Dr. Anke Graneß: „Mich interessiert die Vielfalt der Perspektiven auf die Fragen dieser Welt“

Mittwoch, 27. Juli 2022 um 09:14 Uhr

Dr. Anke Graneß ist Geschäftsführerin des Reinhart Koselleck-Projekts „Geschichten der Philosophie in globaler Perspektive“ an der Universität Hildesheim. Mit einem acht-köpfigen Forschungsteam untersucht sie, welche Philosophiegeschichtsschreibungen rund um den Globus existieren. Noch ist es so, dass an den allermeisten deutschen Universitäten eine Philosophiegeschichte behandelt wird, die Lehren außerhalb Europas vernachlässigt. Ziel des Projekts ist es, diesem Eurozentrismus eine Geschichte der Philosophie in globaler Perspektive entgegenzustellen.

Dr. Anke Graneß forscht im DFG Koselleck-Projekt „Geschichten der Philosophie in globaler Perspektive" an der Universität Hildesheim. Foto: Cityfoto-Hildesheim

„Im Philosophiestudium haben wir gelernt: Der Ausgangspunkt der Philosophie liegt im alten Griechenland, und zwar bei Thales. Und da stellte sich für mich die Frage: Gibt es nur eine Wurzel, nur einen Ursprung?“ Heute ist es ein Forschungsanliegen von Privatdozentin Dr. phil. habil. Anke Graneß darauf aufmerksam zu machen, dass vielzählige Philosophiegeschichtsschreibungen in verschiedenen Kulturen und Sprachen existieren. Insgesamt forscht sie mit ihren Kolleg*innen an Geschichten der Philosophie und des Denkens in 25 Sprachen und an global orientierten Philosophiegeschichten in 13 Sprachen.

„Da ist umfangreiches Material vorhanden, das im westlich dominierten Diskurs ignoriert wird, aber wahrgenommen werden muss, damit man auf einer fundierten Basis von einer globalen Philosophiegeschichtsschreibung sprechen kann.“ Die eurozentristische Verengung der Philosophiegeschichte in der Universitätslehre führt dazu, dass diverse und wertvolle Blickwinkel und Antworten auf philosophische Fragen nicht behandelt werden. „Diesem ganzen Komplex, diesen ganzen Fragen nach einer Vielfalt an Perspektiven auf diese Welt, auf die Probleme dieser Welt und auf die philosophischen Fragen gehe ich in meinen Forschungen nach“, sagt Graneß.

Interkultureller Feminismus

Seit 10 Jahren beschäftigt sich Anke Graneß auch zunehmend mit feministischer Theorie aus interkultureller Sichtweise. „Ich habe beobachtet, dass das Aufbrechen des vorherrschenden Philosophiediskurses nicht nur unter interkultureller Perspektive passieren muss, sondern auch unter feministischer Perspektive, weil Frauen in der Philosophie ebenfalls eine marginalisierte Gruppe sind.“

Die Privatdozentin bot in diesem Sommersemester das Seminar „Feministische Theorien - interkulturell“ für Hildesheimer Studierende an. Diskutiert wurden dort Ansätze von Denker*innen aus Asien, Lateinamerika, dem arabisch-islamischen Raum und dem subsaharischen Afrika. Bemerkenswert ist, dass in diesen Theorien kritisch auf den europäischen Feminismus geblickt wird. „Feministische Theorie im ‚Westen‘ wird dafür kritisiert, dass die kolonisierte, rassisierte und ausgebeutete Frau der sogenannten Dritten Welt nicht wahrgenommen wird. Der Vorwurf ist, dass nur auf die ‚weiße‘ Mittelstandsfrau fokussiert und ein großer Erfahrungsbereich von Frauen nicht berücksichtigt wird“, berichtet Anke Graneß von den Ergebnissen der Seminardiskussionen.

Internationale Tagung des Projekts in Berlin

Trotz der Situation einer eurozentristischen Lehre der Philosophiegeschichte an den meisten Universitäten Deutschlands sieht die Philosophin auch positive Entwicklungen: Die Landschaft der Philosophie sei gerade im Wandel – hin zu mehr Interkulturalität. Das sehe man zum einen an dem größer werdenden Forschungsinteresse von Philosoph*innen an interkulturellen Sichtweisen. Auch an der Universität Hildesheim soll dieser Schwerpunkt ausgebaut werden, weshalb momentan eine Juniorprofessur für interkulturelle Philosophie ausgeschrieben ist. Zum anderen ließe sich dies an aktuellen Themen der Tagungslandschaft festmachen. „Es werden mittlerweile andere Fragen behandelt als noch vor drei Jahren. Ich denke zum Beispiel an eine Tagung im Juli in Wuppertal zur Rassismus- und Eurozentrismuskritik, in der die Frage ergründet wurde: Warum ist mein Lehrplan rein weiß und männlich?“

In der letzten Woche fand zudem an der Akademie der Wissenschaften in Berlin eine internationale Tagung statt, die vom Reinhart Koselleck-Projekt und dem „Herder-Kolleg – Zentrum für transdisziplinäre Kulturforschung“ der Universität Hildesheim organisiert wurde. Unter dem Titel „Geisteswissenschaften – Eurozentrismus – Kritik" wurden vom 19. bis 23. Juli Prozesse und Schwierigkeiten der Dekolonisierung der Geisteswissenschaften behandelt. Konkret wurden die Auswirkungen von Rassismus und Kolonialismus auf die verschiedenen Disziplinen kritisch reflektiert, mit der Intention, ein Bewusstsein für akademische Marginalisierungspraktiken zu schaffen. „Großartig war, dass an diesen fünf Tagen in Berlin Akademiker*innen, Studierende und andere Interessierte aus Deutschland, den USA, Südafrika, Indien und weiteren Ländern in einen sehr intensiven Dia- oder Polylog zu den Fragen und Herausforderungen der Dekolonisierung der Wissenschaften eingetreten sind und die verschiedensten Perspektiven diskutiert werden konnten. Darüber hinaus haben sich neue Arbeitsnetzwerke und Kooperationen gebildet, die wir in den kommenden Jahren für unsere Forschungen fruchtbar machen wollen“, berichtet Anke Graneß.

Werdegang

Anke Graneß studierte zunächst in Leipzig Philosophie und schloss daran ein Studium der Philosophie und Afrikawissenschaften an der Universität Wien an. 2010 promovierte sie in Wien zum Konzept globaler Gerechtigkeit des kenianischen Philosophen Henry Odera Oruka. Von 2009-2013 war sie Redaktionsleiterin der Zeitschrift "Polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren", in welcher sie noch heute Beiträge veröffentlicht. Ab 2011 lehrte sie an der Universität Wien, wo sie ab 2014 eine Elise-Richter-Stelle des FWF innehatte. Seit April 2019 ist sie Geschäftsführerin des Reinhart Koselleck-Projekts an der Universität Hildesheim.