöse, literarische Werk ist ein in einem Epos eingebundener und in Versen geschriebener dogmatischer Dialog. Folglich wird beabsichtigt zu erarbeiten, wie sich (dogmatischer) Dialog, Symbol, Metapher, gar Allegorie und andere formale Aspekte auf den hermeneutischen Charakter dieses Textes und folglich auch auf das Verständnis des Inhalts auswirken. Da es sich hierbei aber nicht allein um indische Interpretationen handelt, muss auch die interkulturelle Ebene beachtet werden, ob im Sinne der Hermeneutik der Übersetzung oder interkulturellen Hermeneutik an sich. Denker wie (der bereits erwähnte) Hans-Georg Gadamer, Hans Robert Jauß, Paul Ricœur und andere werden in der formalen Analyse eine tragende Rolle spielen.

Abschließend soll anhand des Erarbeitenden beantwortet werden, inwieweit eine solche Art des Philosophierens Möglichkeiten aber auch Schwierigkeiten birgt. Und ob dieses Philosophieren vielleicht gerade zu der Philosophie der Bhagavadgītā und ihrer Lehre passt, wenn nicht gar zur „indischen“ Philosophie per se – sollte es denn so etwas geben.

Leon Krings (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Theorien der Leiblichkeit sowie des embodiment und das Kata-System der japanischen "Weg-Künste" (Arbeitstitel)

Das Promotionsprojekt beschäftigt sich mit den leiblichen Praktiken der japanischen „Weg-Künste“ (道 ), welche vor allem von buddhistischen Konzeptionen geprägt sind und heute auf der ganzen Welt praktiziert werden. Die Weg-Künste bzw. umfassen verschiedene Traditionen der leiblichen Übung, etwa den „Tee-Weg“ (茶道 sadō/chadō), den „Blumen-Weg“ (華道 kadō), den „Weg der Kalligraphie“ (書道 shodō) oder die verschiedenen „Wege des Kriegers“ (武道 budō), wie z. B. Jūdō (柔道), Aikidō (合気道) oder Kyūdō (弓道 „Weg des Bogenschießens“).

Gemeinsam ist all diesen Künsten, dass sie durch die wiederholte Aneignung bestimmter leiblicher „Formen“ namens Kata (型/形) sowie deren Aneinanderreihung ein- bzw. ausgeübt werden. Diese Kata stellen idealisierte Abstraktionen von Körperhaltungen und Bewegungsabläufen dar, die als konkrete Inhalte der Kunst vom jeweiligen Meister an seine Schüler weitergegeben werden. Im Promotionsprojekt wird davon ausgegangen, dass die verschiedenen Kata in ihrer Gesamtheit einen Horizont der Übung darstellen, der in einen komplexen Kontext ethischer, ästhetischer, sozialer und leiblicher Dimensionen eingebettet ist. Als ein wichtiges Ziel wird dabei das Einleben des Übenden in bestimmte sinnliche und leibliche Strukturen angesetzt. Die Kata dienen hierbei als konkrete körperliche und zugleich leibliche Formen, die dem jeweiligen Möglichkeiten zur Objektivierung subjektiver bzw. prä-objektiver Gehalte auf einer synästhetisch-propriozeptiven Ebene bieten, um die im Verlauf der Übung ins alltägliche Leben zu integrierende leibliche Habitualität mit konkreten körperlicher Bewegungsabläufen zu verbinden. Die Aneignung der Kata benötigt eine intensive Praxis der leiblichen Abstraktion, Einübung und Wiederholung, die aufgrund des ideellen Charakters der Kata und der prinzipiell unendlich vertiefbaren Erfahrungen im Bereich der prä-objektiven Strukturen niemals abgeschlossen werden kann und daher ein Leben lang andauert bzw. über viele Generationen hinweg von Übendem zu Übendem weitergegeben und dabei transformiert wird.

Die Praktiken der Weg-Künste, der sie betreffende theoretische bzw. sprachliche Rahmen, sowie die Frage nach der philosophischen Relevanz des Übens insgesamt wird im Promotionsprojekt vor allem aus der Perspektive philosophischer Theorien der Leiblichkeit und des embodiment, wie sie derzeit in der Phänomenologie sowie der analytischen Philosophie diskutiert werden, betrachtet. Dabei spielen die phänomenologischen Ansätze von Edmund Husserl, Maurice Merleau-Ponty, Hermann Schmitz und Bernhard Waldenfels eine zentrale Rolle. Weiterhin werden neben den Analysen antiker philosophischer Praktiken von Michel Foucault und Pierre Hadot auch japanische Ansätze herangezogen, etwa die Theorien von Nishida Kitarō, Yuasa Yasuo und Ichikawa Hiroshi.

Lisa Bauer (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Transkulturalität und Identität im zeitgenössischen künstlerischen Schaffen im Kontext Taiwan (Arbeitstitel)

In Zusammenhang mit seiner im Jahre 2010 im Taipei Fine Arts Museum stattgefundenen Retrospektive stellte der taiwanische Künstler Chen Chieh-jen (陳界仁) fest, dass er nicht glaube, es gäbe nur eine Form der Kunstgeschichte auf dieser Welt, sondern dass vielmehr an jedem Ort eine solche geschrieben werden könne. Diese Aufgabe müsse getrieben sein von Selbstbewusstsein die eigenen Standpunkte und Wissensproduktion betreffend.

Das Sprechen von postkolonialer Hybridität, von Glokalität und daraus hervorgehender Gleichheit, ist längst zur Gewohnheit geworden: Die nicht-westliche zeitgenössische Kunst, vor noch 25 Jahren im westlichen Kontext als nahezu nicht-existent beschreibbar, ist weltweit sichtbarer denn je zuvor, sie hat eine kaum mehr zu überhörende Stimme bekommen. Und doch eröffnet der Kommentar Chen Chieh-jens exemplarisch die Problematik, mit welcher sich der zeitgenössische Kunstdiskurs und das zeitgenössische künstlerische Schaffen unter den Bedingungen der Globalisierung nach wie vor konfrontiert sieht: Von wessen Kunstbegriff und von welcher Form des Kunstverständnisses, von welchem kunstgeschichtlichen, gesellschaftlichen und ästhetischen Verständniszusammenhang sprechen wir, wenn wir uns heute mit zeitgenössischer Kunst befassen – insbesondere dann, wenn deren Entstehungszusammenhänge in den „marginalized regions“ (Chen Chieh-jen) des sogenannten ‚Nicht-Westens’ liegen?

Die – trotz globaler Reflexion und postulierter Gleichheit – implizite Präsenz dieser Fragen, lässt die Angst vor einer „mental colonisation“ (Kishore Mahbubani) und den Kampf um die „Mittel der Moderne“ (Arjun Appadurai) fortdauern, unter den Vorzeichen einer angeeigneten postkolonialen Hybridität wird das Schreiben des Eigenen propagiert.

Vor dem Hintergrund dieser Problematik wird meine Dissertation nach der Möglichkeit einer transkulturellen Betrachtung von Kunst im globalisierten Kunstdiskurs fragen. Ich werde mich auf eine beschreibende Weise den Werken und dem künstlerischen Schaffensprozess nähern. So soll eine Form des Sprechens über Kunst entwickelt werden, die nicht repräsentiert im Sinne des definierenden Zeigens und Darstellens eines kulturellen Wissensobjekts. Eine sich ständig verändernde Verhandlung eröffnet eine kritische Herangehensweise, in welcher ein Diskurs nicht einfach fortgeschrieben und tradiert und so zum blinden Fleck wird, sondern eine nicht nur an diskursiven Interessen orientierte Betrachtung ermöglicht. Die Frage, was die ‚andere’ Kunst in der globalisierten Welt ist und welchen Stellenwert sie einnehmen kann, darf, soll oder wie mit ihr per se umzugehen ist, wird also nicht beantwortet werden – vielmehr soll die ständige Nicht-Antwort des changierenden Blickes vielgestaltige Möglichkeiten öffnen.

Ausgehend von ausgewählten Positionen zeitgenössischen künstlerischen Schaffens im taiwanischen Kontext, werde ich einen Weg der transkulturellen Betrachtung erproben.

 

Lucas dos Reis Martins (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Interkulturelle Analyse der grammatischen Form des Mediums als Grundform des Denkens bei Martin Heidegger und Nishida Kitarō (Arbeitstitel)

Das Forschungsprojekt beabsichtigt das Medium – eine weitgehend in Vergessenheit geratene grammatische Form der Sprache – philosophisch zu thematisieren.  Ausgehend von dieser grammatischen Form soll das Denken von Martin Heidegger und Nishida Kitarō erforscht werden. Diese grammatische Form bringt Vollzugsformen zum Ausdruck, die jenseits von aktiv und passiv angesiedelt sind. Das Medium spielt eine zentrale Rolle im Denken von Martin Heidegger. Die Berufung von Heidegger auf mediale Verbformen in „Sein und Zeit“, um seinen phänomenologischen Methode zu radikalisieren, ist nur ein erster Hinweis auf die zentrale Bedeutung des Mediums in seiner Philosophie. In der japanischen Sprache ist die Verwendung und Bedeutung des Mediums noch sehr lebendig (obwohl sie in der Grammatikschreibung nicht immer explizit ist), so dass die Philosophie von Nishida Kitarō als eine denkerische Entfaltung des Mediums gelesen werden kann. Durch die philosophische Frage nach dem Medium sollen auf diese Weise Verwandtschaften zwischen dem Denken von Heidegger und Nishida aufgezeigt werden, um so einen Beitrag zum Dialog zwischen Asien und Europa zu liefern.

Diana Aman (Prof. Dr. Rolf Elberfeld / Prof. Dr. Jürgen Manemann)

Philosophie der Lebensarbeit: Zu einer Neujustierung des Arbeitsethos auf Grundlage von Axel Honneths moralischem Ökonomismus

Thematischer Ausgangspunkt meiner Arbeit bildet das aktuelle Arbeitsethos und seine Konsequenzen auf dem Arbeitsmarkt und im Sozialsystem. Das gegenwärtige Verständnis von Arbeit äußert sich in einer Verengung des Arbeitsbegriffs auf Erwerbsarbeit und begründet ihren Wert hauptsächlich darin, eine monetäre Gegenleistung einzubringen. Doch der Anspruch, von seiner Arbeit leben zu können, wird nicht mehr flächendeckend eingelöst. Gleichzeitig wird Erwerbsarbeit aber wichtigstes Kriterium für gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung. Axel Honneth setzt sich mit diesem Anerkennungsverhältnis auseinander und kommt zu dem Schluss, dass es als ideologisch zu bezeichnen ist, da die evozierten Vorteile faktisch nicht eingelöst werden. Besonders Günther Anders hat dargelegt, wie sehr die Technik, die unsere Welt immer stärker  durchdringt, den Menschen in seiner Mangelhaftigkeit erscheinen lässt. Das aktuelle Arbeitsethos, welches verlangt, dauerhaft zuverlässig zu funktionieren, Emotionen möglichst auszublenden und leistungsfähig zu sein, hat ein Ideal zum Leitstern erhoben, welches nur von einer Maschine vollständig erfüllt werden kann. Durch die Durchdringung unserer Arbeitswelt mit Technik, erscheint der Mensch in seiner Lebendigkeit mangelhaft und minderwertig. Es soll normativ ein Arbeitsethos vorgeschlagen werden, welches sich gerade durch seine Lebensförderlichkeit auszeichnet, und  es soll die „Lebensarbeit“ als neuer Begriff in die philosophische Debatte eingeführt werden. Um eine Philosophie der Lebensarbeit zu legitimieren, soll an Axel Honneths moralischen Ökonomismus angeknüpft werden. Selbst die Ökonomie sei kein Ort reiner Kämpfe um Selbsterhaltung und Nutzenkalkulationen, sondern in erster Linie ein Ort sozialer Kämpfe um Anerkennung. Es soll argumentiert werden, dass der Glaube an eine Wertneutralität der Markthandlungen seinerseits selbst eine eigene Moral bestimmt: So kann die Vorstellung, dass die Verfolgung der eigenen Interessen keiner weiteren Legitimation bedürfe nämlich selbst als moralische Annahme interpretiert werden. Um die Lebensarbeit zu konkretisieren und in den Forschungsdialog einzubeziehen soll sie von alternativen Arbeitstheorien abgegrenzt werden bzw. in diesen verortet werden, wobei sich das bedingungslose Grundeinkommen als notwendiger Teil der Philosophie der Lebensarbeit erweist.

Anna Berres (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Entschiedenheit und Entzug – Überlegungen zum Paradoxen der Freiheit im Anschluss an Kierkegaard

Kierkegaards Freiheitsverständnis entsteht aus der Auseinandersetzung mit und in Gegenbewegung zu einem neuzeitlichen Konzept vollständiger Selbstbestimmung und ‑begründung, welches darauf verzichtet, ein dem Subjekt Unverfügbares in Rechnung zu stellen.

Ausgangspunkt für diese Überlegungen ist Kierkegaards Konzeption des Selbst („das Selbst ist Freiheit“), welches sich in seiner Konstitution sowohl zu sich selbst als auch unabweisbar zu einem „Anderen“ seiner selbst verhält. Auf Grundlage dieses doppelten Verhältnisses kann Kierkegaard in einem Schlüsselsatz über die „Abhängigkeit des ganzen Verhältnisses“ schreiben, „daß das Selbst nicht durch sich selbst in Gleichgewicht und Ruhe kommen kann“ (KT 128). Freiheit lässt sich diesem Ansatz zufolge nicht im Alleingang verwirklichen, sie steht dem Menschen nicht vollends kontrollierbar zur Verfügung. Was hier zum Ausdruck kommt, ist, dass Freiheitsgewinn (und das bedeutet für Kierkegaard immer Selbstwerdung, Menschwerdung) ein Loslassen von einem Erzwingen-Wollen, welches das Entzugsmoment in dieser Verwirklichung ausschließt, erforderlich macht. Die Autonomiekonzepte, welche dies auflösen und das „Andere“ ganz in die Verfügung des Handelnden stellen, erweisen sich in Kierkegaards Augen gerade als Selbsttäuschung, als Verzweiflung. Das bedeutet aber keineswegs, dass der Mensch nicht dazu aufgerufen ist, ganz er selbst zu sein, und dafür auch radikal verantwortlich ist. Dies begegnet ihm unausweichlich als Forderung, der nachzukommen es eine Entschiedenheit braucht, die Kierkegaard in verschiedener Weise einerseits in seinen teils literarischen Texten beschreibt; sie manifestiert sich auf mehreren Stufen der Selbstwerdung, die andererseits in seinen philosophischen Schriften, insbesondere in der „Krankheit zum Tode“, ausbuchstabiert und analysiert werden.

Es zeigt sich, dass Freiheit in diesem Sinne nur mithilfe einer paradoxen Struktur gedacht werden kann. Das Spezifische des Kierkegaardschen Ansatzes ist es, die Entschiedenheit sowohl als auch den Entzug mit in die Erfahrung der Freiheit „hineinzunehmen“. Das Paradox ist dabei für Kierkegaard von entscheidender Bedeutung und nicht bloß eine linguistische Doppeldeutigkeit, die sich bei näherem Hinsehen auflöst. Dass es auch für die Freiheitsthematik fruchtbar gemacht werden kann ist dann möglich, begreift man diese nicht mehr nur als Wahl- bzw. Willensfreiheit, nicht als einen präjudizierten Besitz, sondern als etwas, das immer wieder verwirklicht werden muss. Versucht Kierkegaard diesen Vollzug mithilfe der „Grundkategorie“ des Paradoxes zu fassen, lässt sich näher zeigen, wie das „und“ zwischen der Entschiedenheit und dem Entzug gedacht werden könnte. Es soll herausgearbeitet werden, was Kierkegaard zufolge an dieser „Kippstelle“ (in seinen Worten, dem „Sprung“) geschieht und worin sie gründet. Hierzu ist eine phänomenologische Untersuchung vonnöten, welche der Erfahrung der Freiheit nachgeht und sich zugleich auf die Analyse des „Selbst“ stützt, welches Kierkegaard selbst als widersprüchliches ausweist.

Im Laufe dieser Arbeit wird sich zeigen, dass für das Freiheitsthema verschiedene Paradoxa von Bedeutung sind. So steigert sich beispielsweise für den Verstand, welcher sich nur an den gesicherten, rational einholbaren Beweis hält, das Paradox zum Absurden, christlich gesehen zum Ärgernis. Es geht Kierkegaard auch immer um Grenzbereiche zwischen dem theoretisch begreifbaren und der Erfahrung, die sich erst im Vollzug selbst einstellen mag. Ich möchte anhand der Kierkegaardschen Überlegungen zeigen, dass Freiheit nur dann adäquat verstanden werden kann, wenn die Spannung zwischen Entschiedenheit und Entzug nicht zugunsten eines der beiden aufgelöst wird. Dieses „Paradox“ soll in seinen verschiedenen Stufen und Zusammenhängen entfaltet und nachvollzogen werden, um das Phänomen der Freiheitsverwirklichung in Anlehnung an Kierkegaard neu fassen zu können und der Tendenz zu widersprechen, für die sich Freiheit in bloßer „autonomer“ Willensausübung erschöpft.

Ilona Schweitzer (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Prozessdenken bei Alfred North Whitehead und Gilles Deleuze

In meiner Dissertation wird die Kompatibilität von Figuren des Prozessdenkens bei Alfred North Whitehead und Gilles Deleuze untersucht. Ausgehend von den Resonanzen im Denken beider Philosophen, die die Whitehead- und Deleuze-Forschung bisher gesehen hat, werde ich mich auch auf die Differenzen in den Grundannahmen Whiteheads und Deleuzes beziehen und fragen, ob sie einander ausschließen oder sich produktiv ergänzen. Das betrifft das Konjunktionspostulat bei Whitehead und das Disjunktionspostulat bei Deleuze hinsichtlich des basalen Prozessgeschehens ebenso wie die Architektur der Selbstorganisationsebenen 'God' bei Whitehead und 'le plan d'immanence' bei Deleuze. Des Weiteren werde ich die Anschlussfähigkeit beider Prozessphilosophien in zwei Richtungen diskutieren: a) im Hinblick auf Konzeptualisierungen der Virtualität in der Philosophie der Quantenphysik b) im Hinblick auf Konzeptualisierungen des Werdens in ausgewählten asiatischen Philosophien.

Hiroyuki Akatsuka (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Vom Problem der Geschichte in Heideggers Denken

In meiner Dissertation geht es um das Problem der Geschichte in Heideggers Philosophie. Insbesondere betrachtet ich, wie die Beziehung des Seins des Menschen zur Geschichte in seinem Denken begriffen wird. Demzufolge, wie Heidegger die Geschichtlichkeit der menschliche Existenz aus der „Wiederholung“ der Existenz vom gewesenen Menschen als Möglichkeit in „Sein und Zeit“ aufweist, enthält die Geschichte in seinem Denken immer das Charakteristikum des ontologischen Zusammenhangs zwischen dem gegenwärtigem Menschen und dem gewesenen Menschen. Durch dieses Charakteristikum kann Heidegger einen Zugang zum Sein bahnen und zugleich seine philosophische Methode der Seinsfrage als das ‚geschichtliche Denken‘ ausarbeiten.

Sein Einblick in diesen Zusammenhang kann schon in der Problematik der Hermeneutik der Faktizität in seinem frühen Denken gesehen werden. Meines Erachtens wird dieser Einblick insbesondere in der Frage nach dem ‚Historischen‘ deutlich. Die Betrachtung dieses Zusammenhangs wird konkret anhand einer Interpretation zu den „Briefen des Paulus“ in der zweiten Hälfte der Vorlesung „Einleitung in die Phänomenologie der Religion“ durchgeführt.

Meiner Meinung nach greift dieser Zusammenhang vor allem in die Problematik des späten Denkens über, insbesondere in die Methode des geschichtlichen Denkens in dem Werk „Beiträge zur Philosophie“. Beispielsweise gründet das sogenannte ‚Zuspiel‘ zwischen dem ersten und dem anderen Anfang, der sich hier als die Methode des ‚seins-geschichtlichen Denkens‘ in dieser Schrift bestimmt, auf diesem geschichtlichen Zusammenhang zwischen dem gewesenen und dem gegenwärtigen Denker. Doch dies bedeutet nicht, dass der Einblick in die Geschichte noch im Gedankenkreis von „Sein und Zeit“ verbleibt. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen der Geschichtlichkeit in „Sein und Zeit“ und der sogenannten ‚Geschichtlichkeit‘ als Geschick im späten Denken. In Bezug auf den Unterschied gehört die Geschichtlichkeit als das ursprüngliche Wesen der Geschichte in „Sein und Zeit“ zur Existenz des Menschen und bestimmt den geschichtlichen Zusammenhang zwischen den Menschen. Dem gegenüber geschieht die ‚Geschichtlichkeit‘ im späten Denken als der ‚Ort‘ der Geschichte, an dem die Geschichte unmittelbar in den geschichtlichen Zusammenhang zwischen die Menschen kommt, und zugleich diesen Zusammenhang als diesen geschichtlichen Zusammenhang begründet. Deswegen kann der Denker ‚seins-geschichtliches Denken‘ erst durch die Auseinandersetzung mit den gewesenen Denker vollziehen und nach der Geschichte selbst fragen. Ich möchte diesen Punkt dadurch erklären, dass ich den Zusammenhang zwischen dem Begriff „Geschichte“ und dem „seinsgeschichtlichen Denken“ in „Beiträge zur Philosophie“ betrachte.

Hinsichtlich dieses Vorhabens soll es um die Interpretation von Hölderlin und Nietzsche durch Heidegger gehen, bevor hauptsächlich die „Beiträge zur Philosophie“ behandelt werden. Denn wie Heidegger selbst betont, spielt die Interpretation der beiden eine sehr wichtige Rolle für sein spätes Denken. Deswegen will ich den Zusammenhang zwischen der Frage nach der Geschichte im späten Denken und dieser Interpretation beschreiben, indem ich diese Interpretation von Hölderlin und Nietzsche im Hinblick auf die Geschichte betrachte.

In meiner Arbeit soll es zuletzt um Heideggers Denken über die Kunst als das Problem der Anderen und der Geschichte gehen. Denn ich bin der Meinung, dass es sich in seinem Denken über die Kunst um die Bestimmung der Geschichte anhand konkreter Sachen, das heißt, anhand von Kunstwerken handelt. Der Zusammenhang zwischen Bewahrenden und Schaffenden und dem Kunstwerk kann als der geschichtliche Zusammenhang begriffen werden und die Kunst kann meiner Ansicht nach auch als der Ort der Entstehung dieses Zusammenhangs beschrieben werden.

Von diesen viere Studien ausgehend will ich die Geschichtlichkeit der Geschichte bei Heidegger, insbesondere in seinem Denken der späten 1930er Jahren nicht nur als den Sinn vom Seinsverstehen und dem methodischen Grund des geschichtlichen Denkens erarbeiten, sondern auch sie zugleich als die Eröffnung des Geschehnisses des ontologischen Zusammenhangs zwischen dem gegenwärtigen und dem gewesenen Menschen deutlich charakterisieren.

Susann Kabisch (Prof. Dr. Tilman Borsche, Dr. Inigo Bocken, Nijmegen, Niederlande)

Gott und die Welt in Szene gesetzt.
Inszenierung als Erkenntnisweg bei Nikolaus von Kues

Die vielen methodischen Bemerkungen, mit denen Nikolaus von Kues (1401–1464) innerhalb seiner Schriften deren Vorgehensweise reflektiert, offenbaren seine Aufmerksamkeit für die Prozesshaftigkeit und Situationsgebundenheit des menschlichen Denkens. Cusanus begreift Erkennen als eine Praxis. In Entsprechung dazu setzen seine Texte den individuellen Mitvollzug der Adressaten voraus und regen dazu an. Die verschiedenen Aspekte der cusanischen Schreibpraxis laufen zusammen im Begriff der Inszenierung. Dieser findet sich nicht bei Cusanus selbst, er kann aber einen neuen Blick auf die Besonderheit wie den inneren Zusammenhang seines Werkes eröffnen und zudem dessen Aktualität hervortreten lassen. Anhand einer Cusanus-Lektüre unter dem Blickwinkel eines neuen Begriffs der Inszenierung erweist sich darüber hinaus dessen Potential als ein Schlüsselbegriff philosophischer Lektürepraxis.