Projekt „Careleaver an Hochschulen in Niedersachsen“ (CareHo)

Das Projekt CareHo wird vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen des Programms „Wege ins Studium öffnen – Studierende der ersten Generation gewinnen“ gefördert und von der Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik durchgeführt. Außerdem sind fünf kooperierende Hochschulen in Niedersachsen beteiligt (Vechta, Oldenburg, Emden, Holzminden, Hildesheim). Bei der Projektdurchführung freuen wir uns sehr mit dem Verein „Careleaver e.V.“ kooperieren zu können.

Projektlaufzeit: 2013-2016

AnsprechpartnerInnen: Prof. Dr. Wolfgang Schröer, Dr. Katharina Mangold, Tanja Rusack

Broschüre zum Projekt 

Hintergrund

Die Lebenssituation von jungen Menschen, die in der stationären Jugendhilfe (Wohngruppen, Pflegefamilien usw.) aufgewachsen sind, gestaltet sich insbesondere im Übergang aus der Jugendhilfe in die Selbständigkeit, z.B. ins Studium, als besondere Herausforderung. Sie müssen den Übergang in Selbständigkeit im Gegensatz zu ihren Peers früher, schneller und i.d.R. ohne familiäre Unterstützung bewältigen (vgl. Köngeter/Schröer/Zeller 2013). Studien über den Übergang ins Studium zeigen z.B., dass ihre Altersgenossen in dieser Phase wieder vielfältig auf die Unterstützung ihrer Eltern zurückgreifen. Internationale Studien belegen ebenfalls die prekäre Lebenssituation der Care Leaver in dieser Lebensphase (vgl. beispielsweise Stein 2012). Insgesamt werden darum höhere Bildungsabschlüsse von jungen Menschen aus der Heimerziehung oder aus Pflegefamilien vergleichbar selten erreicht und der Anteil an höherer und weiterführender Bildung ist extrem niedrig (vgl. z.B. Jackson/Ajayi/Quigley 2003).

Ziel des Projektes

Das Projekt CareHo hat das Ziel, Care Leaver an den Hochschulen in Niedersachsen miteinander zu vernetzen und die Zugangsschwellen für Care Leaver an den beteiligten Hochschulen und damit verbunden – im Sog – möglicherweise auch zu andere Hochschulen abzubauen. Es ist zudem das Anliegen des Projekts, mehr junge Menschen in stationären Hilfen möglichst frühzeitig für ein Studium zu motivieren. Hierzu sollen insbesondere Care Leaver, die bereits an der Hochschule studieren, als „Rollenvorbilder“ agieren. Aber auch Einrichtungen und Mitarbeiter/innen der Jugendhilfe sollen von dem Projekt erreicht werden, um den Übergang junger Menschen an die Hochschule auch auf dieser Ebene zu unterstützen. Im Übergang müssen Passungsverhältnisse hergestellt werden, in welchen die Bedürfnisse und Ressourcen der Care Leaver mit denen der Hochschule zusammengebracht werden müssen. Hier ist es insbesondere wichtig, die bereits existierenden Angebote für Care Leaver zugänglich zu machen, aber auch auf die spezifische Lebenssituation von Care Leavers an Hochschulen aufmerksam zu machen.

Kontakt

careho(at)careleaver.de oder 05121/883-11722

Weitere Infos zu Care Leaver Projekten des Instituts für Sozial- und Organisationspädagogik finden Sie unter www.forschungsnetzwerk-erziehungshilfen.de

HERAUSFORDERUNGEN IM ÜBERGANG VON DER JUGENDHILFE IN DIE HOCHSCHULE

Die Lebenssituation von jungen Menschen, die in der stationären Jugendhilfe (Wohngruppen, Pflegefamilien usw.) aufgewachsen sind, gestaltet sich insbesondere im Übergang aus der Jugendhilfe in die Selbständigkeit, z.B. ins Studium, als besondere Herausforderung. Sie müssen den Übergang in Selbständigkeit im Gegensatz zu ihren Peers früher, schneller und in der Regel ohne familiäre Unterstützung bewältigen (vgl. Köngeter/Schröer/Zeller 2013). Studien über den Übergang ins Studium zeigen z.B., dass ihre Altersgenossen in dieser Phase wieder vielfältig auf die Unterstützung ihrer Eltern zurückgreifen.

Anhand einer Studie des Sozialfonds der Universität Lübeck gGmbH (2013) kann gezeigt werden, dass 79% der befragten Studierenden angeben, ihr Studium und ihren Lebensunterhalt hauptsächlich durch ihre Eltern finanzieren können. Die elterliche Unterstützung schätzen sie somit als unverzichtbar an. Durchschnittlich leben 23% der Studierenden bei ihren Eltern. Quer zum jeweiligen Bildungshintergrund liegt das durchschnittliche Auszugsalter in Deutschland bei 24 Jahren bei jungen Frauen und 25 Jahren bei jungen Männern (Eurostat Pressestelle 2009). Allein mit diesem Blick in die statistischen Daten kann deutlich gemacht werden, dass die Übergangssituation sich für Care Leaver anders gestaltet, weil sie vielfach mit 18 Jahren aus der Wohngruppe ausziehen und i.d.R. nach Beendigung der Hilfe dort keine verlässliche Anlaufstelle mehr finden.

HEIMERZIEHUNG UND FORMALE BILDUNG

(1) Schule als normaler und verlässlicher Ort

Schule als normaler Ort wird dabei von einigen jungen Menschen trotz – oder gerade wegen – instabiler familiärer Verhältnisse als stabilisierend erlebt. Verlässlichkeit wird auch in der Kontinuität von Schule erlebt. Im Gegensatz zu vielfältigen Umzügen von der Herkunftsfamilie in die Jugendhilfe und innerhalb dieser, wird Schule als ein Ort erlebt, der Kontinuität ermöglicht. Die jungen Menschen erleben einen Ort, an dem sie „alles gebacken“ bekommen und den sie als „verlässlichen Lebensbereich“ wahrnehmen. Die klaren Anforderungen sind im Gegensatz zu diffusen privaten Lebenssituation kalkulierbar und strukturgebend. Das Abschätzen-Können, was zu leisten ist, und das Vertrauen darauf diesen Erwartungen gerecht werden zu können, gibt den Care Leaver Sicherheit und Stabilität. An dieser Stelle muss nochmals betont werden, dass es sich bei den interviewten Care Leaver häufig um junge Menschen handelt, denen das Lernen relativ leicht fiel (so war beispielsweise Melanie trotz vielfältiger Fehlzeiten aufgrund Psychiatrieaufenthalten Klassenbeste). Für die Diskussion um eine inklusive Schule würde dies jedoch bedeuten, mit den jungen Menschen individuelle Leistungsanforderungen zu erarbeiten und diese je individuell kalkulierbar und erwartbar zu gestalten, um Sicherheit statt Verunsicherung zu produzieren. Anders als das vier-gliedrige Schulsystem will „eine Schule für alle“ gerade keine oder weniger „Verschiebebahnhöfe“ produzieren und möglichst kontinuierliche Schulformen und Gruppenverbände stärken.

(2) Beziehungen zu signifikanten Anderen

Auch Paul erlebt die Beziehung zu seiner Grundschullehrerin als riesige Ressource und großes Glück:

also ich hatte immer Menschen in meiner Umgebung die mich unterstützt haben was ich denke was ein ganz wichtiges Kriterium ist wenn man aus schwierigen Verhältnissen kommt dass man quasi Menschen hat die ja so an einen glauben sag ich mal unterstützen und einen helfen (.) und das hat angefangen mit meiner ehemaligen Grundschullehrerin die hatte ich in der 1. 2. Klasse die dann immer noch Kontakt gesucht hat und ich dann mir auch das Gymnasium ausgesucht hab […]und dann war ich tatsächlich drei Jahre lang von der 5. 6. 7. Klasse einmal bei ihr daheim in der Woche bei ihr daheim zum Mittagessen Hausaufgaben machen was mir halt ja schon gut getan hat auf jeden Fall“ (Paul)

Paul wäre ohne die Unterstützung seiner ehemaligen Grundschullehrerin wohl nicht aufs Gymnasium gegangen. Sie bietet ihm eine Unterstützungsstruktur abseits von professionellen Rollen. Hier fühlt er sich als Mensch ernst genommen und wertgeschätzt. In den Interviews wird im Umkehrschluss auch von Zuschreibungen und Vorurteilen von Seiten der Lehrer/innen berichtet, in welchen sie auf ihre Heimerziehungsgeschichte reduziert und nicht als individueller Mensch ernstgenommen werden.

Für die Gestaltung professioneller Beziehungen kann anhand der Geschichte von Paul deutlich gemacht werden, wie wichtig es für Kinder und Jugendliche ist, an sie zu glauben und ihnen etwas zuzutrauen. Dies kann auch innerhalb der Struktur Schule gelingen und muss nicht ins private Wohnzimmer umgesiedelt werden.  

(3) Peer-Beziehung in Schule

mit denen in meiner Klasse hatte ich äh im Prinzip nichts zu tun ich war da eigentlich ja ich war schon auch Außenseiter da weil ich (.) ich habe halt wenig gesprochen und ich habe ähm mich sehr zurückgezogen und ich konnte auch mit den Leistungen einfach nicht mithalten und zwar nicht weil ich wie ich denke (.) ähm irgendwie das von der Intelligenz nicht leisten konnte sondern einfach weil ich mental überhaupt nicht fähig war also irgendwas ähm abzurufen“ (Corinna)

Während Corinna argumentiert, dass sie aufgrund der nicht abrufbaren Leistungen eine Außenseiterposition in ihrer Schulklasse einnimmt, macht Paul deutlich, dass die Außenseiterposition zum Leistungsabfall führt, indem er einen Zusammenhang zwischen Einzug in die Wohngruppe und Mobbing in der Schule betont, woraufhin seine „Noten richtig in den Keller gerutscht“ sind. „Freunde zu finden war als Heimkind nicht ganz so einfach, es war nicht unmöglich aber es war auch nicht ganz einfach“ so berichtet Sebastian und macht deutlich, dass es „gewisse Berührungsängste“ – vor allem auch aufseiten der Eltern seiner Freunde – zu ihm als Heimkind gab.  

STIPENDIEN

FORDERUNGEN AN DIE HOCHSCHULEN

Die Anforderungen des Studiums, der damit verbundene Leistungsdruck, bringt einige der interviewten Care Leaver an ihre Grenzen. Dabei entsteht die Gefahr, den einzelnen Studierenden mangelnde Leistungsfähigkeit zu attestieren und – wie häufig in unserem Bildungssystem – Bildungsversagen zu individualisieren. Zu selten wird der Blick auf die Lebensbedingungen der Studierenden gerückt. Hier gilt es gesellschaftlich und hochschulpolitisch auf die Heterogenität der Studierendenschaft hinzuweisen bzw. mehr Heterogenität an Hochschulen zu ermöglichen. Hochschulen, so Seidel (2014), gehen nach wie vor von „traditionellen“ Studierenden aus und orientieren sich an diesen. Studierende, die nicht in diese „Normalitätserwartungen“ passen, müssen mit entsprechenden (homogenisierenden) Maßnahmen vereinheitlicht werden.

  • Finanzielle Unterstützung:
    Das Etablierung und Bekanntmachung des bereits erwähnt Formblatt 8 bezüglich Vorausleistungen (§ 36 BAföG) kann hierbei nur ein erster Schritt sein. Care Leavern sollte aufgrund ihrer Lebenssituation nicht bei ihren Eltern aufgewachsen zu sein stets elternunabhängiges BAföG gewährleistet werden, d.h. zu den bereits existenten Kriterien wie beispielsweise „Zweiter Bildungsweg“ oder „nach fünf-jähriger Berufstätgikeit“ (vgl. § 11 BAföG) sollte eine stationäre Jugendhilfemaßnahme als Grund zur Bewilligung elternunabhängigen BAföGs ergänzt werden. Darüber hinaus sollte der BAföG-Antrag umgehend – bzw. bereits vor Studienbeginn – bearbeitet werden, da Finanzierungslücken von Care Leavern nicht ausgeglichen werden können.
    Care Leaver sollten bei der Vergabe von Stipendien als Personengruppe stärker berücksichtigt werden. Ebenso bedarf es – über Sozialfonds o.ä. – schneller und unbürokratischer Hilfeformen, die in konkreten Notsituationen vorübergehend genutzt werden können.

  • Sicherer Wohnheimplatz:
    Aufgrund der Lebenssituation nicht vorübergehend bei der Herkunftsfamilie einziehen zu können, muss die Unsicherheit im Übergang an die Hochschule auch in Bezug auf einen sicheren Wohnort verringert werden. Care Leaver sollten daher bei der Vergabe von Wohnheimplätzen bevorzugt werden.

  • Ansprechpartner_innen:
    Care Leaver müssen in Hochschulen verlässliche Ansprechpartner_innen vorfinden, die sich mit ihrer Lebenssituation auskennen – dies ist sowohl in BAföG-Ämtern notwendig als auch in der Allgemeinen Studienberatung erforderlich. Damit hätte die Praktik des Hin-und-Her-Verwiesen-Werdens ein Ende. Darüber hinaus sollten sich in jedem Fachbereich Vertrauensdozent_innen für die Angelegenheiten der Studierenden einsetzen und innerhalb des Studienfaches als Ansprechperson zur Verfügung stehen – auch über Studieninhalte hinaus. Da der Übergang ins Studium von vielfältigen Herausforderungen geprägt ist, muss insbesondere im Übergang ein Peer-Mentor_innen-Programm für Care Leaver (oder auch hier wieder: für alle, die es wünschen) etabliert werden.