Marokko

Das Bild zeigt von uns gewaschenen Weizen auf der Dachterrasse. Er wird anschließend zu einer Gemeindemühle hier im Viertel gebracht und aus dem Mehl dann das typische flache, weiße, aber doch recht feste Fladenbrot gebacken. Letzteres passiert wieder hier im Haus.

MAROKKO 2016-2017

Momentaufnahmen aus dem Leben in einer Familie in Casablanca Hai Salma – Qaurtier populaire

Anna, Studienjahr 2016-2017 in Marokko, gewährt Einblicke in ihr zeitweiliges Leben bei einer Gastfamilie.

November 2016

Es knallt. Alle paar Sekunden. Alle paar Sekunden explodiert ein Feuerwerkskörper, lässt Straßen in verbrannt riechendem Dunst verschwinden. Auf den Knall folgen das schrille Heulen von Autoalarmanlagen, dann Schreie von Kindern und Jugendlichen. Das ist meine erste Erinnerung, mein wirklich erster Eindruck von Hay Salama, von Casablanca. Das Ashura Fest. An sich wird es am 10. Tag des Trauermonats Muharram gefeiert, da in Marokko Feierlichkeiten aber gerne mal ausgedehnt werden, feiern nun hauptsächlich Kinder und Jugendliche mit Trommeln, Böllern und allgemein viel Lärm eine ganze Woche lang.

Mittlerweile ist es Mitte November, d.h. 1 ½ Monate nach Ankunft hier in Marokko, Casablanca. Das heißt auch gut einen Monat Familienleben (eine Woche war ich im Süden Marokkos zur Unterstützung eines Architekturprojektes; eine Woche habe ich als Freiwillige für Racines, eine Kulturorganisation, die sich vor allem der Entwicklung und Förderung des kreativen Sektors widmet, gearbeitet). Ein eher ruhiger Monat, geprägt von familiären Strukturen. Ein ruhiger Monat in einem hektischen, immerzu lauten, geschäftigen Viertel.

Kurz vor dem ersten Oktober wurde ich hier willkommen geheißen: von Mohammed, dem jüngsten Sohn, wurde ich am Bahnhof abgeholt. Ein Petit Taxi hat uns bis zum Haus in Hay Salama, 20 Gehminuten von der Uni Ben M'sik, gebracht. Dort wurde ich von Abdellah, Basha, Saiid und Souad begrüßt. Abdellah und Basha, ursprünglich aus den Norden, Berber, geschätzt Ende 60, Anfang 70, pensioniert, aber dennoch sehr aktiv: in der untersten Etage ihres dreistöckigen Hauses unterhalten sie einen kleine Vorschule: von 8h bis halb 5h montags bis freitags hört man rund 40 Kinder und ihre zwei „éducatrices“ lauthals Kinderlieder und das arabische Alphabet singen, bzw. rufen. Abdellah arbeitete als Englischlehrer, Basha ihr gesamtes Leben als Hausfrau. Die beiden sind, genau wie ihr ältester Sohn Saiid, Mitglieder einer bestimmten muslimischen Glaubensgemeinschaft: den Ahmadiyya, eine islamische Reformbewegung, die in Marokko offiziell nicht anerkannt ist. Die Eltern sind eng mit der lokalen Gemeinde verbunden; immer wieder gibt es Besuche anderer Mitglieder. Saiid, Mitte 40, lebt auch im Hause. Er liest viel und schreibt. Mohammed, jüngster Sohn, arbeitet bei CasaTramway. Souad war nur die erste Woche zu Besuch; sie ist verheiratet und wohnt in Marrakesch. Drei weitere Kinder leben in Europa und Kanada.

Ich wurde, wie schon erwähnt, sehr herzlich empfangen. Die ersten Tage wurden öfters mit Kartenspielen bis spät abends zugebracht, es gab bestes Essen, also Couscous und Tarjine, selbst gebackenes Brot (l houbs), Minztee (ataij bi nana). In der Zeit war ich viel im Haus oder wir haben kleinere „Ausflüge“ innerhalb des Quatiers gemacht: Markt, Park, Wo-befindet-sich-was-Spazier-gänge. Nach der Abreise Souads und Beginn der Uni ist für mich eine Art Alltag eingetreten. Gewisse, kleinere Dinge haben sich verändert. So zum Beispiel gehen die Eltern üblicherweise früher am Abend zu Bett, ausgiebige Kartenabende gibt es nicht mehr oder wird der Tee in der einfacheren Kanne zubereitet. Mein Status hat sich etwas verändert, aber Gast bleibe ich doch. Teil der Familie kann ich, glaube ich, in so kurzer Zeit nicht oder überhaupt nie werden. Eine anmaßende Forderung, natürlich, aber dennoch habe ich das Gefühl in dieser Familie so sehr Gast zu sein wie in noch keiner anderen „Gastfamilie“ zuvor. Dies ist im Rahmen anderer Auslandsaufenthalt insgesamt meine sechste Gastfamilie. Dass ich in diese Familie eingelassen wurde, dass ich Einblicke bekommen konnte bzw. kann, das ist für die, wenn auch gastfreundlichen, aber dennoch sehr geschlossenen, starken, und nach innen konzentrierten Familienbände hier zu Lande sicherlich ungewöhnlich und dafür bin ich dankbar.

Jemand verwies einmal darauf, dass sich die Wichtigkeit der Familie, die Konzentration darauf und auf den Schutz und die Privatsphäre ihrer selbst in der Architektur zum Teil wieder spiegele: traditionelle marokkanische Häuser, Riads, Häuser mit Arkaden und Innenhöfen, weisen manchmal kaum Fenster nach Außen auf, hingegen sind sie zum Innenhof hin sehr offen und großzügig gestaltet. Selbst die wenig traditionellen Häuser in Casablanca besitzen, abgesehen von den architektonischen Experimenten Anfang des 20. Jahrhunderts, hauptsächlich kleine Fenster und einen eher geschützten Eingangsbereich. Das Außen und Innen wird scheinbar sehr getrennt. Zwei Welten. Eine zivile Gesellschaft außerhalb und innerhalb die Gesetze der Familie. (Natürlich ist das nur mein erster subjektiver Eindruck...)

Bleibe ich noch kurz bei der Einrichtung dieses Hauses: es gibt neben der Küche (eine einfache, sehr kleine Küche, Gasherd, Gasofen, Kühlschrank ist übrigens nicht in der Küche vorhanden, sondern oben auf dem Dach, ein weiteres Charakteristikum für marokkanische Bauweise: Flachdächer, also Terrassen und auch hier ein netter Nebeneffekt: man kann sich im Freien aufhalten, Wäsche aufhängen, Tee trinken, Rauchen ganz ohne von Nachbarn oder Fremden gesehen zu werden) ein Bad (mit Dusche) im 1. Stock, ein Bad mit Sitztoilette und Badewanne im
2. Stock, das Schlafzimmer der Eltern, Saiids Raum und fünf Aufenthaltsräume, genutzt als Räume zum Essen, für Gastempfänge, Beten, Verweilen, Fernsehen und Schlafen. Diese Räume sind allesamt in einer typischen marokkanischen Art und Weise ausgestattet: an den Wänden entlang befinden sich Sofas, d.h. eigentlich ist das als eine zusammenhängende Sitzeinheit zu verstehen und zumeist ein runder, rollbarer Tisch und Teppichboden. Mohammed und auch ich schlafen in zwei solcher Räume.

Was kann ich über das Zusammenleben sagen? An sich verstehe ich mich gut mit allen, aber es besteht doch eine gewisse Distanz. Das Verhältnis zwischen Eltern und Söhnen scheint mir sehr respektvoll. Generell gilt das für alle älteren Personen. Es gibt klare Rollenverteilungen. Basha kümmert sich um den Haushalt, fast gänzlich alleine. Sie kocht, putzt und tätigt die nötigen Besorgungen. Sie serviert das Essen, wäscht die Wäsche, kümmert sich um das Tageskind Hafsa. Außer Hauses ist sie selten anzutreffen, auch wenn sie sich manchmal beklagt, gerne einmal rausgehen zu wollen aber nicht mal dafür Zeit zu haben.

Ihr zu helfen ist etwas schwierig. Ich habe oder hatte oft das Gefühl ihr helfen zu wollen, zu müssen, ohne groß zu wissen wie oder was ich praktisch tun könnte oder sollte. Angebotene Hilfe lehnte sie generell ab. Vor einiger Zeit hatten wir ein Missverständnis, nach einer Aussprache gab sie mir zu verstehen, dass die enorme Arbeit sie belaste und sie sich öfters Hilfe wünsche. Seit dem spricht sie mich nun offen an und weist mir Aufgaben, die ich erledigen kann, zu. Das ist an sich gut, da ich mich mehr einbringen kann, dementsprechend weniger Gast bin. Aber ich bleibe eben immer noch eine familienfremde Person. Nun verspüre ich oft das Bedürfnis tendenziell direkt von der Uni zum Beispiel ins Haus zurück kehren zu können, um ihr zu helfen. Dies, und auch dass der Großteil der anderen Studierenden ein Leben hauptsächlich zwischen Uni und Zuhause führen, veranlasste mich also sehr auf diesen Bereich von Casa konzentriert zu sein.

Mit den Söhnen spreche ich gelegentlich ausführlicher, ab und an führen wir längere Unter-haltungen, aber an sich gehen wir doch unseren separaten Aufgaben oder Interessen nach. Die meisten und sicherlich interessantesten Konversationen hatte ich innerhalb der Familie mit Abdellah. Er ist eine sehr belesene und wissbegierige Person. Jemand, der sich für kulturelle, politische sowie philosophische Ideen interessiert und sich gerne darüber austauscht. Abends nach dem Essen sitzen wir zumeist noch lange am Tisch und diskutieren ein bisschen oder ich erweitere mein Darijavokabular, bzw. versuche es. Allgemein wird in der Familie ähnlich gesprochen wie anderswo auf Casas Straßen: man gebraucht seinen ganz persönlichen Sprachenmix aus lokal variierendem Darija, Französisch, Hocharabisch und ab und an auch Worte aus verschiedensten Berberdialekten oder seltener auch Englisch.

Diese erste Zeit in der Familie, die ich hier nur grob in Ansätzen beschrieben habe (ich könnte noch lange Ergänzungen z.B. zu großen Themen wie Essen, Essenszubereitung oder zum Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, zur Schulbildung, Familientraditionen etc. vornehmen, auch zu sonstigen Aktivitäten oder Unileben ließe sich auch einiges ergänzen), hat mir einige spannende Einblicke in eine der vielen unterschiedlichen heutigen hier in Casablanca anzutreffenden marokkanischen Kulturen ermöglicht. In der nahen Zukunft hoffe ich, noch viele weitere Eindrücke in andere (Parallel-)Welten Casas erhaschen zu können.

Al Magreb- Fi7 l'khayeb ou l'zouin b7al ga3 douel. (2016-2017)

Marokko – mit seinen angenehmen und unangenehmen Seiten – wie überall.

Anna Gölz

Es ist unglaublich, dass die Zeit so schnell vergangen ist. Allgemein gesprochen habe ich sehr lange gebraucht, um in Casablanca anzukommen, bzw. nie wirklich das Gefühl gehabt, angekommen zu sein. Die Stadt ist definitiv nicht einfach, auf der anderen Seite jedoch gerade deshalb umso faszinierender.

Casablanca ist unglaublich vielseitig: es kann hier alles gefunden werden, ein großer Mix marokkanischer, subsaharischer, europäischer, asiatischer Kultur. Eine Version, die modernste Version vielleicht, einer marokkanischen urbanen Zukunft; ein nicht ganz einfaches, aber doch funktionierendes Zusammenleben, vielmehr ein „Nebeneinanderleben“, das sicherlich für das erschwerte „Eintauchen“ in die „lokale“ Kultur mitverantwortlich ist. Casablancas Fassaden sind verschlossen, viele Subkulturen existieren. Vielseitig und verschlossen.

Die Familie, in der ich für 2 ½ Monate gelebt habe sind Riffien, Anfang der 1970er Jahre nach Casablanca zum Arbeiten gekommen, wie auch ein Großteil der Bevölkerung. Zu dieser Zeit war ihr Haus eines der wenigen in der Gegend, heute wirft das Licht lange Schatten, wenn es durch die engen Lücken zwischen den Gebäuden scheint. Casablanca wächst. Überall. Casablanca wächst grau, in Beton und Stahl. Parks gibt es nur wenige, Grünflächen sind manchmal nur die Verkehrskreisel. Gerade in den „quartiers populaires“ gibt es nur wenige Angebote, nur wenig Infrastruktur. Allerdings immer vorhanden sind mindestens eine Moschee und einige kleinere Grundschulen, viele davon privat geführt. Ärzte, Lebensmittelgeschäfte, Cafés findet man an jeder Ecke; vor allem die großen Boulevards sind gesäumt von ihnen. Angebote für eine sportliche oder gar kulturelle Betätigung gibt es selten in diesen Vierteln. Casablancas Kultur findet in der Innenstadt statt - für eine erlesene Gruppe Kulturschaffender und -aktiver. Die Zentralisierung Casablancas ist vielerorts spürbar. Dies macht auch eine kleine Anekdote anschaulich: Viele Viertel wurden im Volksmund zunächst nicht nach ihren offiziellen Namen benannt, sondern nach dem Abstand zu „Mdina“, also der Innenstadt bzw. Altstadt. So hieß das Viertel „Ain Sebaa“ vorerst „15“, das Nachbarviertel wird heute noch „17“ genannt. Allein die Distanz wird zum beschreibenden Merkmal eines Ortes. Eine Distanz, die für Viele schwer zu überwinden war, ist, sowohl physisch als auch sozial.

Wichtige Firmen, Banken, große Kommerzzentren findet man in der Innenstadt oder eher zentral gelegen. Zentrale Wohnmöglichkeiten gibt es zwar, aber zu teilweise (und vor allem für ein Großteil der Bevölkerung) horrenden Preisen. Solche Strukturen sind dann im alltäglichen Verkehrschaos, gegen das auch die Tram nur wenig ausrichten kann, oder den absolut andern Lebensstrukturen der Bewohner zu finden. „Du wohnst in Ain Diab? Oh, cool. Dann kannst du ja joggen gehen.“ Ich bin fasziniert von einer solchen Aussage, in die so viel hineinspielt. Soziale Normen und Kontrolle, verschieden reelle oder gefühlte Sicherheitsniveaus, finanzielle Möglichkeiten, Infrastruktur. Der Wohnort wird zum Teil der Identität und andersherum.

Immer wieder kommt es vor, dass ich über diese Zusammenhänge stolpere: der private und öffentliche Raum, die physische Struktur der Stadt. Wie beeinflusst der Aufbau, die Stadtplanung unsere Rezeption, unser urbanes Miteinander, Aktivitäten, Verhaltens- und zuletzt auch Denkweisen? Was ist überhaupt ein „öffentlicher Raum“ in Casablanca? Wer benutzt und beeinflusst ihn? Ist er wirklich die Schnittstelle zwischen privat und staatlich? Wie wirken sich soziale Normen auf diesen aus und wie werden diese sichtbar? Was heißt es (k)ein Recht auf öffentlichen Raum zu haben? Wie kann es sein, dass eine Autorisation für jede noch so kleine „Versammlung“ erforderlich ist? Wo sind Grenzen, Freiheiten?

Der lokal bedingte Unterschied ist einfach markant. Letztlich beeinflusst er die Entwicklung, Denkstrukturen und Wertvorstellungen der Einwohner. Kommt man auf diese Themen zu sprechen, so stellen die meisten zwei Probleme heraus: (Informations-) Zugang und Bildung. „La base est l’éducation. Il n'y existe pas du tout une égalité."

Interessant finde ich auch, dass es nur wenige Gruppen gibt, die sich aktiv selbstorganisieren und für Veränderungen plädieren bzw. sich aktiv für diese einsetzen.  Aus Deutschland oder Europa allgemein ist diese Form der politischen Teilhabe etabliert. Veränderung, „le changement“, das große Wort, fast überall zu hören, ist jedoch seltener reell sichtbar. Hier ist ein Großteil, insbesondere die Jugend, resigniert, die alles allgemein kritisiert, aber eben passiv, untätig aus den Cafés heraus. Es schwingt eine Angst mit, die Erinnerung an die Jahre unter seiner Majestät Hassan II, den 1970er Jahren und zeitnaher die Proteste um den 20. Februar. Ein letzter, großer Versuch, der letzte große Versuch, mehr oder weniger gescheitert. Enttäuschung und Perspektivlosigkeit verbleiben, während der Druck der Zensur klar spürbar ist. Natürlich ist das generalisiert. Aber dennoch, diese Atmosphäre ist überall anzutreffen, der zweite Eindruck, unterschwellig nicht zu leugnen.

Dabei ist Casablanca vielleicht noch am aktivsten, dabei findet man hier vielleicht noch am meisten, am diversesten. Kunst und Kultur ist in unterschiedlichen Formen und Orten theoretisch für alle zugänglich. Es gibt eine Vielzahl von Museen, Galerien, kulturellen Zentren, Weiterbildungsmöglichkeiten, Produktionsstätten - oft zwar sehr versteckt, aber dennoch existent. Jedoch finden sich davon die meisten, wie schon erwähnt, in Innenstadtnähe. Zudem sind Geldbeiträge für den Besuch privater Schulen oder Konservatorien enorm. Nur wenige Kulturzentren sind außerhalb dessen vorhanden. Namentlich genannt werden können „L'Uzine“ in Ain Sebaa und „Les étoiles de Sidi Moumen“ in Sidi Moumen, jeweils mit einem Jahresbeitrag von 200 DH. Eine neue Entwicklung, Kultur zu dezentralisieren, ein Beitrag zur Diversität. Aber selbst „la diversité“ ist definierbar, muss definiert werden, hat ihre Grenzen; vor allem hier, vor allem jetzt, in dieser Zeit, diesem Moment.

Manche Dinge existieren nicht, dürfen nicht, können nicht. Es gibt immer Menschen, die Interesse daran haben, Situation unverändert zu belassen und Gruppen zu marginalisieren. Wer möchte schon einen „moralischen Verfall“? Ein Zurück, ein Leugnen all der Errungenschaften dieser Zeit? Casa hat einen Tramway. Kommerz, zugänglich für jedermann, die Möglichkeit finanziell unabhängig, abgesichert zu sein. Sicherheit. Menschenrechte, Freiheiten. Theoretisch vorhanden, theoretisch akzeptiert und respektiert. Praktisch gibt es die soziale Norm, die sich selbst richtende Gesellschaft. Praktisch gibt es viele Parallelwelten.   

Praktisch leben wir alle, leben alle in Marokko in verschiedensten Parallelwelten. „Social Schizophrenia“ höre ich immer wieder: „We are a modern but very complex society.“ Wie fast alle Gesellschaften, wie fast immer, aber auf Marokko trifft das vielleicht auf besondere Weise zu. Ein Land zwischen Afrika und Europa. Zwischen, weil „europäischer“ als andere afrikanische Länder, aber eben nicht Europa und auch nicht „Afrika“.  Dabei beträgt der Abstand zu Spanien an der engsten Stelle nur 11km – weniger als der zwischen Ain Sebaa und Mdina. Doch diese 11 km sind das Mittelmeer, diese 11km sind eine reelle physische Grenze. Auf der anderen Seite ist als Grenze die Sahara anzutreffen, überwindbar zwar, aber nicht einfach. Marokko, ein Land zwischen Parametern westlich definierter Moderne und arabischen Traditionen, geprägt von Amazight-Kulturen, Religion (Islam, Judentum) und Kolonialismus. Ein Land, in dem „Charaf w choah“- Ehre und Schande nicht zu leugnen sind, ja danach geurteilt, gelebt wird, aber dennoch „westliche“ Lebensstile ihren Einzug in die Gesellschaft gefunden haben und Wünsche an vermeintliche Freiheiten gekoppelt sind. Doppelmoral. Ein Land schwer zu erfassen, schwerlich beschreibbar. Ich selbst falle ein wenig heraus, bin nicht ganz so verflochten in Strukturen. Oft habe ich den Eindruck, dass ich auf erster Linie als Ausländerin, als Europäerin und erst sekundär als Frau wahrgenommen werde. Aber natürlich lebe ich mit, in diesen Strukturen. Was bedeutet es für mich, Europäerin zu sein, einen privilegierten Status zu besitzen? Immer wieder werde ich auf meine nationale Identität angesprochen. Bin ich wirklich deutsch? Was ist das nun wieder: „deutsch sein“ – „germanness“? Die Unmöglichkeit sich selbst zu definieren, beobachtet, beurteilt, verurteilt von allen anderen. Die Unmöglichkeit dieses Land zu definieren, beurteilen, verurteilen. Allein beobachten bleibt als Möglichkeit.