Litauen

LITAUEN 2016-2017

Unsichtbare Ungerechtigkeit in Litauen

Ein Bericht von Maximilian, der sich seit September 2016 für ein Studienjahr in Vilnius, Litauen aufhält.

Litauen ist ein vergleichsweise kleines Land, eingebettet zwischen Russland, Weißrussland, Polen und Lettland und ist der geographische Mittelpunkt Europas.

Wie ließe sich die Situation der Kulturschaffenden und der Kulturinstitutionen in der Hauptstadt Vilnius beschreiben? Sie ist ähnlich wie die, die ich aus Deutschland kenne, es gibt zu wenig Geld für Kultur und dennoch boomt die Kulturindustrie, besonders im Design Sektor. Die Museen in Vilnius sind allesamt äußerst geschmackvoll gestaltet, das Interieur moderner als das im Städel Museum in Frankfurt am Main. Die Hochkultur erstreckt sich besonders auf den Bereich der klassischen Musik, die Theaterszene ist vornehmlich konservativ dramatisch.

Die Krux innerhalb meiner Beobachtung lässt sich nicht in den sichtbaren Bereichen des öffentlichen Lebens auffinden, sie sitzt tiefer, in der Geschichte des Landes und in der Gesetzgebung.

Meine momentane Beschäftigung als Praktikant bei der European Foundation of Human Rights führte mich tiefer in jene Untiefen der Ungerechtigkeit, die mir in meinem Alltag nicht auffallen würden. Ich als weißer, männlicher, heterosexueller Deutscher, gehöre keiner diskriminierten Minderheit an, meine einzige Minderheit sei in diesem Fall meine Unfähigkeit die litauische Sprache zu sprechen. Durch die Kontaktaufnahme mit anderen Menschenrechtsorganisationen in Vilnius konnte ich jedoch ein wenig tiefer in diese öffentlich unsichtbare Diskriminierung einblicken. Ich begann eine kleine Konferenz zu planen, die am 9. November 2016, dem Internationalen Tag gegen Faschismus und Antisemitismus stattfinden sollte, ein Tag, der gleichzeitig den Wandel in der politischen Landschaft der USA markiert. Ich tat dies, um mir selbst ein Bild über die Aktivitäten von Menschenrechtsorganisationen zu machen und zu einer Zusammenarbeit aufzurufen.

Als die Vorsitzende der Lithuanian Jewish Student Union auf dieser Veranstaltung behauptete, dass es in Litauen keinen Antisemitismus gäbe, erhob sich eine ältere Dame und sagte, dass es den sehr wohl gäbe. Er sei allerdings nicht aktiv ausgeübt, Angehörige jüdischen Glaubens würden nicht aktiv diskriminiert, sondern passiv, durch die Leugnung einer Teilschuld Litauens am Holocaust. Es sei folglich die stille Form der Diskriminierung, die überbleibt und überlebt, weil sie eben nicht sichtbar ist in einer Welt, in der Sichtbarkeit eine solch übergeordnete Rolle einnimmt.

Seit 2004 ist Litauen ein EU-Mitgliedsstaat und die Präsenz der EU ist kaum zu leugnen, die Flagge ziert unzählige Gebäude und erscheint als Symbol des Fortschritts und der Erneuerung, sechsundzwanzig Jahre nach der Erklärung der Unabhängigkeit Litauens. Was all dies mit der Identitätsbildung der Menschen zu tun hat kann ich nicht mit Gewissheit sagen, allerdings bleibt die Nachhaltigkeit der Änderungen, die das Land zum EU-Beitritt durchsetzen musste, in Frage zu stellen. Die zu diesem Beitritt benötigten Gesetzesänderungen werden momentan wieder zurückgespult, immer mehr Gesetze, die für mehr Gleichberechtigung sorgen sollten, werden nivelliert. Litauen entwickelt sich nach einer Studie der ILGA (International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association) zu einem der LGBTI feindlichsten Länder in Europa (siehe https://rainbow-europe.org/#8644/0/0). Die Ergebnisse der Studie errechnen sich teilweise daraus, inwieweit das jeweilige Land die Europäischen Menschenrechtskonventionen in seinen Gesetzeskorpus implementiert hat.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Menschenrechte führte dazu, dass ich über eine mögliche Verbindung zwischen Menschenrechten und künstlerischer Praxis nachdachte. Einer Verbindung, durch die eine Unsichtbarkeit der Probleme aufgehoben werde könne, eine Verbindung, die eine Möglichkeit bietet sich über den Wahlvorgang hinaus politisch zu engagieren. Die während meiner Gespräche analysierten Probleme innerhalb der Gleichberechtigungsthematik dieses Landes scheinen vornehmlich Probleme der Unsichtbarkeit zu sein, der Unmöglichkeit sich auszudrücken, sich auszutauschen. Es muss vor allem darum gehen Gleichberechtigung als gesellschaftliche Notwendigkeit zu propangieren. Um es mit den Worten Hanna Ahrendts zu sagen:

„Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen. Aber wiewohl niemand sich diesem Minimum an Initiative ganz und gar entziehen kann, so wird sie doch nicht von irgendeiner Notwendigkeit erzwungen wie das Arbeiten, und sie wird auch nicht aus uns gleichsam hervorgelockt durch den Antrieb der Leistung und die Aussicht auf Nutzen.“

Hannah Ahrendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, Piper, 2002, 214.