Frankreich

Sonnenuntergang in Marseille, der Stadt am Meer.

FRANKREICH 2016-2017

La Culture est Charlie Chaplin

Lea, 2016-2017 in Marseille, berichtet von einem Austausch im Austauschjahr, der sie nach Marokko führt.

Dezember 2016, Café Hafa, Tanger. Gläser, gefüllt mit marokkanischem Tee und seiner ihm eigenen Schaumkrone, säumen meine Erinnerungen an das Traditionscafé. Der Blick der jungen Marokkaner_innen, für die das Café Hafa ein beliebter Treffpunkt zu sein scheint, weilt über dem Mittelmeer. Nicht weit entfernt erhebt sich die spanische Küste.

Es ist eine dieser paradoxen Situationen, Realitäten. An ihrer engsten Stelle trennen Spanien und Marokko keine 15km und doch wird der Großteil der Marokkaner_innen niemals den Schengenraum betreten. Vous avez le passeport rouge, gibt mir ein Marokkaner zu verstehen. Er hat Recht. Mein Reisepass hat mir vor wenigen Tagen die problemlose Einreise in das maghrebinische Land gewährt. Was bedeutet es, „Europäer_in“ zu sein? Die Konfrontation mit Weltpolitik, Postkolonialismus und Ländergrenzen sind in Marokko unausweichlich.

Marokko ist für mich ein Austausch im Austauschjahr. Im Rahmen der Studienvariante Bachelor Plus studiere ich seit September 2016 in Marseille, lerne ein neues Land, eine neue Kultur, eine neue Sprache kennen. Über eine der zahlreichen und Marseille kennzeichnenden associations nehme ich schließlich an einem Austauschprogramm in Tanger teil und besuche anschließend Anna, ebenfalls Bachelor Plus, die sich aber einige Kilometer weiter südwestlich auf der Landkarte in Casablanca befindet. Und so finde ich das Vertraute in der Fremde als wir an einem Abend in der ökonomischen Hauptstadt des Landes unter Marokkanern und in Französisch das so deutsche Wort „Heimat“ diskutieren. Mon chez-moi. Auf wen ich treffe sage ich, ich bin Deutsche, aber meine Identität ist viel mehr als das. Mittlerweile trägt sie auch Frankreich und das so eigensinnige, aber wunderbare Marseille in sich. Es sind diese Abstraktheiten und Konstruktionen, die im Auslandsjahr immer wieder in Frage gestellt werden. Wahrheiten, die die Welt bedeuten.

Wir haben Glück. Die Kunstszene der Stadt versammelt sich um die Künstler_innen der Uzine, einem der künstlerischen Umschlagspunkte Casablancas. Im Gespräch La culture est subversive ist die Antwort auf die Frage nach der Kunst. In Deutschland werden Kunst und Kultur in Fachdiskursen ähnlich behandelt, doch die Ausgangssituationen könnten nicht unterschiedlicher sein. Die Freiheit der Kunst, in Deutschland so fest verankert, dass sie nur noch selten diskutiert wird, ist in Marokko nicht gegeben. La liberté existe toujours en tant que rêve de l’artiste mais elle ne représente jamais la réalité. Künstlerischer Aktionismus muss daher subtil sein. Eine Person sagt: On a le droit de critiquer mais il ne faut pas se perdre dans la critique. Wir sprechen weiter und Begrifflichkeiten wie occidentalisation fallen. Eine Verwestlichung in Bezug auf die Fördermittelvergabe an kulturelle Projekte wird beobachtet, kritisiert. Wie auch in Deutschland ist es die Wahl der Worte in einer Projektbeschreibung, die über eine finale Mittelvergabe entscheidet. Antragsprosa, wie es in Hildesheim oft heißt. Dennoch sind die Worte nicht das künstlerische Produkt, das seinen eigenen Weg findet. Vorbei an den beliebten doch oftmals leeren Schlüsselbegriffen. La culture est Charlie Chaplin, elle échappe. Und ein weiteres Mal realisiere ich: Kulturpolitik im internationalen Vergleich erlebt sich am besten im Kontext, vor Ort, zwischen und mit den Kulturen.

Vieux Port, Marseille.

FRANKREICH 2015-2016

Sprache, Kunst und Kultur als Brücke und als Hindernis

Cosima, 2015-2016 in Marseille, reflektiert ihre Erfahrungen.

Dass das Erlernen der Landessprache in einem fremden Land wesentlicher Bestandteil von Teilhabe und Integration ist, steht außer Frage. Im Rahmen der Debatte um eine Willkommenskultur in Deutschland und in allen Diskussionen um Integration und Inklusion steht die Bedeutung des Erwerbs der Landessprache außer Frage. Doch was bedeutet es in einer Sprache fremd zu sein?

Ich kann mich beteiligen, verstehe das Meiste und vor allem das Wichtige. Ich kann mithalten und mitschwimmen, aber wenig voran treiben. Immer wieder komme ich an den Punkt, wo ich abschalte, wo meine Ohren hören, aber mein Kopf nicht mehr denkt! Was für eine schöne Sprache, so melodiös und voll! Irgendwo fühlt man sich gefangen in sich selbst, in seinen Gedanken. Der eigene Intellekt eingesperrt in einer Sprache, die hier fremd ist.

Vor allem in der Gruppe habe ich hier die Erfahrung gemacht, dass es schwierig ist sich mitzuteilen. Und das sowohl inhaltlich als auch zwischenmenschlich. Es ist viel schwieriger den richtigen Moment abzupassen, um etwas zum Thema beizutragen. Oft sind es doch nur Nuancen, die wichtig sind und die man als Nicht-Muttersprachler lange und mühsam beobachten und erlernen muss. Die Sprache scheint mich oder doch zumindest mein Erscheinungsbild zu verändern. Wie ich mich mitteile, was ich zu sagen habe und wie ich auf andere Menschen reagiere ist nun mal wesentlich für einen Umgang miteinander und für die gegenseitige Wahrnehmung.

Auf der anderen Seite stellen diese Probleme nur die Schattenseite eines noch viel größeren Gewinnes dar. Mit dem Erlernen einer neuen Sprache, lernt man zugleich neu zu denken. Die Sprache ist ein Fundament, auf dass unsere Gesellschaft und unser Umgang miteinander aufbaut. Eine andere Sprache lässt völlig neue Gedanken und Freiheiten zu.

Schön ist es auch, die Erfahrung zu machen, dass die Kunst die Menschen immer wieder zusammen bringt. Hier habe ich ein kleines Orchester gefunden und ein Atelier Balkan. Zwar kann auch die Musik eine andere Sprache sprechen, zum Beispiel sind sämtliche Bezeichnungen für die Noten komplett verschieden. Beim Spielen jedoch bleibe ich ‚Ich‘, mit meinem Können und mit meiner Leidenschaft für die Musik. Die Sprache brauche ich hier ausnahmsweise nicht.