Welche Unterscheidungen braucht der feministische Diskurs (nicht)?

Freitag, 05. Oktober 2018  / Alter: 70 Tage

2. Jahrestagung des Zentrums für Geschlechterforschung Hildesheim, 22. - 24.11.2018, Kulturcampus Domäne Marienburg

Anmeldung bis zum 16. 11. 2018 unter grecof@uni-hildesheim.de

Nicht Kleider, sondern Unterscheidungen machen Leute – zu »Frauen«, »Lesben«, »Schwarzen« und »Subalternen«, zu Stimmen mit gesellschaftlicher Relevanz, zu Körpern von Gewicht und Autorität, zu Personen mit Teilhabeberechtigung an gesellschaftlichen Gütern und Zugang zu politischen Entscheidungsprozessen, zu (gut) entlohnte Arbeiter*innen, zu Akteur*innen eines »Wir« oder »nicht zugehörigen Anderen«. Unterscheidungen sind keineswegs bloß gedankliche Konstrukte, sie orientieren nicht einfach nur gesellschaftliche Praktiken – Unterscheiden ist selbst als eine gesellschaftliche Praxis zu verstehen. Je nach Situation und Form des Unterscheidens kann dieses herrschaftsstabilisierend wirken, Diskriminierungen und soziale Ungleichheiten perpetuieren oder verstärken, aber auch von kritischer und emanzipatorisch-widerständiger Wirksamkeit sein.

Für eine Reflexion der feministischen Arbeit mit und an Unterscheidungen ist daher die Frage nach den Weisen des Unterscheidens zentral. Zu fragen ist dabei nicht nur nach den verschiedenen Unterscheidungsformen, sondern im Zusammenhang damit ebenso nach den gesellschaftlichen Bedingungen und Bedingtheiten, Problemen und Potentialen von Unterscheidungspraktiken: Wo sind scharfe Grenzziehungen, binäres oder dichotomisches Unterscheiden problematisch, wo vielleicht nicht? Wo braucht es statt grobem Gegenüberstellen feineres Differenzieren, Graduieren oder eine Reflexion von Verflechtungs- und Interdependenzfiguren? Wo und inwiefern könnte der Einsatz von oppositionellen Bestimmungen hilfreich, parteiliches und abgrenzendes Unterscheiden gefordert sein? Wann sollte statt am Entweder-Oder, Weder-Noch oder Sowohl-Als-Auch an dialektischen Bezugsfiguren gearbeitet werden, die im Unterscheiden komplexe Verhältnisbestimmungen vornehmen? Inwiefern sind politisch-praktische wie auch theoretische feministische Kämpfe als Unterscheidungskritik zu verstehen? Wie könnte in der Interaktion von feministischen ästhetischen, politischen und theoretischen Praxen Interventionskraft zur Kritik problematischer gesellschaftlicher Unterscheidungsweisen liegen?

Das Anliegen der Tagung besteht darin, in interdisziplinärer Diskussion die verschiedenen Weisen des Unterscheidens zu rekonstruieren sowie nach den gesellschaftlichen Bedingungen und Bedingtheiten, Problemen und Potentialen spezifischer Unterscheidungspraxen zu fragen. Die thematische Einheit zu »Doing Difference im akademischen Alltag« untersucht Weisen diskriminierenden Unterscheidens in der akademischen Praxis, ihre Mechanismen, institutionellen und habituellen Ausprägungen, aber auch die Interventionsmöglichkeiten kritischer Praxen. Die Vorträge des Panels »Differenzierungen und Differenzen: Kritik der Intersektionalität« fragen nach den analytischen und politischen Potentialen sowie möglichen Problemen und Herausforderungen intersektionaler Perspektiven. Das Forum »Geschlechterpolitik und Geschlechterforschung in Hildesheim« erkundet lokale aktivistische und akademische geschlechterpolitische Praxen. Die Performance J.U.D.I.T.H. sowie ein abschließendes Panel widmen sich »Praktiken des Verschiebens, Durchquerens, Verweigerns von Unterscheidungen« in queeren Perspektiven, widerständigen und ästhetischen Praktiken.

Mehr Informationen unter
www.uni-hildesheim.de/fb2/institute/philosophie/forschung-und-promotion/2-jahrestagung-des-zentrums-fuer-geschlechterforschung-hildesheim/