2016-2017

LITAUEN

Unsichtbare Ungerechtigkeit in Litauen

Ein Bericht von Maximilian, der sich seit September 2016 für ein Studienjahr in Vilnius, Litauen aufhält.

Litauen ist ein vergleichsweise kleines Land, eingebettet zwischen Russland, Weißrussland, Polen und Lettland und ist der geographische Mittelpunkt Europas.

Wie ließe sich die Situation der Kulturschaffenden und der Kulturinstitutionen in der Hauptstadt Vilnius beschreiben? Sie ist ähnlich wie die, die ich aus Deutschland kenne, es gibt zu wenig Geld für Kultur und dennoch boomt die Kulturindustrie, besonders im Design Sektor. Die Museen in Vilnius sind allesamt äußerst geschmackvoll gestaltet, das Interieur moderner als das im Städel Museum in Frankfurt am Main. Die Hochkultur erstreckt sich besonders auf den Bereich der klassischen Musik, die Theaterszene ist vornehmlich konservativ dramatisch.

Die Krux innerhalb meiner Beobachtung lässt sich nicht in den sichtbaren Bereichen des öffentlichen Lebens auffinden, sie sitzt tiefer, in der Geschichte des Landes und in der Gesetzgebung.

Meine momentane Beschäftigung als Praktikant bei der European Foundation of Human Rights führte mich tiefer in jene Untiefen der Ungerechtigkeit, die mir in meinem Alltag nicht auffallen würden. Ich als weißer, männlicher, heterosexueller Deutscher, gehöre keiner diskriminierten Minderheit an, meine einzige Minderheit sei in diesem Fall meine Unfähigkeit die litauische Sprache zu sprechen. Durch die Kontaktaufnahme mit anderen Menschenrechtsorganisationen in Vilnius konnte ich jedoch ein wenig tiefer in diese öffentlich unsichtbare Diskriminierung einblicken. Ich begann eine kleine Konferenz zu planen, die am 9. November 2016, dem Internationalen Tag gegen Faschismus und Antisemitismus stattfinden sollte, ein Tag, der gleichzeitig den Wandel in der politischen Landschaft der USA markiert. Ich tat dies, um mir selbst ein Bild über die Aktivitäten von Menschenrechtsorganisationen zu machen und zu einer Zusammenarbeit aufzurufen.

Als die Vorsitzende der Lithuanian Jewish Student Union auf dieser Veranstaltung behauptete, dass es in Litauen keinen Antisemitismus gäbe, erhob sich eine ältere Dame und sagte, dass es den sehr wohl gäbe. Er sei allerdings nicht aktiv ausgeübt, Angehörige jüdischen Glaubens würden nicht aktiv diskriminiert, sondern passiv, durch die Leugnung einer Teilschuld Litauens am Holocaust. Es sei folglich die stille Form der Diskriminierung, die überbleibt und überlebt, weil sie eben nicht sichtbar ist in einer Welt, in der Sichtbarkeit eine solch übergeordnete Rolle einnimmt.

Seit 2004 ist Litauen ein EU-Mitgliedsstaat und die Präsenz der EU ist kaum zu leugnen, die Flagge ziert unzählige Gebäude und erscheint als Symbol des Fortschritts und der Erneuerung, sechsundzwanzig Jahre nach der Erklärung der Unabhängigkeit Litauens. Was all dies mit der Identitätsbildung der Menschen zu tun hat kann ich nicht mit Gewissheit sagen, allerdings bleibt die Nachhaltigkeit der Änderungen, die das Land zum EU-Beitritt durchsetzen musste, in Frage zu stellen. Die zu diesem Beitritt benötigten Gesetzesänderungen werden momentan wieder zurückgespult, immer mehr Gesetze, die für mehr Gleichberechtigung sorgen sollten, werden nivelliert. Litauen entwickelt sich nach einer Studie der ILGA (International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association) zu einem der LGBTI feindlichsten Länder in Europa (siehe https://rainbow-europe.org/#8644/0/0). Die Ergebnisse der Studie errechnen sich teilweise daraus, inwieweit das jeweilige Land die Europäischen Menschenrechtskonventionen in seinen Gesetzeskorpus implementiert hat.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Menschenrechte führte dazu, dass ich über eine mögliche Verbindung zwischen Menschenrechten und künstlerischer Praxis nachdachte. Einer Verbindung, durch die eine Unsichtbarkeit der Probleme aufgehoben werde könne, eine Verbindung, die eine Möglichkeit bietet sich über den Wahlvorgang hinaus politisch zu engagieren. Die während meiner Gespräche analysierten Probleme innerhalb der Gleichberechtigungsthematik dieses Landes scheinen vornehmlich Probleme der Unsichtbarkeit zu sein, der Unmöglichkeit sich auszudrücken, sich auszutauschen. Es muss vor allem darum gehen Gleichberechtigung als gesellschaftliche Notwendigkeit zu propangieren. Um es mit den Worten Hanna Ahrendts zu sagen:

„Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen. Aber wiewohl niemand sich diesem Minimum an Initiative ganz und gar entziehen kann, so wird sie doch nicht von irgendeiner Notwendigkeit erzwungen wie das Arbeiten, und sie wird auch nicht aus uns gleichsam hervorgelockt durch den Antrieb der Leistung und die Aussicht auf Nutzen.“

Hannah Ahrendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, Piper, 2002, 214.

Blick vom Tafelberg auf Kapstadt.

SÜDAFRIKA

Zwischen Rassismusfragen und Herzlichkeit

Persönliche Einblicke von Biene, 2016-2017 für ein Studienjahr in Südafrika.

Kapstadt, Oktober 2016

„Hanover Park, Hanover Park! Via Athlone, Hanover Park“ hört man die Conductor der Minibustaxis rufen. Richtung Hanover Park ist die, welche ich nehmen muss, um nach Lansdowne zu kommen, wo ich mittlerweile bei einer coloured Familie wohne. Hanover Park selbst ist aufgrund der ausgeprägten Drogen- und Kriminalitätsprobleme für einen Besuch nicht zu empfehlen. Je nachdem, wohin man fahren möchte, gibt man dem Conductor zwischen 5 bis 10 Rand, je nach Entfernung und Uhrzeit. Wenn der Bus sehr voll ist, dann gibt man das Geld der Person in der Reihe vor einem. Die öffentliche Verkehrsmittelsituation ist in Kapstadt, abgesehen von der Innenstadt, ziemlich schwierig. Für die WM 2010 wurde MyCityBus ins Leben gerufen, doch diese verkehren nur in der Innenstadt. Bleiben also noch Bahn (Metro und MetroPlus) und Minibustaxis, hier auch einfach Taxis genannt und natürlich Uber, eine App, die man sich auf dem Smartphone installieren kann.

Meine ersten Eindrücke waren sehr gemischt. Zwischen absoluter Faszination für die Landschaft und die Herzlichkeit der Menschen – jede*r nennt sich hier brother und sister und man kann unmöglich nur „hello“ sagen, ohne nicht wenigstens „How are you?“ gefragt zu haben – und zwischen den ersten Konfrontationen mit Themen wie „Sicherheit“ und „Rassismus“ bewegte ich mich vorsichtig und so offen wie mir möglich.

Bereits vorweg: Einige Dinge werden vielleicht ungewöhnlich klingen, vielleicht sogar gefährlich, aber so ist es eigentlich nicht. Man muss sich ein wenig daran gewöhnen, sich ein wenig anders organisieren, als man es vielleicht gewöhnt sein mag. Die meisten „Fehler“ passierten mir gleich am Anfang, um auf die gemeisterten Herausforderungen zu sprechen zu kommen. Innerhalb kürzester Zeit wurde mir mein Portemonnaie geklaut, dann meine Kreditkarte und dann noch mein Handy – Handys sind hier sehr beliebt. Ich hab einmal den letzten Bus verpasst und musste laufen, ich wurde einmal in der Innenstadt mit einem Messer bedroht und habe herausgefunden, dass man mit den Minibustaxis nach Langa (Township von Kapstadt) bis zu einer Stunde brauchen kann, während man mit dem Auto 15 Minuten dorthin fährt.

Aber aus Fehlern lernt man ja bekanntermaßen. Deswegen besitze ich jetzt ein uraltes Samsung Handy (sogar in Farbe) und trage mein Geld in meinem BH, wie viele andere Frauen hier, und meine Kreditkarte habe ich eigentlich nie dabei, nur einmal am Anfang des Monats um bei der Standard Bank Geld abzuheben. (Es gibt verschiedene Banken, wie ABSA und Standard Bank. Bei der Standard Bank kann man bis zu R5000 abheben, während bei ABSA meist nur R3000 möglich sind.) Nach Langa fahre ich jetzt mit dem Auto und an den Wochenenden reise ich viel innerhalb des Landes. Beim Thema Sicherheit kommt es immer darauf an, wo man sich aufhält. Meiner Erfahrung nach sind bei Dunkelheit alle Menschen Zuhause oder auf dem Rückweg. Das liegt auch daran, weil der ÖNV gegen 20 Uhr aufhört. Es gibt Gegenden, vor allem die Innenstadt Kapstadts, in denen sich abends länger aufgehalten werden kann und es gibt Gegenden, die gemieden werden sollten. Dabei kommt auch das Thema Hautfarbe hinzu: Hier sagt man „Black“, „Coloured“ und „White“. Nach Ende der Apartheid hat sich anscheinend viel für die coloured community getan, leider nicht so viel für die black community und teilweise sind die Fronten sehr verhärtet.

Das ist ein Thema - das Rassismus-Thema eben irgendwie - mit dem man täglich konfrontiert wird oder werden kann und über das wir (Leonie, Sonja und ich 2016-17 zusammen im Rahmen von Bachelor Plus in Südafrika) schon viel diskutiert haben. Manchmal haben wir uns in diesen Diskussionen ziemlich im Kreis gedreht, was eigentlich nur zeigt, dass es eben nicht so einfach ist. Fragen, die mich dabei bewegen, sind: „Warum gibt es immer noch diese verhärteten Fronten zwischen black und white community? Warum wird mir meist gesagt, dass man sich in Acht nehmen soll, wenn man weiß ist, weil es gefährlich ist?“ Ich kann keineswegs verlangen, dass alle dieses Denken über den Haufen werfen sollen und es ist eine weiß-privilegierte Haltung zu sagen, dass ich „genervt von diesem Rassismus-Problem“ bin. Seitdem lese ich viele Texte und Artikel und rede viel mit den Menschen, die ich treffe.

Dabei fällt mir auf, dass eben doch die meisten Sätze ähnlich klingen „Was? Du fährst mit der Metro? Das ist doch voll gefährlich als Weiße?!“ oder „Von deinem Wesen her müsstest du eigentlich ein Teil unserer Black Community sein“ (was ein Kind im Langa Township kürzlich zu mir sagte). Für mich fühlt sich das nach Reproduktion von Vorurteilen und Klischees an und ich merke auch, dass es für mich immer schwieriger wird zu formulieren, was ich als Problem ansehe, weil ich gar nicht mehr weiß, was ich überhaupt sagen kann oder darf. Wieviel Recht habe ich denn dazu eine Situation zu beurteilen, die ich gerade seit 3 Monaten kenne?

Solange an diesen Mustern festgehalten wird (Weiße fahren Uber, Auto, MetroPlus. Schwarze fahren Minibustaxi und Metro und laufen, in Cafés sitzen meistens Weiße und/oder Coloured, bei Wine Tastings sind es Schwarze, die bedienen, besser bezahlte Jobs haben immer noch Weiße, an den Stränden wie Camps Bay sind Weiße, ein Schwarzer erzählte mir, dass zu ihm gesagt wurde „What is the monkey doing here?!“ als er am Clifton Strand war), solange werden sich meiner Meinung nach die Fronten verhärten. Aus Gesprächen mit Xhosa-People und anderen Schwarzen konnte ich aber auch entnehmen: „Weiße, hört auf ständig „helfen“ zu wollen, euch ständig einzumischen, ihr macht alles schlimm, ihr seid Schuld daran, wie es uns geht, ihr seid Schuld daran und das schon seit Jahrhunderten. Wir müssen eure Sprache lernen und ihr könnt unsere nicht. Wir müssen in eure Welt passen und das macht uns wütend.“ (Ähnliche Eindrücke schildert auch der Dokumentarfilm „Fuck White Tears“ von Annelie Boros: fuchsbau-festival.de/kontentmag/fuck-white-tears/)

Damit bin ich überfordert. Ich dachte es geht darum, dass alle gemeinsam leben, dass Chancengleichheit geschaffen wird. Und dann gibt es Menschen, die eine Separierung wollen, auf allen Seiten, weil das besser sei und es wird „Dekolonialisierung“ gefordert.

Mich macht es wütend, gerade wenn ich reise, diese Ungleichheiten zu sehen. Neben der Luxus Villa steht ein Wellblechverschlag. Und ich weiß schon gar nicht mehr, zu was ich mich überhaupt äußern darf oder kann...

Natürlich ist dies aber auch nur eine Seite der Medaille, ich erwähnte bereits die große Herzlichkeit der Menschen. Zumeist begegnet mir ein großes Wohlwollen, Interesse und Bereitschaft zu erzählen, von den Menschen in den Townships oder auch anderswo. Ich treffe die „rasta brothers“, die in den Bergen leben und Herbs verkaufen, die mich einladen, die davon reden, dass wir alle „Rasse Mensch“ sind. Mir zeigen Menschen welchen Weg ich gehen muss, welches Minibustaxi ich nehmen muss. Die Kinder hängen sich wortwörtlich an meine Haare und reißen mich mit sich zum Spielen. Ich gehe in der Dunkelheit nach Hause und fühle mich unwohl und muss nur eine Gruppe Männer ansprechen, ob ich mit ihnen gehen kann und wir kommen ins Gespräch.

Was ich für mich bisher herausgefunden habe, um damit umzugehen, sind Methoden wie in einen Dialog gehen, die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, um (Denk-) Strukturen zu durchbrechen, in den Townships arbeiten und Xhosa lernen. Damit verändere ich sicherlich nicht die Welt, aber ich kann Projekte unterstützen und selbst auf die Menschen zugehen. Ich bin froh darüber, dass es Organisationen gibt wie das Project Playground, das Theatre Arts Admins Collective, das District Six Museum und die ganzen Diversity und Arts Festivals, die sich vor Ort den Herausforderungen stellen.

Anhand meiner Praktika sehe ich den enormen Einfluss von Kunst und Kultur als Möglichkeit der sozialen Veränderung. Die Produktion „Ubuze Bam“ mit ehemaligen Gefängnisinsassen bringt sowohl für die Darsteller, als auch für das Publikum einen enormen Gewinn: Integration in die Gesellschaft, eine völlig neue Möglichkeit der Betrachtung, Abbau von Ängsten und Vorurteilen und auch für eine jüngere Zielgruppen ein beeindruckendes Stück, vielleicht sogar um präventiv gegen Gangsterkult vorzugehen. Kulturpolitisch ist Südafrika anscheinend ein wenig schwierig, jedenfalls gibt es unterschiedliche Aussagen zum Zugang zu Fördergeldern (zwischen „unmöglich“ und Schließung von Projekten bis „einfach“ beim Cape Town Fringe Festival).Die Möglichkeit der kulturellen Entfaltung für Kinder und Jugendliche im Project Playground ist unendlich wertvoll und solche Projekte sollte es noch viel mehr geben.

Mich interessiert die Möglichkeit, Gesellschaft  anhand von Kunst zu verändern und Bewusstsein zu schaffen. Dies kann ich vor allem beim genannten Projekt „Ubuze Bam“ erkennen. Mich interessiert, wie Dialoge geschaffen werden können, wie man Projekte kreieren kann, die ein breites Spektrum ansprechen und nicht nur eine Gruppe. Spannend finde ich den Xhosa Hip Hop hier: was wird verhandelt, wie wird er ästhetisch inszeniert, welche Werte werden vermittelt, welche Themen scheinen kulturell und politisch aktuell zu sein? In einer Bücherei ist mir aufgefallen, dass es kaum Niederschriften auf Xhosa gibt, nur Kinderbücher bis zu einem Alter von vielleicht acht Jahren. Damit einher geht für mich mein Interesse an der Forschung zum kulturellen Erbe der Xhosa Kultur. Ich konnte nur zwei Märchenbücher finden aus der Xhosa Kultur.

Kritisch sehe ich hier generell den Begriff des kulturellen Erbes, da es sehr verschiedene und sehr persönliche Meinungen dazu gibt, welche zu Konflikten führen.

Mich interessiert die Nachhaltigkeit von Projekten in Townships und mich interessiert der Umgang mit politischem Geschehen in den Künsten oder auch seine Vermeidung.

Mich interessiert die Rezension und Entwicklung der Studierendenproteste. Möglichkeiten der Begegnung interessieren mich, in denen sich „alle“ treffen können, ohne wieder einmal die Unterschiede zu definieren.

Theoretisch könnte ich noch ewig fortfahren. Über die Projekte, über die Sprache Xhosa und die Kultur, über den Alltag hier, über das Essen, über die Studentenproteste und die Proteste in Langa, über die Politik und vieles mehr...

Links:

Theatre Arts Admin Collective theatreartsadmincollective.weebly.com

Project Playground: http://project-playground.org.za

Dance for all Athlone: http://danceforall.co.za

Zip Zap Circus: http://www.zip-zap.co.za

Magnet theatre: http://magnettheatre.co.za

Unmute Dance Company: http://www.unmutedance.co.za

Das Bild zeigt von uns gewaschenen Weizen auf der Dachterrasse. Er wird anschließend zu einer Gemeindemühle hier im Viertel gebracht und aus dem Mehl dann das typische flache, weiße, aber doch recht feste Fladenbrot gebacken. Letzteres passiert wieder hier im Haus.

MAROKKO

Momentaufnahmen aus dem Leben in einer Familie in Casablanca Hai Salma – Qaurtier populaire

Anna, Studienjahr 2016-2017 in Marokko, gewährt Einblicke in ihr zeitweiliges Leben bei einer Gastfamilie.

November 2016

Es knallt. Alle paar Sekunden. Alle paar Sekunden explodiert ein Feuerwerkskörper, lässt Straßen in verbrannt riechendem Dunst verschwinden. Auf den Knall folgen das schrille Heulen von Autoalarmanlagen, dann Schreie von Kindern und Jugendlichen. Das ist meine erste Erinnerung, mein wirklich erster Eindruck von Hay Salama, von Casablanca. Das Ashura Fest. An sich wird es am 10. Tag des Trauermonats Muharram gefeiert, da in Marokko Feierlichkeiten aber gerne mal ausgedehnt werden, feiern nun hauptsächlich Kinder und Jugendliche mit Trommeln, Böllern und allgemein viel Lärm eine ganze Woche lang.

Mittlerweile ist es Mitte November, d.h. 1 ½ Monate nach Ankunft hier in Marokko, Casablanca. Das heißt auch gut einen Monat Familienleben (eine Woche war ich im Süden Marokkos zur Unterstützung eines Architekturprojektes; eine Woche habe ich als Freiwillige für Racines, eine Kulturorganisation, die sich vor allem der Entwicklung und Förderung des kreativen Sektors widmet, gearbeitet). Ein eher ruhiger Monat, geprägt von familiären Strukturen. Ein ruhiger Monat in einem hektischen, immerzu lauten, geschäftigen Viertel.

Kurz vor dem ersten Oktober wurde ich hier willkommen geheißen: von Mohammed, dem jüngsten Sohn, wurde ich am Bahnhof abgeholt. Ein Petit Taxi hat uns bis zum Haus in Hay Salama, 20 Gehminuten von der Uni Ben M'sik, gebracht. Dort wurde ich von Abdellah, Basha, Saiid und Souad begrüßt. Abdellah und Basha, ursprünglich aus den Norden, Berber, geschätzt Ende 60, Anfang 70, pensioniert, aber dennoch sehr aktiv: in der untersten Etage ihres dreistöckigen Hauses unterhalten sie einen kleine Vorschule: von 8h bis halb 5h montags bis freitags hört man rund 40 Kinder und ihre zwei „éducatrices“ lauthals Kinderlieder und das arabische Alphabet singen, bzw. rufen. Abdellah arbeitete als Englischlehrer, Basha ihr gesamtes Leben als Hausfrau. Die beiden sind, genau wie ihr ältester Sohn Saiid, Mitglieder einer bestimmten muslimischen Glaubensgemeinschaft: den Ahmadiyya, eine islamische Reformbewegung, die in Marokko offiziell nicht anerkannt ist. Die Eltern sind eng mit der lokalen Gemeinde verbunden; immer wieder gibt es Besuche anderer Mitglieder. Saiid, Mitte 40, lebt auch im Hause. Er liest viel und schreibt. Mohammed, jüngster Sohn, arbeitet bei CasaTramway. Souad war nur die erste Woche zu Besuch; sie ist verheiratet und wohnt in Marrakesch. Drei weitere Kinder leben in Europa und Kanada.

Ich wurde, wie schon erwähnt, sehr herzlich empfangen. Die ersten Tage wurden öfters mit Kartenspielen bis spät abends zugebracht, es gab bestes Essen, also Couscous und Tarjine, selbst gebackenes Brot (l houbs), Minztee (ataij bi nana). In der Zeit war ich viel im Haus oder wir haben kleinere „Ausflüge“ innerhalb des Quatiers gemacht: Markt, Park, Wo-befindet-sich-was-Spazier-gänge. Nach der Abreise Souads und Beginn der Uni ist für mich eine Art Alltag eingetreten. Gewisse, kleinere Dinge haben sich verändert. So zum Beispiel gehen die Eltern üblicherweise früher am Abend zu Bett, ausgiebige Kartenabende gibt es nicht mehr oder wird der Tee in der einfacheren Kanne zubereitet. Mein Status hat sich etwas verändert, aber Gast bleibe ich doch. Teil der Familie kann ich, glaube ich, in so kurzer Zeit nicht oder überhaupt nie werden. Eine anmaßende Forderung, natürlich, aber dennoch habe ich das Gefühl in dieser Familie so sehr Gast zu sein wie in noch keiner anderen „Gastfamilie“ zuvor. Dies ist im Rahmen anderer Auslandsaufenthalt insgesamt meine sechste Gastfamilie. Dass ich in diese Familie eingelassen wurde, dass ich Einblicke bekommen konnte bzw. kann, das ist für die, wenn auch gastfreundlichen, aber dennoch sehr geschlossenen, starken, und nach innen konzentrierten Familienbände hier zu Lande sicherlich ungewöhnlich und dafür bin ich dankbar.

Jemand verwies einmal darauf, dass sich die Wichtigkeit der Familie, die Konzentration darauf und auf den Schutz und die Privatsphäre ihrer selbst in der Architektur zum Teil wieder spiegele: traditionelle marokkanische Häuser, Riads, Häuser mit Arkaden und Innenhöfen, weisen manchmal kaum Fenster nach Außen auf, hingegen sind sie zum Innenhof hin sehr offen und großzügig gestaltet. Selbst die wenig traditionellen Häuser in Casablanca besitzen, abgesehen von den architektonischen Experimenten Anfang des 20. Jahrhunderts, hauptsächlich kleine Fenster und einen eher geschützten Eingangsbereich. Das Außen und Innen wird scheinbar sehr getrennt. Zwei Welten. Eine zivile Gesellschaft außerhalb und innerhalb die Gesetze der Familie. (Natürlich ist das nur mein erster subjektiver Eindruck...)

Bleibe ich noch kurz bei der Einrichtung dieses Hauses: es gibt neben der Küche (eine einfache, sehr kleine Küche, Gasherd, Gasofen, Kühlschrank ist übrigens nicht in der Küche vorhanden, sondern oben auf dem Dach, ein weiteres Charakteristikum für marokkanische Bauweise: Flachdächer, also Terrassen und auch hier ein netter Nebeneffekt: man kann sich im Freien aufhalten, Wäsche aufhängen, Tee trinken, Rauchen ganz ohne von Nachbarn oder Fremden gesehen zu werden) ein Bad (mit Dusche) im 1. Stock, ein Bad mit Sitztoilette und Badewanne im
2. Stock, das Schlafzimmer der Eltern, Saiids Raum und fünf Aufenthaltsräume, genutzt als Räume zum Essen, für Gastempfänge, Beten, Verweilen, Fernsehen und Schlafen. Diese Räume sind allesamt in einer typischen marokkanischen Art und Weise ausgestattet: an den Wänden entlang befinden sich Sofas, d.h. eigentlich ist das als eine zusammenhängende Sitzeinheit zu verstehen und zumeist ein runder, rollbarer Tisch und Teppichboden. Mohammed und auch ich schlafen in zwei solcher Räume.

Was kann ich über das Zusammenleben sagen? An sich verstehe ich mich gut mit allen, aber es besteht doch eine gewisse Distanz. Das Verhältnis zwischen Eltern und Söhnen scheint mir sehr respektvoll. Generell gilt das für alle älteren Personen. Es gibt klare Rollenverteilungen. Basha kümmert sich um den Haushalt, fast gänzlich alleine. Sie kocht, putzt und tätigt die nötigen Besorgungen. Sie serviert das Essen, wäscht die Wäsche, kümmert sich um das Tageskind Hafsa. Außer Hauses ist sie selten anzutreffen, auch wenn sie sich manchmal beklagt, gerne einmal rausgehen zu wollen aber nicht mal dafür Zeit zu haben.

Ihr zu helfen ist etwas schwierig. Ich habe oder hatte oft das Gefühl ihr helfen zu wollen, zu müssen, ohne groß zu wissen wie oder was ich praktisch tun könnte oder sollte. Angebotene Hilfe lehnte sie generell ab. Vor einiger Zeit hatten wir ein Missverständnis, nach einer Aussprache gab sie mir zu verstehen, dass die enorme Arbeit sie belaste und sie sich öfters Hilfe wünsche. Seit dem spricht sie mich nun offen an und weist mir Aufgaben, die ich erledigen kann, zu. Das ist an sich gut, da ich mich mehr einbringen kann, dementsprechend weniger Gast bin. Aber ich bleibe eben immer noch eine familienfremde Person. Nun verspüre ich oft das Bedürfnis tendenziell direkt von der Uni zum Beispiel ins Haus zurück kehren zu können, um ihr zu helfen. Dies, und auch dass der Großteil der anderen Studierenden ein Leben hauptsächlich zwischen Uni und Zuhause führen, veranlasste mich also sehr auf diesen Bereich von Casa konzentriert zu sein.

Mit den Söhnen spreche ich gelegentlich ausführlicher, ab und an führen wir längere Unter-haltungen, aber an sich gehen wir doch unseren separaten Aufgaben oder Interessen nach. Die meisten und sicherlich interessantesten Konversationen hatte ich innerhalb der Familie mit Abdellah. Er ist eine sehr belesene und wissbegierige Person. Jemand, der sich für kulturelle, politische sowie philosophische Ideen interessiert und sich gerne darüber austauscht. Abends nach dem Essen sitzen wir zumeist noch lange am Tisch und diskutieren ein bisschen oder ich erweitere mein Darijavokabular, bzw. versuche es. Allgemein wird in der Familie ähnlich gesprochen wie anderswo auf Casas Straßen: man gebraucht seinen ganz persönlichen Sprachenmix aus lokal variierendem Darija, Französisch, Hocharabisch und ab und an auch Worte aus verschiedensten Berberdialekten oder seltener auch Englisch.

Diese erste Zeit in der Familie, die ich hier nur grob in Ansätzen beschrieben habe (ich könnte noch lange Ergänzungen z.B. zu großen Themen wie Essen, Essenszubereitung oder zum Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, zur Schulbildung, Familientraditionen etc. vornehmen, auch zu sonstigen Aktivitäten oder Unileben ließe sich auch einiges ergänzen), hat mir einige spannende Einblicke in eine der vielen unterschiedlichen heutigen hier in Casablanca anzutreffenden marokkanischen Kulturen ermöglicht. In der nahen Zukunft hoffe ich, noch viele weitere Eindrücke in andere (Parallel-)Welten Casas erhaschen zu können.

Sonnenuntergang in Marseille, der Stadt am Meer.

FRANKREICH

La Culture est Charlie Chaplin

Lea, 2016-2017 in Marseille, berichtet von einem Austausch im Austauschjahr, der sie nach Marokko führt.

Dezember 2016, Café Hafa, Tanger. Gläser, gefüllt mit marokkanischem Tee und seiner ihm eigenen Schaumkrone, säumen meine Erinnerungen an das Traditionscafé. Der Blick der jungen Marokkaner_innen, für die das Café Hafa ein beliebter Treffpunkt zu sein scheint, weilt über dem Mittelmeer. Nicht weit entfernt erhebt sich die spanische Küste.

Es ist eine dieser paradoxen Situationen, Realitäten. An ihrer engsten Stelle trennen Spanien und Marokko keine 15km und doch wird der Großteil der Marokkaner_innen niemals den Schengenraum betreten. Vous avez le passeport rouge, gibt mir ein Marokkaner zu verstehen. Er hat Recht. Mein Reisepass hat mir vor wenigen Tagen die problemlose Einreise in das maghrebinische Land gewährt. Was bedeutet es, „Europäer_in“ zu sein? Die Konfrontation mit Weltpolitik, Postkolonialismus und Ländergrenzen sind in Marokko unausweichlich.

Marokko ist für mich ein Austausch im Austauschjahr. Im Rahmen der Studienvariante Bachelor Plus studiere ich seit September 2016 in Marseille, lerne ein neues Land, eine neue Kultur, eine neue Sprache kennen. Über eine der zahlreichen und Marseille kennzeichnenden associations nehme ich schließlich an einem Austauschprogramm in Tanger teil und besuche anschließend Anna, ebenfalls Bachelor Plus, die sich aber einige Kilometer weiter südwestlich auf der Landkarte in Casablanca befindet. Und so finde ich das Vertraute in der Fremde als wir an einem Abend in der ökonomischen Hauptstadt des Landes unter Marokkanern und in Französisch das so deutsche Wort „Heimat“ diskutieren. Mon chez-moi. Auf wen ich treffe sage ich, ich bin Deutsche, aber meine Identität ist viel mehr als das. Mittlerweile trägt sie auch Frankreich und das so eigensinnige, aber wunderbare Marseille in sich. Es sind diese Abstraktheiten und Konstruktionen, die im Auslandsjahr immer wieder in Frage gestellt werden. Wahrheiten, die die Welt bedeuten.

Wir haben Glück. Die Kunstszene der Stadt versammelt sich um die Künstler_innen der Uzine, einem der künstlerischen Umschlagspunkte Casablancas. Im Gespräch La culture est subversive ist die Antwort auf die Frage nach der Kunst. In Deutschland werden Kunst und Kultur in Fachdiskursen ähnlich behandelt, doch die Ausgangssituationen könnten nicht unterschiedlicher sein. Die Freiheit der Kunst, in Deutschland so fest verankert, dass sie nur noch selten diskutiert wird, ist in Marokko nicht gegeben. La liberté existe toujours en tant que rêve de l’artiste mais elle ne représente jamais la réalité. Künstlerischer Aktionismus muss daher subtil sein. Eine Person sagt: On a le droit de critiquer mais il ne faut pas se perdre dans la critique. Wir sprechen weiter und Begrifflichkeiten wie occidentalisation fallen. Eine Verwestlichung in Bezug auf die Fördermittelvergabe an kulturelle Projekte wird beobachtet, kritisiert. Wie auch in Deutschland ist es die Wahl der Worte in einer Projektbeschreibung, die über eine finale Mittelvergabe entscheidet. Antragsprosa, wie es in Hildesheim oft heißt. Dennoch sind die Worte nicht das künstlerische Produkt, das seinen eigenen Weg findet. Vorbei an den beliebten doch oftmals leeren Schlüsselbegriffen. La culture est Charlie Chaplin, elle échappe. Und ein weiteres Mal realisiere ich: Kulturpolitik im internationalen Vergleich erlebt sich am besten im Kontext, vor Ort, zwischen und mit den Kulturen.