Erlebnisbericht

La Culture est Charlie Chaplin

Donnerstag, 26. Oktober 2017 um 15:17 Uhr

Lea, 2016-2017 in Marseille, berichtet von einem Austausch im Austauschjahr, der sie nach Marokko führt.

Dezember 2016, Café Hafa, Tanger. Gläser, gefüllt mit marokkanischem Tee und seiner ihm eigenen Schaumkrone, säumen meine Erinnerungen an das Traditionscafé. Der Blick der jungen Marokkaner_innen, für die das Café Hafa ein beliebter Treffpunkt zu sein scheint, weilt über dem Mittelmeer. Nicht weit entfernt erhebt sich die spanische Küste. Es ist eine dieser paradoxen Situationen, Realitäten. An ihrer engsten Stelle trennen Spanien und Marokko keine 15km und doch wird der Großteil der Marokkaner_innen niemals den Schengenraum betreten. Vous avez le passeport rouge, gibt mir ein Marokkaner zu verstehen. Er hat Recht. Mein Reisepass hat mir vor wenigen Tagen die problemlose Einreise in das maghrebinische Land gewährt. Was bedeutet es, „Europäer_in“ zu sein? Die Konfrontation mit Weltpolitik, Postkolonialismus und Ländergrenzen sind in Marokko unausweichlich. Marokko ist für mich ein Austausch im Austauschjahr. Im Rahmen der Studienvariante Bachelor Plus studiere ich seit September 2016 in Marseille, lerne ein neues Land, eine neue Kultur, eine neue Sprache kennen. Über eine der zahlreichen und Marseille kennzeichnenden associations nehme ich schließlich an einem Austauschprogramm in Tanger teil und besuche anschließend Anna, ebenfalls Bachelor Plus, die sich aber einige Kilometer weiter südwestlich auf der Landkarte in Casablanca befindet. Und so finde ich das Vertraute in der Fremde als wir an einem Abend in der ökonomischen Hauptstadt des Landes unter Marokkanern und in Französisch das so deutsche Wort „Heimat“ diskutieren. Mon chez-moi. Auf wen ich treffe sage ich, ich bin Deutsche, aber meine Identität ist viel mehr als das. Mittlerweile trägt sie auch Frankreich und das so eigensinnige, aber wunderbare Marseille in sich. Es sind diese Abstraktheiten und Konstruktionen, die im Auslandsjahr immer wieder in Frage gestellt werden. Wahrheiten, die die Welt bedeuten. Wir haben Glück. Die Kunstszene der Stadt versammelt sich um die Künstler_innen der Uzine, einem der künstlerischen Umschlagspunkte Casablancas. Im Gespräch La culture est subversive ist die Antwort auf die Frage nach der Kunst. In Deutschland werden Kunst und Kultur in Fachdiskursen ähnlich behandelt, doch die Ausgangssituationen könnten nicht unterschiedlicher sein. Die Freiheit der Kunst, in Deutschland so fest verankert, dass sie nur noch selten diskutiert wird, ist in Marokko nicht gegeben. La liberté existe toujours en tant que rêve de l’artiste mais elle ne représente jamais la réalité. Künstlerischer Aktionismus muss daher subtil sein. Eine Person sagt: On a le droit de critiquer mais il ne faut pas se perdre dans la critique. Wir sprechen weiter und Begrifflichkeiten wie occidentalisation fallen. Eine Verwestlichung in Bezug auf die Fördermittelvergabe an kulturelle Projekte wird beobachtet, kritisiert. Wie auch in Deutschland ist es die Wahl der Worte in einer Projektbeschreibung, die über eine finale Mittelvergabe entscheidet. Antragsprosa, wie es in Hildesheim oft heißt. Dennoch sind die Worte nicht das künstlerische Produkt, das seinen eigenen Weg findet. Vorbei an den beliebten doch oftmals leeren Schlüsselbegriffen. La culture est Charlie Chaplin, elle échappe. Und ein weiteres Mal realisiere ich: Kulturpolitik im internationalen Vergleich erlebt sich am besten im Kontext, vor Ort, zwischen und mit den Kulturen.