Das Kolleg

Ästhetische Praxis wird im Sinne einer Arbeitsdefinition ausgehend von und in kritischer Auseinandersetzung mit performativitäts- und ereignistheoretischen Ästhetiken als Vollzug beschrieben, der weder in Begriffen intentionalen und regelgeleiteten Handelns noch einer passiven Widerfahrnis zu verstehen ist, sondern auf ein „mediales“ (im Sinne des grammatischen Mediums) bzw. relationales Verhältnis verweist, in dem Subjekte und Objekte sich erst bilden. Als ästhetisch erscheint hier insbesondere eine Praxis, die ihre Ergebnisse im Lichte ihres performativen Vollzugs und die ihre Performanz über ihre Ergebnisse sichtbar werden lässt. Mit dem Fokus auf eine so verstandene ästhetische Praxis verfolgt das Kolleg folgende Forschungsziele:

 

1) Wir rücken den Eigensinn ästhetischen Tätigseins gegenüber seinen Subjekten, institutionellen Rahmungen und Resultaten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Produktion, Aufführung und Rezeption von institutionalisierter und professionalisierter Kunst, aber auch ästhetische Tätigkeitsformen außerhalb der etablierten Kunstinstitutionen, werden ausgehend von den sie ermöglichenden und durch sie ermöglichten Praxisformen in kulturwissenschaftlicher und philosophischer Perspektive beschrieben und analysiert. Damit verbindet sich das Anliegen einer praxistheoretischen Transformation philosophischer und einzelwissenschaftlicher Ästhetiken, die nicht länger auf werkzentrierte Zugangsweisen beschränkt bleiben und ästhetische Praktiken nicht primär als werkvorbereitend analysieren. „Eigensinn“ verstehen wir dabei als eine Nichtreduzierbarkeit des Praktischen auf vorgängige Strukturen oder Akteure. 

Mit der genannten Perspektive gehen wir dabei über eine Verengung ästhetischer, kunst- und kulturwissenschaftlicher Forschung auf Artefakte und Inszenierungen der Hochkultur hinaus. Ästhetische Praxis erschöpft sich weder gestern noch heute im Umgang mit Kunstwerken, die Eingang in die etablierten kulturellen Archive (vgl. Groys 2007) gefunden haben. Daher soll ästhetische Praxis auch in alltäglichen und dezidiert außerkünstlerischen Kontexten erforscht werden. Dabei interessieren uns, ausgehend u.a. von den Forschungen zur „agency“ in den britischen Cultural Studies (vgl. Winter 2001), auch die vielfältigen Formen der Kommunikation zwischen (klassischen) kulturellen Archiven und alltäglichen ästhetischen Praktiken.

 

2) Spätestens mit dem Weltkongress für Ästhetik in Japan im Jahr 2001 ist der internationale Diskurs zur Ästhetik global orientiert. Die folgenden Weltkongresse in Rio de Janeiro (2004), Ankara (2007), Beijing (2010), Krakow (2013) und Seoul (2016) zeugen von der weiteren Globalisierung aber auch Dekolonialisierung der Ästhetikdiskurse. Um die Forschungsperspektiven im Kolleg von Anfang an über den europäisch-westlichen Rahmen zu erweitern, sollen paradigmatisch vor allem ästhetische Praktiken und theoretische Ansätze zur Ästhetik aus Ostasien in die Forschungen einbezogen werden. Die Fokussierung verspricht einerseits ein hohes Kontrastpotential im Hinblick auf die Ordnung der Künste und deren Praktiken und andererseits liegen in keinem anderen außereuropäischen Bereich so viele beachtenswerte theoretische Angebote im Rahmen der Ästhetik vor – entwickelt in den letzten hundert Jahren – wie in Japan und China. Diese Reflexionsangebote werden auch für die hier vorgelegte Theoretisierung einbezogen. Durch die gezielte Einladung von Gästen mit Spezialexpertisen soll der latente Eurozentrismus klassischer Ästhetiken immer wieder aufgebrochen werden. Noch steht die globale Orientierung im theoretischen Diskurs der Ästhetik in Europa am Anfang. Das Kolleg versucht hier gezielt und methodisch gesichert innovative Impulse zu setzen.

 

3) Im Kolleg werden ausgehend von der Praxeologie (Reckwitz 2003, 2008, 2016; Schäfer 2016; Klein/Göbel 2017), dem practice turn (Schatzki 2001; Schatzki/Knorr Cetina/von Savigny 2001; Bernstein 2010) der Kulturwissenschaften sowie einer Renaissance von Praxiskonzepten in neoaristotelischen Überlegungen zum Verhältnis von Zweiter Natur, Lebensform und Praxisform (McDowell 2001; Thompson 2011; Stekeler-Weithofer 2010; Kertscher/Müller 2015) Methoden erarbeitet, die es erlauben, ästhetische Praktiken erfahrungsbasiert, begrifflich differenziert und gestaltprägnant zu beschreiben. Dabei orientieren wir uns daran, wie in einzelnen Künsten und Alltagspraktiken selbst auf den Vollzug des ästhetischen Machens, Aufführens und Erfahrens reflektiert wird. Wir lesen Werke und Inszenierungen als Ausdruck eines Wissens von den ihnen korrespondierenden Tätigkeiten, wie als Ausdruck eines Wissens um ihre soziale Wirksamkeit und Adressiertheit. Wir gehen der Frage nach, welches Wissen wir von künstlerischen und alltagsästhetischen Praktiken haben können, worin die Grenzen dieses Wissens bestehen, und wie Kunst und alltägliche ästhetische Praktiken wiederum mit den Grenzen dieses Wissens umgehen. Mit der Thematisierung der Praxis rückt eine genuine Weise menschlichen Tätigseins in den Blick, die, wie bereits Aristoteles zeigte, ihren Zweck in sich selbst hat, in ihrem Vollzug, die insofern kontingent ist, als sie in keinen ihr vorausgehenden Bedingungen ihrer Möglichkeit verankert ist und die zugleich von mehreren geteilt und dabei als beglückend erfahren wird. Aristoteles führt als Beispiel für eine so verstandene Praxis das Musizieren an, das ihm in seiner selbstzweckhaften Vollzughaftigkeit als Vorbild für jede andere, insbesondere aber die politische Praxis gilt: Nur wer, so Aristoteles in seiner Politik, in ästhetischen Vollzügen gelernt habe, nicht „überall nach dem Nutzen zu fragen“ (Aristoteles 1995: 287), könne ein guter Bürger werden, d.h. ausgehend von einem ästhetisch eingeübten Sinn für Freiheit kompetent an politischem Handeln partizipieren.

 

Das Kolleg etabliert gemäß dieser Ziele und Themen einen praxistheoretischen Zugang zu Künsten und ästhetischen Alltagspraktiken, der über den europäischen Horizont hinausgreift. Es geht von der Annahme aus, dass sich ästhetische Praxis als Tätigkeitsform weder adäquat in Begriffen einer intentionalistischen Handlungstheorie fassen, noch auf bloße Effekte der Selbstreproduktion einer autonomen Institution Kunst, eines gesellschaftlichen Kunstsystems (vgl. Luhmann 1995) oder einer Kulturökonomie reduzieren lässt. Unter Nutzung der Ergebnisse nicht-reduktionistischer Praxistheorien, aber auch klassischer Konzepte wie der aristotelischen Praxis und Poiesis, sucht das Kolleg Antworten auf die Frage, was geschieht, wenn Menschen ästhetisch tätig sind und sich selbst als ästhetisch tätig erfahren. Die am Kolleg Beteiligten beforschen Formen und Möglichkeiten des Sprechens über dieses Tätigsein, das sich häufig, aber in vielen Fällen auch nicht, in „Kunstwerken“ manifestiert.