Türkei

Blick auf die armenisch-türkische Grenze.

TÜRKEI 2015-2016

„Papa, wie viele Feinde haben wir?“

Kulturpolitische Beobachtungen aus Istanbul von Nele, die sich für das Studienjahr 2015-2016 in der Metropole am Bosporus aufhält.

Lori, ein neun Jahre altes Mädchen, kommt nach Hause und fragt ihren Vater: „Papa, wie viele Feinde haben wir? Ich weiß nur noch Aserbaidschan und Türkei, das hat uns die Lehrerin erzählt, aber die anderen habe ich vergessen…“

Lori kommt aus Gyumri, der Stadt in Armenien, die der türkischen Grenze am nächsten ist. Jeden Tag kann sie die Türkei sehen, aber die Grenze ist geschlossen. Ihr Vater, Aleksey Manukyan, ist ein Künstler aus Gyumri. Ihn hat die Frage seiner Tochter geschockt. Daraufhin beschloss er mit seiner Frau, in der Schule seiner Kinder ein alternatives kulturelles Bildungsprogramm am Nachmittag aufzubauen.

Sinah, 20 Jahre, aus Istanbul erzählt: „Natürlich wissen wir, dass unsere Vorfahren 1915 viele Armenier umgebracht haben und dass es wahrscheinlich ein Völkermord war. Aber das habe ich erst nach der Schule im Internet recherchiert. Unsere Lehrer durften das Thema nie ansprechen. Am schlimmsten war es für diejenigen, die darüber mit uns sprechen wollten, aber nicht durften.“

Hrant Dink (erschossen 2007 in Istanbul), der bedeutendste türkisch-armenische Journalist aus der Türkei, schreibt: „First, I am from Turkey, I am a citizen of the Republic of Turkey… […] Second, I am Armenian. […] In my country, which has been constantly plagued by troubles in its relationships with its neighbours since the foundation of the Republic, not only does shallow nationalism which blocks democratic progress greatly feed off this policy of hostility, but great share of my country’s resources are spent on defence to counter ‘the threat of neighbouring countries’ and for ‘security’. […] To want this relation to improve and the borders to be open is, of course, my primarily responsibility as a citizen of the Republic of Turkey.”

Wie der Journalist einleuchtend beschreibt, ist die Frage der armenisch-türkischen Beziehungen nicht nur historische Aufarbeitung, sondern enorm wichtig für den Demokratisierungsprozess beider Länder.

Wie die Demokratie in der Türkei derzeit leidet, kann man tagtäglich an neuen gewaltsamen Auseinandersetzungen des türkischen Militärs und der Terrororganisation PKK auf kurdischem Gebiet der Türkei sehen. Darüber hinaus erhalten die nationalistisch-konservativen Strömungen und die Hetze gegen Minderheiten stetig Zuwachs aus der Bevölkerung, insbesondere seit der Aufhebung des Waffenstillstands mit der PKK im Juli 2015. Die Stimmung vor der Wahl des türkischen Parlaments am 1. November 2015 war äußerst angespannt, insbesondere nach dem blutigen Anschlag in Ankara Anfang Oktober. Die Pressefreiheit wird zunehmend angegriffen. Was jetzt nach den Neuwahlen im November passieren wird, kann niemand voraussagen.

Aber was hat dieses Thema nun mit Kulturpolitik zu tun? Entscheidend ist, dass die meisten Förderer für Kulturprojekte in der Türkei nicht von dem öffentlichen, sondern aus dem privaten Sektor kommen. Einerseits sind dadurch die Kulturschaffenden von ihren Sponsoren abhängig, andererseits bietet sich ihnen die Möglichkeit von der Regierung und ihren Anforderungen unabhängig zu agieren.

Es scheint derzeit, als würde sich die türkische Gesellschaft zunehmend polarisieren und in Regierungsunterstützer und Regierungsgegner spalten. Der Dialog zwischen Türken und den Minderheiten wird zunehmend komplizierter.

Die Auseinandersetzung mit dem Türkei-Armenien Konflikt ist dabei nur ein einzelner Baustein des Prozesses von Demokratisierungsentwicklung und Anerkennung von Minderheiten in der Türkei. Diesen Prozess kann die Kulturszene natürlich nicht alleine steuern, das wären utopische Vorstellungen der politischen Lage in der Türkei. Doch was die Kulturprojekte vermögen, ist ein Ansatz zur Reflexion und zum lebendigen zivilgesellschaftlichen Dialog, gerade wenn auf politischer Ebene im Moment eine Eiszeit eingetreten zu sein scheint.

Mit den türkisch-armenischen Beziehungen hat sich bereits eine Vielzahl künstlerischer Projekte beschäftigt, aktuell u.a. die Istanbul Biennale „Saltwater“ kuratiert von Carolyn Christov-Bakargiev, die mehrere armenische Künstler zeigte, oder die Ausstellung „Grandchildren“ von Diaspora-Armeniern im Istanbuler Kulturzentrum DEPO.

Da eine grundlegende Herausforderung die Bildungssysteme beider Länder sind, bewegen mich derzeit folgende Fragen: Wie könnte man durch kulturelle Bildung eine alternative Methode zum bestehenden Bildungssystem entwickeln und dadurch einen Dialog zwischen Minderheiten in der Türkei kreieren? Welches Potential steckt in einer kreativen Auseinandersetzung mit dem Thema, um eine Verständigungsebene außerhalb des politischen Kontextes zu schaffen? Welche Rahmenbedingungen bräuchte es für eine solche Begegnung?

Das Forschen nach Antworten hat gerade begonnen, da ich erst vor knapp zwei Monaten in der Türkei angekommen bin. Aber die Suche geht weiter…

Die anfänglichen Zitate entstammen Gesprächen mit Aleksey Manukyan am 21.09.15 und mit Sinah am 03.09.15 und sind nach bestem Gewissen aus der Erinnerung wiedergegeben.

Dink, Hrant (2014): Two Distant Neighbours, Two Close People. Hrant Dink Foundation Publications. S. 2f.