Erlebnisbericht

Unter der Oberfläche tief gespalten und in sich orientierungslos

Montag, 05. März 2018 um 09:22 Uhr

Lisa verbringt ihr BA Plus Jahr 2017-2018 in Istanbul. Sie berichtet über die Erfahrungen in ihren ersten fünf Monaten und reflektiert Erdoğans Politik sowie ihre Konsequenzen für Individuen und Öffentlichkeit.

Nun bin ich schon fünf Monate in Istanbul, das erste Semester ist gerade beendet und die Zeit hört nicht auf wie im Flug zu vergehen. Das liegt einerseits daran, dass man sich erst einmal eingewöhnen muss und Organisatorisches zu klären hat, was in der Türkei nicht allzu einfach ist. Ob es nun um das Residence Permit geht oder die Online-Einschreibung für die Kurse an der Uni. Andererseits reißt einen die Stadt mit ihrem Chaos und ihrem Tempo nur so mit sich. Die Stadt ist laut, schnell, voll, liberal, konservativ, gefüllt von Gesängen von tanzenden Männern und von den Schreien und dem Weinen der (meist) syrischen Flüchtlinge, von Müttern, die mit ihren Babys auf den Schoß die ganze Nacht auf der Straße sitzen und um Geld und Hoffnung betteln. Kinder, nicht älter als fünf Jahre, die barfuß und pitschnass um drei Uhr nachts im Regen sitzen und zitternd Flöte oder Trommel spielen, um Geld zu sammeln. Das ist Istanbul. In der Istiklal Straße in Taksim kämpfen hier nachts Disko-Bässe gegen die Schreie der Mütter an.

Nach einiger Zeit in Istanbul lernt man damit umzugehen, man gewöhnt sich an die Lautstärke und an den Trubel, man ist nicht mehr überwältigt von allem oder überrascht von der offensichtlichen Sinnlosigkeit, mit der einige Dinge hier geregelt werden. Hier folgt alles einer eigenen “Logik”. Den besten Tipp, den ich bis jetzt von einem türkischen Freund bekommen habe, ist: “Frage nie nach dem Warum”. Es klingt flach und witzig, aber dennoch macht es einen das Leben ein wenig leichter. Man regt sich weniger auf und nimmt die Dinge wie sie kommen. Auch wenn mir das ab und zu immer noch schwer fällt. Das ist auch ein Teil der türkischen Mentalität. Gleichgültigkeit. Selten wird etwas hinterfragt oder ist Grund genug, dass man sich damit auseinandersetzt. Wenn etwas offensichtlich Ungerechtes passiert, wird es eher als Spektakel gesehen und nicht als eine Situation, in die man einschreiten muss. Wird eine Person von mehreren anderen verprügelt, hält man an und schaut zu und dann geht man einfach weiter. Es ist eine Gleichgültigkeit gepaart mit Sensationslust.

Bevor ich nach Istanbul kam, haben mich viele Leute gefragt, ob ich das wirklich machen wolle. Immerhin ist Erdoğan unberechenbar und willkürliche Verhaftungen gehören zum Alltag. Durch die Medien denkt man, das Land wäre politisch gespalten in Erdoğan-Anhänger und “Normaldenkende” und dass es bestimmt gefährlich sei seine politische Meinung zu äußern. Als ich hier ankam, spürte ich zuerst nichts von alldem. Zumindest nicht direkt und offensichtlich. Ich redete mit meinen zwei türkischen Mitbewohnerinnen und deren Freunden sowie mit anderen Türken, am Flughafen oder in der Uni. Keiner von ihnen unterstützt den Präsidenten, jeder denkt, er fährt einen gefährlichen Kurs und bringt die Türkei in eine unglückliche Situation. Sie wollen kein Land sein, das ein politisches Katz-und-Maus-Spiel mit anderen Nationen betreibt. Sie wollen gute Beziehungen zu anderen und nicht als undemokratisches gefährliches Land gesehen werden. Sie wollen Normalität. Leider gibt es momentan keine ausreichend gute und starke politische Alternative zur AKP. Man weiß, dass man momentan nichts an der politischen Situation ändern kann. Daher auch die vorhin genannte Gleichgültigkeit. Anstatt sich permanent aufzuregen, denkt man lieber nicht daran. Die meisten schauen kein Fernsehen mehr, da ja sowieso alles kontrolliert wird oder lesen keine Nachrichten, da diese depressiv machen. Dennoch ist bei jedem eine konstante Skepsis und Furcht im Hinterkopf, was wohl mit der Türkei passieren wird. Immerhin kann Erdoğan Gesetze erlassen, wie es ihm beliebt. Und mit der voraussichtlichen Wiederwahl 2019 wird sich seine Macht noch weiter manifestieren. Zudem versucht er kontinuierlich das Land zu islamisieren und konservativer zu machen. Das ist nicht nur politischer Fakt, sondern fühlbar im Alltag. Gerade was den Blick auf Frauen angeht.

Frauen fühlen sich unwohler wenn sie abends ausgehen, sie werden häufiger belästigt als früher. Wenn man als Frau abends alleine nach Hause geht, ist das ein Zeichen, dass man angesprochen werden will. So wird es zumindest gesehen. Auch die Rechte einer Frau, die sexuell belästigt oder vergewaltigt wurde, sind schwer verständlich. Unzählige Situationen zeigen dies. Wurde eine Frau von drei Männern vergewaltigt, sagten diese der Polizei, dass die Frau es so gewollt habe. Keiner wird strafgerichtlich belangt, stattdessen wird die Frau beschuldigt gelogen zu haben und wird bestraft. Sie muss es ja gewollt haben, ansonsten wäre sie nicht alleine abends durch die Stadt gegangen. Meine Mitbewohnerin sagte, sollte ihr jemals etwas passieren, sie würde niemals zur Polizei gehen. Dies zu hören, war mehr schockierend als die Nachrichten, die man normalerweise über Erdoğans politische Machtspiele gesehen hat. Er versucht langsam, das Denken der Leute zu verändern. Da die Männer nicht strafgerichtlich verfolgt werden, schafft er es, dass Frauen sich nicht mehr sicher fühlen und eher zuhause bleiben als auszugehen. Damit hat er, was er wollte.

Die gleiche Methode wendet er bei Demonstrationen an. Seit Gezi sind die Menschen vorsichtiger bei Protesten geworden. Sie haben gesehen, dass die Polizei einen verhaften, verletzen oder töten kann. Und da Erdoğan jede Demonstration nun als terroristischen Akt sieht und zugleich seine Bevölkerung dazu aufruft, jede terroristische Tat zu bestrafen, überlegt man es sich zweimal, ob man wirklich protestieren will. Und damit hat er sein Ziel erreicht. Die Menschen sind also lieber gleichgültig oder versuchen es zumindest zu sein. Denn momentan bleibt ihnen nichts anderes übrig.

Es gibt einen großen Teil von Erdoğan-Anhängern, die ihn fast schon vergöttern und die alles machen würden, wozu er sie aufruft. Genauso gibt es den anderen Teil, der dies nicht tut. Ob in der Zukunft ein Bürgerkrieg droht, da gehen die Meinungen auseinander. Fakt ist, unter der Oberfläche ist die Türkei tief gespalten und in sich orientierungslos. Das alles ist aber nicht direkt sichtbar, sondern wird einem erst völlig offenbart, wenn man eines dieser ernsten Gespräche führt, in denen die Menschen erklären, was eigentlich vor sich geht und warum. Und am Ende dieses Gesprächs weiß keiner genau wohin es wohl führt. Nur, dass es nichts Gutes sein kann.

Um diese Hoffnungslosigkeit im Allgemeinen zu vermeiden, denkt man also lieber nicht daran und bevorzugt das Hinnehmen der Tatsachen. Gleichgültigkeit als Schutz eben.