Kulturvermittlung als Gesamtstrategie in Kultureinrichtungen verankern und Kulturerbe auf seine Relevanz für aktuelle Anliegen hinterfragen

Freitag, 06. April 2018  / Alter: 173 Tage

„ZukunftsGut“ – Preis für institutionelle Kulturvermittlung der Commerzbank-Stiftung

Kulturvermittlung hat in den letzten 15 Jahren in Deutschland deutlich an Interesse und Bedeutung in Kultureinrichtungen gewonnen. Gründe dafür sind u.a. der demografische Wandel und insbesondere die Sorge vor einer Überalterung des Publikums sowie kulturpolitische Forderungen nach einem chancengerechteren Zugang zu öffentlichen Kulturangeboten und der Anspruch an Kultureinrichtungen, sich für die kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen zu engagieren.

Inzwischen gibt es vielfältige Workshop-Angebote für Schulklassen; Einführungen, Nachgespräche, moderierte Aufführungen für unterschiedliche Zielgruppen; »Bürgerbühnen« eröffnen aktive ästhetische Erfahrungen, Outreach-Formate machen klassische Kultur im öffentlichen Raum oder im digitalen Kulturraum zugänglich, immersive Inszenierungen schaffen außergewöhnliche, emotionale Zugänge.

Obwohl fast alle Kultureinrichtungen in den letzten Jahren vielfältige Vermittlungsaktivitäten entwickelt haben, beklagen die zuständigen Vermittler*innen, dass sie oft nicht in die Entwicklung von künstlerischen Programmen eingebunden und in der Hierarchie den künstlerischen Abteilungen nachgeordnet sind, dass ihr Budget vergleichsweise gering ist und sie für ihre Vermittlungsaktivitäten häufig Drittmittel akquirieren müssen.

Offensichtlich braucht es noch weiterer Impulse, um Kulturvermittlung nicht nur als „Add On“, sondern als integrativen Bestandteil des „Kerngeschäfts“ von Einrichtungen zu verankern.

Hier setzt der Preis „ZukunftsGut“ der Commerzbank-Stiftung an mit dem Fokus auf Kulturvermittlung als abteilungsübergreifender Strategie einer Institution.

Denn obwohl es inzwischen einige Preise für herausragende Projekte kultureller Bildung, v. a. mit Fokus auf die Zielgruppen Kinder und Jugendliche, gibt, existierte im deutschsprachigen Raum bislang kein Preis, der sich mit der strukturellen und strategischen Qualität der Kulturvermittlung von Organisationen befasst und diese auszeichnet.

Gemäß der Förderstrategie der Commerzbank-Stiftung werden dabei Kultureinrichtungen adressiert, die sich mit der Vermittlung von kulturellem Erbe im weitesten Sinne beschäftigen in den Bereichen Bildende Kunst, Musik, Literatur, Theater sowie Kulturgeschichte.

Dabei wird das von der EU-Kommission initiierte „Europäische Kulturerbejahr 2018“ zum Anlass genommen, um mit dem Preis Kulturerbe-Vermittlung im Sinne eines „Shared Heritage“ aufzugreifen und zu hinterfragen: Warum, wie und von wem werden bestimmte Artefakte in den Rang eines für die Gesellschaft wertvollen Kulturerbes erhoben? Welche Bedeutungen sind darin eingeschrieben und wie werden diese verändert durch neue Perspektiven? Wie wird kulturelles Erbe Gemeinschaft stiftend, wie wird es relevant für den einzelnen?

Mit dem Preis sollen deshalb solche Vermittlungsprogramme in den Blick genommen werden, die kulturelles Erbe als gemeinschaftliches Erbe auf seine Bedeutung für aktuelle Fragen einer Gesellschaft und unter aktiver Teilhabe verschiedener Teilöffentlichkeiten kritisch befragen.

Zentrale Dimensionen einer solchen Vermittlung wären z.B. die Kooperation mit bislang nicht erreichten Gruppen; der Einfluss, den neue Ziel- und Anspruchsgruppen auch auf die Programmauswahl haben und die Veränderung der Gesamtmission einer Kultureinrichtung, die Kulturvermittlung als Teil ihres „Kerngeschäft“ begreift und Verantwortung auch für Wirkungen von Kunst auf kulturelle Bildungsprozesse und gesellschaftliches Zusammenleben übernimmt.

Kulturvermittlung kann nicht nur dazu beitragen, Brücken zwischen künstlerisch-kulturellen Produktionen und unterschiedlichen Rezipientengruppen zu schaffen, sondern auch Veränderungsprozesse in Institutionen auszulösen, die eine Kultureinrichtung insgesamt anschlussfähiger an die Interessen unterschiedlicher Menschen und Gruppen machen. Indem neue Nutzer*innen aktiv einbezogen werden in die Arbeit einer Einrichtung erhält diese wertvolle Anregungen für die Weiterentwicklung ihrer Inhalte, ihre ästhetische Ausgestaltung, aber auch für Service, Vermittlungs- und Kommunikationswege.

Der mit 50.000 Euro dotierte Preis ZukunftsGut wird am 12. September 2018 erstmalig verliehen an eine Kultureinrichtung, der es aus Sicht der Fachjury am überzeugendsten gelingt, ihre Objekte, Artefakte oder Produktionen sowie ihre Institution so zu vermitteln und zu aktualisieren, dass diese für Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft, unterschiedlicher Generationen und kultureller Interessen anschlussfähig werden.

Damit verbunden ist ein Symposium zu Veränderungen von Kultureinrichtungen durch Kulturvermittlung. 

Die aktuelle Ausschreibung für ZukunftsGut, den Preis der Commerzbank-Stiftung für institutionelle Kulturvermittlung finden sie unter diesem Artikel.