Erlebnisbericht

Momentaufnahmen aus dem Leben in einer Gastfamilie in Casablanca

Montag, 30. Oktober 2017 um 21:21 Uhr

Anna, im Studienjahr 2016-2017 in Marokko, gewährt Einblicke in ihr zeitweiliges Leben bei einer Gastfamilie im Stadtviertel Hai Salma, Casablanca.

November 2016

Es knallt. Alle paar Sekunden. Alle paar Sekunden explodiert ein Feuerwerkskörper, lässt Straßen in verbrannt riechendem Dunst verschwinden. Auf den Knall folgen das schrille Heulen von Autoalarmanlagen, dann Schreie von Kindern und Jugendlichen. Das ist meine erste Erinnerung, mein wirklich erster Eindruck von Hay Salama, von Casablanca. Das Ashura Fest. An sich wird es am 10. Tag des Trauermonats Muharram gefeiert, da in Marokko Feierlichkeiten aber gerne mal ausgedehnt werden, feiern nun hauptsächlich Kinder und Jugendliche mit Trommeln, Böllern und allgemein viel Lärm eine ganze Woche lang.

Mittlerweile ist es Mitte November, d.h. 1 ½ Monate nach Ankunft hier in Marokko, Casablanca. Das heißt auch gut einen Monat Familienleben (eine Woche war ich im Süden Marokkos zur Unterstützung eines Architekturprojektes; eine Woche habe ich als Freiwillige für Racines, eine Kulturorganisation, die sich vor allem der Entwicklung und Förderung des kreativen Sektors widmet, gearbeitet). Ein eher ruhiger Monat, geprägt von familiären Strukturen. Ein ruhiger Monat in einem hektischen, immerzu lauten, geschäftigen Viertel.

Kurz vor dem ersten Oktober wurde ich hier willkommen geheißen: von Mohammed, dem jüngsten Sohn, wurde ich am Bahnhof abgeholt. Ein Petit Taxi hat uns bis zum Haus in Hay Salama, 20 Gehminuten von der Uni Ben M'sik, gebracht. Dort wurde ich von Abdellah, Basha, Saiid und Souad begrüßt. Abdellah und Basha, ursprünglich aus den Norden, Berber, geschätzt Ende 60, Anfang 70, pensioniert, aber dennoch sehr aktiv: in der untersten Etage ihres dreistöckigen Hauses unterhalten sie einen kleine Vorschule: von 8h bis halb 5h montags bis freitags hört man rund 40 Kinder und ihre zwei „éducatrices“ lauthals Kinderlieder und das arabische Alphabet singen, bzw. rufen. Abdellah arbeitete als Englischlehrer, Basha ihr gesamtes Leben als Hausfrau. Die beiden sind, genau wie ihr ältester Sohn Saiid, Mitglieder einer bestimmten muslimischen Glaubensgemeinschaft: den Ahmadiyya, eine islamische Reformbewegung, die in Marokko offiziell nicht anerkannt ist. Die Eltern sind eng mit der lokalen Gemeinde verbunden; immer wieder gibt es Besuche anderer Mitglieder. Saiid, Mitte 40, lebt auch im Hause. Er liest viel und schreibt. Mohammed, jüngster Sohn, arbeitet bei CasaTramway. Souad war nur die erste Woche zu Besuch; sie ist verheiratet und wohnt in Marrakesch. Drei weitere Kinder leben in Europa und Kanada. 

Ich wurde, wie schon erwähnt, sehr herzlich empfangen. Die ersten Tage wurden öfters mit Kartenspielen bis spät abends zugebracht, es gab bestes Essen, also Couscous und Tarjine, selbst gebackenes Brot (l houbs), Minztee (ataij bi nana). In der Zeit war ich viel im Haus oder wir haben kleinere „Ausflüge“ innerhalb des Quatiers gemacht: Markt, Park, Wo-befindet-sich-was-Spazier-gänge. Nach der Abreise Souads und Beginn der Uni ist für mich eine Art Alltag eingetreten. Gewisse, kleinere Dinge haben sich verändert. So zum Beispiel gehen die Eltern üblicherweise früher am Abend zu Bett, ausgiebige Kartenabende gibt es nicht mehr oder wird der Tee in der einfacheren Kanne zubereitet. Mein Status hat sich etwas verändert, aber Gast bleibe ich doch. Teil der Familie kann ich, glaube ich, in so kurzer Zeit nicht oder überhaupt nie werden. Eine anmaßende Forderung, natürlich, aber dennoch habe ich das Gefühl in dieser Familie so sehr Gast zu sein wie in noch keiner anderen „Gastfamilie“ zuvor. Dies ist im Rahmen anderer Auslandsaufenthalt insgesamt meine sechste Gastfamilie. Dass ich in diese Familie eingelassen wurde, dass ich Einblicke bekommen konnte bzw. kann, das ist für die, wenn auch gastfreundlichen, aber dennoch sehr geschlossenen, starken, und nach innen konzentrierten Familienbände hier zu Lande sicherlich ungewöhnlich und dafür bin ich dankbar. 

Jemand verwies einmal darauf, dass sich die Wichtigkeit der Familie, die Konzentration darauf und auf den Schutz und die Privatsphäre ihrer selbst in der Architektur zum Teil wieder spiegele: traditionelle marokkanische Häuser, Riads, Häuser mit Arkaden und Innenhöfen, weisen manchmal kaum Fenster nach Außen auf, hingegen sind sie zum Innenhof hin sehr offen und großzügig gestaltet. Selbst die wenig traditionellen Häuser in Casablanca besitzen, abgesehen von den architektonischen Experimenten Anfang des 20. Jahrhunderts, hauptsächlich kleine Fenster und einen eher geschützten Eingangsbereich. Das Außen und Innen wird scheinbar sehr getrennt. Zwei Welten. Eine zivile Gesellschaft außerhalb und innerhalb die Gesetze der Familie. (Natürlich ist das nur mein erster subjektiver Eindruck...)

Bleibe ich noch kurz bei der Einrichtung dieses Hauses: es gibt neben der Küche (eine einfache, sehr kleine Küche, Gasherd, Gasofen, Kühlschrank ist übrigens nicht in der Küche vorhanden, sondern oben auf dem Dach, ein weiteres Charakteristikum für marokkanische Bauweise: Flachdächer, also Terrassen und auch hier ein netter Nebeneffekt: man kann sich im Freien aufhalten, Wäsche aufhängen, Tee trinken, Rauchen ganz ohne von Nachbarn oder Fremden gesehen zu werden) ein Bad (mit Dusche) im 1. Stock, ein Bad mit Sitztoilette und Badewanne im 
2. Stock, das Schlafzimmer der Eltern, Saiids Raum und fünf Aufenthaltsräume, genutzt als Räume zum Essen, für Gastempfänge, Beten, Verweilen, Fernsehen und Schlafen. Diese Räume sind allesamt in einer typischen marokkanischen Art und Weise ausgestattet: an den Wänden entlang befinden sich Sofas, d.h. eigentlich ist das als eine zusammenhängende Sitzeinheit zu verstehen und zumeist ein runder, rollbarer Tisch und Teppichboden. Mohammed und auch ich schlafen in zwei solcher Räume.

Was kann ich über das Zusammenleben sagen? An sich verstehe ich mich gut mit allen, aber es besteht doch eine gewisse Distanz. Das Verhältnis zwischen Eltern und Söhnen scheint mir sehr respektvoll. Generell gilt das für alle älteren Personen. Es gibt klare Rollenverteilungen. Basha kümmert sich um den Haushalt, fast gänzlich alleine. Sie kocht, putzt und tätigt die nötigen Besorgungen. Sie serviert das Essen, wäscht die Wäsche, kümmert sich um das Tageskind Hafsa. Außer Hauses ist sie selten anzutreffen, auch wenn sie sich manchmal beklagt, gerne einmal rausgehen zu wollen aber nicht mal dafür Zeit zu haben.

Ihr zu helfen ist etwas schwierig. Ich habe oder hatte oft das Gefühl ihr helfen zu wollen, zu müssen, ohne groß zu wissen wie oder was ich praktisch tun könnte oder sollte. Angebotene Hilfe lehnte sie generell ab. Vor einiger Zeit hatten wir ein Missverständnis, nach einer Aussprache gab sie mir zu verstehen, dass die enorme Arbeit sie belaste und sie sich öfters Hilfe wünsche. Seit dem spricht sie mich nun offen an und weist mir Aufgaben, die ich erledigen kann, zu. Das ist an sich gut, da ich mich mehr einbringen kann, dementsprechend weniger Gast bin. Aber ich bleibe eben immer noch eine familienfremde Person. Nun verspüre ich oft das Bedürfnis tendenziell direkt von der Uni zum Beispiel ins Haus zurück kehren zu können, um ihr zu helfen. Dies, und auch dass der Großteil der anderen Studierenden ein Leben hauptsächlich zwischen Uni und Zuhause führen, veranlasste mich also sehr auf diesen Bereich von Casa konzentriert zu sein.

Mit den Söhnen spreche ich gelegentlich ausführlicher, ab und an führen wir längere Unter-haltungen, aber an sich gehen wir doch unseren separaten Aufgaben oder Interessen nach. Die meisten und sicherlich interessantesten Konversationen hatte ich innerhalb der Familie mit Abdellah. Er ist eine sehr belesene und wissbegierige Person. Jemand, der sich für kulturelle, politische sowie philosophische Ideen interessiert und sich gerne darüber austauscht. Abends nach dem Essen sitzen wir zumeist noch lange am Tisch und diskutieren ein bisschen oder ich erweitere mein Darijavokabular, bzw. versuche es. Allgemein wird in der Familie ähnlich gesprochen wie anderswo auf Casas Straßen: man gebraucht seinen ganz persönlichen Sprachenmix aus lokal variierendem Darija, Französisch, Hocharabisch und ab und an auch Worte aus verschiedensten Berberdialekten oder seltener auch Englisch.

Diese erste Zeit in der Familie, die ich hier nur grob in Ansätzen beschrieben habe (ich könnte noch lange Ergänzungen z.B. zu großen Themen wie Essen, Essenszubereitung oder zum Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, zur Schulbildung, Familientraditionen etc. vornehmen, auch zu sonstigen Aktivitäten oder Unileben ließe sich auch einiges ergänzen), hat mir einige spannende Einblicke in eine der vielen unterschiedlichen heutigen hier in Casablanca anzutreffenden marokkanischen Kulturen ermöglicht. In der nahen Zukunft hoffe ich, noch viele weitere Eindrücke in andere (Parallel-)Welten Casas erhaschen zu können.