Verschiedene Blickwinkel auf Männlichkeit: Prof. Dr. Toni Tholens „Gespräche über Männlichkeit“
Montag, 21. Oktober 2024 – 11:06 Uhr
In der durch Prof. Dr. Toni Tholen initiierten und in der Literaturkirche St. Jakobi ausgerichteten Reihe „Gespräche über Männlichkeit“ spricht der Professor in regelmäßigen Abständen über Geschlecht und Männlichkeit in Literatur, Wissenschaft und Gesellschaft. In der dritten Auflage dieser Reihe am 30. Oktober ist ab 19.30 Uhr Schriftsteller Josef Haslinger zu Gast; im Anschluss an deren Gespräch stehen beide für Fragen aus dem Publikum bereit.
In dieser Reihe vermitteln Toni Tholen und immer wechselnde Gesprächspartner*innen den Diskurs über Männlichkeit an ein größeres Publikum. Die Grundlage bildet wissenschaftliches Wissen in literarisch-ästhetischer Komplexität. Dabei bringt Tholen als Moderator stets unterschiedliche konzeptuelle Impulse ein, mit denen vor allem literarisch markierte Erfahrungen und Denkmöglichkeiten gerahmt und diskutierbar werden. Die Gespräche sind erfahrungsorientiert und damit bewusst auch subjektiv, sie beziehen das Auditorium mit ein. Die angestrebte Botschaft dahinter: Veränderung von Männlichkeit, Transformation der Geschlechter- und damit auch der Gesellschaftsverhältnisse – vermittels informierter, das Selbst hinterfragender Reflexionen und attraktiver Vorschläge für eine andere Form des Zusammenlebens.
Im dritten Teil der Reihe spricht Toni Tholen mit Josef Haslinger. 1955 in Zwettl/Niederösterreich geboren, lehrte er 25 Jahre lang - bis 2021 - als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. In seinem letzten Buch „Mein Fall“ (2020 bei S. Fischer) fokussiert er das Thema sexualisierte Gewalt in kirchlichen Einrichtungen. An seiner eigenen Biografie erzählt Haslinger, wie er als Zehnjähriger Schüler des Sängerknabenkonvikts Stift Zwettl wurde und dort von drei Geistlichen sexuell missbraucht wird. Er war religiös, sogar davon überzeugt, Priester werden zu wollen, denn er liebte die Kirche. Ende Februar 2019 tritt Haslinger vor die Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Dreimal muss er seine Geschichte vor unterschiedlich besetzten Gremien erzählen, bis der Protokollant ihn schließlich auffordert, die Geschichte doch bitte selbst aufzuschreiben. „Mein Fall“ verwebt Erinnerungen aus der Vergangenheit mit Reflexionen in der Gegenwart. Das Buch erzählt die Geschichte eines tief traumatisierten Jungen, der sich als Erwachsener schrittweise anfängt selbst zuzuhören, nur um dann in den dafür vorgesehenen Einrichtungen auf taube Ohren zu stoßen.
Für Moderator Toni Tholen hat die Reihe vor allem aktuelle Brisanz: „Männer stehen Fragen von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen nicht länger abwehrend oder gleichgültig gegenüber, sie begeben sich aktiv und selbstreflexiv in den Dialog. Auch die neuerliche Tendenz nach rechts und die damit wiederauflebenden männlich geprägten Weltbilder, die viele beunruhigen, werden in den Gesprächen zum Thema gemacht“. Dabei können Männer nach wie vor von Frauen lernen: „Der von Männern geführte unterscheidet sich von dem von Frauen geprägten Diskurs in der zeitlichen Länge und Nachträglichkeit. Frauen denken schon viel länger patriarchatskritisch als Männer. Hier haben die Männer einiges nachzuholen. Es ist wichtig und bedeutsam für den Diskurs, dass sich Männer bei ihrem Nachdenken substanziell mit feministischen und queeren Erkenntnissen und Positionen auseinandersetzen. Dazu müssen sie in wesentlich größerem Ausmaß als bisher geschehen auch Texte von Frauen und nicht-binären Personen lesen. Es geht darum, einen nachhaltigen Dialog über Geschlecht und Männlichkeiten zu etablieren, und dazu bedarf es vieler, unterschiedlicher Positionen, die die komplexe Gemengelage auch angemessen abbilden.“
Die Gespräche werden als Podcast zur Verfügung gestellt und auf der Webseite des Zentrums für Geschlechterforschung der Universität Hildesheim hochgeladen. Die ersten zwei Gespräche der Reihe mit Fikri Anıl Altıntaş und Christian Dittloff sind über nachfolgenden Link verfügbar: https://www.uni-hildesheim.de/zentrum-fuer-geschlechterforschung/audio-und-video/
Viktoria Helene Ong