Erlebnisbericht

Zwischen Rassismusfragen und Herzlichkeit

Montag, 30. Oktober 2017  / Alter: 328 Tage

Persönliche Einblicke von Biene, 2016-2017 für ein Studienjahr in Südafrika.

Blick vom Tafelberg auf Kapstadt. © Sabine Klingenberg

Kapstadt, Oktober 2016

„Hanover Park, Hanover Park! Via Athlone, Hanover Park“ hört man die Conductor der Minibustaxis rufen. Richtung Hanover Park ist die, welche ich nehmen muss, um nach Lansdowne zu kommen, wo ich mittlerweile bei einer coloured Familie wohne. Hanover Park selbst ist aufgrund der ausgeprägten Drogen- und Kriminalitätsprobleme für einen Besuch nicht zu empfehlen. Je nachdem, wohin man fahren möchte, gibt man dem Conductor zwischen 5 bis 10 Rand, je nach Entfernung und Uhrzeit. Wenn der Bus sehr voll ist, dann gibt man das Geld der Person in der Reihe vor einem. Die öffentliche Verkehrsmittelsituation ist in Kapstadt, abgesehen von der Innenstadt, ziemlich schwierig. Für die WM 2010 wurde MyCityBus ins Leben gerufen, doch diese verkehren nur in der Innenstadt. Bleiben also noch Bahn (Metro und MetroPlus) und Minibustaxis, hier auch einfach Taxis genannt und natürlich Uber, eine App, die man sich auf dem Smartphone installieren kann.

Meine ersten Eindrücke waren sehr gemischt. Zwischen absoluter Faszination für die Landschaft und die Herzlichkeit der Menschen – jede*r nennt sich hier brother und sister und man kann unmöglich nur „hello“ sagen, ohne nicht wenigstens „How are you?“ gefragt zu haben – und zwischen den ersten Konfrontationen mit Themen wie „Sicherheit“ und „Rassismus“ bewegte ich mich vorsichtig und so offen wie mir möglich.

Bereits vorweg: Einige Dinge werden vielleicht ungewöhnlich klingen, vielleicht sogar gefährlich, aber so ist es eigentlich nicht. Man muss sich ein wenig daran gewöhnen, sich ein wenig anders organisieren, als man es vielleicht gewöhnt sein mag. Die meisten „Fehler“ passierten mir gleich am Anfang, um auf die gemeisterten Herausforderungen zu sprechen zu kommen. Innerhalb kürzester Zeit wurde mir mein Portemonnaie geklaut, dann meine Kreditkarte und dann noch mein Handy – Handys sind hier sehr beliebt. Ich hab einmal den letzten Bus verpasst und musste laufen, ich wurde einmal in der Innenstadt mit einem Messer bedroht und habe herausgefunden, dass man mit den Minibustaxis nach Langa (Township von Kapstadt) bis zu einer Stunde brauchen kann, während man mit dem Auto 15 Minuten dorthin fährt.

Aber aus Fehlern lernt man ja bekanntermaßen. Deswegen besitze ich jetzt ein uraltes Samsung Handy (sogar in Farbe) und trage mein Geld in meinem BH, wie viele andere Frauen hier, und meine Kreditkarte habe ich eigentlich nie dabei, nur einmal am Anfang des Monats um bei der Standard Bank Geld abzuheben. (Es gibt verschiedene Banken, wie ABSA und Standard Bank. Bei der Standard Bank kann man bis zu R5000 abheben, während bei ABSA meist nur R3000 möglich sind.) Nach Langa fahre ich jetzt mit dem Auto und an den Wochenenden reise ich viel innerhalb des Landes. Beim Thema Sicherheit kommt es immer darauf an, wo man sich aufhält. Meiner Erfahrung nach sind bei Dunkelheit alle Menschen Zuhause oder auf dem Rückweg. Das liegt auch daran, weil der ÖNV gegen 20 Uhr aufhört. Es gibt Gegenden, vor allem die Innenstadt Kapstadts, in denen sich abends länger aufgehalten werden kann und es gibt Gegenden, die gemieden werden sollten. Dabei kommt auch das Thema Hautfarbe hinzu: Hier sagt man „Black“, „Coloured“ und „White“. Nach Ende der Apartheid hat sich anscheinend viel für die coloured community getan, leider nicht so viel für die black community und teilweise sind die Fronten sehr verhärtet.

Das ist ein Thema - das Rassismus-Thema eben irgendwie - mit dem man täglich konfrontiert wird oder werden kann und über das wir (Leonie, Sonja und ich 2016-17 zusammen im Rahmen von Bachelor Plus in Südafrika) schon viel diskutiert haben. Manchmal haben wir uns in diesen Diskussionen ziemlich im Kreis gedreht, was eigentlich nur zeigt, dass es eben nicht so einfach ist. Fragen, die mich dabei bewegen, sind: „Warum gibt es immer noch diese verhärteten Fronten zwischen black und white community? Warum wird mir meist gesagt, dass man sich in Acht nehmen soll, wenn man weiß ist, weil es gefährlich ist?“ Ich kann keineswegs verlangen, dass alle dieses Denken über den Haufen werfen sollen und es ist eine weiß-privilegierte Haltung zu sagen, dass ich „genervt von diesem Rassismus-Problem“ bin. Seitdem lese ich viele Texte und Artikel und rede viel mit den Menschen, die ich treffe.

Dabei fällt mir auf, dass eben doch die meisten Sätze ähnlich klingen „Was? Du fährst mit der Metro? Das ist doch voll gefährlich als Weiße?!“ oder „Von deinem Wesen her müsstest du eigentlich ein Teil unserer Black Community sein“ (was ein Kind im Langa Township kürzlich zu mir sagte). Für mich fühlt sich das nach Reproduktion von Vorurteilen und Klischees an und ich merke auch, dass es für mich immer schwieriger wird zu formulieren, was ich als Problem ansehe, weil ich gar nicht mehr weiß, was ich überhaupt sagen kann oder darf. Wieviel Recht habe ich denn dazu eine Situation zu beurteilen, die ich gerade seit 3 Monaten kenne?

Solange an diesen Mustern festgehalten wird (Weiße fahren Uber, Auto, MetroPlus. Schwarze fahren Minibustaxi und Metro und laufen, in Cafés sitzen meistens Weiße und/oder Coloured, bei Wine Tastings sind es Schwarze, die bedienen, besser bezahlte Jobs haben immer noch Weiße, an den Stränden wie Camps Bay sind Weiße, ein Schwarzer erzählte mir, dass zu ihm gesagt wurde „What is the monkey doing here?!“ als er am Clifton Strand war), solange werden sich meiner Meinung nach die Fronten verhärten. Aus Gesprächen mit Xhosa-People und anderen Schwarzen konnte ich aber auch entnehmen: „Weiße, hört auf ständig „helfen“ zu wollen, euch ständig einzumischen, ihr macht alles schlimm, ihr seid Schuld daran, wie es uns geht, ihr seid Schuld daran und das schon seit Jahrhunderten. Wir müssen eure Sprache lernen und ihr könnt unsere nicht. Wir müssen in eure Welt passen und das macht uns wütend.“ (Ähnliche Eindrücke schildert auch der Dokumentarfilm „Fuck White Tears“ von Annelie Boros: fuchsbau-festival.de/kontentmag/fuck-white-tears/)

Damit bin ich überfordert. Ich dachte es geht darum, dass alle gemeinsam leben, dass Chancengleichheit geschaffen wird. Und dann gibt es Menschen, die eine Separierung wollen, auf allen Seiten, weil das besser sei und es wird „Dekolonialisierung“ gefordert.

Mich macht es wütend, gerade wenn ich reise, diese Ungleichheiten zu sehen. Neben der Luxus Villa steht ein Wellblechverschlag. Und ich weiß schon gar nicht mehr, zu was ich mich überhaupt äußern darf oder kann...

Natürlich ist dies aber auch nur eine Seite der Medaille, ich erwähnte bereits die große Herzlichkeit der Menschen. Zumeist begegnet mir ein großes Wohlwollen, Interesse und Bereitschaft zu erzählen, von den Menschen in den Townships oder auch anderswo. Ich treffe die „rasta brothers“, die in den Bergen leben und Herbs verkaufen, die mich einladen, die davon reden, dass wir alle „Rasse Mensch“ sind. Mir zeigen Menschen welchen Weg ich gehen muss, welches Minibustaxi ich nehmen muss. Die Kinder hängen sich wortwörtlich an meine Haare und reißen mich mit sich zum Spielen. Ich gehe in der Dunkelheit nach Hause und fühle mich unwohl und muss nur eine Gruppe Männer ansprechen, ob ich mit ihnen gehen kann und wir kommen ins Gespräch.

Was ich für mich bisher herausgefunden habe, um damit umzugehen, sind Methoden wie in einen Dialog gehen, die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, um (Denk-) Strukturen zu durchbrechen, in den Townships arbeiten und Xhosa lernen. Damit verändere ich sicherlich nicht die Welt, aber ich kann Projekte unterstützen und selbst auf die Menschen zugehen. Ich bin froh darüber, dass es Organisationen gibt wie das Project Playground, das Theatre Arts Admins Collective, das District Six Museum und die ganzen Diversity und Arts Festivals, die sich vor Ort den Herausforderungen stellen.

Anhand meiner Praktika sehe ich den enormen Einfluss von Kunst und Kultur als Möglichkeit der sozialen Veränderung. Die Produktion „Ubuze Bam“ mit ehemaligen Gefängnisinsassen bringt sowohl für die Darsteller, als auch für das Publikum einen enormen Gewinn: Integration in die Gesellschaft, eine völlig neue Möglichkeit der Betrachtung, Abbau von Ängsten und Vorurteilen und auch für eine jüngere Zielgruppen ein beeindruckendes Stück, vielleicht sogar um präventiv gegen Gangsterkult vorzugehen. Kulturpolitisch ist Südafrika anscheinend ein wenig schwierig, jedenfalls gibt es unterschiedliche Aussagen zum Zugang zu Fördergeldern (zwischen „unmöglich“ und Schließung von Projekten bis „einfach“ beim Cape Town Fringe Festival).Die Möglichkeit der kulturellen Entfaltung für Kinder und Jugendliche im Project Playground ist unendlich wertvoll und solche Projekte sollte es noch viel mehr geben.

Mich interessiert die Möglichkeit, Gesellschaft  anhand von Kunst zu verändern und Bewusstsein zu schaffen. Dies kann ich vor allem beim genannten Projekt „Ubuze Bam“ erkennen. Mich interessiert, wie Dialoge geschaffen werden können, wie man Projekte kreieren kann, die ein breites Spektrum ansprechen und nicht nur eine Gruppe. Spannend finde ich den Xhosa Hip Hop hier: was wird verhandelt, wie wird er ästhetisch inszeniert, welche Werte werden vermittelt, welche Themen scheinen kulturell und politisch aktuell zu sein? In einer Bücherei ist mir aufgefallen, dass es kaum Niederschriften auf Xhosa gibt, nur Kinderbücher bis zu einem Alter von vielleicht acht Jahren. Damit einher geht für mich mein Interesse an der Forschung zum kulturellen Erbe der Xhosa Kultur. Ich konnte nur zwei Märchenbücher finden aus der Xhosa Kultur.

Kritisch sehe ich hier generell den Begriff des kulturellen Erbes, da es sehr verschiedene und sehr persönliche Meinungen dazu gibt, welche zu Konflikten führen.

Mich interessiert die Nachhaltigkeit von Projekten in Townships und mich interessiert der Umgang mit politischem Geschehen in den Künsten oder auch seine Vermeidung.

Mich interessiert die Rezension und Entwicklung der Studierendenproteste. Möglichkeiten der Begegnung interessieren mich, in denen sich „alle“ treffen können, ohne wieder einmal die Unterschiede zu definieren.

Theoretisch könnte ich noch ewig fortfahren. Über die Projekte, über die Sprache Xhosa und die Kultur, über den Alltag hier, über das Essen, über die Studentenproteste und die Proteste in Langa, über die Politik und vieles mehr...

Links:

Theatre Arts Admin Collective theatreartsadmincollective.weebly.com

Project Playground: http://project-playground.org.za

Dance for all Athlone: http://danceforall.co.za

Zip Zap Circus: http://www.zip-zap.co.za

Magnet theatre: http://magnettheatre.co.za

Unmute Dance Company: http://www.unmutedance.co.za


Blick vom Tafelberg auf Kapstadt. © Sabine Klingenberg