Stu.diCo - Studieren in der Pandemie

Wie erlebten Studierende das digitale Studieren und den Studienalltag während der Corona-Pandemie?

Worum geht es?

Wie bewältigen Studierende in Deutschland das digitale Studieren und wie erleben sie den durch die Pandemie veränderten Studienalltag? Dies untersucht das Forscher_innenteam der bundesweiten Studienreihe Stu.diCo.

Stu.diCo. setzt sich von Untersuchungen ab, die vor allem auf die Evaluation der digitalen Lehre und die technische Ausstattung sowie die damit zusammenhängenden Problemlagen der Studierenden fokussieren. Dahingegen sollen mit Stu.diCo auch das Wohlbefinden, die Sorgen und Ängste, die Studienmotivation und die mentale Verfassung der Studierenden betrachtet werden.

Die Studie Stu.diCo

In der Erhebungsreihe Stu.diCo kann derzeit auf Daten aus zwei Online-Erhebungen zurückgegriffen werden, bei denen jeweils etwa 2.500 Studierende den vollständigen Fragebogen ausgefüllt haben.

Die Befragung Stu.diCo I fand in der Zeit vom 02.07. bis einschließlich 26.07.2020 statt, Stu.diCo II folgte mit einem angepassten Fragebogen im Sommersemester 2021 (24.06. bis einschließlich 15.07.2021). Hinzu kommt noch eine separate Stichprobe mit über 650 Personen, die an einer Stuttgarter Hochschule mit etwas reduziertem Fragenkatalog an der zweiten Erhebung (Stu.diCo II) teilgenommen haben.

Der Altersdurchschnitt der Befragung von Stu.diCo I und II liegt jeweils bei ca. 24 Jahren. Über 70% der Befragten sind jeweils zwischen 18 und 25 Jahre alt. Nur 6% (Stu.diCo I) bzw. 9% (Stu.diCo II) der Befragten sind über 30 Jahre alt. Somit zählen die Stu.diCo-Studien zu den wenigen Studien in Deutschland, die sich explizit auf das junge Erwachsenenalter beziehen. Über 75% der Teilnehmenden beider Studien gaben an, sich dem weiblichen Geschlecht zuzuordnen, ca. 22 % dem männlichen, jeweils unter einem Prozent der Befragten ordneten sich der Kategorie „divers“ zu oder wollten dazu keine Aussage treffen. Zudem haben jeweils etwa 5% der Studierenden angegeben, dass sie Kinder haben. Von den Befragten sind ca. 70% Bachelor-Studierende, 24% (Stu.diCo I) bzw. 23 (Stu.diCo II) Master-Studierende. Diese statistische Verteilung entspricht in etwa dem Verhältnis der Studierendenverteilung in Deutschland (vgl. Middendorf et al. 2017, S. 15–16)[1]. Mit den Stu.diCo-Befragungen liegt demnach eine Datenbasis vor, die es ermöglicht, zumindest Tendenzen unter Berücksichtigung verschiedener personaler Merkmale, wie etwa gesundheitliche Verfassung oder der Bildungsherkunft, aufzuzeigen, obgleich einschränkend festzuhalten ist, dass es sich um nicht-repräsentative Gelegenheitsstichproben handelt.

 

[1] Middendorf, E./Apolinarski, B./Becker, K./Bornkessel, P./Brandt, T./Heißenberg, S./Poskowsky, J. (2017). Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2016. 21. Sozial­erhebung des Deutschen Studentenwerks durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Hoch­schul- und Wissenschaftsforschung. BMBF, Berlin.

Wer sind wir?

Das Forschungsteam von Stu.diCo stellt sich aus dem Projektteam von CareHOPe zusammen. Dazu gehören aktuell Dorothee Kochskämper, Prof. Dr. Wolfgang Schröer und Dr. Severine Thomas vom Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim. Ebenfalls Teil des aktuellen Stu.diCo-Teams sind Anna Lips, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim sowie Dr. Kris-Stephen Besa, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Erziehungswissenschaften der Universität Münster.

Prof. Dr. Schröer und Dr. Severine Thomas erforschen seit vielen Jahren die Lebenslagen junger Menschen und haben bereits eine Umfrage von Kindern und Jugendlichen zum Umgang mit der Corona Pandemie durchgeführt (Studie „JuCo“ und Studie „KiCo“).

Das Projekt CareHOPe wird durch das Projekt "Niedersächsische Fachstelle CareHOPe – Care Leaver an Hochschulen. Online-Peerberatung" im Rahmen des Förderprogramms "Wege ins Studium öffnen – Chancengerechtigkeit bei der Studienaufnahme erhöhen" (01.2018-04.2021) vom niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) gefördert.

Kernergebnisse Stu.di.Co I

 „Es gibt nicht die typische Studentin oder den typischen Studenten – entsprechend unterschiedlich fallen die Bewertungen zum digitalen Studieren und zur Änderung des Lebensalltags aus“, sagt Dr. Severine Thomas, Teil der fünfköpfigen Forschungsgruppe von Stu.diCo am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim.

Höhere Arbeitsbelastung durch digitales Studieren

Allgemein beurteilten 72,4 Prozent der befragten Studierenden die Arbeitsbelastung im digitalen Semester als höher im Vergleich zum Präsenzsemester.

Noch ein weiteres digitales Semester?  Bitte nicht!

Die Vorstellung, noch ein weiteres Semester digital zu studieren, beurteilten 59,4 Prozent der Befragten als schlecht. Die Frage, ob sie ihr Studium um ein Semester verlängern würden, wenn dies kostenneutral wäre, beantworteten knapp über 50 Prozent mit „Ja“.

Herausforderungen in der Home-Learning-Situation

Als belastende Faktoren nannten die Studierenden unter anderem die fehlende Infrastruktur der Hochschule (Mensa, Bibliothek etc.), der fehlende persönliche Kontakt zu anderen Studierenden, die Notwendigkeit, sich um andere Familienmitglieder kümmern zu müssen und/oder den fehlenden Platz zum ungestörten Arbeiten. Auch Einsamkeit, Ablenkung, technische Einschränkungen sowie die fehlende persönliche Betreuung durch die Lehrenden wurden als Hürden des digitalen Lernens aufgeführt.

Chancen des Digitalen Lernens

Als positiv bewerteten die Befragten die Zeitersparnis durch wegfallende lange Anfahrtswege zum Studienort, mehr Flexibilität in der Arbeitsgestaltung und das Kennenlernen neuer digitaler Angebote.

Finanzielle Situation

Bei mehr als der Hälfte der Befragten (52 Prozent) wirkte sich die Pandemie finanziell nicht aus. 37 Prozent der Befragten gab an, weniger Geld als vorher zur Verfügung zu haben. Knapp 44 Prozent der Studierenden gaben jedoch an, dass sie sich um die Finanzierung ihres Studiums insgesamt sorgen.

Sozial entleerter Studienalltag

Fast alle Studierende beklagten den Stillstand des sozialen und kulturellen Austauschs. 79 Prozent der Befragten vermissen das Campusleben. 85,4 Prozent fehlt der Kontakt zu anderen Studierenden. Die Hälfte der Teilnehmenden vermisste sehr die Möglichkeit, Lehrende anzusprechen.

Doch nicht alle Studierenden litten gleichermaßen unter diesen Einschränkungen. Die Bewertungen rangierten von Aussagen wie „Das digitale Semester ist eines der besten, das ich je hatte, in Bezug auf meinen Lernfortschritt und das Vorankommen im Studium.“ bis zu „Ich habe durch die online Lehre meinen Spaß an meinem Studium verloren.“

Kernergebnisse Stu.diCo II

Digital verbessert – sozial verschlechtert?

Studierenden berichten durchaus weiterhin von technischen und arbeitsorganisatorischen Problemen, die den universitären Lehrbetrieb betreffen. Im Vergleich zu den Fragen des sozialen Miteinander spielen diese aber eher eine untergeordnete Rolle.

  • Der digitale Studienalltag wird zu wenig sozial gerahmt.

So gaben in der aktuellen Stu.diCo II-Befragung über 91% der Studierenden an, dass Ihnen die Gespräche mit den Kommiliton:innen etwas oder sehr fehlen. Gleiches gilt für den Austausch mit den Lehrenden. Über 80%, der Befragten geben an, dass ihnen der direkte Kontakt mit dem hochschulischen Lehrpersonal fehlt. Und auch das soziale Leben jenseits des Studienalltags, wie z.B. Partys oder andere Veranstaltungen für Studierende an den Hochschulen werden von mehr als 72% etwas oder sehr vermisst.

Tendenz zur digitalen Normalisierung – aber noch keine durchgängig gleichberechtigte digitale Teilhabe!

Hinsichtlich der technischen Herausforderungen durch die neue Lehrgestaltung zeigt sich im Vergleich der Befragungen Stu.diCo I zu Beginn der Pandemie und Stu.diCo II zum Ende des dritten (hauptsächlich) digitalen Semesters, dass in der ersten Befragung deutlich mehr Studierende technische und arbeitsorganisatorische Hürden im Rahmen ihres Studiums zurückgemeldet haben als in den Daten von Stu.diCo II nach gut einem Jahr mit einem größtenteils im Distanzbetrieb stattfindendem Studium.

  • So empfinden aktuell „nur“ noch 29% der Studierenden technische Einschränkung als Herausforderung für ihren Hochschulalltag, während dieses bei der ersten Erhebung 2020 noch 43% angegeben haben.

Eine ungestörte Arbeitsumgebung steht mittlerweile 64% zur Verfügung, während dieses vor einem Jahr nur für 51% galt. Andersherum hat sich die Einschätzung mit Blick auf die soziale Situation an einigen Stellen verschlechtert. So vermissen mittlerweile – wie oben erwähnt – über 72% Freizeitveranstaltungen rund um das Studium, waren es 2020 noch 61%.

Hochschule als sozialer Ort – weiterhin Fehlanzeige

Auch wenn das Fehlen von direkter Interaktion aus epidemiologischer begründet ist, geht damit für die Studierenden ein wichtiger Teil ihres Soziallebens verloren. Dass kein direkter Kontakt mit den Kommiliton:innen vorherrscht, wird daher nur von einer sehr kleinen Minderheit der Befragten als Vorteil eines digitalen Semesters gesehen. Nicht einmal 3% der Studierenden haben dieses in einer Mehrfachabfrage als Vorteil angegeben.

  • Fast 85% sehen in den fehlenden sozialen Kontakten einen Nachteil der digitalen Semester.

Diese Einschätzung hat sich zwischen den beiden Erhebungszeitpunkten auch eher wenig geändert. Die mit überwiegend digitaler Lehre einhergehende Flexibilität in der Arbeitsorganisation wird hingegen von den Studierenden eher positiv angesehen: Über 66% der Studierenden sind der Meinung, dass diese Flexibilität einen Vorteil des digitalen Semesters darstellt.

Angestiegenes Belastungserleben unter Studierenden

  • Mit 66% gibt der weitaus überwiegende Teil der Befragten der Stu.diCo II Erhebung an aufgrund der Pandemie seelische Beschwerden bekommen zu haben.

Waren es im letzten Jahr bereits knapp 55% der Befragten, ist dieser Anteil noch einmal deutlich angestiegen. Insgesamt zeigen die Daten der zweiten Erhebung eine leicht angestiegene Belastung der Studierenden, wobei sich nicht sagen lässt, inwiefern diese auf die Studiensituation oder andere äußere beziehungsweise gesamtgesellschaftliche Einflüsse zurückzuführen ist. So geben fast 79% der Studierenden an, sich am Ende eines Studientages ausgelaugt zu fühlen, während dieser Wert in der ersten Stu.diCo-Erhebung bei 76% lag.

Belastungen ungleich verteilt

Allerdings betreffen diese Probleme nicht alle Studierenden gleichermaßen. Mit Blick auf die heterogene Zusammensetzung der Studierendenschaft wurden in Stu.diCo I und II verschiedene Fragen zur Lebens- und Herkunftssituation der Studierenden gestellt. Ein auffälliger Befund bei Gruppenvergleichen der aktuellen Daten ist, dass die Bildungsherkunft der Studierenden in Zusammenhang mit der Wahrnehmung ihrer Studiensituation steht.

  • Studierende der sog. ersten Generation fühlen sich im Vergleich mit ihren Kommiliton:innen aus akademischen Elternhäusern stärker zeitlich und auch insgesamt belastet und befürchten eher, dass sich die Covid19-Pandemie mit ihren Umständen verlängernd auf das eigene Studium auswirkt.

Bei dieser Gruppe sind es beispielsweise über 42%, die sich aktuell durch ihre finanzielle Situation psychisch belastet fühlen, während dieses bei den Studierenden aus akademischen Elternhäusern „nur“ auf 32% zutrifft. Auch haben die Befragten in der Gruppe der Studierenden der ersten Generation mit 46 zu 42% weniger häufig einen ungestörten Arbeitsplatz und denken mit fast 52% zu etwas über 47% im Vergleich öfter über eine freiwillige Verlängerung ihres Studiums nach.

  • Noch stärker fallen die Unterschiede mit Blick auf Befragte aus, die angeben an einer psychischen Beeinträchtigung zu leiden.

Für diesen Personenkreis stellt sich die Situation aktuell als besonders belastend dar. Fast 37% dieser Gruppe haben Sorgen, ihr Studium abbrechen zu müssen, entgegen 22% der Studierenden ohne psychische Erkrankung und fast 57% fühlen sich einsam, während dieses bei den Personen ohne psychische Erkrankung für lediglich 34% gilt.

Es sollte daher grundsätzlich überlegt werden, wie man belastete Gruppen aktuell oder bei einer Rückkehr in den Präsenzbetrieb besonders hinsichtlich möglicher, gehäufter problematischer Einschnitte in den Studienverlauf in den Blick nehmen und entsprechende Unterstützungsangebote zielgerichtet zugeschnitten konzipieren kann.

Stu.diCo I

Das Paper „Stu.diCo. – Studieren digital in Zeiten von Corona – Erste Ergebnisse der bundesweiten Studie Stu.diCo.“ von Anna Traus, Katharina Höffken, Severine Thomas, Wolfgang Schröer und Katharina Mangold finden Sie unter https://dx.doi.org/10.18442/150

Stu.diCo II

Das Paper „Stu.diCo II – Die Corona Pandemie aus der Perspektive von Studierenden – Erste Ergebnisse der bundesweiten Studie Stu.diCo II“ von Kris-Stephen Besa, Dorothee Kochskämper, Anna Lips, Wolfgang Schröer und Severine Thomas finden Sie unter https://doi.org/10.18442/194

 

Kontakt

Wenn Sie Fragen zu der Studie haben, melden Sie sich gerne bei uns.

Am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Stiftung Universität Hildesheim sind folgende Personen ansprechbar: Dorothee Kochskämper, Severine Thomas und Wolfgang Schröer.

Kris-Stephen Besa ist über das Institut für Erziehungswissenschaften der Westfälische Wilhelms-Universität Münster ansprechbar.