Erhalten, Umwidmen, Abreißen: auf den Spuren postsozialistischer Erinnerungskultur in Berlin und Leipzig
Montag, 12. Januar 2026 - 10:04 Uhr
Im Oktober 2025 startete das binationale Seminar „Postsozialistische Erinnerungskulturen in Deutschland und Bosnien und Herzegowina“ als eine Kooperation zwischen den Fachbereichen Politik der Universität Hildesheim und der University of Sarajevo. Im Dezember trafen sich Studierende beider Universitäten nun für eine gemeinsame Exkursion.
Vom 11.12. – 18.12.2025 war es endlich soweit: im Rahmen des zweisemestrigen binationalen Projekts „Postsozialistische Erinnerungskulturen in Deutschland und Bosnien und Herzegowina“ an der Professur Politikdidaktik und Politische Bildung fand die erste Studierendenbegegnung statt. Gemeinsam mit ihren Seminarleitungen Prof. Dr. Jasmin Jasmin Hasanović, Amina Vatreš und Dr. Anja Schade reisten 9 Studierende der Universität Sarajevo (UNSA) und der Universität Hildesheim (UHi) für sechs Tage in die Städte Berlin und Leipzig. Im Zentrum der Studienfahrt standen der Umgang mit der DDR-Vergangenheit im öffentlichen Raum sowie verschiedene Narrative und Erfahrungen aus der Zeit der DDR und der Transformationsphase seit 1989.
Während in Berlin der Fokus auf den Themen „Erhalten, Umwidmen oder Abreißen“ sowie auf dem Erinnerungscharakter der öffentlichen Darstellung der DDR als Diktatur lag, verlagerte sich die Perspektive in Leipzig unter dem Motto „Erinnern und Errichten“ auf die Erinnerungen an die ersten Demonstrationen im Herbst 1989 sowie den aktuellen Entstehungsprozess des Freiheitsdenkmals.
Zentral waren in beiden Städten die Treffen mit Zeitzeug*innen und deren vielschichtige Erzählungen aus der Zeit der DDR, des politischen Umbruchs 1989 sowie der Zeit nach dem Beitritt der DDR zum Gebiet der Bundesrepublik.
Im Mai 2026 erfolgt der zweite Teil der Studierendenbegegnung mit der Fahrt nach Sarajevo.
Die Studierendenbegegnung wurde und wird ermöglicht durch Gelder aus dem Förderprogramm Erasmus+ des DAAD sowie der finanziellen Unterstützung des Instituts für Sozialwissenschaften und der Professur Politikdidaktik und Politische Bildung. Wir danken zudem dem International Office der UHi für die großartige Unterstützung, den Zeitzeug*innen für das Teilen ihrer persönlichen Erfahrungen vor, während und nach der Wende sowie dem Verein Palast.Jetzt für die fundierten Darstellungen der Geschichte des Palastes der Republik.
Link zur Darstellung der University of Sarajevo: https://www.facebook.com/share/p/1G8iqkL3FE/
Platz der Vereinten Nationen
Nach dem Entwurf eines Mitarbeiters des Grünflächenamtes zieren 14 Findlinge aus allen fünf bewohnten Erdteilen den heutigen Platz der Vereinten Nationen. Bis zum Jahr 1991 ragte hier das weithin sichtbare Lenindenkmal auf dem damaligen Leninplatz. Das Denkmal wurde wenige Tage vor Lenins 100. Geburtstag im April 1970 errichtet. Der namenhafte sowjetische Bildhauer Nikolai Tomski schuf die 19 Meter hohe Statue aus ukrainischem roten Granit, die zusammen mit den Hochhäusern des Platzes eine ästhetische Einheit bildete. Nach der politischen Wende erfolgte trotz Protesten und urheberrechtlicher Bedenken der Abriss nach einer Empfehlung der Friedrichshainer Bezirksverordnetenversammlung an den Senat. Die Leninstatue wurde zunächst im Köpenicker Forst vergraben. Inzwischen befindet sich der Kopf Lenins in der Dauerausstellung der Spandauer Zitadelle.
Humboldt Forum
Das Berliner Humboldt Forum wurde auf dem Standort des Palastes der Republik erbaut, einem Wahrzeichen der DDR, dem Sitz des Parlaments (Volkskammer) und zugleich öffentlich zugänglicher Freizeitort. Die Entscheidung einer Expert*innen-Kommission führte letztlich, legitimiert durch einen Bundestagsabstimmung, zum Abriss des Palastes – bis heute ein hoch umstrittener Beschluss. Die Frontseite des Humboldt Forums ist im Stil des ehemaligen, wilhelminischen Stadtschlosses gestaltet. Die Kuppel schließt mit einem Kreuz und einem Reichsapfel ab. Während also das Erbe der DDR abgetragen wurde, stellte man sich architektonisch nun in die Tradition der Hohenzollern, denen das Schloss als Königsresidenz und später als Wohnsitz Kaiser Wilhelm des II diente. Der Verein Palast.Jetzt setzt sich für die Errichtung eines Modells des Palastes ein, um dem Vergessen im öffentlichen Raum entgegenzuwirken.
Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park, Berlin
Im Gegensatz zum Lenindenkmal am heutigen Platz der Vereinten Nationen wurde das im Mai 1949 errichtete Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park erhalten. Dies ist auf ein Abkommen zwischen der Bundesrepublik und der Regierung der Russischen Föderation im Jahr 1992 zurückzuführen, in dem sich die Bundesrepublik verpflichtete, den Bestand des Ehrenmals und gleichzeitigen Soldatenfriedhofs dauerhaft zu gewährleisten.
Informationstafel des zukünftigen Freiheits- und Einheitsdenkmals auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz, Leipzig
Wenn Zeitzeug*innen berichten… Susanne Kucharski-Huniat nahm an der großen Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig teil. Eindrucksvoll schilderte sie die Momente in der Kirche, den Gang auf die Straße nach dem Gottesdienst und die Rufe der Massen „Schließt euch an!“, „Wir sind das Volk“ sowie „Keine Gewalt!“. Der gewaltfreie Verlauf der Demonstration von 70.000 Menschen in Leipzig war das sichtbare Startsignal für die friedliche Wende in der DDR. Jahre später begleitete Frau Kucharski-Huniat als Leiterin des Kulturamts Leipzig den Denkmalwerdungsprozess des Freiheits- und Einheitsdenkmals am Wilhelm-Leuschner-Platz. Am 9. Oktober 2025 fand die Grundsteinlegung statt.
Weitere Eindrücke zum Seminar finden Sie hier.
Literatur
Carlos Gomes: Lenin lebt. Seine Denkmäler in Deutschland, Verlag 8.Mai, Berlin 2020.
Hin und Weg. Der Palast der Republik ist Gegenwart, hrsg. von der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, E.A. Seeman Verlag, Leipzig 2024.
Wikipedia