Marokko – mit seinen angenehmen und unangenehmen Seiten – wie überall.

Montag, 30. Oktober 2017 um 21:24 Uhr

In einem zweiten Beitrag beschreibt Anna, Studienjahr 2016-2017 in Marokko, Casablanca, Architektur und kulturpolitische Wirklichkeiten.

Es ist unglaublich, dass die Zeit so schnell vergangen ist. Allgemein gesprochen habe ich sehr lange gebraucht, um in Casablanca anzukommen, bzw. nie wirklich das Gefühl gehabt, angekommen zu sein. Die Stadt ist definitiv nicht einfach, auf der anderen Seite jedoch gerade deshalb umso faszinierender.

Casablanca ist unglaublich vielseitig: es kann hier alles gefunden werden, ein großer Mix marokkanischer, subsaharischer, europäischer, asiatischer Kultur. Eine Version, die modernste Version vielleicht, einer marokkanischen urbanen Zukunft; ein nicht ganz einfaches, aber doch funktionierendes Zusammenleben, vielmehr ein „Nebeneinanderleben“, das sicherlich für das erschwerte „Eintauchen“ in die „lokale“ Kultur mitverantwortlich ist. Casablancas Fassaden sind verschlossen, viele Subkulturen existieren. Vielseitig und verschlossen.

Die Familie, in der ich für 2 ½ Monate gelebt habe sind Riffien, Anfang der 1970er Jahre nach Casablanca zum Arbeiten gekommen, wie auch ein Großteil der Bevölkerung. Zu dieser Zeit war ihr Haus eines der wenigen in der Gegend, heute wirft das Licht lange Schatten, wenn es durch die engen Lücken zwischen den Gebäuden scheint. Casablanca wächst. Überall. Casablanca wächst grau, in Beton und Stahl. Parks gibt es nur wenige, Grünflächen sind manchmal nur die Verkehrskreisel. Gerade in den „quartiers populaires“ gibt es nur wenige Angebote, nur wenig Infrastruktur. Allerdings immer vorhanden sind mindestens eine Moschee und einige kleinere Grundschulen, viele davon privat geführt. Ärzte, Lebensmittelgeschäfte, Cafés findet man an jeder Ecke; vor allem die großen Boulevards sind gesäumt von ihnen. Angebote für eine sportliche oder gar kulturelle Betätigung gibt es selten in diesen Vierteln. Casablancas Kultur findet in der Innenstadt statt - für eine erlesene Gruppe Kulturschaffender und -aktiver. Die Zentralisierung Casablancas ist vielerorts spürbar. Dies macht auch eine kleine Anekdote anschaulich: Viele Viertel wurden im Volksmund zunächst nicht nach ihren offiziellen Namen benannt, sondern nach dem Abstand zu „Mdina“, also der Innenstadt bzw. Altstadt. So hieß das Viertel „Ain Sebaa“ vorerst „15“, das Nachbarviertel wird heute noch „17“ genannt. Allein die Distanz wird zum beschreibenden Merkmal eines Ortes. Eine Distanz, die für Viele schwer zu überwinden war, ist, sowohl physisch als auch sozial.

Wichtige Firmen, Banken, große Kommerzzentren findet man in der Innenstadt oder eher zentral gelegen. Zentrale Wohnmöglichkeiten gibt es zwar, aber zu teilweise (und vor allem für ein Großteil der Bevölkerung) horrenden Preisen. Solche Strukturen sind dann im alltäglichen Verkehrschaos, gegen das auch die Tram nur wenig ausrichten kann, oder den absolut andern Lebensstrukturen der Bewohner zu finden. „Du wohnst in Ain Diab? Oh, cool. Dann kannst du ja joggen gehen.“ Ich bin fasziniert von einer solchen Aussage, in die so viel hineinspielt. Soziale Normen und Kontrolle, verschieden reelle oder gefühlte Sicherheitsniveaus, finanzielle Möglichkeiten, Infrastruktur. Der Wohnort wird zum Teil der Identität und andersherum.

Immer wieder kommt es vor, dass ich über diese Zusammenhänge stolpere: der private und öffentliche Raum, die physische Struktur der Stadt. Wie beeinflusst der Aufbau, die Stadtplanung unsere Rezeption, unser urbanes Miteinander, Aktivitäten, Verhaltens- und zuletzt auch Denkweisen? Was ist überhaupt ein „öffentlicher Raum“ in Casablanca? Wer benutzt und beeinflusst ihn? Ist er wirklich die Schnittstelle zwischen privat und staatlich? Wie wirken sich soziale Normen auf diesen aus und wie werden diese sichtbar? Was heißt es (k)ein Recht auf öffentlichen Raum zu haben? Wie kann es sein, dass eine Autorisation für jede noch so kleine „Versammlung“ erforderlich ist? Wo sind Grenzen, Freiheiten?

Der lokal bedingte Unterschied ist einfach markant. Letztlich beeinflusst er die Entwicklung, Denkstrukturen und Wertvorstellungen der Einwohner. Kommt man auf diese Themen zu sprechen, so stellen die meisten zwei Probleme heraus: (Informations-) Zugang und Bildung. „La base est l’éducation. Il n'y existe pas du tout une égalité."

Interessant finde ich auch, dass es nur wenige Gruppen gibt, die sich aktiv selbstorganisieren und für Veränderungen plädieren bzw. sich aktiv für diese einsetzen.  Aus Deutschland oder Europa allgemein ist diese Form der politischen Teilhabe etabliert. Veränderung, „le changement“, das große Wort, fast überall zu hören, ist jedoch seltener reell sichtbar. Hier ist ein Großteil, insbesondere die Jugend, resigniert, die alles allgemein kritisiert, aber eben passiv, untätig aus den Cafés heraus. Es schwingt eine Angst mit, die Erinnerung an die Jahre unter seiner Majestät Hassan II, den 1970er Jahren und zeitnaher die Proteste um den 20. Februar. Ein letzter, großer Versuch, der letzte große Versuch, mehr oder weniger gescheitert. Enttäuschung und Perspektivlosigkeit verbleiben, während der Druck der Zensur klar spürbar ist. Natürlich ist das generalisiert. Aber dennoch, diese Atmosphäre ist überall anzutreffen, der zweite Eindruck, unterschwellig nicht zu leugnen.

Dabei ist Casablanca vielleicht noch am aktivsten, dabei findet man hier vielleicht noch am meisten, am diversesten. Kunst und Kultur ist in unterschiedlichen Formen und Orten theoretisch für alle zugänglich. Es gibt eine Vielzahl von Museen, Galerien, kulturellen Zentren, Weiterbildungsmöglichkeiten, Produktionsstätten - oft zwar sehr versteckt, aber dennoch existent. Jedoch finden sich davon die meisten, wie schon erwähnt, in Innenstadtnähe. Zudem sind Geldbeiträge für den Besuch privater Schulen oder Konservatorien enorm. Nur wenige Kulturzentren sind außerhalb dessen vorhanden. Namentlich genannt werden können „L'Uzine“ in Ain Sebaa und „Les étoiles de Sidi Moumen“ in Sidi Moumen, jeweils mit einem Jahresbeitrag von 200 DH. Eine neue Entwicklung, Kultur zu dezentralisieren, ein Beitrag zur Diversität. Aber selbst „la diversité“ ist definierbar, muss definiert werden, hat ihre Grenzen; vor allem hier, vor allem jetzt, in dieser Zeit, diesem Moment.

Manche Dinge existieren nicht, dürfen nicht, können nicht. Es gibt immer Menschen, die Interesse daran haben, Situation unverändert zu belassen und Gruppen zu marginalisieren. Wer möchte schon einen „moralischen Verfall“? Ein Zurück, ein Leugnen all der Errungenschaften dieser Zeit? Casa hat einen Tramway. Kommerz, zugänglich für jedermann, die Möglichkeit finanziell unabhängig, abgesichert zu sein. Sicherheit. Menschenrechte, Freiheiten. Theoretisch vorhanden, theoretisch akzeptiert und respektiert. Praktisch gibt es die soziale Norm, die sich selbst richtende Gesellschaft. Praktisch gibt es viele Parallelwelten.   

Praktisch leben wir alle, leben alle in Marokko in verschiedensten Parallelwelten. „Social Schizophrenia“ höre ich immer wieder: „We are a modern but very complex society.“ Wie fast alle Gesellschaften, wie fast immer, aber auf Marokko trifft das vielleicht auf besondere Weise zu. Ein Land zwischen Afrika und Europa. Zwischen, weil „europäischer“ als andere afrikanische Länder, aber eben nicht Europa und auch nicht „Afrika“.  Dabei beträgt der Abstand zu Spanien an der engsten Stelle nur 11km – weniger als der zwischen Ain Sebaa und Mdina. Doch diese 11 km sind das Mittelmeer, diese 11km sind eine reelle physische Grenze. Auf der anderen Seite ist als Grenze die Sahara anzutreffen, überwindbar zwar, aber nicht einfach. Marokko, ein Land zwischen Parametern westlich definierter Moderne und arabischen Traditionen, geprägt von Amazight-Kulturen, Religion (Islam, Judentum) und Kolonialismus. Ein Land, in dem „Charaf w choah“- Ehre und Schande nicht zu leugnen sind, ja danach geurteilt, gelebt wird, aber dennoch „westliche“ Lebensstile ihren Einzug in die Gesellschaft gefunden haben und Wünsche an vermeintliche Freiheiten gekoppelt sind. Doppelmoral. Ein Land schwer zu erfassen, schwerlich beschreibbar. Ich selbst falle ein wenig heraus, bin nicht ganz so verflochten in Strukturen. Oft habe ich den Eindruck, dass ich auf erster Linie als Ausländerin, als Europäerin und erst sekundär als Frau wahrgenommen werde. Aber natürlich lebe ich mit, in diesen Strukturen. Was bedeutet es für mich, Europäerin zu sein, einen privilegierten Status zu besitzen? Immer wieder werde ich auf meine nationale Identität angesprochen. Bin ich wirklich deutsch? Was ist das nun wieder: „deutsch sein“ – „germanness“? Die Unmöglichkeit sich selbst zu definieren, beobachtet, beurteilt, verurteilt von allen anderen. Die Unmöglichkeit dieses Land zu definieren, beurteilen, verurteilen. Allein beobachten bleibt als Möglichkeit.