Bundesweit erster Preis für institutionelle Kulturvermittlung

Montag, 12. Februar 2018  / Alter: 245 Tage

Professorin Birgit Mandel hat gemeinsam mit der Commerzbank-Stiftung den ersten Preis für institutionelle Kulturvermittlung in Deutschland entwickelt. Die Auszeichnung ist mit 50.000 Euro dotiert. „Der Preis soll dazu beitragen, der Kulturvermittlung in den Institutionen einen höheren Stellenwert zu geben“, so die Hildesheimer Wissenschaftlerin. Kulturvermittlung sollte als Gesamtstrategie in Kultureinrichtungen verankert werden.

Wer sind die Kulturnutzer? Viele Studien, auch jene aus Hildesheim, zeigen: Die Kernbesucher verändern sich nicht in ihrer Sozialstruktur. „Im Gegenteil, diese zementiert sich. Die Nutzer der öffentlich geförderten Kultureinrichtungen sind eine relativ homogene Gruppe, die sich im Wesentlichen durch ein hohes Bildungsniveau und damit verbunden meistens durch einen hohen sozialen Status auszeichnen“, sagt Birgit Mandel. Die Professorin forscht und lehrt am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Foto: Daniel Kunzfeld

Der Preis für institutionelle Kulturvermittlung ist mit 50.000 Euro dotiert und richtet sich an öffentliche, private und gemeinnützige Kulturinstitutionen in Deutschland, die Vermittlung als zentrale gemeinschaftliche Aufgabe für sich erkannt haben und ausfüllen. Der Preis zeichnet eine Kultureinrichtung für ihre zukunftsweisende Vermittlungsstrategie und deren nachhaltige Verankerung aus. Er möchte dazu beitragen, den Stellenwert von Kulturvermittlung als Kernfunktion in den Einrichtungen zu stärken und Transformationsprozesse zu unterstützen. 

Obwohl es inzwischen einige Preise für herausragende Projekte kultureller Bildung gibt, existierte im deutschsprachigen Raum bislang kein Preis, der sich mit der strukturellen und strategischen Qualität der Kulturvermittlung von Institutionen befasst und diese auszeichnet.

Bewerben können sich ab sofort Kultureinrichtungen, die sich mit der Vermittlung von kulturellem Erbe im weitesten Sinne beschäftigen in den Bereichen Bildende Kunst, Musik, Literatur, Theater sowie Kulturgeschichte. Die Jury sucht deutschlandweit Museen, Konzerthäuser, Theater oder Literaturhäuser, die Vermittlungsprogramme entwickeln, um ihre Artefakte und Produktionen für ein diverses Publikum zugänglich zu machen und diese zugleich durch andere Zugänge, Perspektiven und Interpretationen neuer Besucherinnen und Besucher neu zu kontextualisieren.

Der mit 50.000 Euro dotierte Preis „ZukunftsGut“ wird am 12. September 2018 erstmalig verliehen an eine Kultureinrichtung, der es aus Sicht der Fachjury am überzeugendsten gelingt, ihre Objekte, Artefakte oder Produktionen sowie ihre Institution so zu vermitteln, dass diese für Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft, unterschiedlicher Generationen und kultureller Interessen anschlussfähig werden. Der Preis wird alle zwei Jahre ausgeschrieben.

Das Bewerbungsformular ist online abrufbar. Bewerbungsschluss ist der 31. März 2018.

Der Fachjury gehören unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Birgit Mandel von der Universität Hildesheim unter anderem Teresa Darian aus dem Bereich Bildung der Kulturstiftung des Bundes, Marc Grandmontagne, Vorstand des Deutschen Bühnenvereins, Max Hollein, Leiter des Fine Arts Museum of San Francisco sowie Sabine Rückert, Stellvertretende Chefredakteurin der Wochenzeitung DIE ZEIT an.

Interview mit Prof. Dr. Birgit Mandel
Professorin für Kulturmanagement an der Universität Hildesheim

Opernhaus, Staatstheater oder Museum: Die Hauptnutzer verändern sich nicht in ihrer Sozialstruktur

Warum ist die Auszeichnung hervorragender institutioneller Kulturvermittlung in Deutschland wichtig?

Wir geben in Deutschland einerseits sehr viel für den Erhalt von Kulturorganisationen aus, andererseits sind für Vermittlungsaufgaben in den Budgets in der Regel nur sehr wenig Gelder vorgesehen. Angesichts der Pluralisierung kultureller Interessen in unserer Gesellschaft, die immer diverser wird, ist es nicht mehr selbstverständlich, dass sich Menschen für klassisches Kulturgut interessieren. Darum ist es notwendig, dass die Einrichtung, die darauf spezialisiert sind, klassische Kunst und kulturelles Erbe zu präsentieren und zu bewahren, sehr viel mehr Anstrengungen in ihre Vermittlungsaktivitäten stecken müssen. Dabei geht es um die Frage, wie kulturelles Erbe relevant bleibt oder wird für neue Generationen, wie mehr Menschen mit ihren Interessen Anknüpfungspunkte finden und sich einbringen können. Denn das was wir gemeinschaftlich als kulturelles Erbe definieren ist ja nicht statisch, sondern im besten Fall ein von vielen geteilter, permanenter Aushandlungsprozess. Dies ist eine besondere Herausforderung und Chance in unserer, durch hohe Migration gekennzeichneten Gesellschaft wo es gleichzeitig das Bedürfnis nach Erhalt von traditionellem kulturellen Erbe und den Anspruch an kulturelle Diversität und Transformation der Kultureinrichtungen gibt im Sinne transkultureller Veränderungen.

Sie untersuchen am Institut für Kulturpolitik auf dem Hildesheimer Kulturcampus, wer eigentlich die Kulturnutzer der öffentlich geförderten Kultureinrichtungen in Deutschland – ob Opernhaus, Staatstheater oder Museum – sind. Was sind bisherige Erkenntnisse?

Der Forschungsstand ist hinreichend gesättigt – viele Studien, auch unsere in Hildesheim, zeigen: Die Kern-Besucherinnen und Besucher verändern sich nicht in ihrer Sozialstruktur. Im Gegenteil, diese zementiert sich. Die Nutzer der öffentlich geförderten Kultureinrichtungen sind eine relativ homogene Gruppe, die sich im Wesentlichen durch ein hohes Bildungsniveau und damit verbunden meistens durch einen hohen sozialen Status auszeichnen. Migration ist dabei ein  untergeordneter Faktor. Bildung und sozialer Status bestimmen über die Teilhabe und das Interesse an bestimmten Kulturformen. Eine sehr kleine Gruppe der Gesellschaft gehört zu den Häufignutzern der sogenannten Hochkultureinrichtungen – man geht davon aus, dass es etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sind. Bei den Kindern und Jugendlichen ist häufig das Elternhaus der entscheidende Einflussfaktor dafür ob sie kulturelle Angebote in Theatern, Museen oder auch in Musik- und Jugendkunstschulen wahrnehmen, wenn sie nicht durch die Schule „gezwungen“ sind, finden wir eigentlich nur die Kinder dort, die aus bildungsstarken Haushalten kommen.

Sie analysieren in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit seit vielen Jahren Kunst- und Kulturvermittlung. Was beobachten Sie?

Es gibt zunehmend eine beeindruckende Vielfalt an tollen Projekten und spannenden Formaten. Aber die Vermittlungsaktivitäten werden oft ausgelagert aus dem „Kerngeschäft“ der klassischen Einrichtungen.  Um nachhaltig erfolgreich darin zu sein, mehr Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen für Kunst und Kultur, die diese zunächst als unzugänglich und uninteressant begreifen, zu interessieren sollte Vermittlung eine Aufgabe werden, die die gesamte Institution umfasst. Vermittlung ist eine Kernaufgabe, in die alle Abteilungen involviert sein müssen, von den Leitungsetagen bis zur Garderobe und Kassenbüro sollte gemeinsam darüber nachgedacht werden: Wie können wir zugänglicher werden? Was sind Barrieren, weshalb Menschen nicht zu uns kommen? Was könnten Anknüpfungspunkte sein, damit sich unterschiedliche Menschen für unsere Angebote interessieren, wie können wir diese verändern? Das reicht von den Aufenthaltsräumen bis zur Programmgestaltung und zum Personal, ob etwa partizipative Aktivitäten integriert sind, in denen Besucherinnen und Besucher ihre Ideen einbringen können und der Einrichtung helfen sich zu verändern. Wenn alle an einem Strang ziehen und überlegen, wie sie mit ihrer Professionalität die Einrichtung zugänglicher machen, dann kann sich etwas verändern. Obwohl Kulturvermittlung in aller Munde ist, gibt es sehr wenige Beispiele, wo sich die gesamte Institution diesem Ziel verschreibt.

Sie haben als Stiftungsratsmitglied gemeinsam mit der Commerzbank-Stiftung den bundesweit ersten Preis für institutionelle Kulturvermittlung entwickelt.

Es braucht weiterer Impulse, um Kulturvermittlung nicht nur als „Add On“, sondern als integrativen Bestandteil des Kerngeschäfts von Einrichtungen zu verankern. Hier setzt der Preis „ZukunftsGut“ der Commerzbank-Stiftung an mit dem Fokus auf Kulturvermittlung als abteilungsübergreifender Strategie einer Institution. Die 50.000 Euro Preisgeld sind für den deutschen Kulturbetrieb eine sehr hohe Summe – es ist der erste und mit Abstand höchst dotierte Preis für institutionelle Kulturvermittlung. Es lohnt sich also, sich zu bewerben. Mit dem Preisgeld kann zum Beispiel eine weitere Stelle geschafft werden.

Welche Gründe bewegen Kultureinrichtungen dazu, Vermittlungsaktivitäten auszubauen?

Kulturvermittlung hat in den letzten 15 Jahren in Deutschland deutlich an Interesse und Bedeutung in Kultureinrichtungen gewonnen. Gründe dafür sind unter anderem der demografische Wandel und die Sorge vor einer Überalterung des Publikums sowie kulturpolitische Forderungen nach einem chancengerechteren Zugang zu öffentlichen Kulturangeboten. Inzwischen sind gerade für das junge Publikum vielfältige Workshop-Angebote für Schulklassen entstanden; es gibt Einführungen, Nachgespräche und moderierte Aufführungen für unterschiedliche Zielgruppen. „Bürgerbühnen“ ermöglichen aktive ästhetische Erfahrungen. Kultureinrichtungen machen klassische Kultur im öffentlichen Raum oder im digitalen Kulturraum zugänglich und „immersive Inszenierungen“ schaffen außergewöhnliche, emotionale Zugänge. Obwohl fast alle Kultureinrichtungen in den letzten Jahren vielfältige Vermittlungsaktivitäten entwickelt haben, beklagen die zuständigen Vermittlerinnen und Vermittler, dass sie oft nicht in die Entwicklung von künstlerischen Programmen eingebunden und in der Hierarchie den künstlerischen Abteilungen nachgeordnet sind. Außerdem ist ihr Budget vergleichsweise gering, häufig müssen sie für ihre Vermittlungsaktivitäten Drittmittel akquirieren.

Was untersuchen Sie derzeit in der Forschung?

Ich beschäftige mich gerade in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Drittmittelprojekt im Forschungsverbund mit den Theaterwissenschaften der LMU München mit den Veränderungen der deutschen Stadt- und Staatstheater. Unter der Frage: „Theater in der Krise?“ untersuchen wir, wie sich die öffentlich geförderten Theaterhäuser in ihren Programmen, Formaten, Strukturen und ihrem Personal verändern, um auf die Pluralisierung der Bevölkerung und die Pluralisierung kultureller Interessen zu reagieren. Wie gehen die Theater mit den kulturpolitischen Forderungen nach mehr Inklusion und Diversität um? Welches Image gibt es umgekehrt in der Bevölkerung von „ihrem“ Stadttheater? Wir planen dabei sowohl eine Befragung der Leitungsebene sämtlicher Stadt- und Staatstheater in Deutschland wie die Analyse einzelner Theater sowie die Befragung der Bevölkerung in einer Stadt in Niedersachsen zu ihren kulturellen Interessen und ihren Einstellungen zum Theater. Die Studie läuft über drei Jahre.

Die Fragen stellte Isa Lange

Medienkontakt: Pressestelle der Universität Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121 883 90100)

Von: Pressestelle, Isa Lange [erstveröffentlicht 12.02.2018, aktualisiert 15.02.2018]

Wer sind die Kulturnutzer? Viele Studien, auch jene aus Hildesheim, zeigen: Die Kernbesucher verändern sich nicht in ihrer Sozialstruktur. „Im Gegenteil, diese zementiert sich. Die Nutzer der öffentlich geförderten Kultureinrichtungen sind eine relativ homogene Gruppe, die sich im Wesentlichen durch ein hohes Bildungsniveau und damit verbunden meistens durch einen hohen sozialen Status auszeichnen“, sagt Birgit Mandel. Die Professorin forscht und lehrt am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Foto: Daniel Kunzfeld