Digitale Lebenswelten: Das Internet, eine Bühne für Politik und Selbstdarstellung

Samstag, 08. November 2014 um 09:13 Uhr

Beatrix Kreß untersucht an der Universität Hildesheim, wie Politiker das Internet nutzen, um sich darzustellen. Sie archiviert Kommentare und Updates. „Das Netz ist als Bühne interessant. Über Kanäle wie Facebook und twitter können Politiker selbstbestimmt Nachrichten schicken", so Kreß. Politiker wenden sich auch an Kinder und Jugendliche: Die russische Internetseite „Lerne den Präsidenten kennen“ sei eine „kleine Staatsbürgerkunde". Isa Lange sprach mit der Professorin für Interkulturelle Kommunikation.

Sie befassen sich am Institut für Interkulturelle Kommunikation mit politischer Sprache, vor allem in slawischen Ländern und im Internet. Was sind Gründe für eine Selbstdarstellung im Internet?

Sich darzustellen, PR in eigener Sache ist ein Grund, warum das gemacht wird, da unterscheiden sich deutsche Politiker nicht von russischen Politikern. Das Netz ist als Bühne interessant. Über Kanäle wie Facebook und twitter können Politiker selbstbestimmt Nachrichten schicken, ohne dass ihnen „lästige Journalisten“ sozusagen dazwischen kommen. Das ist für russische Politiker ebenso interessant wie für deutsche. Eine wichtige Rolle spielt auch das Image des Mediums: Das Internet steht für zeitgemäße Politik und politische Partizipation, besondere demokratische Strukturen, die eine Demokratie von unten implizieren – jeder kann mitsprechen. Von diesem Image möchte jeder ein Stück abhaben.

Lassen Sie uns in die russische Politik einsteigen. Sie eröffnen mit dem Thema „Politainment à la russe: Digitale Selbstdarstellungen in der russischen Politik“ die öffentliche Vorlesungsreihe „Digitale Lebenswelten“. Sie beobachten, was sich in den sozialen Medien und im Internet tut, seit Dmitrij Medvedev Präsident war und wie Wladimir Putin im Internet auftritt. An wen richten sich diejenigen, die da aktiv sind?

Interessanterweise sind die Inhalte überwiegend auf Russisch und eher innenpolitisch, an das interne Publikum gerichtet. Den Facebook-Auftritt von Wladimir Putin gibt es auf Russisch und Englisch, wobei das Englische eine stark verkürzte Fassung des Russischen darstellt. Hier wird vor allem über seine Reisen berichtet und über Events, die er besucht hat. Wenig wirklich politisch Relevantes wird da gesagt. Es ist eher eine Art Hofberichterstattung, etwa: Putin war in einer Schule und hat den neuen Sportsaal eröffnet. Im Russischen sind die Berichte relativ ausführlich gehalten. Es ist eindeutig, dass sie sich zunächst an ein russischsprachiges Publikum richten.

Sie untersuchen Selbstdarstellungen, blogs und videoblogs von Politikern im Internet, etwa von Dmitrij Medvedev, haben dazu Beiträge veröffentlicht, etwa die Publikation „Totalitarian Political Discourse? Tolerance and Intolerance in Eastern and East Central European Countries" (2013) und „Stilisierungs- und Inszenierungsmuster der Demokratie und politischen Partizipation in der Webpräsenz des russischen Präsidenten" (2012).

Medvedev war der Anstoß, sich mit dem Thema Selbstdarstellungen stärker zu befassen. Er hat in seiner Amtszeit als russischer Präsident von 2008 bis 2012 einen extrem großen Wert auf seine Internetpräsenz gelegt, das war sehr auffällig. Es gibt von ihm ein bekanntes Zitat: Jemand, der im Internet die Präsenz verliert, verliert auch die Präsenz im wahren Leben. Er ist der erste bedeutende russische Politiker, der sich das Medium zu eigen gemacht hat – vom bloggen über twittern bis zur Einrichtung einer Webseite für Kinder. In seiner Amtszeit ist die sonstige Aktivität von russischen Politikern im Netz enorm angestiegen. Er wollte das moderne Image des Mediums nutzen, auf ihm lagen Hoffnungen, dass er in der russischen Politik Reformen einführen wird. Mit dem Internet hat er auch versucht, sich mit dem Image des „Modernisierers“ zu kleiden. Dann gibt es einen harten Cut, der zwischen den Darstellungsstilen von Medvedev und dann Putin verläuft. Putin nutzt auch das neue Medium – aber ganz anders. Nicht auf der pseudo-partizipativen Ebene, sondern er nutzt es eher als statisches Medium.

Ein Merkmal von Facebook und all den Plattformen ist, dass sich die Bevölkerung einmischen, kommentieren, etwas ansprechen und kritisieren kann. Passiert das?

Das passiert derzeit deutlich weniger als zu Zeiten Medvedevs. Das liegt daran, dass Putin Wege wählt, die das weniger möglich machen. Medvedev hat zum Beispiel einen Videoblog mit Kommentarfunktion, da konnte man auch kritische Stimmen finden. Das gibt es bei Putin nicht. Die Internetseite des Präsidenten ist aktuell nicht kommentierbar –, dort werden seine Biographie und seine Hobbies vorgestellt. Da kann man nicht dran teilnehmen. Dann gibt es den Facebook-Auftritt, der aber so gehalten ist, dass über wirklich brisante Themen nicht gesprochen wird. Sondern über relativ marginale Auftritte zum Beispiel bei Veteranentreffen wird berichtet. In den Kommentaren erscheint dann auch nichts. Das sind banale Aussagen wie „Putin, dein Foto ist super“. Es wird nicht inhaltlich gesprochen.

„Das Ego geht online“ hieß es in einem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung. Warum gibt es denn diesen Drang, sich zu präsentieren, diese Selbstdarstellungen im politischen Bereich. Eigentlich liegt doch die Chance des Internets darin, Bürger zu beteiligen. Wenn Sie nun beobachten, dass dort banale Aussagen wie „Das Foto gefällt mir“ geäußert werden – welchen Nutzen haben denn diese Auftritte?

Primär geht es um Selbstdarstellung. Online-Medien sind für Putin – nach den klassischen Medien – ein weiterer Kanal, um zu zeigen, wie ein starker Mann beim Fischen, auf der Jagd auftritt. Mittlerweile ist es für ihn auch ein Problem, dass die Präsenz in sozialen Online-Medien zum guten Ton gehört. Man muss dort präsent sein. Das sagen ihm vermutlich auch seine Berater, es ist problematisch, wenn er keinen Facebook-Auftritt hätte. Seine Berater finden Mittel und Wege es so zu gestalten, dass der Präsident nicht allzu sehr angegriffen werden kann.

Sie haben Äußerungsstrukturen in Konflikten untersucht und sich dabei auf russische und tschechische literarische Texte konzentriert.

In meiner Dissertation gehe ich davon aus, dass literarische Texte teilweise versuchen, natürliche Sprache abzubilden. Es gibt eine Annäherung, es gibt Autoren, die im literarischen Sprechen versuchen, Authentizität herzustellen. Ich habe Dialoge in Romanen und Dramen untersucht, um Parallelen zwischen natürlichem Sprechen/Streiten und literarischem Sprechen/Streiten aufzuzeigen und um typische Äußerungsstrukturen zu vergleichen, die Konflikte kennzeichnen. Ein Beispiel: In den absurden Dramen Vacláv Havels werden die politischen Pseudokonflikte im Sozialismus und das dort übliche „Neusprech“ totalitärer Systeme verballhornt auf eine Weise, die die politische und die Alltagsrealität der damaligen Zeit widerspiegelt.

Da sind einerseits die Bücher, daneben die „echten“ natürlichen Texte wie eine Rede eines Politikers oder eine Fernsehübertragung, hinzu kommen Äußerungen über das Internet. Wenn Sie die Äußerungsstrukturen im Internet angesichts der aktuellen Konflikte beobachten: Was findet im Netz statt?

Putin lässt das bewusst nicht ins Netz einfließen. Alles was im Netz verfügbar ist, ist zu preisgegeben und seiner Verfügungsmacht entzogen. In dem Moment kann jeder darauf zugreifen. Konfliktevozierende Äußerungen finden ausschließlich vor der Presse oder anderen Politikern in mündlicher Form statt. Wenn Putin in solchen Kreisen spricht, dann ist das in hohem Maße inszeniert und insofern nahe dem Literarischen als es auf bestimmte Effekte hin zugespitzt ist und genau in dieser Erwartung geäußert wird. Es gibt zwar immer mal wieder, weniger in letzter Zeit, „Ausfallerscheinungen“, wo die Fassade bröckelt und Putin deutlich Emotionen zeigt. Aber solche Ausbrüche sind selten, innerhalb des Ukraine-Konfliktes ist alles extrem beherrscht.

Wie gehen sie in Ihren Untersuchungen vor, schauen Sie alle zwei Tage auf den Facebook-Account?

Genau, ich sammle möglichst alles und stelle ein Korpus zusammen. Ich rufe täglich ab, was es für neue Kommentare und Updates auf Facebook gibt, um das zu archivieren. Quantifizieren möchte ich nichts, aber seit Medvedev so aktiv im Netz wurde, beobachte ich das kontinuierlich. Da das Netz wenig vergisst, sind viele Dinge auch heute noch auffindbar.

Sie haben einen Beitrag „Der Präsident Russlands an seine Bürger im Schulalter" verfasst. Politiker wenden sich auch an Kinder und Jugendliche. Es gibt eine russische Website für Kinder und Jugendliche „Lerne den Präsidenten kennen". Auf der Internetseite können Kinder und Jugendliche etwa aus einem Fragenkatalog eine Frage an den Präsidenten auswählen, aber nicht selber eine formulieren. Wie läuft das ab, wenn man Kindern die russische Politik und den Präsidenten erklärt?

Das ist sehr spannend. Die Seite „Lerne den Präsidenten kennen“ ist unter Medvedev eingerichtet worden, eine kleine Staatsbürgerkunde. Die Internetseite ist ganz geschickt gemacht, auf spielerische Art und Weise werden Kinder eingeladen, Grundbegriffe der Politik kennen zu lernen. Es gibt ein Quiz „Was ist Demokratie?“ und man kann sich durch Ja- und Nein-Fragen durchklicken, ob man denn weiß, was eigentlich Demokratie bedeutet. Dann gibt es Rubriken, in denen es um die persönliche Inszenierung geht und wo man den Präsidenten näher kennen lernen kann – auf Augenhöhe. Er berichtet von seiner Schulzeit und wie er sich auf dem Schulhof geprügelt hat. Einerseits ist das Portal interaktiv, doch gleichzeitig beschränkt: Man kann Fragen an den Präsidenten stellen – aber muss aus einem vorgegebenen Fragenrepertoire auswählen und kann nicht frei formulieren. Das ist auch hier der Versuch, eine Offenheit und Zugänglichkeit zu suggerieren, aber auch nicht zu viel preis zu geben. Ich möchte nun die Veränderungen untersuchen, die es unter Putin gibt. Er lässt die Internetseite für Kinder weiterbetreiben.

Was steckt hinter dem Begriff „Politainment“ – auf welche Länder ist das anwendbar?

Der Begriff stammt von dem deutschen Politik- und Medienwissenschaftler Andreas Dörner. Er beschreibt damit ein Phänomen, das vor allem in den späten 1990er Jahren aufgetreten ist, wo Politiker zunehmend das Fernsehen für sich genutzt haben und einen Politikstil etabliert haben, der nicht das klassische „Wir sind in einer politischen Elefantenrunde“ verkörpert hat, sondern immer an der Grenze zum Entertainment stand. Ein Beispiel ist Guido Westerwelle mit seinem 18-Prozent-Wahlkampf, er fuhr mit seinem Guido-Mobil durch die Lande und zog in den Big-Brother-Container ein. Plötzlich tauchen im Fernsehen Formate auf, in denen Politiker mitwirken, aber die nicht wirklich politisch sind, sondern sich in einem privat-politischen Zwischenzustand bewegt haben. Auch bei „Wetten dass“ sitzen die Politiker als unterhaltend und politisch sprechende Menschen da. Die Beschäftigung mit diesem Phänomen begann bereits vor einigen Jahrzehnten in den USA. Markant ist in der russischen Politik: die Putinsche Inszenierung setzt auf das Heldentum, auf den starken Politiker, der auch im privaten Kontext stark ist. Hier ist ein Politiker, der ist auch physisch stark, der ist körperlich fit, wenn es auf anderem Wege nicht mehr geht. Putin hat sich beispielsweise, als die schrecklichen Waldbrände vor vier Jahren rund um Moskau herrschten, an der Brandlöschung im Hubschrauber beteiligt. Das haben die Medien aufgegriffen und er wurde mit rauchgeschwärztem Gesicht in Feuerwehruniform gezeigt.

Sie forschen zu Inszenierungen in der russischen Politik, zu politischer Sprache, Mediensprache und Werbesprache. Wie erkennt man das sprachlich?

Man kann alles inszenieren, auch Authentizität. Ich beziehe kontextuelle Faktoren in die Analysen ein, ich weiß wo die Äußerung stattfindet, wer dabei ist und an wen die Nachricht adressiert ist. Ob ich Fachterminologie verwende oder versuche, meine Botschaft in eine weniger komplexe Sprache umzubrechen ist ein Zeichen dafür, an wen ich mich richte. Auf Facebook wendet sich Putin häufig etwa an russische Seniorinnen und Senioren und lässt von Ereignissen berichten, auf denen er mit Veteranen aus dem zweiten Weltkrieg zusammenkommt. Dann werden „Erinnerungen an früher“ in einem erzählenden Ton veröffentlicht: Damals im Winter, als in St. Petersburg die große Hungersnot ausbrach. Wenn Putin sich an Bürger von der Straße richtet, dann wählt er ein anderes sprachliches Register, als wenn er vor der Duma spricht.

Zur Person

Beatrix Kreß ist Professorin für Interkulturelle Kommunikation an der Universität Hildesheim. Sie forscht zu Migration und Mehrsprachigkeit, ein Arbeitsschwerpunkt sind Slawische Länder. Die Sprachwissenschaftlerin befasst sich zum Beispiel mit mehrsprachigen Bildungsbiografien und untersucht, welche Zusammenhänge zwischen Herkunftssprachen und Identitätsentwicklung bei Kindern mit Migrationshintergrund bestehen. In einer Studie erfasst sie seit 2010, wie Kinder mit russischsprachigem Migrationshintergrund in der russischen Community in Niedersachsen gefördert werden und wie dabei „schulähnliche Strukturen entstehen". Mit Blick auf digitale Lernplattformen weist Prof. Dr. Beatrix Kreß darauf hin, dass man bei der Gestaltung von Online-Wissensplattformen, die ja weltweit zugänglich sind, auf kulturelle Unterschiede eingehen sollte. Beteiligte gehen oft von einem kulturfreien Raum aus, obwohl gerade der Umgang mit Wissen kulturspezifisch ist. Beatrix Kreß hat Slavische Philologie und Germanistik in Frankfurt am Main und Prag studiert.

Vorlesungsreihe „Digitale Lebenswelten“

Die öffentliche Vorlesungsreihe „Digitale Lebenswelten: Politik – Medien – Kommunikation" richtet sich an interessierte Bürgerinnen und Bürger aus der Region, an Studierende und Lehrende. Dabei geht es an der Universität Hildesheim in insgesamt sechs Vorträgen mit Diskussion um digitale Selbstdarstellungen in der Politik, um soziale Medien in Transformationsprozessen (Länderbeispiele sind Ägypten und China), um Selbstdarstellung von Spitzenpolitikern auf deren persönlichen Internetseiten im interkulturellen Vergleich und Informationstechnologie für Entwicklungsländer. Die Forscherinnen und Forscher gehen der Frage nach, warum immer mehr deutsche Politiker twittern und welche psychischen Folgen durch Internetnutzung entstehen. Organisiert wird die Vorlesungsreihe vom Institut für Sozialwissenschaften (Prof. Dr. Thomas Demmelhuber), Institut für Informationswissenschaft und Sprachtechnologie (Prof. Dr. Joachim Griesbaum ) und Institut für Interkulturelle Kommunikation (Prof. Dr. Beatrix Kreß). Die Reihe findet in Kooperation mit der Universitätsgesellschaft Hildesheim e.V. und dem Herderkolleg statt.


Wer im Internet die Präsenz verliert, verliert sie auch im wahren Leben. Ein von einem Fan gepostetes Bild auf der Facebookseite des russischen Präsidenten, ein Videoblog, eine Internetseite „Lerne den Präsidenten kennen" für Jugendliche. Professorin Beatrix Kreß untersucht, wie Politikerinnen und Politiker sich im Internet darstellen. Screenshots: Beatrix Kreß/Uni Hildesheim, Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim