Konzertbesuch bei BTS: Zwischen musikalischem Zuhause und kulturellem Hype
Donnerstag, 16. Juli 2026 - 11:29 Uhr
Dieser Text entstand im Rahmen des Volontariats crossmediale Hochschulkommunikation in der Stabsstelle Kommunikation und Marketing anlässlich eines privaten Konzertbesuches. Die Reportage nimmt mit auf das popkulturelle Mega-Ereignis und ordnet das Konzert mit Einschätzungen zweier Professoren der Universität Hildesheim wissenschaftlich ein.
Soyeon – kurze schwarze Jeans, schwarzes Shirt mit den Worten „Love Yourself“ und bequeme Nike-Sneaker – steht ungeduldig wippend neben mir am Eingang der Allianz Arena in München. Unter ihre Augen hat sie mit Eyeliner drei kleine rote Kreise gemalt – in Anlehnung an das Logo des neuen Albums von BTS, Arirang. In ihrer Hand hält sie die sogenannte Army Bomb, einen Stab mit großer heller Leuchtkugel an seiner Spitze. Fast jede*r der mit uns wartenden, aus aller Welt angereisten, über 75.000 Fans hat eine davon in der Hand, an der Tasche oder um den Hals baumeln. Sie alle warten darauf, ihre Idole nach vier Jahren Pause endlich wieder live erleben zu können.
Die Army, wie die Fangemeinschaft der Band sich nennt, sprach von einem Ticketkrieg, so begehrt und schwer zu ergattern waren die Plätze. Viele der Besucher*innen stehen schon seit Stunden an, einige seit heute Nacht. In München tummeln sich Fans aller Altersstufen und Geschlechter, oft gut erkennbar an ihren sorgfältig zusammengestellten Outfits. Entweder mit bordeauxroten Akzenten, einer der Farben des neuen Albums, oder den pastelligen Lavendeltönen, einer der Signature-Farben der Band. Immer mit unzähligen Accessoires behängt, die ihre Zuneigung zur Band und speziell ihren Lieblingsmusikern, die sie Bias nennen, zeigen.
Mich hat es mehr aus Zufall, oder aus Liebe, auf das Konzert verschlagen. Damit bin ich nicht alleine. Väter, Mütter und vor allem Freunde tragen T-Shirts, die humorvoll auf die Unterschiede zwischen den „echten“ Fans und ihren Begleitpersonen eingehen. Direkt vor uns steht ein Mann, auf dessen Rücken sinngemäß übersetzt steht „Ich liebe meine Freundin und meine Freundin liebt Jungkook“, was sich auf einen der Sänger der Band bezieht.
BTS – kurz für Bangtan Sonyeondan (koreanisch: „kugelsichere Pfadfinder“) – ist eine koreanische Popband, die 2013 mit dem Song No More Dream debütierte. Seither schreibt BTS Musik über Selbstliebe, Gemeinschaft und den Umgang mit psychischen Problemen. Während der Stil sich zunächst durch Rap und HipHop-Elemente auszeichnete, dominieren mittlerweile eher Pop-Einflüsse. Mit und durch ihre Fangemeinschaft erlangte die Gruppe, bestehend aus den sieben Mitgliedern RM, Jin, Suga, J-Hope, Jimin, V und Jungkook, 2017 Weltberühmtheit. Die Sänger knackten Weltrekorde und führten die US-amerikanischen Charts an. 2021 verlieh der damalige südkoreanische Präsident Jae-in Moon der Band für ihren Beitrag zur Verbreitung koreanischer Kultur und Sprache den Orden für kulturelle Verdienste. Grund für die seit letztem Jahr beendete vierjährige Auszeit war auch der in Südkorea verpflichtende Militärdienst. Militärische Anspielungen finden sich auch seit Gründung der Band in der Sprache des Fandoms und ihrer Idols – Army Bombs, Ticketkriege, die Kugeln, die im Namen der Band metaphorisch für Klischees, Kritik und Erwartungen an Jugendliche stehen.
Soyeon und ich lassen uns von den Menschenmengen bis auf den Vorplatz der Allianz Arena treiben. Wir steigen die Treppen bis in den dritten Rang hinauf. Weil unsere eigentlichen Plätze von Technik belegt sind, bekommen wir von der Security Plätze weiter unten zugewiesen. Wir freuen uns unglaublich, von hier haben wir einen guten Blick auf die 360 Grad-Bühne, die von unserem Platz aus winzig wirkt. Es ist eines von zwei Konzerten, das heute Abend stattfindet, die die koreanische Boyband BTS dieses Jahr in Deutschland spielt. Nach einer kurzen Werbeeinlage über die gigantischen Bildschirme sehen wir eine Anleitung für die Army Bombs. Vom Einsetzen der Batterien bis zum Verbinden der Lichtstäbe mit der Stadiontechnik wird jeder Schritt kleinteilig mithilfe von Animationen auf Deutsch und Englisch erklärt. Jubelnd strecken Fans ihre Army Bombs in die Höhe, es blinkt und bebt. Wir fügen uns ein in das Lichtermeer aus vor Vorfreude angespannten und die Show glücklich erwartenden Fans. Als es losgeht, verstehe ich, warum so viele Menschen auf diesen Konzerten Ohrenschutz tragen – der Jubel ist ohrenbetäubend, die Freude im Stadion darüber, dass die Idols wieder auf der Bühne stehen, unendlich. Soyeon neben mir schluchzt, Tränen beginnen über ihr Gesicht zu laufen, als BTS den Song Body to Body anstimmt. Kraftvoll mischt sich Soyeons vom Schreien bereits heisere Stimme unter die der zehntausend anderen, als die Arena beginnt, die Bridge zu singen – die über 600 Jahre alte koreanische Volksmelodie Arirang.
Das Lied ist eine Hommage an die kulturelle Herkunft und Identität der Popband. Arirang ist im Ausland auch als inoffizielle Hymne Koreas bekannt. Das Lied wurde insbesondere während der japanischen Kolonisierung Koreas bis 1945 zum Widerstandssymbol gegen die Besatzer. Später wurde es unter der Militärdiktatur der 70er-Jahre als kulturelles Symbol nach innen und außen propagiert. Soyeon kennt das Lied aus ihrer Kindheit in Sibirien, wo sich ihre Oma, die als junges Mädchen während der japanischen Besatzung aus Korea floh, niederließ. Sie ist nicht die einzige, für die das Lied einen hohen emotionalen Wert hat. Kurz nachdem BTS ihr neues Album veröffentlicht hatte, schickte sie mir zahlreiche TikTok-Videos: zu Tränen gerührte, schon lange im Ausland lebende koreanische Eltern und Großeltern, die erlebten, wie ihr Volkslied popkulturellen Status und Anerkennung im Westen erlangte.
Das neue Album kehrt nicht nur mit dem namensgebenden Arirang zu nationalen Symbolen zurück. Auch der Song No. 29, der ausschließlich aus dem Anspielen der Heiligen Glocke des Großen Königs Seongdeok (südkoreanischer Nationalschatz Nummer 29) besteht, zahlt auf die kulturelle Symbolik ein. Das erste Konzert nach dem Comeback von BTS fand direkt vor den Toren des ehemaligen Königspalastes statt.
Diese selbstverständliche Kommunikation koreanischer Kultur und Identität schafft Sichtbarkeit, die für viele Menschen mit Koreabezug oder Angehörige marginalisierter Gruppen wichtig ist. So geht es auch Soyeon: „Als Asiatin mit koreanischen Wurzeln fühle ich mich in Deutschland oft kulturell isoliert, mit BTS kann ich mich identifizieren. Wenn es mir nicht gut geht oder ich nicht schlafen kann, schaue ich mir Reaction-Videos oder Konzerte an. Das hilft mir dabei, runterzukommen.“ Vor allem als sie sich psychisch belastet fühlte und viel alleine war, habe die Musik ihr Halt gegeben.
Andererseits kann der vermehrte Fokus der Popband auf kulturelle und nationale Ästhetiken auch kritisch gesehen werden. Für Sool Park, Juniorprofessor für interkulturelle Philosophie an der Universität Hildesheim, sind die neueren Entwicklungen teilweise auf Vorstellungen koreanischer Identität zurückzuführen, die klar ethnisch und national bestimmt sind. Diese schlössen Migrant*innen und viele Menschen mit Koreabezug im Ausland oft als „nicht koreanisch genug“ aus. Die nationalistische Tendenz, die im Widerstandskontext während der japanischen Fremdherrschaft (1909–1945) geformt wurde und nach der Befreiung weiterhin sehr wirksam blieb, hält Park für widersprüchlich: „Denn BTS ist nicht mehr der beliebte Underdog. Mit Arirang und ihrem Comeback-Konzert vor dem alten Königspalast in Seoul kehren sie zum Zentrum der Macht zurück.“ Gerade auch, weil BTS einen so hohen identitätsstützenden Charakter für Menschen außerhalb Koreas habe, die in Dominanzkulturen oft unsichtbar gemacht würden, komme dem Professor die Nationalisierung und damit kulturelle Eingrenzung der Band gegensätzlich vor.
Das Konzert heute Abend bildet einen Mix aus nationalen Elementen und klassischer Popshow. Während BTS für einen Outfitwechsel im Backstage verschwinden, zeigt eine Performance der Backgroundtänzer*innen mit Tüchern die fünf Elemente und danach die koreanische Flagge. Blau und Rot beleuchten die Army Bombs die Arena. Als die Band den Song Butter anspielt, erstrahlt das gesamte Stadion in Buttergelb.
Die Einbindung der Fans, zum Beispiel über die Lichtshow, passt zur Entwicklung der Fankultur über die vergangenen Jahrzehnte. Kulturwissenschaftsprofessor Dr. Stefan Krankenhagen von der Universität Hildesheim beschreibt den Wandel des Fan-Selbstverständnisses: „Wir beobachten, dass Fans mittlerweile als Akteur*innen der Popkultur an vielen Stellen neben Konsument*innen auch die Rolle von Produzent*innen einnehmen.“
Immer wieder sieht man inmitten all der bunten Kugeln helle Lichter, die in anderen Farben leuchten, als das Lichtkonzept es eigentlich gerade vorsieht – auch Soyeon ist überrascht, dass ihr alter Lightstick doch nicht mit der Show verbunden werden kann. Seit dieser Tour gibt es eine neue Version der Army Bomb, ursprünglich sollte aber auch die vorherige Version noch funktionieren. Für die nächsten Konzerte braucht Soyeon also einen neuen. Zuhause stapeln sich die Kartons voller Merch (kurz für Merchandise; englisch: „Werbeartikel“). Einige ausgewählte, besonders lieb gewonnene Stücke stehen im Bücherregal, vieles hat Soyeon aussortiert, manche Sammlerstücke auf Ebay weiterverkauft. Die zunehmende Kommerzialisierung sieht sie aber auch kritisch. „Früher habe ich alles gekauft, was es an Merch gab. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass es oft nur noch eine Geldmaschine ist. Jetzt kaufe ich mir nur noch Dinge, die mir wirklich gefallen.“
„Die Popkultur hat sich lange Zeit durch ihre ökonomische Niedrigschwelligkeit ausgezeichnet. Das hat sich grundlegend geändert“, ordnet Prof. Krankenhagen teure Konzerte, Merchandise und Reisekosten ein. Das bedeutet: Früher haben sehr viele Fans wenig Geld gezahlt, heute müssen die Fans im Durchschnitt deutlich mehr in ihre Fan-Idol-Beziehung investieren und sich vielleicht sogar überlegen, ob sie für die Kosten eines BTS-Wochenendes in München den Kurzurlaub oder neue Sneaker sausen lassen. Heißt: Wer dabei sein will, muss viel zahlen.
Durch die immer stärker wachsende Bekanntheit verändern sich auch BTS’ Musik und das Fandom. Die Musiker singen einerseits immer weniger in ihrer Muttersprache Koreanisch, koreanisieren aber ihre Ästhetik. Im Song Alien heißt es sinngemäß: „Wenn du zu mir nach Hause kommst, zieh deine Schuhe an der Tür aus.“ Eine der häufig in ihren Texten hergestellten beiläufigen Referenzen auf kulturelle Alltagspraktiken, die sich oft vom europäischen oder US-amerikanischen Kontext unterscheiden.
„Ich finde es einen Powermove, im Song Alien zu sagen: ‚Pardon me, Kim Gu, tell me how you feel‘, und alle sollen dann einfach wissen, wer das ist, ohne es erklären zu müssen“, sagt Soyeon. Das gibt ihr auch Kraft und Mut für den Alltag, in dem sie sich oft erklären muss, ihre Identität unsichtbar bleibt oder Menschen davon ausgehen, dass sie den gleichen kulturellen Hintergrund hätte wie in Deutschland aufgewachsene Menschen. „Jede*r weiß jetzt, wo das K- ist“, singt BTS im gleichen Track. Koreanische Referenzen werden hier nicht erklärt, sondern als selbstverständlich vorausgesetzt.
Für Soyeon sind es genau diese Inhalte, mit denen sie sich identifiziert. Prof. Park beschreibt das Präfix K-, wie man es von K-Pop, K-Literatur, K-Essen oder K-Drama kennt, als Wahrnehmung koreanischer Kultur von außen. Meist aus Sicht einer westlichen Dominanzkultur, die sie als etwas Besonderes oder Anderes markiert. In einem Artikel über K-Literatur, der dieses Jahr in der koreanischen Zeitschrift Sasanggye erschien, beschreibt er, dieses Präfix würde überflüssig, wenn koreanische Kultur nicht mehr primär als Fremdes gelesen wird, sondern als Teil eines gemeinsamen kulturellen Raums: gerade durch die Übersetzung ihrer spezifischen historischen Erfahrungen, Erinnerungen und kulturellen Narrative in einen globalen Kontext.
Die Wege in München sind überfüllt, Menschenkörper drängen sich dicht aneinander, wir lassen uns mit den Menschenmassen aus dem Stadion drängen, ziehen vorbei an Auto-Schlangen, die ihre Kinder abholen, und leicht überfordert wirkenden Polizist*innen, die immer wieder geduldig über Lautsprecher die Autorouten erklären. Wir spazieren ein Stück und nehmen dann zusammen mit vier anderen Fans, die wir auf dem Weg kennenlernen, ein Taxi in Richtung unserer Unterkunft. Später bin ich froh über diese Entscheidung, eine Bekannte schreibt mir, dass die U6 zwischenzeitlich gesperrt wird. Wegen des Chaos kommt sie, wie tausende weitere Fans nicht vor zwei Uhr in der Früh nach Hause.
Soyeons gerötete Wangen trocknen noch, als wir vor unserem Hotel stehen. Wir haben drei Stunden lang gelacht, geschrien, sind gesprungen, haben gesungen und geweint. „Ich habe quasi meine parasozialen Brüder wiedergesehen“, sagt sie glücklich und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Wir fächern uns Luft zu, die Julinacht ist warm und der Wind sanft. Wir denken an die unzähligen Menschen, mit denen wir gemeinsam das Konzert gefeiert haben, die traditionelle Melodie von Arirang immer noch im Ohr. Im Hotel angekommen, ziehen wir an der Tür als erstes unsere Schuhe aus.