Südafrika

Eine Veranstaltung des District Six Museum in Kapstadt mit den ehemaligen Bewohner_innen des Viertels zum Heritage Day 2016.
Copyright Sonja Tautz

Das gespaltene Land (2016-2017)

Politische Erfahrungen aus Südafrika

Sonja Tautz

Südafrika wird mir in jeder Hinsicht als gespaltenes Land in Erinnerung bleiben. Die Schönheit und Weite der Landschaft stehen oft im Gegensatz zu den sozialen Konflikten, die überall im Land brodeln und zur Verzweiflung treiben können. Es ist eben nicht alles einfach, die einen gut, die anderen böse, Gerechtigkeit ist nicht verteilbar. Und wie kann ich mich, als weiße Europäerin, als „Kolonialistin“ einmischen in diese Konflikte, die gar nicht die meinen sind, um versuchen sie zu verstehen oder Lösungsansätze zu bieten? Darf ich das überhaupt?
Die störrische Zerrissenheit des Landes brachte der südafrikanische Autor Alan Paton in seinem Roman Cry the beloved country am besten auf den Punkt:

“This is no time to talk of hedges and fields, or the beauties of any country. Sadness and fear and hate, how they well up in the heart and mind, whenever one opens pages of these messengers of doom. Cry for the broken tribe, for the law and the custom that is gone. Aye, and cry aloud for the man who is dead, for the woman and children bereaved. Cry, the beloved country, these things are not yet at an end. The sun pours down on the earth, on the lovely land that man cannot enjoy. He knows only the fear of his heart.” (Alan Paton, 1948)

Südafrika ist ein zu großes Land, in dem sich alle so zu fühlen scheinen, als ob sie dort nicht hingehörten. Dies spiegelt sich wieder in jedem Zaun und jeder Mauer, die man hier um die Grundstücke zieht. Nicht nur betreten Weiße kaum die Kapstädter Townships, die schwarze Bevölkerung traut sich auch kaum aus diesen heraus. Wenn wir – meine zwei Hildesheimer Kommilitoninnen und ich – dagegen nach der Uni in Pretoria noch durch die Innenstadt liefen, fühlten wir uns ständig neugieriger Blicke ausgeliefert, da dort kaum weiße Personen zu Fuß gehen. Was in Deutschland für uns eine Selbstverständlichkeit ist, wurde in Südafrika plötzlich zum Kuriosum. Viel öfter wurde ich hier auf die Grenzen meiner Sicherheit gestoßen und gleichzeitig wurden mir meine eigenen Privilegien, verursacht durch meine Hautfarbe, ins Gesicht geschleudert. Die Debatte um „Critical Whiteness“ ist für mich eine, die wir unbedingt führen müssen, auch und vor allem in Europa.

Wie Alltag politisch wird

In diesem Zusammenhang haben mich auch die schweren Studierendenproteste während meines Praktikums in Kapstadt sehr beschäftigt. Wir nehmen oft unsere institutionellen Strukturen und die Hoheit der Wissenschaft und Forschung als selbstverständlich wahr. Fakt jedoch ist, dass dieses System ebenfalls einen weißen Eurozentrismus repräsentiert, in dem viele Stimmen benachteiligt sind. Ich fordere nicht die Abschaffung von wissenschaftlichen Fakten, sondern lediglich ein Innehalten in der Wissenschaft, ein kurzzeitiges Hinterfragen der Strukturen und Systeme, in denen wir denken. Wie kann ich denn mit meiner Wissenschaft behaupten etwas über Kunst in Südafrika festzustellen, wenn das Verständnis von Kunst hier ein ganz anderes ist?

Einblicke in die Idee von „Community Art“

Vor allem meine Arbeit im District Six Museum in Kapstadt, wo ich mein Praktikum absolvierte und das sich mit Vertreibung durch das Apartheid Regime auseinandersetzt, hat mir die Idee von „Community Art“ nähergebracht: eine Kunst, die sich durch Botschaft, Zusammenhalt und Aktivismus auszeichnet und in der Ästhetik eine untergeordnete Rolle spielt. Während ich in Deutschland hauptsächlich mit entpolitisierter Allgemeingültigkeit in der Kunst, die die Institution zelebriert und die „Hau-Drauf-Message“ scheut, konfrontiert bin, engagieren sich Künstler hier stets im politischen Fokus.

Ich habe hier eine Diskussionspolitik genossen, die sich nicht hinter falscher Toleranz versteckt. Die Südafrikaner_innen wissen, – nicht nur durch die Studierendenproteste und die aktuellen Skandale um den Präsidenten Jacob Zuma – dass es ihrem Land nicht gut geht. Es herrscht ein offener Austausch über Politik und soziale (Un-)Gerechtigkeit, der beim ersten Hinhören pauschalisierend wirken mag (vor allem im lockeren Umgang mit dem Wort „race“), aber doch nicht im Widerspruch mit „political correctness“ steht. Diese direkte Gesprächskultur ist Teil eines sehr politisch aufgeladenen Alltags für alle, der auch mir beigebracht hat direkt Stellung zu beziehen.

Ich bin sehr froh darüber, die Möglichkeit gehabt zu haben meine europäische Blase zu verlassen und ein Stück afrikanischer Perspektive kennen zu lernen. Wie kann ich jetzt meine neuen Erkenntnisse in einen europäischen Rahmen übertragen? Funktioniert entkolonialisierte Wissenschaft auch hier? Was bedeutet politische Kunst in Europa? Wie können wir unsere Diskurse führen, dass sich jeder daran beteiligen kann? Wahrscheinlich könnte ich noch lange so fortfahren und oft frage ich mich, wie viel ich sagen kann, wie viel ich sagen darf, was der Unterschied zwischen meiner individuellen Erfahrung und der der anderen ist. Pauschalisiere ich nicht selbst mit meinen Eindrücken, denen ich eine anscheinende Allgemeingültigkeit zuschreibe? Und kann ich diese Eindrücke überhaupt verständlich genug für jemanden schildern, der sie nicht selbst erlebt hat?

Es lohnt sich aus seiner Sicherheit und dem Altbekannten herauszutreten und ein Land nicht nur zu bereisen, sondern dort zu leben und sich aktiv mit all den Geschehnissen vor Ort auseinander zu setzen. Das ist eine Lektion für das Leben.

 

Weiterführende Informationen zu den aktuellen politischen Fragen in Südafrika liefern u.a. die Dokumentationen Fuck White Tears von Annelie Boros: https://www.youtube.com/watch?v=zbI0IGZwMCc und The People VS The Rainbownation von Lebogang Rasethaba: https://arcadecontent.tv/the-people-vs-the-rainbow-nation-documentary/.

Monatsbericht Südafrika 2016-2017

Leonie Seitz

April 2017, Pretoria. Es wird langsam Winter. Mittlerweile bin ich nun schon seit fast neun Monaten in Südafrika und habe das Land immer noch nicht begriffen.

Die kulturelle und ethnische Vielfalt Südafrikas ist eine sehr spezielle Besonderheit des Landes. Während meines Praktikums bei dem Theaterfestival Cape Town Fringe von August bis Dezember 2016, ist mir diese Vielfalt allein durch die unterschiedlichen Produktionen in isiXhosa, isiSulu, Afrikaans, Englisch und weiteren afrikanischen Sprachen besonders aufgefallen. Das Programm des Festivals war durch diese Sprachenvielfalt und die dadurch verschiedenen Perspektiven der Theaterschaffenden sehr spannend. Viele Produktionen waren politisch und beschäftigten sich – natürlich – mit dem hier nicht selten verwendeten Term „race“. Die Hautfarbe und die „Rasse“ werden hier in Südafrika immer wieder thematisiert.

Was macht es denn für einen Unterschied, welche Hautfarbe jemand hat? Warum muss definiert werden, ob jemand white, black oder coloured ist? Warum muss dies bei allen öffentlichen Dokumenten angegeben werden? Ist diese Überbewertung und Definierung der „Rasse“ nicht kontraproduktiv? Macht die Betonung der Unterschiede die Unterschiede nicht noch größer?

Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, mich auf dieses Thema und diesen Diskurs einzulassen, der in Deutschland auf diese Weise gar nicht mehr geführt wird. Bis mir bewusst wurde, dass sich eben dieser Diskurs in einem ganz anderen Rahmen abspielt und man diesen Rahmen erst einmal verstehen muss, um die Relevanz des Diskurses um „Rasse“ verstehen zu können. Mir waren die Auswirkungen der südafrikanischen Geschichte, die Aktualität der Apartheit und die Herausforderungen der Überwindung eines solchen Systems nicht bewusst, bevor ich nach Südafrika reiste. Zu beschließen, dass das Apartheitsregime vorbei ist heißt noch lange nicht, dass dadurch die Strukturen der Apartheit überwunden sind. Neben sprachlichen Barrieren sind vor allem die materiellen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten ausschlaggebend für die „Instandhaltung“ der Apartheit. Gerade der nicht erfüllte Wunsch sowie die Hoffnung auf eine Veränderung und Verbesserung der Lebensumstände nach Ende der Apartheit, bzw. die Aussichtslosigkeit und der Mangel an Möglichkeiten führen zu Unzufriedenheit, Aggression, Wut und der hohen Kriminalitätsrate in Südafrika. Diese Spaltung der Gesellschaft in arm und reich und – man kann es leider fast gleichsetzen mit - schwarz und weiß hatte lange Zeit sich zu festigen, weswegen es wohl genauso lange dauern wird dies zu überwinden.

Angefangen bei der Bildung. Wer Geld hat, kann sich bessere – bzw. überhaupt – eine gute Bildung leisten und bekommt somit einen besseren Arbeitsplatz und mehr Geld. Dies war auch der Grund, warum es im letzten Jahr zu den ausschreitenden Protesten „Fees Must Fall“ in ganz Südafrika führte, welche wir in Kapstadt miterlebt haben. Hier an der Tshwane University of Pretoria seien die Proteste letztes Jahr sogar noch viel gewalttätiger und ausartender gewesen. Dieses Jahr haben wir bisher – abgesehen von einem einzigen Mal - überraschenderweise noch kaum etwas von den Protesten mitbekommen. An dem Tag, an dem an der Universität in Pretoria protestiert wurde, haben die Dozenten uns gesagt, wir sollen nach Hause gehen und den Protestierenden aus dem Weg gehen, da diese gewalttätig seien. Das haben wir und die meisten anderen Studierenden dann auch gemacht. Doch wie soll sich etwas verändern, wenn überhaupt keine Kommunikation stattfindet? Meiner Meinung nach sollte es natürlich keine Studiengebühren geben, ganz besonders in einem Land wie Südafrika, um nur annähernd Chancengleichheit zu gewährleisten. Andererseits ist dies natürlich auch eine Frage der Umsetzbarkeit und die Methode der Proteste ist darüber hinaus fragwürdig, wenn Bibliotheken abgebrannt und somit die eigenen Ressourcen vernichtet werden. Um einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen, fehlt es hier jedoch eindeutig an Kommunikation. Infoveranstaltungen oder Diskussionen gibt es hier eigentlich nicht.

In Südafrika habe ich oft das Gefühl, bei den ganzen Problemen die das Land hat in einer Sackgasse zu landen. Man sieht sich gefestigten und unbeweglichen Strukturen gegenüber und kann doch nur beobachten. Dies gilt bereits beim Betrachten des Präsidenten Jacob Zuma. Wie kann ein Mann noch immer Präsident sein, der korrupte Geschäfte mit Steuergeldern macht, der der Vergewaltigung angeklagt wurde und nach dem Geschlechtsverkehr mit einer HIV-infizierten Frau glaubt, eine Dusche würde ihn vor Aids schützen? Das fragen sich wohl auch die Protestierenden von „Zuma Must Fall“, der im März landesweiten Protestaktion.

Die Politik und die zu freie Wirtschaftspolitik nach Ende der Apartheid haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Apartheid somit in der Gesellschaft noch lange nicht überwunden ist. In Pretoria ist dies noch deutlicher zu spüren als in Kapstadt, bspw. an Wohngebieten, Stadtteilen, Restaurants oder Transportmitteln. Unsere Dozentin empfiehl uns zum Beispiel, in Kapstadt mit den Minibus-Taxis zu fahren, in Pretoria sei dies jedoch zu gefährlich. Meine schwarzen Kommilitonen meinten außerdem zu mir: „If you see a white person in the minibus, it´s like you see a giraffe.“

Genau diese festgefahrenen Strukturen und Meinungen von Dingen sind „gefährlich“ für die südafrikanische Gesellschaft. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt beim Minibus-Fahren in Pretoria. Doch wie können diese etablierten Strukturen aufgebrochen werden? Was kann man tun, um aus diesem „Kreislauf“ der Apartheid auszubrechen? Und wie kann ein richtiger, dringend notwendiger „Change“ erreicht werden? Zu diesen Fragen fehlen mir und fehlen generell leider noch Antworten.

Blick vom Tafelberg auf Kapstadt.

SÜDAFRIKA 2016-2017

Zwischen Rassismusfragen und Herzlichkeit

Persönliche Einblicke von Biene, 2016-2017 für ein Studienjahr in Südafrika.

Kapstadt, Oktober 2016

„Hanover Park, Hanover Park! Via Athlone, Hanover Park“ hört man die Conductor der Minibustaxis rufen. Richtung Hanover Park ist die, welche ich nehmen muss, um nach Lansdowne zu kommen, wo ich mittlerweile bei einer coloured Familie wohne. Hanover Park selbst ist aufgrund der ausgeprägten Drogen- und Kriminalitätsprobleme für einen Besuch nicht zu empfehlen. Je nachdem, wohin man fahren möchte, gibt man dem Conductor zwischen 5 bis 10 Rand, je nach Entfernung und Uhrzeit. Wenn der Bus sehr voll ist, dann gibt man das Geld der Person in der Reihe vor einem. Die öffentliche Verkehrsmittelsituation ist in Kapstadt, abgesehen von der Innenstadt, ziemlich schwierig. Für die WM 2010 wurde MyCityBus ins Leben gerufen, doch diese verkehren nur in der Innenstadt. Bleiben also noch Bahn (Metro und MetroPlus) und Minibustaxis, hier auch einfach Taxis genannt und natürlich Uber, eine App, die man sich auf dem Smartphone installieren kann.

Meine ersten Eindrücke waren sehr gemischt. Zwischen absoluter Faszination für die Landschaft und die Herzlichkeit der Menschen – jede*r nennt sich hier brother und sister und man kann unmöglich nur „hello“ sagen, ohne nicht wenigstens „How are you?“ gefragt zu haben – und zwischen den ersten Konfrontationen mit Themen wie „Sicherheit“ und „Rassismus“ bewegte ich mich vorsichtig und so offen wie mir möglich.

Bereits vorweg: Einige Dinge werden vielleicht ungewöhnlich klingen, vielleicht sogar gefährlich, aber so ist es eigentlich nicht. Man muss sich ein wenig daran gewöhnen, sich ein wenig anders organisieren, als man es vielleicht gewöhnt sein mag. Die meisten „Fehler“ passierten mir gleich am Anfang, um auf die gemeisterten Herausforderungen zu sprechen zu kommen. Innerhalb kürzester Zeit wurde mir mein Portemonnaie geklaut, dann meine Kreditkarte und dann noch mein Handy – Handys sind hier sehr beliebt. Ich hab einmal den letzten Bus verpasst und musste laufen, ich wurde einmal in der Innenstadt mit einem Messer bedroht und habe herausgefunden, dass man mit den Minibustaxis nach Langa (Township von Kapstadt) bis zu einer Stunde brauchen kann, während man mit dem Auto 15 Minuten dorthin fährt.

Aber aus Fehlern lernt man ja bekanntermaßen. Deswegen besitze ich jetzt ein uraltes Samsung Handy (sogar in Farbe) und trage mein Geld in meinem BH, wie viele andere Frauen hier, und meine Kreditkarte habe ich eigentlich nie dabei, nur einmal am Anfang des Monats um bei der Standard Bank Geld abzuheben. (Es gibt verschiedene Banken, wie ABSA und Standard Bank. Bei der Standard Bank kann man bis zu R5000 abheben, während bei ABSA meist nur R3000 möglich sind.) Nach Langa fahre ich jetzt mit dem Auto und an den Wochenenden reise ich viel innerhalb des Landes. Beim Thema Sicherheit kommt es immer darauf an, wo man sich aufhält. Meiner Erfahrung nach sind bei Dunkelheit alle Menschen Zuhause oder auf dem Rückweg. Das liegt auch daran, weil der ÖNV gegen 20 Uhr aufhört. Es gibt Gegenden, vor allem die Innenstadt Kapstadts, in denen sich abends länger aufgehalten werden kann und es gibt Gegenden, die gemieden werden sollten. Dabei kommt auch das Thema Hautfarbe hinzu: Hier sagt man „Black“, „Coloured“ und „White“. Nach Ende der Apartheid hat sich anscheinend viel für die coloured community getan, leider nicht so viel für die black community und teilweise sind die Fronten sehr verhärtet.

Das ist ein Thema - das Rassismus-Thema eben irgendwie - mit dem man täglich konfrontiert wird oder werden kann und über das wir (Leonie, Sonja und ich 2016-17 zusammen im Rahmen von Bachelor Plus in Südafrika) schon viel diskutiert haben. Manchmal haben wir uns in diesen Diskussionen ziemlich im Kreis gedreht, was eigentlich nur zeigt, dass es eben nicht so einfach ist. Fragen, die mich dabei bewegen, sind: „Warum gibt es immer noch diese verhärteten Fronten zwischen black und white community? Warum wird mir meist gesagt, dass man sich in Acht nehmen soll, wenn man weiß ist, weil es gefährlich ist?“ Ich kann keineswegs verlangen, dass alle dieses Denken über den Haufen werfen sollen und es ist eine weiß-privilegierte Haltung zu sagen, dass ich „genervt von diesem Rassismus-Problem“ bin. Seitdem lese ich viele Texte und Artikel und rede viel mit den Menschen, die ich treffe.

Dabei fällt mir auf, dass eben doch die meisten Sätze ähnlich klingen „Was? Du fährst mit der Metro? Das ist doch voll gefährlich als Weiße?!“ oder „Von deinem Wesen her müsstest du eigentlich ein Teil unserer Black Community sein“ (was ein Kind im Langa Township kürzlich zu mir sagte). Für mich fühlt sich das nach Reproduktion von Vorurteilen und Klischees an und ich merke auch, dass es für mich immer schwieriger wird zu formulieren, was ich als Problem ansehe, weil ich gar nicht mehr weiß, was ich überhaupt sagen kann oder darf. Wieviel Recht habe ich denn dazu eine Situation zu beurteilen, die ich gerade seit 3 Monaten kenne?

Solange an diesen Mustern festgehalten wird (Weiße fahren Uber, Auto, MetroPlus. Schwarze fahren Minibustaxi und Metro und laufen, in Cafés sitzen meistens Weiße und/oder Coloured, bei Wine Tastings sind es Schwarze, die bedienen, besser bezahlte Jobs haben immer noch Weiße, an den Stränden wie Camps Bay sind Weiße, ein Schwarzer erzählte mir, dass zu ihm gesagt wurde „What is the monkey doing here?!“ als er am Clifton Strand war), solange werden sich meiner Meinung nach die Fronten verhärten. Aus Gesprächen mit Xhosa-People und anderen Schwarzen konnte ich aber auch entnehmen: „Weiße, hört auf ständig „helfen“ zu wollen, euch ständig einzumischen, ihr macht alles schlimm, ihr seid Schuld daran, wie es uns geht, ihr seid Schuld daran und das schon seit Jahrhunderten. Wir müssen eure Sprache lernen und ihr könnt unsere nicht. Wir müssen in eure Welt passen und das macht uns wütend.“ (Ähnliche Eindrücke schildert auch der Dokumentarfilm „Fuck White Tears“ von Annelie Boros: fuchsbau-festival.de/kontentmag/fuck-white-tears/)

Damit bin ich überfordert. Ich dachte es geht darum, dass alle gemeinsam leben, dass Chancengleichheit geschaffen wird. Und dann gibt es Menschen, die eine Separierung wollen, auf allen Seiten, weil das besser sei und es wird „Dekolonialisierung“ gefordert.

Mich macht es wütend, gerade wenn ich reise, diese Ungleichheiten zu sehen. Neben der Luxus Villa steht ein Wellblechverschlag. Und ich weiß schon gar nicht mehr, zu was ich mich überhaupt äußern darf oder kann...

Natürlich ist dies aber auch nur eine Seite der Medaille, ich erwähnte bereits die große Herzlichkeit der Menschen. Zumeist begegnet mir ein großes Wohlwollen, Interesse und Bereitschaft zu erzählen, von den Menschen in den Townships oder auch anderswo. Ich treffe die „rasta brothers“, die in den Bergen leben und Herbs verkaufen, die mich einladen, die davon reden, dass wir alle „Rasse Mensch“ sind. Mir zeigen Menschen welchen Weg ich gehen muss, welches Minibustaxi ich nehmen muss. Die Kinder hängen sich wortwörtlich an meine Haare und reißen mich mit sich zum Spielen. Ich gehe in der Dunkelheit nach Hause und fühle mich unwohl und muss nur eine Gruppe Männer ansprechen, ob ich mit ihnen gehen kann und wir kommen ins Gespräch.

Was ich für mich bisher herausgefunden habe, um damit umzugehen, sind Methoden wie in einen Dialog gehen, die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, um (Denk-) Strukturen zu durchbrechen, in den Townships arbeiten und Xhosa lernen. Damit verändere ich sicherlich nicht die Welt, aber ich kann Projekte unterstützen und selbst auf die Menschen zugehen. Ich bin froh darüber, dass es Organisationen gibt wie das Project Playground, das Theatre Arts Admins Collective, das District Six Museum und die ganzen Diversity und Arts Festivals, die sich vor Ort den Herausforderungen stellen.

Anhand meiner Praktika sehe ich den enormen Einfluss von Kunst und Kultur als Möglichkeit der sozialen Veränderung. Die Produktion „Ubuze Bam“ mit ehemaligen Gefängnisinsassen bringt sowohl für die Darsteller, als auch für das Publikum einen enormen Gewinn: Integration in die Gesellschaft, eine völlig neue Möglichkeit der Betrachtung, Abbau von Ängsten und Vorurteilen und auch für eine jüngere Zielgruppen ein beeindruckendes Stück, vielleicht sogar um präventiv gegen Gangsterkult vorzugehen. Kulturpolitisch ist Südafrika anscheinend ein wenig schwierig, jedenfalls gibt es unterschiedliche Aussagen zum Zugang zu Fördergeldern (zwischen „unmöglich“ und Schließung von Projekten bis „einfach“ beim Cape Town Fringe Festival).Die Möglichkeit der kulturellen Entfaltung für Kinder und Jugendliche im Project Playground ist unendlich wertvoll und solche Projekte sollte es noch viel mehr geben.

Mich interessiert die Möglichkeit, Gesellschaft  anhand von Kunst zu verändern und Bewusstsein zu schaffen. Dies kann ich vor allem beim genannten Projekt „Ubuze Bam“ erkennen. Mich interessiert, wie Dialoge geschaffen werden können, wie man Projekte kreieren kann, die ein breites Spektrum ansprechen und nicht nur eine Gruppe. Spannend finde ich den Xhosa Hip Hop hier: was wird verhandelt, wie wird er ästhetisch inszeniert, welche Werte werden vermittelt, welche Themen scheinen kulturell und politisch aktuell zu sein? In einer Bücherei ist mir aufgefallen, dass es kaum Niederschriften auf Xhosa gibt, nur Kinderbücher bis zu einem Alter von vielleicht acht Jahren. Damit einher geht für mich mein Interesse an der Forschung zum kulturellen Erbe der Xhosa Kultur. Ich konnte nur zwei Märchenbücher finden aus der Xhosa Kultur.

Kritisch sehe ich hier generell den Begriff des kulturellen Erbes, da es sehr verschiedene und sehr persönliche Meinungen dazu gibt, welche zu Konflikten führen.

Mich interessiert die Nachhaltigkeit von Projekten in Townships und mich interessiert der Umgang mit politischem Geschehen in den Künsten oder auch seine Vermeidung.

Mich interessiert die Rezension und Entwicklung der Studierendenproteste. Möglichkeiten der Begegnung interessieren mich, in denen sich „alle“ treffen können, ohne wieder einmal die Unterschiede zu definieren.

Theoretisch könnte ich noch ewig fortfahren. Über die Projekte, über die Sprache Xhosa und die Kultur, über den Alltag hier, über das Essen, über die Studentenproteste und die Proteste in Langa, über die Politik und vieles mehr...

Links:

Theatre Arts Admin Collective theatreartsadmincollective.weebly.com

Project Playground: http://project-playground.org.za

Dance for all Athlone: http://danceforall.co.za

Zip Zap Circus: http://www.zip-zap.co.za

Magnet theatre: http://magnettheatre.co.za

Unmute Dance Company: http://www.unmutedance.co.za