Interview mit Professorin Annette Pehnt: „Ich vermisse das kollektive Nachdenken“

Freitag, 23. Oktober 2020 um 13:10 Uhr

Prof. Dr. Annette Pehnt ist Leiterin des Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim. Im Sommersemester 2020 bot sie unter anderem ein digitales Lyrikseminar, eine Online-Redaktion und digitale Werkstattgespräche an. Im Interview erzählt sie von der Umstellung auf die digitale Lehre.

Frau Professorin Pehnt, als feststand, dass das Sommersemester 2020 nicht vor Ort an der Domäne stattfinden würde, mussten wir alle umdenken. Wie haben Sie diese Umstellung erlebt?

Da die Entscheidung ja sehr kurzfristig fiel, mussten wir aus dem Stand das ganze Lehrangebot neu aufstellen, Lehraufträge umplanen, teilweise auch neue Veranstaltungen ausbringen – das war natürlich für mich und alle Kolleg*innen ein sehr großer Aufwand. Zum Glück haben wir uns da im Team sehr gut unterstützt.

Wie haben Sie sich auf das Semester vorbereitet? Mussten Sie Ihre Lehrinhalte an die neue Situation anpassen?

Ja natürlich, vollkommen, ich musste alles neu denken. Was im Prinzip ja auch ein interessanter Prozess ist. Meine Seminare sind normalerweise völlig auf Dialog, künstlerische Praxis, intensiven Austausch und gemeinsames Erarbeiten von Lerninhalten angelegt. Das alles ist digital in dieser Form nicht möglich – man muss andere Kommunikationsformen finden und sich auch darauf einlassen.

Was hat Ihnen dabei geholfen?

Auf jeden Fall der Austausch im Team, die digitalen Tools, die mein Kollege Guido Graf für den ganzen Fachbereich bereitgestellt hat, und die Rückmeldungen der Studierenden.

Wie gestalten Sie Ihre digitalen Seminare?

Ich versuche, eine Mischung aus synchronem und asynchronem Lernen zu ermöglichen. Also Inhalte (Lektüren, Podcasts) bereitzustellen, aber immer wieder auch im digitalen Seminarraum darüber in den Austausch zu gehen. Selbststudium ist wichtig, aber erst in der Auseinandersetzung im Seminar kann sich ein tieferes Verstehen und eine eigene Positionierung herausbilden.

Man könnte meinen, dass das Fach Literatur – anders als andere praxisbezogene Fachdisziplinen wie Biologie oder Sport – sich verhältnismäßig gut für die digitale Lehre eignet. Würden Sie mit dieser Aussage mitgehen?

Ja, aber bei uns studiert man ja Literatur eben gerade nicht germanistisch, sondern an der Schnittstelle zur Praxis. Es geht immer auch um die Verknüpfung mit dem eigenen Schreiben, um künstlerisches Handeln und den Austausch in Werkstattformaten und Projekten. Das alles übersetzt sich nicht von allein ins Digitale.

Wie erleben Sie die Reaktionen der Studierenden auf Ihre digitale Lehre?

Die Rückmeldungen waren sehr unterschiedlich. Am Anfang habe ich wohl die Belastung und den hohen Workload der Studierenden unterschätzt. Wichtig war den meisten, dass es immer wieder den direkten Kontakt über Videoschaltungen gab, dass wir uns also nicht aus den Augen verloren haben. Ich muss sagen, dass die Studierenden in diesem Semester unheimlich produktiv gearbeitet haben.

Was vermissen Sie am meisten aus der Präsenzlehre?

Den lebendigen Austausch von Angesicht zu Angesicht. Ich reagiere in der Präsenzlehre auf die Gruppensituation, auf Gestik, auf Mimik – all das fiel nun weg. So musste ich mit einer oft beinahe schon anonymen Situation umgehen (meistens waren die Kameras der Teilnehmer*innen abgeschaltet, ich konnte niemanden sehen) und streckenweise frontaler arbeiten, als mir das lieb ist – also Input geben, ohne direkte Reaktionen zu bekommen. Ich vermisse wirklich die Vielstimmigkeit und die Gruppendynamik im Seminar, das kollektive Nachdenken.

Sehen Sie auch Vorteile in der digitalen Lehre? Gibt es beispielsweise digitale Methoden, die Sie neu für sich entdeckt haben und auch in Zukunft beibehalten wollen?

Für Verwaltungsvorgänge, Meetings und Gremien sind die digitalen Formen gut geeignet, zeit- und ressourcensparend. Aber in der Lehre … Ich bin fasziniert von Social Reading und würde das gern weiterhin ausprobieren. Auch gemeinsame Schreibvorgänge auf Plattformen können interessante Möglichkeiten für kollektives Schreiben bieten. Und wir haben unsere schöne Gesprächsreihe ‚Jour Fixe‘ quasi digital neu erfunden – das hat sogar besser funktioniert, weil wir unaufwändig interessante Gäste einladen konnten und das Format digital anscheinend einfacher zugänglich war. Aber insgesamt bin ich in der Lehre ein leidenschaftlich analoger Mensch.

Im Juli fanden die Eignungsprüfungen für die Studiengänge Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus und Literarisches Schreiben und Lektorieren erstmals digital statt. Wie haben Sie die Prüfungen erlebt? 

Das konnte man sehr gut digital durchführen. Wir waren alle überrascht davon, wie gut diese Art von Gespräch auch per Videoschaltung funktioniert. Allerdings war es enorm anstrengend, weil ja die kleinen Pausen, Austauschmomente, coffee breaks wegfallen. Das müsste man, falls es in Zukunft nochmal ansteht, mitbedenken.

Was haben Sie aus der ersten digitalen Vorlesungszeit mitgenommen?

Mir ist nun noch bewusster, wie sorgfältig man die mediale Umsetzung mitdenken muss, wie aufwändig gute Lehre ist (egal ob digital oder in Präsenz) und wie angewiesen wir in den Künsten auf Präsenz in Raum und Zeit sind. Ein künstlerischer Studiengang funktioniert nur sehr bedingt als Fernstudium. Und ich brauche das Gespräch, mehr noch, als ich es gedacht hätte.

Gibt es etwas, das Sie im neuen digitalen Semester anders machen werden?

Ich werde sicherlich den hohen Arbeitsaufwand der Studierenden anders mitbedenken. Und ich werde noch direkter und dringlicher nach Rückmeldungen von Seiten der Studierenden fragen. Viele äußern sich im digitalen Unterricht nicht von allein, sondern verschwinden in der Anonymität, und da möchte ich gegensteuern. Außerdem werde ich große Gruppen konsequenter aufteilen, so dass die Hemmschwellen geringer sind, sich zu zeigen und einzubringen. Außerdem muss auch ich darauf achten, dass der Umfang der Arbeit, die digital ja keine Begrenzungen von Zeit und Raum kennt, nicht irgendwann vollkommen ausufert.


Das Interview führte Marie Minkov, studentisches Mitglied im Redaktionsteam der Pressestelle.