Ästhetische Praxis und Kulturwissenschaftliche Forschung

Donnerstag, 11. Oktober 2018  / Alter: -52 Tage

4. Jahrestagung der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft

Wann? 11. bis 13. Oktober

Wo? Kulturcampus Domäne Marienburg, Haus 52, Domänenstraße 52, 31141 Hildesheim

Info: Anmeldung und weitere Informationen hier.
Der Begriff der ästhetischen Praxis ist ein im produktiven Sinne offenes Konzept der Kulturwissenschaften. Anders als in der „ästhetischen Erziehung“, wo seit Schiller die gesamte Bildung des Menschen im Zentrum steht und in der „ästhetischen Erfahrung“, die durch den Erfahrungsbegriff eine starke Betonung der (subjektiven) Wahrnehmung zeigt, wird mit der Wendung „ästhetische Praxis“ eine Form des Handelns in den Mittelpunkt gerückt, die sowohl von zweckrationalen wie auch ethischen Handlungsformen zu unterscheiden ist. Das Adjektiv ästhetisch bezeichnet hierbei eine Weise des Handelns, in der gestalterische Spielräume, performative Ausdrucksbewegungen und leiblich-sinnliches Situiertsein eine zentrale Rolle spielen. Ästhetische Praxis ist somit nicht auf die traditionellen Künste beschränkt, sondern umfasst unterschiedliche Gegenstandsfelder von der medialen Darstellungsformen über Alltagspraktiken und dem Design bis zur Populären Kultur. Die Rede von ästhetischer Praxis unterscheidet sich dabei von anderen Fokussierungen – etwa von einer habituellen „symbolischen Praxis“ im Sinne Bourdieus oder von den innerhalb der Cultural Studies untersuchten „Wiederaneignungspraktiken“ von Kulturprodukten –, da sie keine Engführung auf sozialstrukturelle Faktoren vornimmt, sondern die spezifischen Qualitätsmerkmale des Handelns im Hinblick auf eine ästhetische Form und Formierung ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Gleichzeitig sind die ästhetischen Praktiken natürlich auf technisch-materielle, institutionelle, organisatorische, ökonomische, politische und andere Rahmensetzungen angewiesen bzw. sie stehen in einem engen Wechselverhältnis zu jenen. Ästhetische Praxis reagiert auf solche Rahmensetzungen und transformiert oder entgrenzt sie häufig. Die Frage nach den Kriterien, die eine Praxis zu einer ästhetischen Praxis machen, stellt somit den ersten Komplex des diesjährigen Jahresthemas dar. Eine Annahme dabei ist, dass nicht a priori entschieden werden kann, was eine ästhetische Praxis zu einer solchen macht, sondern dass sich mit jeder emphatischen Form ästhetischer Praxis neu stellt. Gleichzeitig rückt die ästhetische Praxis – in der Engführung einer künstlerischen Praxis – in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus methodologischer Überlegungen in den Kulturwissenschaften. Denn die Künste und ihre Praktiken spielen eine zentrale Rolle in einer, auch wissenschaftspolitisch forcierten, Neuausrichtung der universitären Wissensproduktion. Unter dem Stichwort der künstlerischen Forschung wird dafür plädiert, auch die Produktion von Kunst als Forschungsprozess zu begreifen. Nicht zu Unrecht wird dabei angenommen, dass die ästhetische Praxis der Kunst(-produktion) die Bahnen des Gewohnten verlässt oder das Gewohnte in seinen Spielräumen überprüft und erweitert. Denn nicht das propositionale Wissen und die

Begriffsgeschichte bestimmen das Handeln ästhetisch-künstlerischer Praxis, sondern situative Resonanzen und sinnlich evozierte Evidenzen führen die Handelnden über ihre eigenen Rahmensetzungen hinaus. Die Jahrestagung will sich deshalb auch mit jüngeren Konzepten der künstlerischen Forschung auseinandersetzen. Diese sind zum einen als eine innovative epistemische Praxis in den Fokus der Kulturwissenschaften gerückt; zum anderen beschreiben sie eine gegenseitige Wunschvorstellung: Die Wissenschaft möchte durch die Kunst zu ‚verzauberter Theorie‘ werden, die Kunst durch die Wissenschaft zu einer ‚exakten Praxis‘. Das Thema der Jahrestagung fragt daher zweitens nach den immanenten Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen der epistemischen Schnittstellen zwischen ästhetisch-künstlerischer Praxis und kulturwissenschaftlicher Forschung.

Für die kulturwissenschaftliche Perspektive auf ästhetische Praxis wird noch ein weiteres Moment relevant. Denn es ist offensichtlich, dass Kulturwissenschaftlerinnen sich zuweilen selbst auf dem Feld ästhetischer Praktiken als Akteur engagieren und insofern die ästhetische Praxis, die es zu analysieren gilt, in einigen Teilen (mit-)gestalten. Solches Vorgehen bietet naturgemäß nicht nur Chancen, es wirft auch Probleme auf. Denn es ist keineswegs ausgemacht, ob und wie die Zunahme an Selbstreferenz, die in solchen Konvergenzen liegt, durch eine Rollendifferenzierung von Wissenschaftlerin/Künstlerin überhaupt noch methodisch aufgefangen werden kann. Dennoch: Hier wird ästhetische Praxis nicht nur Gegenstand der Forschung, sondern kann unter bestimmten Bedingungen auch zur Methode kulturwissenschaftlicher Forschung werden. Dies lässt sich etwa für die Beobachtung der traditionellen Künste plausibel machen. Erforscht man etwa das Theater als eine Person, die nie selbst an einem Probenprozess teilgenommen hat, so werden vor allem die Aufführung und der dazugehörige Text im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Führt man aber eigene Probenprozesse oder Inszenierungen durch und evoziert damit divergente Beobachtungs- und Erfahrungsmöglichkeiten, so verändert sich die Perspektive auf den Gegenstand erheblich Theater (und die Künste allgemein) werden als je spezifische ästhetische Versuchsanordnung sichtbar. Ohne dabei propositionales Wissen zu hintergehen, stehen andere Leitdifferenzen – und ihre methodologische Reflexion – im Zentrum der ästhetischen Praxis. Drittens will das Thema der Jahrestagung deshalb nahelegen, ästhetische Praxis selbst als eine Methode der kulturwissenschaftlichen Forschung zu befragen. Für diese Perspektive bietet es sich an, dass in Hildesheim erstmals Workshops angeboten werden können, in denen die ästhetische Praxis der Kulturwissenschaften performativ thematisch wird.