Zuwanderungsgeschichte als Vorteil in der Pflege

Dienstag, 24. März 2015 um 09:28 Uhr

Ambulante Versorgung älterer Menschen mit Migrationsgeschichte: Eine Arbeitsgruppe der Universität Hildesheim untersucht den Arbeitsalltag und die Geschäftsstrukturen von Pflegekräften und Verantwortlichen in Pflegediensten, die selbst eine Zuwanderungsgeschichte haben. Ein Vorteil: Sie verfügen über Kontakte zu mehrsprachigen Arztpraxen und Apotheken.

Im Bereich der ambulanten Pflege gründen sich in den letzten Jahren zunehmend Pflegedienste, die sich speziell an ältere Menschen mit Migrationsgeschichte richten. Auf diese Pflegedienste trifft man am häufigsten in größeren Städten. Viele Verantwortliche in Pflegediensten bringen dabei selbst eine Migrationsgeschichte mit – dieses Phänomen untersucht eine Arbeitsgruppe um Johanna Krawietz, Friederike Isensee, Professor Wolfgang Schröer und Stefanie Visel von der Universität Hildesheim im Projekt „Care-Dienstleistungen als ethnisches Unternehmertum".

Sie untersuchen derzeit Pflegedienste in Niedersachsen. Dafür wurden bisher zehn Einrichtungsleitungen nach ihrer Unternehmensstruktur, ihrem Arbeitsalltag und ihrer Geschäftsstrategie befragt. „Diese Pflegedienste verfügen über Kontakte zu Beratungsstellen, Arztpraxen und Apotheken, die mehrsprachige Dienste für Ältere anbieten. Ihre eigene Zuwanderungsgeschichte wird von den Unternehmerinnen in der Arbeit mit älteren Migrantinnen und Migranten als Vorteil angesehen", sagt die Sozialpädagogin Johanna Krawietz. Durch ihre Mehrsprachigkeit, so die Aussagen der Interviewten, könnten sie besseren Kontakt zu älteren Migrantinnen und Migranten aufnehmen. Dadurch könnten sie zum Beispiel die Pflegebedürftigen bei Arztbesuchen begleiten und Übersetzungsarbeit leisten.

Die untersuchten Pflegedienste spezialisieren sich in ihren Pflegeleistungen auf unterschiedliche Zielgruppen. Ein großer Teil richtet sich mit ihrem Angebot an Ältere aus der ehemaligen Sowjetunion und der Türkei.

Friederike Isensee, die als studentische Mitarbeiterin in dem Forschungsprojekt mitwirkt und an der Uni Hildesheim Sozial- und Organisationspädagogik studiert, hat Pflegedienste befragt. Sie nennt ein Beispiel aus der Studie: Natalia Dobat (Name geändert) ist seit über zehn Jahren Geschäftsführerin eines ambulanten Pflegedienstes, der mit seinen rund 300 Klientinnen und Klienten speziell auf Leistungen in deutscher und in russischer Sprache ausgerichtet ist. Dobat zog Mitte der 2000er Jahre mit ihrer Familie aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Die Pflegedienstleistungen werden nicht nur von russischsprachigen Pflegebedürftigen nachgefragt. Friederike Isensee betont, dass sich die Geschäftsführerin Dobat entgegen der öffentlichen Annahme von starren Konzepten kultursensibler Altenpflege abgrenzt. Sie legt ihren Schwerpunkt auf biographiesensible Pflege.

Die Arbeitsgruppe um den Sozialpädagogen Professor Wolfgang Schröer weist darauf hin, dass kultursensible Pflegeleistungen nicht automatisch durch Personen des gleichen Herkunftskontextes sichergestellt werden. „Frau Dobat legt in ihrem Pflegedienst Wert darauf den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein vielfältiges Bild von Pflege zu vermitteln. Sie möchte ihre Pflegekräfte dafür sensibilisieren, aufmerksam mit den Pflegebedürftigen umzugehen und offen für mögliche Wünsche bei der pflegerischen Versorgung zu sein", berichtet Friederike Isensee. Russischsprachige Pflegebedürftige könne man zum Beispiel nicht alle gleichsetzen, sagt die Geschäftsführerin den Forschern. Sie bringen verschiedene Sprachen, Dialekte, religiöse Zugehörigkeiten und Lebensstile mit.

Die Studie „Care-Dienstleistungen als ethnisches Unternehmertum" wird vom Niedersächsischen Wissenschaftsministerium gefördert. Sie läuft noch bis Januar 2016.

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)

Erstellt von Pressestelle, Isa Lange

Am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik laufen mehrere Forschungsprojekte zum Themenfeld Migration und Altern. Die Wissenschaftlerinnen Johanna Krawietz und Stefanie Visel besuchen Pflegedienste und bringen zum Beispiel Studierende der Universität Hildesheim und der türkischen Akdeniz Universität Antalya mit älteren Migrantinnen zusammen, um sie für vielfältige Biografien zu sensibilisieren. Im Bild: Die Studentinnen Ann-Kathrin Röber und Laura Tempel erfahren in Gesprächen im Café Global der AWO Hildesheim, wie manche Frauen im Alter zwischen Deutschland und der Türkei pendeln. Im wöchentlichen Seniorinnentreff tauschen sich die Frauen über Pflegestufen, Krankenversicherung und Sport aus. Manche wollen einen Computerkurs machen. Im Frühjahr spricht ein türkischsprachiger Arzt über Depressionen im Alter. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim