Erlebnisbericht

Das gespaltene Land

Mittwoch, 18. Oktober 2017  / Alter: 1 Jahre

Sonja, 2016-2017 in Südafrika, über politische Realitäten in ihrem Partnerland.

Südafrika wird mir in jeder Hinsicht als gespaltenes Land in Erinnerung bleiben. Die Schönheit und Weite der Landschaft stehen oft im Gegensatz zu den sozialen Konflikten, die überall im Land brodeln und zur Verzweiflung treiben können. Es ist eben nicht alles einfach, die einen gut, die anderen böse, Gerechtigkeit ist nicht verteilbar. Und wie kann ich mich, als weiße Europäerin, als „Kolonialistin“ einmischen in diese Konflikte, die gar nicht die meinen sind, um versuchen sie zu verstehen oder Lösungsansätze zu bieten? Darf ich das überhaupt?
Die störrische Zerrissenheit des Landes brachte der südafrikanische Autor Alan Paton in seinem Roman Cry the beloved country am besten auf den Punkt:

“This is no time to talk of hedges and fields, or the beauties of any country. Sadness and fear and hate, how they well up in the heart and mind, whenever one opens pages of these messengers of doom. Cry for the broken tribe, for the law and the custom that is gone. Aye, and cry aloud for the man who is dead, for the woman and children bereaved. Cry, the beloved country, these things are not yet at an end. The sun pours down on the earth, on the lovely land that man cannot enjoy. He knows only the fear of his heart.” (Alan Paton, 1948)

Südafrika ist ein zu großes Land, in dem sich alle so zu fühlen scheinen, als ob sie dort nicht hingehörten. Dies spiegelt sich wieder in jedem Zaun und jeder Mauer, die man hier um die Grundstücke zieht. Nicht nur betreten Weiße kaum die Kapstädter Townships, die schwarze Bevölkerung traut sich auch kaum aus diesen heraus. Wenn wir – meine zwei Hildesheimer Kommilitoninnen und ich – dagegen nach der Uni in Pretoria noch durch die Innenstadt liefen, fühlten wir uns ständig neugieriger Blicke ausgeliefert, da dort kaum weiße Personen zu Fuß gehen. Was in Deutschland für uns eine Selbstverständlichkeit ist, wurde in Südafrika plötzlich zum Kuriosum. Viel öfter wurde ich hier auf die Grenzen meiner Sicherheit gestoßen und gleichzeitig wurden mir meine eigenen Privilegien, verursacht durch meine Hautfarbe, ins Gesicht geschleudert. Die Debatte um „Critical Whiteness“ ist für mich eine, die wir unbedingt führen müssen, auch und vor allem in Europa.

Wie Alltag politisch wird

In diesem Zusammenhang haben mich auch die schweren Studierendenproteste während meines Praktikums in Kapstadt sehr beschäftigt. Wir nehmen oft unsere institutionellen Strukturen und die Hoheit der Wissenschaft und Forschung als selbstverständlich wahr. Fakt jedoch ist, dass dieses System ebenfalls einen weißen Eurozentrismus repräsentiert, in dem viele Stimmen benachteiligt sind. Ich fordere nicht die Abschaffung von wissenschaftlichen Fakten, sondern lediglich ein Innehalten in der Wissenschaft, ein kurzzeitiges Hinterfragen der Strukturen und Systeme, in denen wir denken. Wie kann ich denn mit meiner Wissenschaft behaupten etwas über Kunst in Südafrika festzustellen, wenn das Verständnis von Kunst hier ein ganz anderes ist?

Einblicke in die Idee von „Community Art“

Vor allem meine Arbeit im District Six Museum in Kapstadt, wo ich mein Praktikum absolvierte und das sich mit Vertreibung durch das Apartheid Regime auseinandersetzt, hat mir die Idee von „Community Art“ nähergebracht: eine Kunst, die sich durch Botschaft, Zusammenhalt und Aktivismus auszeichnet und in der Ästhetik eine untergeordnete Rolle spielt. Während ich in Deutschland hauptsächlich mit entpolitisierter Allgemeingültigkeit in der Kunst, die die Institution zelebriert und die „Hau-Drauf-Message“ scheut, konfrontiert bin, engagieren sich Künstler hier stets im politischen Fokus.

Ich habe hier eine Diskussionspolitik genossen, die sich nicht hinter falscher Toleranz versteckt. Die Südafrikaner_innen wissen, – nicht nur durch die Studierendenproteste und die aktuellen Skandale um den Präsidenten Jacob Zuma – dass es ihrem Land nicht gut geht. Es herrscht ein offener Austausch über Politik und soziale (Un-)Gerechtigkeit, der beim ersten Hinhören pauschalisierend wirken mag (vor allem im lockeren Umgang mit dem Wort „race“), aber doch nicht im Widerspruch mit „political correctness“ steht. Diese direkte Gesprächskultur ist Teil eines sehr politisch aufgeladenen Alltags für alle, der auch mir beigebracht hat direkt Stellung zu beziehen.

Ich bin sehr froh darüber, die Möglichkeit gehabt zu haben meine europäische Blase zu verlassen und ein Stück afrikanischer Perspektive kennen zu lernen. Wie kann ich jetzt meine neuen Erkenntnisse in einen europäischen Rahmen übertragen? Funktioniert entkolonialisierte Wissenschaft auch hier? Was bedeutet politische Kunst in Europa? Wie können wir unsere Diskurse führen, dass sich jeder daran beteiligen kann? Wahrscheinlich könnte ich noch lange so fortfahren und oft frage ich mich, wie viel ich sagen kann, wie viel ich sagen darf, was der Unterschied zwischen meiner individuellen Erfahrung und der der anderen ist. Pauschalisiere ich nicht selbst mit meinen Eindrücken, denen ich eine anscheinende Allgemeingültigkeit zuschreibe? Und kann ich diese Eindrücke überhaupt verständlich genug für jemanden schildern, der sie nicht selbst erlebt hat?

Es lohnt sich aus seiner Sicherheit und dem Altbekannten herauszutreten und ein Land nicht nur zu bereisen, sondern dort zu leben und sich aktiv mit all den Geschehnissen vor Ort auseinander zu setzen. Das ist eine Lektion für das Leben.

Weiterführende Informationen zu den aktuellen politischen Fragen in Südafrika liefern u.a. die Dokumentationen Fuck White Tears von Annelie Boros: https://www.youtube.com/watch?v=zbI0IGZwMCc und The People VS The Rainbownation von Lebogang Rasethaba: https://arcadecontent.tv/the-people-vs-the-rainbow-nation-documentary/.