Dilthey-Fellowship "Elektrifizierung des Theaters"

Energien des Spektakels

Zur Theatralität der Elektrizität und der Elektrifizierung des Theaters

Die Elektrifizierung des Theaters um 1900 ist mehr als nur die Anwendung des Scheinwerfers auf die Szene. Mit dem Einzug der Ströme und Strahlen in Bühnenhaus und Zuschauerraum verändert sich grundlegend, wie Theater gemacht und gedacht wird. Von den alltäglichen Praktiken der Theaterarbeit bis hin zu den Diskursen der Theateravantgarden wird die industriell erzeugte und ingenieursmäßig kontrollierte Elektrizität wirksam. Der künstlerische Umbruch ist daher eng mit der kulturellen Durchsetzung des Elektrokonsums verbunden und steht im Kontext der Ausweitung des Nachtlebens in den Metropolen und des Arbeitsmarktes in den Peripherien. Sein Gegenüber hat er in den spektakulären Inszenierungen von Elektroingenieuren wie Tesla und Edison, die aus einer bis zu Aufklärung und Romantik zurückreichenden Tradition elektrischer Vorführungen hervorgehen. Ästhetik und Technik verhelfen sich in den Spektakeln des fin de siècle so gegenseitig zum Erfolg und konvergieren in einer Wiederverzauberung der Welt, die die Wirklichkeit der Produktion im Zeitalter fossiler Energien aufzuheben oder zumindest zu verschleiern verspricht.

Abseits der klassischen Erzählungen von Theater- und Technikgeschichte verfolgt das von Dr. Ulf Otto (wissenschaftliche Mitarbeit: Miriam Höller, M.A.) geleitete, am Institut für Medien, Theater und Populäre Kultur angesiedelte und von der VolkswagenStiftung im Rahmen eines Dilthey-Fellowships geförderte Projekt, die Theatralität der Elektrizität am Ende des 19. Jahrhunderts anhand fünf sich überkreuzender Stränge, die aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive Theater-, Medien- und Technikgeschichte zusammen denken. Ein detaillierte Projektbeschreibung findet sich im Folgenden, nähere Informationen zu aktuellen Veranstaltungen und weiteren Projekten sind unter www.ottó.de verfügbar. 

1. Elektrifizierung der Theater,

oder: wie Abbildungen entlarvt und Stimmungen erzeugt werden

Mit der Installation elektrischer Anlagen wird in den Theatern ab 1880 der langersehnter Realismus der bürgerlichen Theaterreformer erstmals technisch möglich gemacht, weil erstmals die Hitze, das Flackern und der widernatürliche Schattenwurf von Öllampen und Gasbrennern von der Bühne vertrieben werden kann. Doch die ursprünglich hygienischen und sicherheitstechnischen Verbesserungen der Bühnenbeleuchtung haben ungeahnte und weitreichende Nebeneffekte: Mit der ungewohnten Helligkeit und Klarheit des elektrischen Lichtes werden die gemalten Kulissen unglaubwürdig, die Landschaft aus dem Malersaal wird von den Stimmungen des Stellwerks verdrängt und die als Dunkelkammer neu erfundene Bühne weitet sich zum Spielraum für ästhetische Bewegungen im doppelten Wortsinn, die von den mimetischen Idealen des bürgerlichen Theater nichts mehr wissen wollen.

2. Auftritte der Elektrizität

oder: wie Energie verkörpert und Technik begehrenswert wird

Wie eine unsichtbare Kraft, wird die Elektrizität nur in ihren Wirkungen sichtbar, und das, was Elektrizität ist, ist daher immer auch von der Evidenz abhängig, die sie zu erzeugen vermag. Seit der Aufklärung findet sich diese Evidenz vorzugsweise im überspringenden Funken und in der Entladung, die sich als körperlicher Schlag fühlbar macht. Mit der Romantik gerät die Elektrizität langsam in Fluss, lädt nicht nur vorzugsweise weibliche Körper auf und lässt Froschschenkel und Gesichtsmuskeln zucken, sondern tritt am Ende des 19. Jahrhunderts auch gerne als spärlich bekleidet Ballerina vor den Ingenieuren elektrotechnischer Fachausstellungen auf. In einer merkwürdigen Melange aus wissenschaftlichem Experiment, Spezialitätentheater und Industriekultur greifen die Ästhetisierung der Technik und die Technisierung der Ästhetik ineinander und erfinden das elektroerotische Begehren des Technokapitalismus. 

3. Ästhetiken der Induktion

oder: wie Kunst aufgeladen und Sinnlichkeit industrialisiert wird

Die ästhetische Moderne denkt das Theater energetisch. Doch die Energien, die im Theater um 1900 zu zirkulieren beginnen, wurden erst mit Dynamomaschinen, geschlossenen Stromkreisläufen und ihren elektrodynamischen Grundlagen freigesetzt und sind anfangs in ihrer Flussrichtungen noch alles andere als festgelegt. Ob es im Theater fortan Glühen, Strömen oder Strahlen soll, welche Spannungen erzeugt und welche übertragen werden sollen, ist lange Zeit unentschieden und umstritten. Gerade in der Divergenz elektroästhetischer Konzepte der Theateravantgarden und den in ihnen mitklingenden elektromedizinischen und elektrotheologischen Diskursen zeigt sich, wie widersprüchliche und umkämpft die Versuche sind, aus einer der Macht einer neuen Technik ästhetische Sinn zu machen. Im Wandel des Theaters von der mimetischen Fabrik zum Kraftwerk der Präsenz zeigt sich so, wie Wirkungsästhetiken und Rezeptionsweisen aus dem ideologisch umkämpften Wechselspiel von technologischer Entwicklung und ästhetischem Programm hervorgehen.

4. Industrialisierung des Spektakels

oder: wie Theater zur Fabrik wird und die Arbeit verschwindet

Mit dem Einzug der Dynamomaschinen in die Unterbühnen beginnt auch die industrielle und ingenieursmäßige Zurichtung der spektakulären Künste. Diese Entwicklung lässt sich im Kontext einer noch zu schreibenden Energiegeschichte des Theaters verorten, die spätestens mit dem Epochenwechsel um 1800 und seit Lavoisier den Weg für die technische Verbesserung der Flamme bereitet hat, auch zu einer Apparatgeschichte des Theaters wird. Neben dem Wandel in der visuellen Kultur und der Herausbildung neuer Blickregimes ergeben sich mit der veränderten Energiezufuhr aber auch tiefgreifende Konsequenzen für die internen Produktionsformen und Arbeitsweisen des Theaters. Das moderne Theater entsteht auch aus dem Übergang von einer improvisierten Unternehmung merkantilen Stils zu einem geregelten und reglementierten Apparat mit kommerzieller Ausrichtung, und ist ganz wesentlich ein Theater der Ingenieure, in dem die steigenden künstlerische Freiheit mit organisatorischen und ökonomischen Zwängen erkauft ist. Und schließlich spiegelt es einen Umbruch wieder, in der sich die Produktion nicht nur noch einmal entscheidend verändert sondern auch aus dem Blick großer Teile der Gesellschaft verschwindet. 

5. Theatralität der Elektrizität

oder: wie die Nacht zum Tag wird und das Licht zur Waffe

Die Bedeutung der theatralen Zurichtung der Elektrizität und der Elektrifizierung des Theaters um 1900 lassen sich nur vor dem kulturellen Hintergrund der Ausbreitung des urbanen Nachtlebens und den Politiken spektakulärer Lichtspiele verstehen. In der Architektur des Scheinwerfers, der den gebündelten Lichtstrahl von der punktförmigen Lichtquelle in die Dunkelheit in der Ferne wirft und dabei diejenigen, die erkannt werden, blendet und also selbst vom Erkennen ausschliesst, versinnbildlicht sich imperialistische Machtpolitik: aus den Ballungszentren der imperialen Metropolen soll das Licht in die koloniale Peripherie ausstrahlen und den Subjekten dort heilige Ehrfurcht einflössen. Nicht zufällig wurden die ersten Scheinwerfer nicht nur von der Marine zur Aufklärung des Feindes genutzt, sondern auch als symbolisch-energetische Waffe gegen indigene Bevölkerungen weltweit.

Methodologisches

Das am Schnittpunkt von Theater-, Medien- und Kulturgeschichte situierte Projekt adressiert damit den in den Kunstwissenschaften traditionell vernachlässigten Aspekt der technischen Fundiertheit ästhetischer Prozesse, ohne dabei jedoch die Ästhetik als Effekt der Technik zu entmündigen, indem es der historisch gewachsenen Vertracktheit technischer und ästhetischer Praktiken nachspürt und auf ihre ideologischen Grundlagen und Konsequenzen hin befragt. Nicht ästhetische Artefakte oder technische Innovationen stehen daher im Fokus der Untersuchung, sondern die praktischen Transformationen und diskursiven Zurichtungen von Auftrittsweisen, Arbeitsabläufen und Betriebsformen. Damit knüpft das Projekt einerseits an Forschungen zu den epistemischen Grundlagen ästhetischer Praktiken an und baut andererseits auf einem relationalen Theatralitätsbegriff auf, der Theatergeschichte als Kulturgeschichte in der Aspektierung aufs Ostentative versteht.